Kate Gordon — Girl running, boy falling

Kasimira18.Juli 2020

Girl run­ning, boy fal­ling” ist der neu­es­te Roman der aus­tra­li­schen Schrift­stel­le­rin Kate Gor­don. Eine ganz zar­te, anmu­tig erzähl­te Geschich­te über ein Mäd­chen, das sich in ihren bes­ten Freund ver­liebt hat und deren heim­li­cher Schwarm sich uner­war­tet das Leben nimmt. Eine Suche nach Grün­den, eine Sehn­sucht nach dem Uner­reich­ba­ren, eine Selbst­fin­dung auf dem Weg erwach­sen zu wer­den — mit einer Sen­si­bi­li­tät und Schön­heit erzählt, die fas­zi­niert. Ein Klein­od, ein lite­ra­ri­sches Schmuck­stück. Für Leser außer­ge­wöhn­li­cher Geschich­ten, jen­seits des Main­streams. Für Jugend­li­che ab 13 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwach­se­ne.

The­re­se ist 16. Sie lebt in einer klei­nen Stadt auf einer klei­nen aus­tra­li­schen Insel. Bei ihrer Tan­te Kath. Ihre Mut­ter ist nicht mehr da, ihr Vater eben­so wenig. Das Mäd­chen ver­liert sich in den unter­schied­lichs­ten Akti­vi­tä­ten. Musi­cal, Schul­or­ches­ter, Arbeit im Super­markt. Immer ist sie in Bewe­gung. Oder mit ihren Freun­den zusam­men. Mit Peter, der ein furcht­bar schlech­ter­Fuß­ball­spie­ler ist und trotz­dem nie die Hoff­nung ver­liert irgend­wann in die Mann­schaft auf­ge­nom­men zu wer­den. Mit Roz, die stren­ge Eltern hat, aber mit ihren Freun­din­nen manch­mal sie selbst sein kann. Mit Melo­dy, die es liebt ande­re Men­schen zu psy­cho­ana­ly­sie­ren und mal The­ra­peu­tin wer­den möch­te. Und dann ist da noch Nick KasimiraWal­lace, den alle nur Wal­ly nen­nen. Er ist The­re­ses bes­ter Freund. Und doch ist er gleich­zei­tig mehr für sie: “Denn ich will nichts lie­ber als ihn küs­sen und er hat kei­ne Ahnung. Er wird es nie erfah­ren. Denn wenn Nick Wal­lace wüss­te, dass ich ihn lie­be, wür­de ich mei­nen bes­ten Freund ver­lie­ren.” (Zitat aus “Girl run­ning, boy fal­ling” S.19) Wenn Wal­ly mit ihr zusam­men ist, zitiert er aus Gedich­ten und stellt ihr auch die tief­sin­ni­gen Fra­gen die­ser Welt: “Hast du schon mal in den Him­mel geschaut und gedacht, da gehö­ren wir eigent­lich hin? Als wäre die Welt ver­kehrt her­um und wir müss­ten eigent­lich da oben schwe­ben?” (Zitat S.6) Wal­ly ist beliebt, er ist ein her­vor­ra­gen­der Foot­ball­spie­ler. Hat bes­te Chan­cen von einem Talents­cout ent­deckt zu wer­den. Aber dann ist er auf ein­mal tot. Er hat Selbst­mord began­gen, kurz nach­dem er The­re­se das ers­te Mal geküsst hat… 

