Kayla Ancrum — Wicker King

Kayla Ancrum - Wicker King21.September 2018

Wicker King” ist der Debüt­ro­man der ame­ri­ka­ni­schen Autorin Kay­la Ancrum und erzählt die Geschich­te einer ganz beson­de­ren Freund­schaft zwi­schen zwei Jun­gen, von denen einer plötz­lich in eine ande­re Welt abdrif­tet, die nur er sehen kann. Außer­ge­wöhn­lich, schräg, anders und sehr bewe­gend. Ergänzt mit einem Sam­mel­su­ri­um von Fotos, Noti­zen und Zeich­nun­gen. Für Leser, die die Nase voll haben von 0–8-15-Geschichten. Für rei­fe Jugend­li­che ab 14 bezie­hungs­wei­se 15 Jah­ren und Erwach­se­ne.

August und Jack. Bes­te Freun­de, schon seit Ewig­kei­ten. Auch wenn sie sich in der Schu­le aus dem Weg gehen. “Es war gut, wenn die Leu­te nicht wuss­ten, dass sich Jack und August bes­ser kann­ten als sonst irgend­wen. Sie lagen im sozia­len Spek­trum der Schu­le so weit aus­ein­an­der, dass es kei­nen Sinn mach­te, öffent­lich zu zei­gen, wie sie zusam­men abhin­gen.” (Zitat aus “Wicker King” S.17). Jack ist der Mäd­chen­schwarm der Schu­le, hat eine Freun­din, ist erfolg­rei­cher Sport­ler und schreibt gute Noten. Er liebt das Bas­teln und will irgend­wann mal Inge­nieur wer­den, was aber kaum jemand weiß. Sei­ne Eltern: so gut wie nie zu Hau­se. Über­las­sen ihn sich selbst. August raucht ger­ne und dealt heim­lich mit Dro­gen, um sei­ner depres­si­ven Mut­ter, die kaum das Haus ver­lässt, finan­zi­ell unter die Arme zu grei­fen“Er bekam stets einen höhe­renKayla Ancrum - Wicker King Anteil als fast alle ande­ren Dro­gen­ku­rie­re, weil er den meis­ten Stoff trans­por­tier­te. Und er war ver­trau­ens­wür­dig, zweig­te nie was für sich selbst ab und was das Wich­tigs­te war: Er wur­de nie erwischt.” (Zitat S.42) August ach­tet auf sein Äuße­res. Ist gepflegt und zieht sich ordent­lich an. Wes­we­gen er auch nicht wirk­lich ver­däch­tigt wird kri­mi­nell zu sein. Wenn Jack und August sich tref­fen, dann meist in der Natur, sie kämp­fen mit­ein­an­der oder gehen lau­fen. Bre­chen auch mal in eine ver­las­se­ne Spiel­zeug­fa­brik ein, wo August Din­ge mit­ge­hen lässt, die Jack zum Bas­teln ver­wen­den kann. Doch dann ver­än­dert sich Jack auf ein­mal: “Es war nicht lan­ge danach, als August es merk­te. Jack starr­te oft in die Fer­ne und blin­zel­te dann ein paar Mal, wie um die Augen scharf zu stel­len. Im Nach­hin­ein kann­te Jack viel­leicht sehr genau den Moment, an dem er die Gren­ze über­schrit­ten hat­te, doch die Angst war zu groß gewe­sen, etwas dage­gen zu tun. Wie auch immer, rück­bli­ckend war das der Zeit­punkt gewe­sen, als es anfing.” (Zitat S.71) Jack sieht Din­ge, die nicht da sein kön­nen. Men­schen, Fabel­we­sen, gan­ze Städ­te und Bau­wer­ke aus einer ande­ren Zeit, die sei­ne Wirk­lich­keit über­la­gern. Kayla Ancrum - Wicker KingZuerst war es nur ab und zu. Er saß im Klas­sen­zim­mer sei­ner Schu­le und blick­te aus dem Fens­ter “…und plötz­lich schwebt da eine Qual­le durch den Him­mel. So real wie du und ich. Und ich weiß natür­lich, dass die Din­ge nicht da sind. Aber trotz­dem… Schei­ße ver­dammt. Kei­ne Ahnung.” (Zitat S.78) Doch jetzt ist es schlim­mer gewor­den. Jetzt sieht er immer­zu irgend­wel­che Din­ge, die eigent­lich nicht exis­tie­ren kön­nen. Auch Mit­schü­lern, die öfters mit August abhän­gen, bemer­ken Jacks Ver­än­de­rung: “Mir ist an Jack etwas auf­ge­fal­len und ich dach­te ein klei­ner Hin­weis könn­te dir viel­leicht nüt­zen. […] Etwas an Jack erin­nert mich an jeman­den, den ich kann­te. Und wenn mei­ne Ver­mu­tung stimmt, wirst du alle Hil­fe brau­chen, die du nur krie­gen kannst.” (Zitat S.57) Was hat Jack wirk­lich? August weicht nicht von sei­ner Sei­te, notiert sich alles, was sein bes­ter Freund sieht, in sei­ne Notiz­bü­cher, die immer vol­ler wer­den. Und lässt sich ein auf das Spiel, das Jack im Begriff ist zu spie­len…

