Kathleen Glasgow — How to make friends with the dark

19.Dezember 2023

How to make fri­ends with the dark” ist der zwei­te Roman der ame­ri­ka­ni­schen Autorin Kath­le­en Glas­gow, die vor allem über Tik­Tok Auf­merk­sam­keit auf ihr Erst­lings­werk “Girl in Pie­ces” zog. Das neue Buch ist kom­plett unab­hän­gig und eigen­stän­dig zu lesen und erzählt die Geschich­te eines jun­gen Mäd­chens, das ihre Mut­ter urplötz­lich ver­liert und ler­nen muss mit die­sem Ver­lust zurecht­zu­kom­men. Ein sehr schmerz­li­cher, tra­gi­scher Roman, der an die Sub­stanz geht und Trau­er­ver­ar­bei­tung scho­nungs­los zeigt, aber auch Hoff­nung macht, dass das Leben irgend­wann wei­ter­geht. Sprach­lich bril­lant geschrie­ben! Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren, die bereit sind sich mit erns­ten und hef­ti­gen The­men aus­ein­an­der­zu­set­zen und Erwachsene.

Die 16-jäh­ri­ge Grace, die von allen nur Tiger genannt wird, lebt bei ihrer Mut­ter. Ihrer sehr über­für­sorg­li­chen Mut­ter, die sie hütet wie ihren Aug­ap­fel. “Was, bit­te, mache ich denn je ohne mei­ne Mom? Nichts. Ich gehe zur Schu­le, manch­mal schaue ich den Ska­tern am Skate­platz zu, ich kom­me nach Hau­se, ich lese, ich… Ich sit­ze in unse­rem klei­nen Leben. Und schaue den ande­ren zu. Wie ein Käfer im Glas.” (Zitat aus “How to make fri­ends with the dark” S.16) Die bei­den leben in einem klei­nen, her­un­ter­ge­kom­me­nen Häus­chen, in ärm­li­chen Ver­hält­nis­sen. Im Som­mer fah­ren sie mit einem Mar­me­la­den­mo­bil durch die Stra­ßen, um Geld zu ver­die­nen. Trotz­dem sta­peln sich die unbe­zahl­ten Rech­nun­gen in den Schub­la­den. Sie haben nur ein­an­der. “Wir bei­de sind das, was Mom ger­ne “eine gut geöl­te, gut aus­se­hen­de und gur rie­chen­de Maschi­ne” nennt. Aber ich bin dar­auf ange­wie­sen, dass die ande­re Hälf­te die­ser Maschi­ne piept und surrt und all die Din­ge tut, die Müt­ter eben so tun. Außer ihr habe ich nie­man­den.” (Zitat S.9) Über ihren Vater darf nicht gespro­chen. Nähe­re Ver­wand­te gibt es nicht. Die Eltern von Tigers Mut­ter sind gestor­ben, als sie auf dem Col­lege war und sie redet auch nicht ger­ne über ihre Ver­gan­gen­heit. Ohne Kaf­fee und Ziga­ret­ten funk­tio­nert ihre Mut­ter nicht. Die braucht sie mor­gens immer als Ers­tes. Da sie nicht viel Geld haben, hat Tiger nur alte, gebrauch­te Kla­mot­ten. Meist aus irgend­wel­chen Fund­kis­ten, die am Stra­ßen­rand ste­hen. Doch nun möch­te sie unbe­dingt zum Abschluss­ball gehen. Mit Kai, in den sie ver­liebt ist. Ihre Mut­ter ist davon jedoch nicht wirk­lich begeis­tert. “Ich kni­cke ein, so wie immer. Ich habe nach­ge­ge­ben, als sie behaup­tet hat, der Turn­ver­ein wäre zu teu­er, obwohl es nur ein paar Stun­den auf abge­wetz­ten Mat­ten in dem klei­nen Gemein­de­zen­trum waren. Ich habe nach­ge­ge­ben, als Cake mit mir Tanz­un­ter­richt neh­men woll­te, als ich die Ein­la­dung zur Schach-AG bekom­men habe, ein­fach immer.” (Zitat S.17) Aber dies­mal möch­te Tiger sich durch­setz­ten. Als ihre Mut­ter ihr einen Schritt ent­ge­gen­kommt, und sie auf den Ball gehen lässt, aber ihr ein furcht­ba­res Kleid dafür kauft, kommt es zum Streit. Und dann pas­siert das Schreck­li­che: Tiger erhält einen Anruf. Ihre Mut­ter hat­te einen Aneu­rys­ma im Kopf, war auf der Stel­le tot. “Das Letz­te, was ich zu mei­ner Mut­ter gesagt habe, war etwas Schreck­li­ches, etwas Furcht­ba­res. Das Letz­te, was ich zu mei­ner Mut­ter gesagt habe, war: “War­um kannst du mich nicht end­lich in Ruhe las­sen, ver­dammt?” Und dann wird mir klar, dass sie genau das getan hat, und zwar für immer, wirk­lich für immer, und plötz­lich schluch­ze ich in gro­ßen, hef­ti­gen Stö­ßen, dass mei­ne Rip­pen schmer­zen und mei­ne Augen schwim­men.” (Zitat S.63) Für Tiger bricht eine Welt zusam­men. Bald nimmt das Jugend­amt sie in sei­ne Obhut und eine Odys­see beginnt…

