Katherine Rundell — Mitten im Dschungel

Kasimira9.Dezember 2018

Die bri­ti­sche Autorin und Wis­sen­schaft­le­rin Kathe­ri­ne Run­dell hat bereits eini­ge preis­ge­krön­te Roma­ne ver­öf­fent­licht. So wie auch “Mit­ten im Dschun­gel”, ihr vier­tes Buch, das nun ins Deut­sche über­setzt wur­de. Eine Aben­teu­er­ge­schich­te über eine Grup­pe Jugend­li­cher, die nach einem Flug­zeug­ab­sturz im Urwald des Ama­zo­nas ums Über­le­ben kämpft und hin­ter ein wohl gehü­te­tes Geheim­nis kommt. Mit fas­zi­nie­ren­dem Sur­vi­val-Wis­sen. Soli­de erzählt, aber mit posi­ti­ver Bot­schaft. Für Mäd­chen und vor allem für Jungs ab 11 Jah­ren.

Sie ken­nen ein­an­der nicht wirk­lich und tei­len sich die Plät­ze in einem klei­nen Flug­zeug, das sie in die bra­si­lia­ni­sche Stadt Man­aus brin­gen soll: Drei Jugend­li­che und ein Kind. Doch bald ver­eint sie eine uner­war­te­te Gemein­sam­keit: nach dem Absturz des Flug­zeugs und dem Tod des Pilo­ten sind sie die ein­zi­gen Über­le­ben­den. Mit­ten im Dschun­gel des Ama­zo­nas. Fred war auf dem Weg zu sei­ner Cou­si­ne gewe­sen, wohin sein Vater ihn schick­te, damit er sich nach län­ge­rer Krank­heit dort erho­len soll­te. “Inner­lich war Fred vol­ler Neu­gier und Sehn­sucht und stets auf Zack. Nur hat­te er nie die Mög­lich­keit bekom­men, dies unter Beweis zu stel­len, denn sein Vater Kasimirahat­te immer vehe­ment auf geputz­ten Schu­hen und einer bra­ven Mie­ne bestan­den. Aber Fred dach­te schnell und forsch. Er woll­te mehr von der Welt, als sie bis­her für ihn bereit­ge­hal­ten hat­te.” (Zitat aus “Mit­ten im Dschun­gel” S.34) Er hat Unmen­gen von Aben­teu­er­bü­chern bei sich zu Hau­se ste­hen, hat Roma­ne über Ent­de­ckungs­rei­sen­de gera­de­zu ver­schlun­gen. Jetzt muss er unwei­ger­lich selbst zum Aben­teu­rer wer­den. Doch auch die Geschwis­ter Lila und Max, der gera­de mal 5 Jah­re alt ist, ver­fü­gen über ein wenig Insi­der­wis­sen: ihre Eltern sind Wis­sen­schaft­ler“Fred beob­ach­te­te sie. Lila war klein und beweg­te sich, als wäre sie jeder­zeit sprung­be­reit — wie ein Reh oder ein Lemur -, als wür­de sie Din­ge hören, die ande­ren ent­gin­gen.” (Zitat S.37) Der klei­ne Max ist immer ein wenig quen­ge­lig, hat stän­dig Rotz in der Nase und lei­det an einer All­er­gie. Zum Leid­we­sen sei­ner Schwes­ter ist er auch sehr aben­teu­er­lus­tig und geht ger­ne mal allei­ne auf Erkun­dungs­tour. Und dann ist da noch Con­stan­ze, die aber nur Con genannt wer­den möch­te. “Fred betrach­te­te Con, die im licht­ge­spren­kel­ten Schat­ten hock­te und so unge­schickt han­tier­te, als wäre Kasimirasie es nicht gewohnt, ihre Hän­de zu benut­zen. Sie schien in ihren Klei­dern in einer Fal­le zu sit­zen. Es gibt Klei­der, die bestim­men, dass die jewei­li­ge Per­son still dasit­zen und nett lächeln muss. Con trug sol­che Klei­der, nur dass die­se beim Absturz braun und grün und rot ver­färbt wor­den waren. (Zitat S.38) Sie ist allem äußerst skep­tisch gegen­über und schlägt regel­mä­ßig einen äußerst sar­kas­ti­schen Ton an. Von Freds Idee ein Floß zu bau­en, um schnel­ler Man­aus zu errei­chen, hält sie erst mal gar nichts. Doch auf Hil­fe kön­nen die Jugend­li­che lan­ge war­ten. Die ein­zi­ge Mög­lich­keit um zu über­le­ben, besteht dar­in sich durch den Dschun­gel hin­durch zu kämp­fen. Nur steckt die­ser vol­ler Gefah­ren und uner­war­te­ter Geheim­nis­se…

