Wer von der britischen Autorin Katya Balen noch niemals etwas gelesen hat, sollte dies definitiv nachholen! „Wünsche an die Wellen“ ist ihr neuestes Jugendbuch und erzählt die Geschichte von Zofia und Tom, deren jeweilige Elternteile sich ineinander verlieben und die – obwohl sie an ihrem jetzigen Leben am liebsten nichts ändern würden – nun zusammen unter einem Dach leben müssen. Tom ist leise und hat vor vielen Dingen Angst. Zofia ist laut und oft voller Wut. Die beiden können sich nicht ausstehen. Als dann auch noch ein Baby unterwegs ist, geht alles drunter und drüber… Ein kleiner literarischer Juwel! Mit einer äußerst kraftvollen und bildreichen Sprache. Vor allem die Gefühle ihrer Protagonisten und deren Entwicklung beschreibt die Autorin so unfassbar behutsam und authentisch — hier ist das Lesen eine wahre Freude! Ein sehr ernstes und manchmal auch trauriges Buch, aber dennoch versöhnend und hoffnungsvoll und mutmachend. Äußerst lesenswert! Für Jugendliche ab 10 Jahren und interessierte Erwachsene.
England. Hier lebt die 11-jährige Zofia, deren Vater ursprünglich aus Polen kommt. Ihre Mutter ist bei der Geburt gestorben und seitdem gibt es Zofia und ihren Vater nur im Doppelpack. Sie leben in einem kleinen Cottage direkt am Meer und haben auch einen sehr ähnlichen Geschmack. Zofia ist mit ihrem Leben rundherum zufrieden. „So wie unser Leben im Moment ist, kann es bleiben, ich würde nichts daran ändern wollen.“ (Zitat aus “Wünsche an die Wellen” S.9) Nur manchmal ist das Mädchen, das während eines Unwetters auf die Welt gekommen ist, ein wenig sehr
temperamentvoll und laut und ungestüm. „Das Wetter wütete, und ich auch. Ein so zorniges Baby habe sie noch nie gesehen, sagte die Hebamme, und auf allen Fotos aus jener Zeit bin ich eine puterrote Wutkugel mit geballten Fäusten und einem weit aufgerissenen, brüllenden Mund. Manchmal fühlt es sich so an, als wäre damals der Sturm in mich hineingefahren. Dad sagt das auch, an Tagen, an denen ich herumbrülle, durchs Haus poltere, einfach zu laut bin, außer Rand und Band.“ (Zitat S.7) Zofia hat einen Hund namens Pablo und eine Katze namens Frida. Sie liebt das Meer und trainiert regelmäßig das Schwimmen. „Der Strand ist wild. Der Wind zerrt am Wasser wie an Papier, weißes Konfetti liegt verstreut auf den Wellen. Auch das Meer ist wild, und es gehört mir. Ich kann spüren, wie das Salz in der Luft sich auf meine Haut legt und meine Haare zu Locken dreht.“ (Zitat S.20) Am liebsten möchte Zofia den etwas weiter entfernt liegenden „Fitschi“-Felsen einmal erreichen, so wie ihr Vater einst vor langer Zeit und dort eine Flagge hissen, zum Beweis ihrer Kondition. Doch dafür muss sie noch viel üben. Als Zofias Vater eines Tages verkündet, dass er eine
Frau kennengelernt hat, wird ihre Welt jedoch völlig auf den Kopf gestellt. Genauso wie Toms Welt, der ebenfalls 11 Jahre alt ist und dessen Mutter, die in einem Krankenhaus arbeitet, sich frisch verliebt hat. In Zofias Vater. Tom hat Angst vor vielen Dingen, besonders vor der Dunkelheit. „…der Raum um mich herum ist finster, voll von Ruß und Tinte und Schatten. Die wehen umher, neigen und strecken sich, greifen zu, schlittern, schlüpfen in neue Gestalten, lösen sich von den Rändern her auf und dehnen sich. Meine Finger zucken. Mit jedem Atemzug ist meine Lunge prallvoll von der dunklen, schmutzigen Luft. Ich versuche, langsamer zu atmen, das Schwarze wegzustoßen. Mir mein eigenes Licht zu sein. Mein Herz krümmt sich in meiner Brust.