KasimiraDas Cover hat ein biss­chen Retro-Charme, der Titel deu­tet bereits an, was pas­sie­ren kann, ohne eigent­lich all zu viel preis­zu­ge­ben. Der Roman wird durch­ge­hend aus The­re­ses Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve erzählt. Einem außer­ge­wöhn­li­chen Cha­rak­ter: “Ich bestehe aus vie­len Ein­zel­tei­len. So vie­len, wie es Blät­ter im Gar­ten gibt. Ich bin das Mäd­chen, das zur Schu­le geht, das bei Wool­worth arbei­tet. Ich bin das Mäd­chen mit der Haupt­rol­le im Musi­cal. Ich bin das Mäd­chen, das die ers­te Kla­ri­net­te im Schul­or­ches­ter spielt.” (Zitat S.7) Gera­de die Grund­idee mit den Ein­zel­tei­len einer Per­son fand ich sehr gelun­gen. Immer wie­der tau­chen Anspie­lun­gen dar­auf in der Geschich­te auf. Zum Bei­spiel schreibt The­re­se Brie­fe an eine Frau, die nie ant­wor­tet: “Irgend­wo weit weg nimmt sie die Ein­zel­tei­le und legt sie zu einem Bild von mir zusam­men, das ihrer Vor­stel­lung ent­spricht. Ich fra­ge mich, ob es mir irgend­wie ähnelt. Ich fra­ge mich, ob sie mei­ne Ein­zel­tei­le wohl alle total bescheu­ert fin­det. KasimiraBestimmt schreibt sie des­halb nie zurück.” (Zitat S.8) Man ahnt bereits, dass es sich bei der Frau um The­re­ses Mut­ter han­delt, die nicht mehr da ist und spürt erst all­mäh­lich deren Grün­den nach. Dass Men­schen aus ver­schie­de­nen Facet­ten bestehen kön­nen, aber auch ver­schie­de­ne Rol­len spie­len, wird sehr gut durch die unter­schied­li­chen Namen dar­ge­stellt, mit denen The­re­se ange­spro­chen wird. Ihre Freun­de nen­nen sie Resey, ihre Tan­te nennt sie Tiger, und Wal­ly nennt sie nur Champ. Kate Gor­don ver­wen­det eine äußerst schö­ne Spra­che, die unheim­lich atmo­sphä­risch und wohl­klin­gend ist: “Er knurrt mich an, dann lacht er und Unend­lich­keit brei­tet sich in mir aus. Denn das hier sind wir. Ich und Wal­ly und dre­cki­ge Fin­ger­nä­gel und gackern­de Hüh­ner und Grand­ma T, die in der Küche rum­pus­selt. Es ist der Him­mel und Som­mer und Frei­heit. Es ist alles.” (Zitat S.5) Die Kapi­tel sind erzäh­le­risch rund, mit gelun­ge­nen, pas­sen­den Abschlüs­sen und Über­lei­tun­gen zum nächs­ten Kapi­tel. “Girl run­ning, boy faKasimiralling” ist eine ruhi­ge, tief­grün­di­ge Geschich­te, eine mit Momen­ten vol­ler Nost­al­gie und Sehn­sucht, vol­ler Lie­be, Freund­schaft und dem Wert der Fami­lie. Eine, in der bezau­bern­de Cha­rak­te­re im Vor­der­grund ste­hen dür­fen und die Geschich­te bele­ben und tra­gen, so wie zum Bei­spiel Melo­dy: “Melo­dy und ich sind schon seit der ers­ten Klas­se bes­te Freun­din­nen. An unse­rem ers­ten Schultag ließ sie sich auf einen Baum­stamm plump­sen, auf dem ich allein und ver­ängs­tigt saß. “Melo­dy Kwong”, sag­te sie und reich­te mir die Hand. “Du siehst depri­miert aus. Aber kei­ne Sor­ge. Wenn ich groß bin, wer­de ich Psy­cho­lo­gin. Ich krieg dich schon wie­der hin.” (Zitat S.11) Einen dunk­le­ren Anteil haben die grau unter­leg­ten Brie­fe, die zwi­schen­zeit­lich in die Geschich­te ein­ge­scho­ben sind. Brie­fe vol­ler Kum­mer, die von einer unbe­kann­ten Per­son an ihren Vater geschrie­ben wer­den. Immer wie­der durch­zie­hen Andeu­tun­gen den Text: “Nur ein Mäd­chen undKasimira ihr bes­ter Freund und ihre Groß­mutter und Sand­wi­ches an einem Som­mer­tag. Man müss­te schon sehr genau hin­se­hen um die Ris­se zu ent­de­cken.” (Zitat S.8) Dass das Schick­sal zuschla­gen wird, ist offen­sicht­lich. Dass die Tra­gik eines Todes die Prot­ago­nis­tin trifft, die mit dem Ver­las­sen­wer­den zu kämp­fen hat, ver­leiht dem Roman eine noch ande­re Dimen­si­on. Aber auch neben Schwe­re und Schmerz offen­bart sich am Ende wie­der eine gro­ße Por­ti­on Zuver­sicht, Hoff­nung und Ver­trau­en dar­auf, mit den rich­ti­gen Men­schen an sei­ner Sei­te, alles zu schaf­fen. Im eige­nen Tem­po und auf die eige­ne Art und Wei­se.

Fazit: Eine außer­ge­wöhn­li­che, herz­er­wär­men­de Geschich­te, die her­vor­sticht.

Dir gefällt Kate Gor­dons Erzähl­stil? Dann lies unbe­dingt noch ihr ers­tes Buch, das ins Deut­sche über­setzt wur­de: “Wohin mei­ne Flos­sen mich tra­gen”eine gLesealternativenelun­ge­ne Geschich­te! Als Lese­al­ter­na­ti­ven von der Stim­mung und der Art zu erzäh­len her, könn­te ich mir auch sehr gut fol­gen­de Roma­ne vor­stel­len: “Bird und ich und der Som­mer, in dem ich flie­gen lern­te” von Chan Crys­tal, “Das Blub­bern von Glück” von Bar­ry Jons­berg (auch ein aus­tra­li­scher Autor) oder “Papier­flie­ger­wor­te” von Dawn O’Por­ter. Die Mut­ter-The­ma­tik fin­dest du zudem in “Der Som­mer der Eulen­fal­ter” von Sara Pen­ny­pa­cker und “Apple und Rain” von Sarah Crossan. Sehr bewe­gen­de und gut geschrie­be­ne Bücher über Trau­er­be­wäl­ti­gung sind zum Bei­spiel “Wenn du mich küsst” von Julia­na Stone (mit Lie­bes­ge­schich­te), “Wie viel Leben passt in eine Tüte?” von Don­na Frei­tas und “Das Jahr, nach­dem die Welt ste­hen blieb” von Cla­re Fur­niss.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Carlsen
ISBN: 978-3-551-58416-8
Erscheinungsdatum: 2.Juli 2020
Einbandart: Hardcover
Preis: 16,00€
Seitenzahl: 240
Übersetzer: Sylke Hachmeister
Originaltitel: "Girl running, boy falling"
Originalverlag: Rhiza Press

Australisches Originalcover: 
Kasimira











Die Autorin erzählt von ihrem Buch (auf Englisch):

Kasimiras Bewertung:

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(5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

Die­ser Titel hat es in fol­gen­de Kate­go­rie geschafft: **Kasi­mi­ras Lieb­lings­bü­cher**

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