Mit­ten im Dschun­gel” ist das ers­te Buch, das ich von Kathe­ri­ne Run­dell gele­sen habe und ich muss geste­hen, dass ich zu Beginn ein wenig ent­täuscht davon war. Eine preis­ge­krön­te Autorin — da steigt die Erwar­tungs­hal­tung. Mir war der Erzähl­stil (der Roman ist in per­so­na­ler Erzähl­wei­se durch­gän­gig aus Freds Sicht geschrie­ben) zu Beginn ein wenig holp­rig. Und es gab Kasimiraimmer wie­der Sze­nen in dem Buch, die ich mir räum­lich gese­hen ein­fach nicht rich­tig vor­stel­len konn­te, weil sie so kurz und bruch­stück­haft nur beschrie­ben wur­den, wie zum Bei­spiel der Schau­platz des Flug­zeugsab­stur­zes oder die Fels­wand oder der Brand. So etwas habe ich sel­ten in Geschich­ten, dass mir da ein­fach die beschrie­be­nen Details feh­len. Zudem wirk­ten die Ereig­nis­se, die die Jugend­li­chen zu Beginn erle­ben, ein wenig anein­an­der­ge­reiht, wie Per­len auf einer Schnur auf­ge­fä­delt, eine Bege­ben­heit nach der ande­ren, schön emsig abge­ar­bei­tet. Die Span­nung, die Dra­ma­tik, die man sich in solch einer Situa­ti­on gewünscht hät­te, schien nicht greif­bar. Auch die Spra­che ist von der Wort­wahl zuwei­len ein wenig anti­quiert: “Du gemei­ner, klei­ner Mist­kerl! Wenn du das noch ein­mal machst, erzäh­le ich es Papa, und dann ver­trimmt er dich mit sei­nem Schuh.” (Zitat S.85) oder “Er hat­te eigent­lich beru­hi­gend klin­gen wol­len, aber sein Ton­fall hat­te irgend­wo zwi­schen “ver­zwei­fel­ter Lüge” und “gestren­ge Tan­te auf dem Ster­be­bett” gele­gen.” (Zitat S.136) Was dann aber wie­der sehr reiz­voll und fas­zi­nie­rend in “Mit­ten im Dschun­gel” ist, ist die Schil­de­rung der Über­le­benstricks der Jugend­li­chen und ihre Begeg­nung mit den Lebe­we­sen des Dschun­gels: Neben Affen, Alli­ga­to­ren, Amei­sen sind auch Bie­nen, ein Faul­tier, Del­fi­ne und sogar Vogel­spin­nen, die geges­sen wer­den (!) mit von der Par­tie. Es ist schön mit­zu­er­le­ben wie die Vier sich immer inten­si­ver mit der Natur aus­ein­an­der­zu­set­zen begin­nen und bald auch genau­er hin­schau­en: “Das Grün, das anfangs wie eine abwei­sen­de Wand gewirkt hat­te, war bei genaue­rem Hin­schau­en gar nicht so ein­tö­nig grün. Es setz­te sich aus tau­send unter­schied­li­chen Nuan­cen zusam­men, Gelb­grün, Sma­ragd­grün, Jade­grün und ein dunk­les, fast schwar­zes Grün, das Fred an gesun­ke­nen Schif­fe erin­ner­te.” (Zitat S.79) Hier kommt der Autorin sicher­lich auch ihre eige­ne Kind­heit zu gute, die sie — wenn man ihre Bio­gra­fie liest — in Sim­bab­we ver­bracht hat, wo sie mit ihrem Diplo­ma­ten­va­ter 10 Jah­re leb­te, ehe die Fami­lie nach Euro­pa zog. Man spürt förm­lich die Ent­de­cker­lust, die sie ihren Prot­ago­niKasimirasten mit­gibt: “Eine Ana­nas”, flüs­ter­te er. Fred spür­te, wie es in sei­nen Fin­gerspit­zen pri­ckel­te, so auf­re­gend war die­se Ent­de­ckung. So muss­te sich Kolum­bus gefühlt haben, dach­te er.” (Zitat S.80) Eben­so die Ent­wick­lung der Figu­ren ist schön mit anzu­se­hen, die sich unter­ein­an­der zunächst nicht alle aus­ste­hen kön­nen und sich durch die gemein­sa­men Erleb­nis­se all­mäh­lich ver­än­dern: “Fred beob­ach­te­te sie aus den Augen­win­keln. Con war wie ver­wan­delt. Zuvor war sie abwei­send und grim­mig gewe­sen und hat­te nur aus Klau­en und Zäh­nen bestan­den. Nun arbei­te­te sie hin­ge­bungs­voll und schien kaum zu atmen, wäh­rend sie sich über die Lia­nen beug­te.” (Zitat S.61) Das Ende hält eine posi­ti­ve Bot­schaft bereit und for­dert die Leser dazu auf trotz Angst mutig zu sein und auch mal ein Risi­ko ein­zu­ge­hen.