“ (Zitat S.10) Auch kann er von der Schule aus nicht alleine nach Hause gehen und bleibt stattdessen in einem Hort, bis seine Mutter ihn abholt. Mit den anderen Kinder spricht er nicht. Wenn seine Mutter Nachtdienst hat, passt eine Nachbarin auf ihn auf. Vor zwei Jahren haben sie noch mit Toms Vater zusammengewohnt, an den er unschöne Erinnerungen hat. „Als er und Mum noch zusammen waren, lebten wir in einem Haus. Da gab es zwar viele Zimmer, aber wie ein großes
Haus fühlte es sich trotzdem nicht an, weil Dad es irgendwie immer schaffte, jeden Zentimeter in Beschlag zu nehmen, währen ich selbst immer mehr zusammenschrumpfte. Ich glaube, seitdem bin ich nie wieder zu meiner eigentlichen Größe zurückgekehrt. […] Ich bin klein geblieben und immer stiller geworden, aber gefunden hat er uns trotzdem jedes Mal.“ (Zitat S.22) Die Schatten der Vergangenheit haben Tom und seine Mutter hinter sich gelassen. Auch wenn Tom unter vielen Ängsten seitdem leidet, ist er zufrieden so wie es ist. Bis seine Mutter ihm verkündet, dass sie und Zofias Vater zusammenziehen wollen. In das kleine Cottage am Meer, in dem auch Tom nun leben muss. Zofia mit ihrer lauten Art kann er überhaupt nicht leiden. „…ihre Arme fangen die Luft ein wie Windmühlenflügel, sie redet so viel und drückt auch ohne Worte ganz viel aus, sie ist ein Tornado aus Tönen und Bewegung und Energie.“ (Zitat S.98) Genauso wenig wie Zofia ihn leiden kann. Bald wird ihr Zusammenleben auf eine harte Probe gestellt, als Zofia einen besonderen Wunsch ausspricht…
Das Cover ist sehr schön gestaltet, passt hervorragend zum Setting der Geschichte. Der Roman wird in relativ kurzen und übersichtlichen Kapiteln erzählt, sowohl aus Zofias, als auch aus Toms Sicht in der Ich-Perspektive. Die schnellen Wechsel fördern den Lesefluss und lassen einen nur so über die Seiten fliegen. “Wünsche an die Wellen” ist ein Kleinod, ein hervorragendes Stück Jugendliteratur, das man so schnell nicht vergessen wird. Dafür sorgen vor allem die facettenreichen und präzise ausgearbeiteten und in die Tiefe gehenden Charaktere. Zwei höchst faszinierende Persönlichkeiten, die äußerst gegensätzlich scheinen: „Ich trinke meinen Kakao, während Tom in diesem verängstigten, unterwürfigen kleinen Schweigen dasitzt. Mit jeder Sekunde, die er länger still bleibt, werde ich lauter und lauter, einfach nur um den Raum zwischen uns mit irgendetwas zu füllen, mit irgendeinem Geräusch oder Gerede oder Wörtern, damit das Gewicht von dem, was da gerade passiert keine Chance hat, sich auf uns zu legen. Je lauter ich bin, umso kleiner wird er. Er kauert sich immer mehr auf seinem Stuhl zusammen, bis es mir so vorkommt, als bestünde er aus Flüssigkeit und würde bald verdunsten.“ (Zitat S.41ff) Und doch beschreibt die