Das ein­drucks­vol­le, geheim­nis­vol­le Cover von “Wicker King” lässt schon beim Betrach­ten inne­hal­ten. Was ver­b­rigt sich hin­ter die­sem Buch­de­ckel? Was bedeu­ten die gan­zen gold­far­be­nen Sym­bo­le? Dann noch der Schat­ten der zwei­ten Per­son im Hin­ter­grund. Das Titel­bild ist pas­send und fas­zi­nie­rend gemacht. Eben­so wie die gesam­te Geschich­te, die aus Augusts Per­spek­ti­ve in per­so­na­ler Erzähl­wei­se geschil­dert wird und ein Sam­mel­su­ri­um an Foto­gra­fi­en, Zeich­nun­gen, Notiz­zet­teln, offi­zi­el­len For­mu­la­ren (Nach­sitz­be­le­gen, Kran­ken- oder Poli­zei­ak­ten) für den Leser bereit­hält. Man taucht rasch ein in August und Jacks Welt, stol­pert bereits mit dem ers­ten Satz mit­ten in das Gesche­hen: “Sie waren drei­zehn, als sie das ers­te Mal in die Spiel­zeug­fa­brik ein­bra­chen.” (Zitat S.7) Die Kapi­tel sind sehr kurz und mit Über­schrif­ten ver­se­hen, die teil­wei­se völ­lig zusam­men­hangs­los wir­ken und gera­de des­we­gen irgend­wie auch inter­es­sant. Oft ver­sucht man nach­zu­vollzKayla Ancrum - Wicker Kingiehen, wie die Über­schrift zustan­de gekom­men ist, wo man sie her­lei­ten könn­te, und schei­tert zuwei­len rigo­ros. Wahr­schein­lich ist die­ses Prin­zip in gewis­ser Wei­se auch Absicht, um Jacks Ver­wir­rung und Welt­fremd­heit zu ver­deut­li­chen. Die Ver­schlech­te­rung sei­nes Zustands (und dem von August) wer­den zudem geschickt durch die immer dunk­ler wer­den­den Buch­sei­ten demons­triert, bis die­se völ­lig schwarz wer­den und das Schrift­bild ins Wei­ße über­wech­selt. Gestal­te­risch ist “Wicker King” sehr gelun­gen und bewegt sich auf hohem Niveau. Auch die immer wie­der vor­kom­men­den Foto­gra­fi­en sind künst­le­risch bear­bei­tet und abso­lut pas­send gemacht. Die Spra­che ist teils lite­ra­risch, teils jugend­sprach­lich, (sehr sel­ten) vul­gär und mit vie­len Dia­lo­gen gespickt. Der Titel bezieht sich auf ein Spiel, das August und Jack als Kin­der zuwei­len spiel­ten: “Erin­nerst du dich an das Spiel, das wir als Kin­der immer gespielt haben? Die zwei Köni­ge? […] Ich erin­ne­re mich an dei­nen Thron, den Korb-Thron, oder wie wir sag­ten: den Wicker-Thron, und an mei­nen, den Holz-Thron. Ich erin­ne­re mich, wie wir mit­ein­an­der­ver­schlun­ge­nen Hän­den auf ihnen saßen. Du warst als König immer bes­ser.” (Zitat S.50) August hat zu Jack schon immer auf­ge­se­hen. Er war sein Leit­stern, sein Weg­wei­ser durchs Leben: Und August hat­te zum Herr­scher über den Korb-Thron auf­ge­se­hen, dem Wicker King aus der alten Legen­de. Die­sem König, der so stark und so stolz war und das Kinn so mutig nach vorn reck­te…” (Zitat S.54) Die beson­de­re Ver­bin­dung Kayla Ancrum - Wicker Kingder bei­den Jun­gen stellt eine der inten­sivs­ten und viel­schich­tigs­ten Jun­gen­freund­schaf­ten dar, von denen ich je gele­sen habe. August wür­de alles für Jack tun. Jack, der ihm ein­mal das Leben geret­tet hat: “Jack besaß ihn. Irgend­wie. Es war schwer zu erklä­ren, doch das Gefühl war ihm so ver­traut wie sein eige­ner Name. Als sie zwölf waren, wäre August bei­na­he ertrun­ken. Er war beim Stei­ne­su­chen in den Fluss gerutscht und laut­los von der Strö­mung unter Was­ser gedrückt wor­den. […] Dass Jack ihn geret­tet hat­te, war eine Schuld, die August nie wür­de zurück­zah­len kön­nen. (Zitat S.66) Solch eine Freund­schaft kann auch zer­stö­re­risch sein. Kann auch an Gren­zen gehen, die zu über­schrei­ten, gefähr­lich sein kann. Inter­es­sant fand ich daher auch die Wid­mung der Autorin am Anfang des Buches “Die­ses Buch ist denen gewid­met, auf deren Schul­tern zu viel las­tet, die aber ver­su­chen, dies alles zu tra­gen. Ich sehe euch und bin stolz, dass ihr es ver­sucht.” (Zitat S.5) und ihre Anmer­kun­gen im Nach­wort, in denen sie auf Ver­nach­läs­si­gung von Jugend­li­chen (von den Eltern) und auf Co-Abhän­gig­keit ein­geht. Und auch wenn die Geschich­te zuwei­len ein paar klei­ne­re Län­gen hat­te, packt einen das Buch irgend­wie, zieht den Leser in einen Sog und übt eine düs­te­re, merk­wür­di­ge Fas­zi­na­ti­on aus.