Fazit: Das Buch lässt mich ein wenig zwie­ge­spal­ten zurück… aller­dings mag es für die Ziel­grup­pe durch­aus funk­tio­nie­ren. Nur lite­ra­ri­schen Ansprü­chen genügt es viel­leicht nicht immer — aber am bes­ten selbst lesen und eine eige­ne Mei­nung bil­den;-)

Wenn dir Kathe­ri­ne Run­dells Erzähl­stil gefällt, dann kannst du noch ihre vor­he­ri­gen Bücher lesen: “Zuhau­se redet das Gras”  (2012, ab 12), “Sophie auf den Dächern” (2015, ab 11), “Feo und die Wöl­fe” (2017, ab 11), “Das Weih­nachts­wun­der” (2018, ab 6).Lesealternativen Du magst Aben­teu­er­ro­ma­ne, in denen die Prot­ago­nis­ten in der wil­den Natur ums Über­le­ben kämp­fen müs­sen? Eine der bes­ten Alter­na­ti­ven ist wohl “Allein in der Wild­nis” von Gary Paul­sen und die Fort­set­zung “Der Fluss”. Oder lies die “Sur­vi­val”-Rei­he von Andre­as Schlü­ter, die auch mit jeder Men­ge Wis­sen über das Über­le­ben im Dschun­gel daher­kommt und am sel­ben Ort spielt: “Ver­lo­ren am Ama­zo­nas” (Band 1), Der Schat­ten des Jagu­ars” (Band 2), “Im Auge des Alli­ga­tors” (Band 3) und “Unter Piran­has” (Band 4, erscheint im Febru­ar 2019). Klas­se für Mäd­chen ist eben­so “Raven: Der Berg der Gefah­ren” von Wen­dy Orr. Für älte­re Leser wäre auch sehr gut “Schat­ten des Dschun­gels” von Kat­ja Bran­dis geeig­net, das ich echt span­nend fand oder “Moon Wolf River” von Rai­ner Maria Schrö­der oder — noch etwas neu­er und roman­ti­scher — “Das Glück an mei­nen Fin­ger­spit­zen” von Julie Leu­ze. Am Ama­zo­nas spie­len zudem fol­gen­de zwei Roma­ne: “Maia: oder Als Miss Min­ton ihr Kor­sett in den Ama­zo­nas warf” von Eva Ibbot­son (7−11 Jah­re) und “Die Stadt der wil­den Göt­ter” von Isa­bel­le Allen­de (ab 12).

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Carlsen
ISBN: 978-3-551-55480-2
Erscheinungsdatum: 30.November 2018
Einbandart: Hardcover Preis: 15,00€ Seitenzahl: 304 Übersetzer: Henning Ahrens Originaltitel: "The Explorer" Originalverlag: Simon & Schuster
Britisches Originalcover:
Kasimira











Trailer zum Buch (auf Englisch):


Die Autorin spricht über den Inhalt des Buches (auf Englisch):

Kasimiras Bewertung:

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(3 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

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Britisches Cover:
Homepage von Simon & Schuster

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