Autorin immer wieder Parallelen zwischen den beiden 11-Jährigen. Gleich Sätze, die sie denken wie „Dann sage ich mir: So wie unser Leben im Moment ist, kann es bleiben, ich würde nichts daran ändern wollen.“ (Zitat S.19) oder ähnliche Dinge, die sie aushalten und dabei zählen. Zofia, die in der Badewanne das Luftanhalten übt und die Sekunden herunterzählt, die sie schafft. Und Tom, der Angst vor der Dunkelheit hat und nur mit Lichts nachts schlafen kann, es aber immer mal wieder ein paar Minuten lichtlos probiert. „Eine Minute und dreizehn Sekunden, so lange habe ich heute ohne Licht durchgehalten.“ (Zitat S.11) Um sich zu beruhigen faltet er oft mit seinen Fingern Papier. Schafft kleine Kunstwerke, die er in Kartons aufbewahrt. Die Gefühle ihrer Protagonisten beschreibt Katya Balen außerordenllich sensibel, vor allem die Zwiespältigkeit mancher Empfindungen. „Ich fühle mich wie mitten durchgerissen. Als wäre ich ein Stück Papier, das entlang einer exakten Linie in zwei Teile geteilt wurde. Zwei Toms. Einer von ihnen will, dass Mum glücklich ist. Der andere will, dass ich glücklich bin. Und ich weiß nicht, wie ich die zwei Teile wieder zusammensetzen kann.“ (Zitat S.49) Vor allem die trotzige, verschlossene Zofia, die zwar laut ist, aber nicht mit ihren Gefühlen umgehen kann, reagiert sehr heftig auf den Einzug von Tom und seiner Mutter. Als Tom in der Schule
schnell Anschluss findet, passt ihr dies gar nicht.„Er hat mein Leben ruiniert, aber ich war zuerst hier. Das hier sind meine Freunde, das hier ist meine Schule, und es ist mein Haus und mein Dad und mein Hund und mein Leben.“ (Zitat S.97) Sie fühlt sich überflüssig, ungeliebt — in der eigenen Familie. Denn ihre abweisende Haltung gegenüber den neuen Familienmitgliedern gefällt besonders ihrem Vater nicht, worunter ihr Vater-Tochter-Verhältnis leidet. “Wünsche an die Wellen” ist stellenweise auch eine etwas traurige, schmerzvolle Geschichte. Eine, die unter die Haut geht und wahnsinnig berührt. „Irgendwie kann ich mich selbst nicht leiser stellen. Ich versuche einfach, so viel Krach wie möglich zu machen, um in mir drin etwas abzustellen, was ganz furchtbar laut an mir nagt. Dad witzelt oft, bei mir sei wohl der Lautstärkeregler kaputt, aber genauso fühlt es sich heute tatsächlich an. Ich fühle mich, als wäre irgendetwas an mir kaputtgegangen.“ (Zitat S.117) Wie geht man mit den eigenen Gefühlen um? Wie schafft man es, zu sich selbst zu stehen und mutig zu sein? Katya Balen stellt unterschwellig die richtigen Fragen und liefert nach und nach Antworten. Sehr gelungen ist die allmähliche Annäherung zwischen Zofia und Tom, die von Höhen und Tiefen geprägt ist und in dem genau richtigen Tempo passiert. Das Thema “Wünsche” ist ein wesentlicher Bestandteil des Buches. Beruht auf einer Geschichte
, die Zofia von ihrem Vater erzählt bekommt. „Eine sehr alte Geschichte, die er von seiner Urgroßmutter hat und in der es darum geht, dass ein Mensch, der wirklich mit dem Meer verbunden ist und es versteht – sein Brüllen und sein Schweigen, sein Salz und seine Gischt, seine Tiefen und Untiefen -,dass so ein Mensch bei den Wellen einen Wunsch frei hat, und dieser Wunsch wird ihm auch erfüllt.“ (Zitat S.24) Auch Tom erfährt von einer Möglichkeit, einen Wunsch frei zu haben, die vor allem am Ende der Geschichte eine große Rolle spielt und herzerwärmend und nahezu tränenrührend beschrieben wird. In dem Roman werden auch sehr ernste Themen angeprochen (hier hätte man über eine Triggerwarnung nachdenken können, die leider fehlt), besonders in Bezug auf Tom, der ein dunkles Stück Vergangenheit hinter sich hat, welches immer mal wieder sanft hervorschimmert, wenn Tom von seinem Vater erzählt. Eine Wahrheit, die sich nach und nach erst entblättert. „Als ich sieben war und wir zum ersten Mal mitten in der Nacht von zu Hause weggelaufen sind, da war ich so voller Panik und Kälte, dass ein Samenkörnchen dieser Angst sich in mein Rückgrat gepflanzt und es nie wieder verlassen hat. Es hat Wurzeln gebildet, ist gewachsen und hat sich um meine Knochen gewickelt, bis ich nicht mehr wusste, wo die Angst endete und wo ich anfing.“ (Zitat S.26ff) Dennoch kommt die
