Kathrine Nedrejord — Lass mich!

28.September 2019

Lass mich!” von der nor­we­gi­schen und sami­schen Autorin Kath­ri­ne Nedre­jord ist ein Roman über das Erwach­sen­wer­den, über Freund­schaft und Mani­pu­la­ti­on und die ers­te Lie­be, die vie­les im Leben einer Her­an­wach­sen­den ver­än­dern kann. Inklu­si­ve vie­ler Ein­bli­cke in die sami­sche Kul­tur. Ein­fühl­sam und mit viel Gespür für die Prot­ago­nis­tin erzählt. Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwach­se­ne.

Tana. Ein klei­nes Ört­chen in Nor­we­gen. Anna und Aman­da ken­nen sich schon seit dem Kin­der­gar­ten: “Ich hat­te Mühe, Freund­schaf­ten zu schlie­ßen, bis plötz­lich Aman­da auf­tauch­te, hat Mama mir erzählt. […] “Wir wer­den bei­de bes­te Freun­din­nen.”, sag­te sie. Glau­be ich jeden­falls. Ich erin­ne­re mich nicht mehr genau, aber Aman­da sagt, dass es so gewe­sen ist.” (Zitat aus “Lass mich!” S.18) Nun ist Anna 15 Jah­re alt und immer noch Aman­das bes­te Freun­din, obwohl die­se jeder­zeit ande­re Freun­din­nen haben könn­te, da sie so beliebt ist. Anna ist zurück­hal­tend und oft unsi­cher. Sie ver­steckt sich lie­ber hin­ter ihren Büchern, liebt das Lesen über alle Maße. “Aman­da geht auf Par­tys und ziehtKasimira oft ande­re vor. Aber ich kann bes­ser damit umge­hen. Ich habe mei­ne Bücher und bin lie­ber allein als Aman­da. Außer­dem bin ich es ja, die sich glück­lich schät­zen kann, Aman­da zur Freun­din zu haben, und nicht umge­kehrt. Sie kann es sich aus­su­chen. Ich hät­te nie­man­den, mit dem ich zusam­men sein kann, wenn sie nicht wäre.” (Zitat S.24) Doch nun wird Anna eines Tages von dem gut aus­se­hen­den Samu­el ange­spro­chen, der neu nach Tana gezo­gen ist. Samu­el, der sich plötz­lich für sie inter­es­siert und mit ihr zusam­men sein will. Die Lie­be schleicht sich ein in Annas Leben. Das ver­än­dert ihre Freund­schaft zu Aman­da. Denn die­se beginnt Anna mehr und mehr aus­zu­schlie­ßen und mit ande­ren Freun­din­nen etwas zu machen. Dann eska­liert das Gan­ze plötz­lich und Aman­da zeigt an völ­lig ande­res Gesicht…