Das Cover hat viel­leicht nicht die schöns­te Hin­ter­grund­far­be, hat vom Design her aber einen gewis­sen Wie­der­erken­nungs­wert zum vor­he­ri­gen Roman. Der Roman, der durch­ge­hend aus Tigers Per­spek­ti­ve geschrie­ben ist, beginnt mit einer deut­li­chen Wid­mung: “die­ses Buch/ ist für die Trauernden/ die­ses Buch/ ist für die Zurückgelassenen/ die­ses Buch/ ist für jedes gebro­che­ne Herz/ auf der Suche nach Hei­mat” (Zitat S. 5) Geteilt ist “How to make fri­ends with the dark” in zwei Tei­le: “Davor”, als Tigers Mut­ter noch leb­te und “Danach”, als sie gestor­ben ist. Haupt­säch­lich wird in der Ich-Per­spek­ti­ve berich­tet, es gibt zuwei­len aber auch sehr pas­send geschrie­be­ne Kapi­tel, die aus der “Du”-Sicht erzählt wer­den und noch mehr Distanz und Ent­frem­dung der Prot­ago­nis­tin aus­drü­cken. Kath­le­en Glas­gow ver­wen­det eine außer­ge­wöhn­lich schö­ne Spra­che, da gibt es Stel­len wie “einem Auto, das haupt­säch­lich von Kle­be­band und Hoff­nung zusam­men­ge­hal­ten wird” (Zitat S.14) oder tol­le Per­so­nen­be­schrei­bun­gen wie “Lupe Hidal­go ist eine Son­nen­fins­ter­nis. Sie schiebt sich wie ein gla­mou­rö­ser Schat­ten vor alles, und obwohl man weiß, dass es weh tun wird, schaut man trotz­dem hin.” (Zitat S.19) Eine rasier­mes­ser­schar­fe Spra­che, die scho­nungs­los alles auf den Punkt bringt. Das Buch ist inten­siv, beklem­mend und vor allem trau­rig und schmerz­voll. Einen Men­schen zu ver­lie­ren, der einem nahe steht, das ist für Tiger kaum zu ertra­gen und das lässt die Autorin, die selbst ihre Mut­ter und ihre Schwes­ter ver­lo­ren hat, ihre Leser*innen deut­lich spü­ren. “Dei­ne Mut­ter ist tot. Du steigst aus dem Auto, und die Son­ne tut weh, und der Boden tut weh, und sogar die ver­damm­te Luft tut weh. Du fühlst dich wie gehäu­tet. Als wäre alles, was dich zusam­men­ge­hal­ten hat, abge­schält wor­den. Fast erwar­test du, dass du nach unten schaust und dein Herz her­aus­hän­gen siehst, ein lang­sam schla­gen­des, ram­po­nier­tes Ding.” (Zitat S.65ff) Tiger auf ihrem Weg zu beglei­ten, ist her­aus­for­dernd. Hier wer­den auch kei­ner­lei Details aus­ge­spart. Sie muss sich mit Fra­gen zur Beer­di­gungs­art ihrer Mut­ter aus­ein­an­der­set­zen, sie holt die Asche ihrer Mut­ter in Boxen ver­packt ab, sie bekommt die Ster­be­ur­kun­de per Post zuge­stellt. Und sie lei­det. “Ich spü­re mei­nen Kör­per nicht mehr, ich spü­re mein Herz nicht mehr, ich stei­ge aus mir raus und beob­ach­te, wie ich mich in das Mäd­chen von davor und das Mäd­chen von danach auf­spal­te.”(Zitat S.64) Vor allem aber wird Tiger her­aus­ge­ris­sen aus ihrem bis­he­ri­gen Leben, als sie von einer Unter­brin­gung zur nächs­ten gebracht wer­den, bis sich plötz­lich eine ganz neue Mög­lich­keit für sie auf­tut. Doch auch hier ist nicht alles so ein­fach wie es scheint. “How to make fri­ends with the dark” ist authen­tisch und über­zeu­gend. Stellt Gefüh­le der Prot­agonstin greif­bar dar und schafft unglaub­lich Bil­der um ihre Trau­er zu beschrei­ben: “Ich wer­de für immer im Dun­keln sit­zen, nach einem Licht­schal­ter tas­ten und ihn nie fin­den.” (Zitat S.311) Auf ihrem Weg der (Selbst-)Zerstörung (“Ich möch­te allen weh tun. Ich möch­te alles kaputt machen, damit die Welt so aus­sieht, wie ich mich inner­lich füh­le: zer­split­tert in eine Mil­li­on blu­ti­ger, schar­fer Tei­le.” (Zitat S.114)) begeg­net Tiger jedoch immer wie­der Men­schen, die ihr bei­ste­hen, die ihr wohl­ge­son­nen sind und sie unter­stüt­zen. Die ihr Hoff­nung geben. Auch wenn ihr Weg mit­un­ter sehr stei­nig ist. Im Nach­wort gibt die Autorin außer­dem noch Fol­gen­des an: “Kei­ne Geschich­te kann all die unter­schied­li­chen Erfah­run­gen von Pfle­ge­un­ter­brin­gun­gen und Jugend­straf­an­stal­ten abbil­den. Oder von Trau­er. In die­sem Buch habe ich ver­sucht, eine Geschich­te über ver­lo­re­ne Kin­der zu erzäh­len. Kin­der, die aus den ver­schie­dens­ten Grün­den kei­ne Eltern und kei­ne Fami­lie haben: Tod, Sucht, Ver­nach­läs­si­gung, Miss­brauch.” (Zitat S.456ff) Denn auch hier liegt ein gro­ßer Schwer­punkt des Romans. Auf dem Gefühl, allein zu sein. Durchs Ras­ter zu fal­len. Immer wei­ter­ge­scho­ben zu wer­den. Von einer Pfle­ge­fa­mi­lie in die nächs­te. Das Ende, das Tiger in die­sem Roman fin­det, ist sehr berüh­rend und pas­send. Im Anhang fin­det man eben­so Adres­sen, an die man sich in ähn­li­chen Fäl­len wen­den kann. Kath­le­en Glas­gow schreibt außer­dem: “Inner­halb von drei Jah­ren habe ich mei­ne Mut­ter und mei­ne Schwes­ter ver­lo­ren. Ich habe kei­ne Ant­wor­ten, es gibt kei­ne Anlei­tung für Trau­er. Es gibt nur das Stol­pern in der Dun­kel­heit, auf der Suche nach einer war­men Hand, an der man sich fest­hal­ten kann. Ich kann das Grand-Can­yon-gro­ße Loch in mir nicht erklä­ren, des­halb habe ich ein Buch dar­über geschrie­ben. Ich hof­fe, dass Tigers Geschich­te allen hilft, die auf der dunk­len Stra­ße der Trau­ern wan­dern.” (Zitat S.458)