Geschichte hier ohne Brutalität aus und deutet nur an. Was neben der Skizzierung der Charaktere und deren sensible Entwicklung die größte Stärke des Buches ist, ist die Sprache der Autorin. „Ich lasse ihn einfach reden, bis er all seine Wörter aufgebraucht hat, dann stehe ich wortlos auf und gehe mit Pablo an den Strand […]. Ein winziges Samenkörnchen Sorge stapft durch meinen Hinterkopf, aber ich zerquetsche es, bevor es anfangen kann herumzubrüllen. Ich stehe mit vom Wind zerzausten Haaren auf meinem vom Wind gepeitschten Strand und sehe zu, wie die sterbende Sonne Lichtstaub auf dem Meer ausstreut.“ (Zitat S.36) Sprachgewaltig und poetisch und von solch schönen Bildern durchzogen, dass man sich immer wieder Sätze unterstreichen möchte. Das Ende des Romans ist überaus passend und klingt genauso aus, wie man es sich wünscht.
Dir gefällt Katya Balens Erzählstil? Dann lies unbedingt noch ihren ersten Roman, der ins Deutsche übersetzt wurde: “Mein Bruder und ich und das ganze Universum”. Danach folgte noch “October, October”. Eine traurige und zugleich hoffnungsvolle Geschichte ist auch “Das Jahr, nachdem die Welt stehen blieb” von Clare Furniss. Eine hervorragende Lese
alternative ist vor allem “An Nachteule von Sternhai” von Holly Goldberg Sloan und Meg Wolitzer, in welchem zwei Mädchen die Hauptrolle spielen, deren jeweilige Väter sich ineinander verlieben und die sich auch nicht ausstehen können. Zwei Familien, aus denen plötzlich eine zu werden droht? Das findest du in so einigen Büchern: “Kichererbsen mit Schokolade” von Jana Frey (Reihe), “Alles easy: Patchwork für Anfänger” von Anja Fröhlich, “Best friends forever: Luca & Vanessa” von Hortense Ullrich (Reihe), “Plötzlich Schwestern” von Bettina Obrecht, “Tausche Schwester gegen Zimmer” von Juma Kliebenstein, “Böse Mädchen” von Martina Dierks und “Glücklich für Anfänger” von Susin Nielsen. Sehr gut könnte ich mir auch die Neuerscheinung “Atlas, Elena und das Ende der Welt” von Anna Woltz vorstellen, das ebenso sehr kurze Kapitel aus zwei Perspektiven vereint und zwei Jugendliche zeigt, die mit eigenen Problemen im Gepäck einander allmählich näher kommen.
Bibliografische Angaben:Verlag: Hanser ISBN: 978-3-446-28072-4 Erscheinungsdatum: 19.August 2024 Einbandart: Hardcover Preis: 18,00€ Seitenzahl: 276 Übersetzer*in: Brigitt Kollmann Illustrator*in: Sydney Smith Originaltitel: "The Light in Everything" Originalverlag: Bloomsbury Children's Books Britisches Originalcover:
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Verlag: Hanser
ISBN: 978-3-446-28072-4
Erscheinungsdatum: 19.August 2024
Einbandart: Hardcover
Preis: 18,00€
Seitenzahl: 276
Übersetzer*in: Brigitt Kollmann
Illustrator*in: Sydney Smith
Originaltitel: "The Light in Everything"
Originalverlag: Bloomsbury Children's Books
Britisches Originalcover:
