Kelly Barnhill — Das Mädchen, das den Mond trank

Kelly Barnhill - Das Mädchen, das den Mond trank25.Februar 2018

Das Mäd­chen, das den Mond trank” von der ame­ri­ka­ni­schen Auto­rin Kel­ly Barn­hill ist ein fan­tas­ti­scher Roman, der in ein Land wie aus einem Mär­chen ent­führt, von (angeb­lich) bösen Hexen berich­tet, von Mond­licht­ma­gie und einem ganz beson­de­ren, klei­nen Mäd­chen. Eine Geschich­te über den Mut ande­re Wege zu gehen, die Suche nach der eige­nen Iden­ti­tät und die nach der Wahr­heit. Ein wirk­lich schö­nes Buch! Mit der rich­ti­gen Mischung aus Fan­ta­sie, Humor und Klug­heit erzählt. Für Leser ab 10 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwach­se­ne.

Es war ein­mal ein klei­nes Städt­chen — die Trau­ri­ge Stadt oder das Pro­tek­to­rat genannt — das zwi­schen einem rie­sen­gro­ßen Sumpf und einem bös­ar­ti­gen Wald lag. Die­ser barg die größ­ten Gefah­ren und konn­te nur auf einer Allee durch­quert wer­den. “Die Allee gehör­te Ältes­ten­rats­vor­ste­her Gher­land, und sei­ne Kol­le­gen durf­ten auch dar­an teil­ha­ben. Dem Ältes­ten­rat gehör­te auch der Sumpf. Und die Obst­gär­ten. Und jedes Haus im Pro­tek­to­rat.” (Zitat aus “Das Mäd­chen, das den Mond trank” S.10) Das arme Volk lebt von den Erzeug­nis­sen des Sump­fes, vom Schilf, aus denen sie sich die Schu­he fer­ti­gen, vom Sumpf­brei, den sie ihren Kin­dern zu essen geben, in der Hoff­nung, die­se mögen groß und stark wer­den. Wirk­lich groß und stark wer­den aller­dings nur Kelly Barnhill - Das Mädchen, das den Mond trankdie Kin­der der Rats­her­ren, die “von Fleisch, But­ter und Bier” (Zitat S.11) leben. Nun ist wie­der der Tag des Opfers gekom­men und Ältes­ten­rats­vor­ste­her Gher­land macht sich bereit zur jähr­li­chen Pro­zes­si­on, die nun statt­fin­den wird. Hier­zu will er nicht nur sei­ne Robe in einer anmu­ti­gen Dre­hung flat­tern las­sen — für die er jah­re­lang trai­niert hat -, son­dern auch sonst optisch mög­lichst per­fekt aus­se­hen. “Er lieb­te sei­nen Spie­gel. Es war der ein­zi­ge im gesam­ten Pro­tek­to­rat. Nichts berei­te­te Gher­land mehr Ver­gnü­gen, als etwas zu besit­zen, das nie­mand sonst hat­te.” (Zitat S.9) Was Gher­land nicht all­zu viel Ver­gnü­gen berei­tet, ist jedoch das Ver­spre­chen, das er sei­ner Schwes­ter einst gege­ben hat, dass er sei­nen Nef­fen Antain eines Tages zu einem voll­wer­ti­gen Rats­mit­glied machen wird. “Antain hat­te Flau­sen im Kopf. Die wil­des­ten Ide­en. Und Fra­gen. Gher­land zog die Brau­en zusam­men. Der Jun­ge war — nun, wie soll­te er es aus­drü­cken? Über­eif­rig. Wenn das so wei­ter­ging, wür­de er der Sache ein Ende machen müs­sen, Ver­wandt­schaft hin oder her.” (Zitat S.11) Schon seit fünf Jah­ren ist Antain Ältes­ten­rats­an­wär­ter und immer noch nicht wei­ter­ge­kom­men. Stän­dig hat jemand etwas an ihm her­um­zu­mä­keln. Obwohl es eigent­lich eher sei­ne Mut­ter ist, die ihn auf die­ser Posi­ti­on sehen will: “Zum Hen­ker mit dei­nem Onkel”, tob­te sei­ne Mut­ter wei­ter. “Die­se Ehre steht uns zu! Ich mei­ne natür­lich, die­se Ehre steht dir, zu, mein lie­ber Sohn.” (Zitat S.53). Und so kommt es, dass Antain, der eigent­lich lie­ber hät­te Tisch­ler wer­den wol­len, der unlieb­sa­men Pro­zes­si­on bei­woh­nen muss, bei der einer Mut­ter aus dem Pro­tek­ta­ri­at