Lass mich!” zeigt ein Mäd­chen auf dem Cover, das deut­lich die Prot­ago­nis­tin Anna in dem Roman wider­spie­gelt. Ein biss­chen zurück­hal­tend, distan­ziert, schüch­tern. “Aman­da hat recht. Du kannst nicht mit Jungs reden, du wirst dann komisch. (Zitat S.7) Auch kann Anna sich mit ihrer sami­schen Her­kunft und der unbe­kann­ten, väter­lich-tür­ki­schen Abstam­mung nicht immer iden­ti­fi­zie­ren. Fühlt Kasimirasich mit ihren dunk­len, locki­gen Haa­ren — im Gegen­satz zu den ande­ren blon­den Mäd­chen — als Außen­sei­te­rin. Die Geschich­te wird durch­ge­hend aus Annas Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve erzählt. Beginnt jedoch — und das ist erst mal unge­wöhn­lich - für andert­halb Sei­ten mit der “Du”-Perspektive, bis Anna schließ­lich zur Ich-Erzäh­lung über­wech­selt“Tana ist kein gro­ßer Ort. Du — oder eigent­lich ich, denn eigent­lich geht es um mich — also ich ken­ne einen gro­ßen Teil der Leu­te beim Namen und den Rest vom Sehen.” (Zitat S.6) Die Suche nach der eige­nen Iden­ti­tät, aber auch die Ver­wei­ge­rung einer typi­schen Rol­le, das wird in “Lass mich!” sehr deut­lich dar­ge­stellt. Anna, die eher unschein­bar ist und im Hin­ter­grund blei­ben möch­te. Die sich in ihrer Frei­zeit aus­schließ­lich mit Aman­da trifft und sonst mit nie­man­dem. “Nur ich wäre am liebs­ten nie­mand. Es ist so viel davon die Rede, dass man jemand sein muss. Ich habe kei­ne Lust dar­auf. […] Ich will nur Bücher lesen und mich hin und wie­der mit dem Fluss­kahn beschäf­ti­gen.” (Zitat S.40) Gera­de in ihrer Bezie­hung zu Aman­da, stellt man schnell fest, wie wenig Selbst­ver­trau­en das jun­ge Mäd­chen besitzt. Wie sehr sie im Schat­ten ihrer Freun­din steht und dies auch ohne zu meckern akzep­tiert. “Ich weiß nicht, ob man Aman­da als Star bezeich­nen soll­te. Sie ist eher eine Son­ne, um die wir alle krei­sen, alle in der Klas­se und alle in Sei­da. Sie steht immer im Mit­tel­punkt. So ist es ein­fach.” (Zitat S.71) Dass Kasimirasich dann auch noch ein Jun­ge für Anna zu inter­es­sie­ren scheint? Gera­de­zu unglaub­lich. “Er muss mich für eine ande­re gehal­ten haben, es gibt kei­nen Grund, war­um er mit mir reden soll­te. So etwas pas­siert nur Aman­da.” (Zitat S.7) Doch Samu­el meint sie. Und ver­än­dert alles. Dies deu­tet der Roman, der in eher ruhi­ge­ren Erzähl­tö­nen geschrie­ben ist, bereits im ers­ten Kapi­tel an. Kon­zen­triert sich sehr auf die Ent­wick­lung der Prot­ago­nis­tin. Das ist unter­halt­sam, fas­zi­nie­rend, teils auch befremd­lich — hin­sicht­lich der sami­schen Kul­tur und ihren Tra­di­tio­nen, die erwähnt wer­den — aber auch bewe­gend. Am Ende hät­te ich mir noch ein paar mehr Infor­ma­tio­nen über Aman­da gewünscht, bei­spiels­wei­se, war­um sie so gewor­den ist, wie sie ist. Was aus ihr wird. Der Aus­gang ist rea­lis­tisch und nach­denk­lich machend. Und doch irgend­wie hoff­nungs­voll.

Lass mich!” ist das ers­te Buch von Kath­ri­ne Nedre­jord, das bis­her ins Deut­sche über­setzLesealternativent wur­de. Geschrie­ben hat die Autorin, die auch fürs Thea­ter arbei­tet, jedoch noch eini­ge wei­te­re. Du fin­dest sie auf ihrer Home­page. Eine sehr gute Alter­na­ti­ve zu einer Freund­schaft, in der nicht immer alles im Gleich­ge­wicht ist, ist “Papier­flie­ger­wor­te” von Dawn O’Por­ter. Freund­schaft und Mani­pu­la­ti­on fin­dest du zudem in Spring in den Him­mel” von Lot­te Kin­s­ko­fer und “Du denkst, du weißt, wer ich bin” von Em Bai­ley. Sehr zu emp­feh­len von einer eben­falls nor­we­gi­schen Autorin ist “Das ist der Som­mer im Para­dies, wie er eben aus­sieht, wenn man die Son­nen­bril­le absetzt” von Hil­de Kval­va­ag. Ande­re Bücher nor­we­gi­scher Autoren fin­dest du hier. Drin­gend benö­tig­tes Selbst­be­wusst­sein durch eine Lie­be fin­det auch die Prot­ago­nis­tin in “Back to blue” von Rusal­ka Reh.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Urachhaus
ISBN: 978-3-8251-5219-2
Erscheinungsdatum: 21.August 2019
Einbandart: Hardcover
Preis: 17,00€
Seitenzahl: 200
Übersetzer: Holger Wolandt
Originaltitel: "Slepp meg"
Originalverlag: H.Ascheboug & Co

Norwegisches Originalcover:
Kasimira

Kasimiras Bewertung:

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(4,5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

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Norwegisches Cover: Homepage von Kathrine Nedrejord

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