Fazit: Ein bemer­kens­wer­ter Roman, der unter die Haut geht und abso­lut lesens­wert ist!

Dir gefällt der Erzähl­stil von Kath­le­en Glas­gow?Lesealternativen Dann lies noch ihren ers­ten Roman: “Girl in pie­ces” oder war­te auf ihr neu­es Buch, das im März 2024 erschei­nen wird: “You’d be home now”. Hier geht es mit­un­ter um das The­ma Dro­gen­ab­hän­gig­keit. Roma­ne, die ich emp­feh­len kann, in denen die Mut­ter gestor­ben ist, sind “Wie viel Leben passt in eine Tüte?” von Don­na Freitas, “Nichts als Lie­be” von Beth Kephart, “Das Jahr, nach­dem die Welt ste­hen blieb” von Cla­re Fur­niss und “Herz­klangstil­le” von Julia Dess­al­les. Zwei berüh­ren­de Roma­ne über Trau­er­be­wäl­ti­gung sind auch “Die Stil­le mei­ner Wor­te” von Ava Reed und “Was uns bleibt ist jetzt” von Meg Wolit­zer. Eine tol­le Neu­erschei­nung, die eben­falls an die Sub­stanz geht und mit vie­len hef­ti­gen The­men auf­war­tet, ist “Was, wenn wir genug sind?” von Erin Ste­wart.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Fischer Sauerländer
ISBN: 978-3-7373-7265-7
Erscheinungsdatum: 11.Oktober 2023
Einbandart: Broschur
Preis: 15,90€
Seitenzahl: 464
Übersetzer*in: Maren Illinger
Originaltitel: "How to make friends with the dark"
Originalverlag: Delacorte Press

Amerikanisches Originalcover:






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Kasimiras Bewertung:

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(5 von 5 mög­li­chen Punkten)

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Amerikanisches Cover: Homepage von Delacorte Press

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