ihr jüngs­tes Kind weg­ge­nom­men wird, um es der Hexe zu opfern. Denn die böse, grau­sa­me Hexe, die im gefähr­li­chen Wald lebt, so erzählt man sich im Ort, ver­langt jedes Jahr ein Kind, dann wür­de den Kelly Barnhill - Das Mädchen, das den Mond trankDorf­be­woh­nern nichts gesche­hen. Und so legen die Rats­her­ren und Antain das Kind auf dem­sel­ben Platz unter den Pla­ta­nen ab, so wie jedes Jahr. Antain, der das furcht­bar fin­det. Und sein Onkel, der eben­so wie der Rest der Rats­her­ren genau weiß, dass die Geschich­te mit der Hexe nur erfun­den ist. Denn eine Hexe hat es nie gege­ben. Alles, was es gab, war ein gefähr­li­cher Wald mit einem ein­zi­gen Weg hin­durch und ein Min­dest­maß an Kon­trol­le über das beque­me Leben, das die Rats­her­ren sich vor vie­len Gene­ra­tio­nen ein­ge­rich­tet hat­ten. Die Hexe — bezie­hungs­wei­se ihr Glau­be an sie — bescher­te ihnen ein ver­ängs­tig­tes und damit unter­wür­fi­ges Volk.” (Zitat S.20). Doch was Gher­land und die ande­ren Rats­mit­glie­der nicht ahnen, ist, dass es tat­säch­lich eine Hexe in den Wäl­dern gibt. Eine, die jedes Jahr zur glei­chen Zeit die Rei­se antritt um an jener Stel­le ein Kind abzu­ho­len: “Solan­ge Xan zurück­den­ken konn­te, setz­te jedes Jahr genau zur sel­ben Zeit eine Mut­ter aus dem Pro­tek­to­ri­at ihr Baby im Wald aus, ver­mut­lich zum Ster­ben. Xan hat­te kei­ne Ahnung war­um. Aber sie woll­te die armen Würm­chen auf kei­nen Fall ihrem Schick­sal über­las­sen. Und so wan­der­te sie jedes Jahr zum dem Ring aus Pla­ta­nen, hob das ver­las­se­ne Kind auf und trug es durch den Wald bis in eine der Frei­en Städ­te am ande­ren Ende der Allee.” (Zitat S.27) Xan ist eine gute Hexe, die zusam­men mit einem klei­nen Dra­chen namens Fyri­an und einem Sumpf­mons­ter namens Glerk tief im Wald lebt. Doch die­ses Jahr, wäh­rend sie schon über­legt, wem sie das Baby in der Frei­en Stadt geben könn­te, macht Xan einen furcht­ba­ren Feh­ler. Statt die Klei­ne wei­ter­hin mit Ster­nen­licht zu füt­tern, das sie wie Honig vom Him­mel greift, ist sie so abge­lenkt und fas­zi­niert von die­sem selt­sa­men, außer­ge­wöhn­liKelly Barnhill - Das Mädchen, das den Mond trankchen Geschöpf, dass sie ver­se­hent­lich nach Mond­licht greift. “Ster­nen­licht lie­fert genug Magie, um ein Baby satt­zu­ma­chen, und kann, in aus­rei­chen­der Men­ge ver­ab­reicht, das Bes­te in sei­nem Her­zen, sei­ner See­le und sei­nem Geist erwe­cken. Es mag das Kind zu ver­bes­sern, aber nicht es zu magni­fi­zie­ren. Mit Mond­licht dage­gen ver­hält es sich voll­kom­men anders. Mond­licht ist Magie. Da kann man fra­gen, wen man will.” (Zitat S.33) Und nun ist das klei­ne Mäd­chen magni­fi­ziert wor­den! Die­ses Kind nun von einem nor­ma­len Men­schen auf­zie­hen zu las­sen — gera­de­zu unmög­lich. Denn sol­che Wesen sind gefähr­lich, wie Xan’s Zieh­va­ter ihr einst erklär­te: “Ein Baby mit Magie zu ver­se­hen, das ist, wie einem Klein­kind ein Schwert in die Hand zu drü­cken — zu viel Kraft kom­bi­niert mit zu wenig Ver­nunft” (Zitat S.35) Noch ist die Magie nicht aus­ge­bro­chen, aber was wird sein, wenn das geschieht? Doch Xan ahnt nicht, dass sich bald aus dem Pro­tek­ta­ri­at jemand auf­ma­chen wird, um den Machen­schaf­ten der “bösen” Hexe ein Ende zu berei­ten. Und zwar Antain…

