Ein besonderes Kleinod aus dem Magellan-Verlag ist der Roman “Glücksdrachenzeit” von der deutschen Autorin Katrin Zipse. Ein Roadmovie, ein waghalsiges, turbulentes Abenteuer, eine Suche nach dem verschwundenen Bruder und zugleich das Finden von jede Menge glückreicher Momente. Humorvoll, bewegend, tiefgründig, anders. Und lesenswert! Die Autorin hat 2014 dafür den Thaddäus-Troll-Preis erhalten. Für Jugendliche ab 13 Jahren und Erwachsene.
Nachts hat er sich noch von ihr verabschiedet. Kolja, Nellies drei Jahre älterer Bruder. Dann ist er einfach davongefahren. Nach Südfrankreich. Seinen Eltern hat er einen Brief da gelassen, dass er nie so sein wird, wie sie ihn haben wollen und dass er es nicht ändern kann. Mit einem Freund hat er früher mal Cannabis angebaut und ist deswegen von der Schule geflogen. Doch für Nellie war ihr Bruder alles. Ihre Stütze, ihr Halt. Nachts, wenn die schlimmen Gedanken kamen und sie nicht einschlafen konnte, hat er ihr immer Geschichten erzählt, um sie abzulenken. Und jetzt ist Kolja einfach weg. Als Nellies labile Mutter eine Auszeit bei einer Freudin nimmt und ihr Vater überraschend mit einem Freund zum Segeln fährt, beschließt sie alleine nach Südfrankreich, nach Avignon, zu trampen, wo sie ihren Bruder vermutet. Nellie muss ihn zurückholen…
“Glücksdrachenzeit” besticht durch ein schönes, außergewöhnliches Cover (*bezieht sich auf die gebundene Ausgabe, siehe unten). Auch unter dem Schutzumschlag setzt sich das rot-weiß gepunktete Muster fort. Eine raffinierte schwarze Banderole (die hier auf dem Cover leider nicht zu sehen ist) macht neugierig mit dem Spruch: “Manchmal hat das Leben echt keine Ahnung”. Genauso frech wie diese Aussage ist auch die Denk- und Handlungsweise der sympathischen Protagonistin Nellie. Mit viel Humor und Ironie berichtet sie von ihren Erlebnissen auf ihrer Fahrt in den Süden.
Ein bezaubernder, schräger Charakter ist hierbei die alte Miss Wedlock, die Nellie unterwegs — auf der Flucht vor einem schmierigen Typen — kurzerhand rettet und mit in ihrem Morris Minor nimmt. Auch sie ist auf dem Weg in den Süden. Auf der Rücksitzbank fünf Tüten, in die auf keinen Fall jemand hineingucken darf. Als Nellies Hund Jackson, den sie immer dabei hat, sich an einer der Tüten zu schaffen macht, wird Miss Wedlock ganz panisch und kommt fast von der Straße ab. Sie hat Angst vor irgendwelchen, scheinbar nur in ihrer Fantasie existierenden, kleinen Leuten, die sie immerzu verfolgen. Nur mit Mühe und Not schafft Nellie es, sie zum Weiterfahren zu bewegen. Dann steigt auch noch Elias zu ihnen, der Junge mit dem tätowierten Glücksdrachen auf dem Arm und den viele kleinen Narben auf dem Oberkörper. Er liefert auch den Anlass für den außergewöhnlichen Titel des Buches.
Was mir an “Glücksdrachenzeit” auch gut gefallen hat, sind die teils sehr kurzen Textabschnitte und die vielen Absätze. Sie machen die Geschichte sehr lebendig. Auch kurze Einschübe vergangener Zeiten, die Bezug auf irgendetwas Schlimmes nehmen, das sich in Nellies Familie und in Miss Wedlocks Vergangenheit zugetragen hat, machen neugierig und schaffen eine rätselhafte Atmosphäre, die sich erst Schritt für Schritt auflösen lässt. Gegen Ende des Buches wird es richtig schön dramatisch, so dass man den Roman gar nicht mehr aus der Hand legen möchte!
Fazit: In “Glücksdrachenzeit” steckt viel mehr als ein einfacher Roadmovie, es ist die Geschichte vom Erkennen von Wahrheiten, vom Ende des Schweigens und vom Beginn des Sichselbstfindens. Toll und tiefsinnig. Traurig und lebensleicht zugleich. Lesenswert!
Angesichts der zusammengewürfelten Personenkonstellation hat mich“Glücksdrachenzeit” ein wenig an Anna Gavaldas “Zusammen ist man weniger allein” erinnert, was eine schöne Lesealternative hierzu wäre. Eine berührende Bruder-Schwester-Geschichte ist “Perfect escape” von Jennifer Brown, das zugleich ein Roadmovie ist. Ein Roman, der ebenfalls die Figur eines symbolhaften Drachens umfasst, jedoch kein (!) Fantasybuch ist, ist “Die Nacht gehört dem Drachen” von Alexia Casale. Wenn dir Roadmovies gefallen, dann lies doch mal das witzige “Spritztour” von Andy Behrens (das auch verfilmt wurde), “Ab ins Paradies” von Tobias Elsäßer, “Der Soundtrack meines Lebens” von Jessi Kirby oder “Margos Spuren” von John Green. Ein neueres Buch von Katrin Zipse ist außerdem das gelungene “Die Quersumme von Liebe”.
Bibliografische Angaben:Verlag: Magellan ISBN: 978-3-7348-8206-7 Erscheinungsdatum: 16.Januar 2019 Einbandart: Taschenbuch Preis: 9,00€ Seitenzahl: 272 Übersetzer: - Originaltitel: - Originalverlag: - Deutsches Originalcover:
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Kasimiras Bewertung:
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Verlag: Magellan
ISBN: 978-3-7348-8206-7
Erscheinungsdatum: 16.Januar 2019
Einbandart: Taschenbuch
Preis: 9,00€
Seitenzahl: 272
Übersetzer: -
Originaltitel: -
Originalverlag: -
Deutsches Originalcover: