Jutta Nymphius — Oben ohne

Kasimira17.September 2020

Oben ohne” von der deut­schen Autorin Jut­ta Nym­phi­us ist ein Roman, der ein Mäd­chen in den Mit­tel­punkt stellt, das mit ihrem Aus­se­hen nicht zufrie­den ist. Auf dem Weg zur Selbst­fin­dung stol­pert sie über so man­ches Hin­der­nis. Eine Geschich­te über Schön­heit, Selbst- und Kör­per­be­wusst­sein und Freund­schaft. Ein­fühl­sam und unter­halt­sam geschrie­ben. Für Jugend­li­che ab 12 Jah­ren.

Die 13-jäh­ri­ge Ame­lie ist mit ihrem Leben nicht wirk­lich zufrie­den. Sie wäre ger­ne mit den bei­den Klas­sen­schön­hei­ten Celi­na und Lina befreun­det, ist es aber irgend­wie nicht, son­dern hinkt nur hin­ter­her. Sie hät­te ger­ne Eltern, die sich nicht stän­dig strei­ten. Sie wür­de ger­ne von ihrem Schwarm Eli­as bemerkt wer­den: Eli­as ist nicht irgend­ein Jun­ge, Eli­as ist ein Event. Eine Sen­sa­ti­on. Fin­de ich jeden­falls. […] Er kann es wirk­lich mit jedem Model oder Schau­spie­ler auf­neh­men” (Zitat aus “Oben ohne” S.32) Und Ame­lie hät­te ger­ne einen schö­ne­ren Kör­per. Eine Ober­wei­te ist bei ihr so gut wie nicht vor­han­den, dafür steht ihr BauchKasimira weit her­aus. Ihre Nase mag sie auch nicht. Oft leiht sie sich die Hem­den ihres Vater aus oder trägt ande­re gro­ße Klei­dungs­stü­cke: “Over­si­ze-Pul­lis sind, glau­be ich, eigens für mich erfun­den wor­den. Haupt­sa­che, alles ist schön schlabb­rig, damit nichts zu erken­nen ist.” (Zitat S.7) Manch­mal machen sich sogar die Jungs aus ihrer Klas­se über sie lus­tig: “Ame­lie? Die ist ja so platt, die hat doch bestimmt noch nicht mal ihre Tage!” (Zitat S.41) Doch Kira, ein neu­es Mäd­chen in ihrer Klas­se, ver­tei­digt sie sogar. Kira ist irgend­wie anders. Und zufäl­lig kennt Kira auch Eli­as näher und stellt einen Kon­takt zwi­schen den bei­den her. Ame­lia schwebt auf Wol­ke sie­ben. Aber dann for­dert Eli­as auf ein­mal etwas Selt­sa­mes von ihr. Er möch­te sie oben ohne sehen…

KasimiraOben ohne” ist eine kurz­wei­li­ge Geschich­te, in der viel drin­steckt. Ein jun­ges Mäd­chen in einer sich ver­än­dern­den Welt. Freund­schaf­ten, die sich ver­än­dern. Das Fami­li­en­le­ben, das sich durch häu­fi­ge Strei­te­rei­en der Eltern ver­än­dert. Aber vor allem ihr Kör­per der sich (nicht) ver­än­dert. War­um ist ihr Bauch grö­ßer als ihre Ober­wei­te? War­um kann sie nicht mit sich zufrie­den sein? Jut­ta Nym­phi­us geht die­sen Fra­gen auf sehr sen­si­ble Wei­se nach. Das Aus­se­hen und das eige­ne Kör­per­be­wusst­sein sind gera­de für Her­an­wach­sen­de ein wich­ti­ges The­ma. Bin ich in Ord­nung so wie ich bin? Oder muss ich anders wer­den, um akzep­tiert zu wer­den? Ein tol­les Bei­spiel hier­für ist die neue Klas­sen­ka­me­ra­din Kira: “Obwohl sie nicht gera­de schlank ist und ihr Bauch auch ziem­lich weit vor­steht, trägt sie meist knal­len­ge Tops und Shirts, die bei jeder klir­ren­den Bewe­gung hoch­rut­schen und ihre Speck­rol­len frei­ge­ben. KasimiraAuch ihre engen Hosen sehen so aus, als stün­den sie kurz vor dem Plat­zen. Aber all das scheint nicht nur sie über­haupt nicht zu stö­ren. Auch nie­mand sonst traut sich, eine Bemer­kung zu machen, erst recht kei­ne höh­ni­sche.” (Zitat S.38) Ame­lie bear­bei­tet Fotos von sich ger­ne mit dem Com­pu­ter. Setzt ihren Kopf auf einen makel­lo­sen Kör­per einer ande­ren. Oder schließt ihre Zim­mer­tü­re ab und betrach­tet sich lan­ge Zeit äußerst kri­tisch im Spie­gel. Das distan­zier­te Gefühl jemand ande­ren dort wahr­zu­neh­men, gelingt der Autorin auf eine beson­de­re Art und Wei­se zu schil­dern: “Eine Wei­le sehen das Mäd­chen und ich uns an. Sein Blick wird immer trau­ri­ger, fle­hen­der. Irgend­wie mag ich es, ja, das tue ich wirk­lich, aber ich kann ihm nicht hel­fen. So, wie es ist, ist es ein­fach nicht gut. Schließ­lich schie­ßen dem Mäd­chen Trä­nen in die Augen. Das ist jedes Mal der Moment, Kasimirain dem ich schnell die Schrank­tür wie­der schlie­ße.” (Zitat S.45ff) Die Wand­lung der Prot­ago­nis­tin mit­zu­er­le­ben, wie sie sich hin­sicht­lich ihres Kör­per­be­wusst­seins lang­sam ver­än­dert, liest sich authen­tisch, auch wenn ihre Ent­schei­dung hin­sicht­lich des Tei­len eines Fotos für mich nicht ganz nach­voll­zieh­bar war. Gera­de weil sie so unzu­frie­den mit sich selbst ist. Aber ihre letzt­end­li­che Art damit umzu­ge­hen, liest sich raf­fi­niert. Die Spra­che in “Oben ohne” ist sehr klar und ein­fach. Das Buch ist in Kapi­tel unter­teilt, die mit pas­sen­den Über­schrif­ten ver­se­hen sind. Manch­mal ist die Geschich­ten in fei­nen Nuan­cen ein biss­chen thea­tra­lisch, auch das Ende ein klein wenig “weich­ge­spült”. Aber unter­halt­sam und irgend­wie lehr­reich ist der Roman auf jeden Fall. Macht nach­denk­lich. Macht Hoff­nung. In Ord­nung zu sein, so wie man ist.

Dir gefällt der Erzähl­stil von Jut­ta Nym­phi­us? Dann lies noch ein ande­res Jugend­buch von ihr (ab 10 Jah­ren): “Schlä­ger­herz”, eben­falls im Tuli­pan VerlLesealternativenag erschie­nen. Inhalt­li­che Alter­na­ti­ven zu “Oben ohne” sind zum Bei­spiel “For your eyes only: 4YEO von Caro­lin Phil­ipps, “#Selbst­schuld: Was heißt schon pri­vat” von Tho­mas Fei­bel, die bei­de sehr bewe­gend geschrie­ben sind. Etwas hef­ti­ger geht es zu in Hass gefällt mir” von Johan­na Nils­son, in dem ein Foto und ein Sexvi­deo eines Mäd­chen das Leben jenes völ­lig ver­än­dern. Oder lies “Weil es nicht auf­hört” von Man­fred Thei­sen, in wel­chem ein “Oben ohne”-Foto eben­falls zu einer Hetz­kam­pa­gne führt. Das The­ma Schön­heit wird vor allem in dem gelun­ge­nen “Ins­ta­girl” von Annet­te Miers­wa auf­ge­grif­fen. Ein schö­nes Sach­buch hat außer­dem Siob­han Cur­ham geschrie­ben: “True Face — Sei echt. Sei furcht­los. Sei du selbst”das Jugend­li­chen Tipps gibt mit Schön­heits­idea­len und sozia­len Netz­wer­ken umzu­ge­hen.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Tulipan
ISBN: 978-3-86429-486-0
Erscheinungsdatum: 24.August 2020
Einbandart: Hardcover
Preis: 13,00€
Seitenzahl: 200
Übersetzer: -
Originaltitel: -
Originalverlag: -
Originalcover: -

Kasimiras Bewertung:

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(3,5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

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