Das Mäd­chen, das den Mond trank” war­tet mit einem unge­wöhn­li­chen Titel auf (über den man irgend­wie erst mal stol­pert beim Lesen) und mit einem wun­der­schö­nen Cover. Es ist ein all­wis­sen­der Erzäh­ler, der die Geschich­te erzählt, sich mal der einen Per­son nähert, mal der ande­ren. Haupt­säch­lich jedoch Antain, dem Ältes­ten­rats­vor­ste­her Gher­land, der Hexe und dem Baby, das die­se Luna nennt und die man wäh­rend des Buches her­an­wach­sen beob­ach­tet. Neben den klas­si­schen Böse­wich­ten der Geschich­te gibt es jedoch auch ein Kelly Barnhill - Das Mädchen, das den Mond trankpaar wun­der­bar gezeich­ne­te Neben­cha­rak­te­re, die man ein­fach ins Herz schlie­ßen muss: lie­bes­wer­te, sym­pa­thi­sche Figu­ren, wie zum Bei­spiel den Dra­chen Fyri­an, der aller­dings nur die Grö­ße einer Tau­be hat und der sich “für grö­ßer als die durch­schnitt­li­che mensch­li­che Bevöl­ke­rung” hält und über­zeugt war, “dass man ihn nur von ihr fern­hielt, damit er nicht die gan­ze Welt in Angst und Schre­cken ver­setz­te” (Zitat S.45) Oder Glerk, das mehr­ar­mi­ge Sumpf­mons­ter, das Jahr­hun­der­te alt ist und die Poe­sie über alles liebt: “Um es mit den Wor­ten unse­res hoch­ge­schätz­ten Poe­ten zu sagen, mei­ne Teu­re: Wird die Dame barsch, geht mir’s vor­bei am -” “GLERK!”, rief die Hexe empört. “Ich muss doch sehr bit­ten!” (Zitat S.23) Selbst bei Luna hegt man gewis­se “Har­ry-Pot­ter”-Sen­ti­men­ta­li­tä­ten: “Sie hat­te schwar­ze Locken und schwar­ze Augen. […] Und mit­ten auf der Stirn ein Mut­ter­mal in der Form eines Halb­monds.” (Zitat S.16ff) Ein­ge­floch­ten in den Text sind auch immer wie­der ver­ein­zel­te Epi­so­den kur­zer Schau­er­ge­schich­ten, die eine Mut­ter ihrem Kind erzählt. Über die Hexe, deren Schand­ta­ten und aller­lei ande­rer Legen­den. Was ist wahr und was ist Lüge? Das darf der Leser in die­sem wirk­lich bezau­bernd erzähl­ten Büch­lein nach und nach her­aus­fin­den, das trotz man­cher (wirk­lich mini­ma­ler) Län­gen über eine sehr poe­ti­sche und kraft­vol­le Spra­che ver­fügt. Gut gefal­len hat mir auch der Humor, der immer wie­der auf­taucht; die schö­ne Iro­nie zwi­schen den Zei­len: “Hexe, brumm­te das Mons­ter, des­sen Maul sich noch immKelly Barnhill - Das Mädchen, das den Mond tranker halb unter Was­ser befand. “Ich bin um Jahr­hun­der­te älter als du.” Eine Bla­se stieg von sei­nen dicken Lip­pen durch den Algen­tep­pich nach oben. Eigent­lich sogar Jahr­tau­sen­de, dach­te es bei sich. Aber wer wird schon so klein­lich sein? (Zitat S.22) und “Mei­ne lie­be Xan”, erwi­der­te Glerk, der ein tie­fes Rum­peln in sei­ner Brust spür­te, von dem er nur hof­fen konn­te, dass es ihn impo­sant und furcht­erre­gend wir­ken ließ und nicht bloß, als hät­te er Sod­bren­nen.” (Zitat S.23) Das Ende von “Das Mäd­chen, das den Mond trank”: mär­chen­haft und natür­lich mit Hap­py­end, ganz so wie es sich gehört!