Fazit: Ein ergrei­fen­des, unver­gess­li­ches Werk vol­ler lite­ra­ri­scher und emo­tio­na­ler Qua­li­tät.

Eine Grenz­über­schrei­tung in einer Freund­schaft das erlebst du auch in “Grenz­ver­let­zun­gen” von T.A. Weg­berg. Macht und Abhän­gig­keit in einer Freund­schaft, das fin­dest du zudem in “Fal­sche Freun­de” von Wil­liam Sut­cliLesealternativenffe. Atmo­sphä­risch dicht und viel­schich­tig sind eben­so die Bücher von Anto­nia Michae­lis. Lies zum Bei­spiel “Solan­ge die Nach­ti­gall singt” oder “Die Atten­tä­ter” (eben­falls eine inten­si­ve Freund­schafts­ge­schich­te). Schräg, fas­zi­nie­rend und emo­tio­nal schreibt auch der Star­au­tor Kevin Brooks (z.B. “Born Sca­red” oder “Bun­ker Dia­ry”) Noch mehr außer­ge­wöhn­li­che Freund­schafts­ge­schich­ten fäl­lig? Dann greif zu “Love Ali­ce” von Nata­ly Savina (ein Buch, das unter die Haut geht!), “Spring in den Him­mel” von Lot­te Kin­s­ko­fer oder “Böses Mäd­chen” von Amé­lie Not­homb (rich­tig toll!). Eine Per­son, die nicht glaubt in der rich­ti­gen Welt zu leben? Dar­über kannst du in “Mein schö­nes fal­sches Leben” von Hil­ary Free­man lesen. Hal­lu­zi­na­tio­nen im Jugend­buch gefäl­lig? Das kommt in fol­gen­den Büchern vor: “Feu­er­schwes­ter” von Emi­ko Jean (erschüt­ternd und bewe­gend!),“Das Haus am Abgrund” von Susan­ne Ger­dom (gru­se­lig, schon etwas älter) und in “Shi­zo: Trau nie­man­den. Vor allem nicht dir selbst.” von Nic Sheff.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: dtv
ISBN: 978-3-423-76233-5
Erscheinungsdatum: 21.September 2018
Einbandart: Hardcover
Preis: 16,95€ 
Seitenzahl: 320 
Übersetzer: Uwe-Michael Gutzschhahn
Originaltitel: "The Wicker King"
Originalverlag: Macmillan Publishers

Amerikanisches Originalcover:
Kayla Ancrum - Wicker King

Kasimiras Bewertung:

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(4,5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

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Amerikanisches Cover: Homepage von Macmillan Publishers
Fotos: abfotografiert aus "Wicker King", sind von Michael Frost

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