Fazit: Eine ganz beson­de­re Geschich­te: lie­be­voll, anmu­tig und ver­zau­bernd.

Du magLesealternativenst groß­ar­ti­ge Fan­ta­sy­bü­cher? Dann lies zum Bei­spiel etwas von der bekann­ten, deut­schen Auto­rin Cor­ne­lia Fun­ke (die Tin­ten­herz”-Rei­he oder “Herr der Die­be”). Sprach­lich sehr schön schreibt auch Anto­nia Michae­lis, die auch eini­ge fan­tas­ti­sche Geschich­ten geschrie­ben hat (“Die Nacht der gefan­ge­nen Träu­me” — wun­der­schön! oder “Jen­seits der Fins­ter­bach-Brü­cke”). Die Kapi­tel­an­fän­ge in “Das Mäd­chen, das den Mond trank” haben mich ein wenig an “Viel­leicht sogar wir alle” von Marie-Aude Murail erin­nert. Die wohl bes­te Lese­al­ter­na­ti­ve ist aller­dings “The School for Good and Evil: Es kann nur eine geben”, in dem eben­falls Kin­der aus einem klei­nen Dorf ent­führt wer­den. Eine sehr gelun­ge­ne Geschich­te, die sehr humor­voll und mär­chen­haft erzählt ist. Übri­gens: Von Kel­ly Barn­hill hat vor drei Jah­ren wur­de bereits ein ande­res ihrer zahl­rei­chen Roma­ne ins Deut­sche über­setzt“Zwil­lings­herz” (ab 12 Jah­ren).

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Fischer Sauerländer
ISBN: 978-3-7373-5538-4
Erscheinungsdatum: 22.Februar 2018
Einbandart: Hardcover
Preis: 16,99€ 
Seitenzahl: 464 
Übersetzer: Jessika Komina-Scholz, Sandra Knuffinke
Originaltitel: "The girl who drank the moon"
Originalverlag: Algonquin Books

Amerikanisches Originalcover: 
Kelly Barnhill Das Mädchen, das den Mond trank











Buchtrailer (auf Englisch):
 
Hörprobe (auf Deutsch):
 

Kasimiras Bewertung:

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(4,5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

Die­ser Titel hat es in fol­gen­de Kate­go­rie geschafft: **Kasi­mi­ras Lieb­lings­bü­cher**

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Amerikanisches Cover: Homepage von Kelly Barnhill

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