Juno Dawson — Meat Market: Schöner Schein

1.Juni 2020

Meat Mar­ket: Schö­ner Schein” ist das neus­te Werk der eng­li­schen Autorin Juno Daw­son. Ein Roman über ein Mäd­chen, das als Model ent­deckt wird und hin­ter der schö­nen Welt des Gla­mours und Erfolgs auch die Schat­ten­sei­ten zu spü­ren bekommt. Eine Geschich­te über sexu­el­le Gewalt, medi­ka­men­tö­se Abhän­gig­keit und die Arbeits­be­din­gun­gen von Models. Ein Buch, das unter die Haut geht, das Mut macht gegen Unge­rech­tig­keit zu kämp­fen und sei­ne Stim­me zu erhe­ben. Ein inten­si­ves Por­trät — bewe­gend, glaub­haft und bes­tens unter­hal­tend! Erzäh­le­risch rund­her­um gelun­gen. Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und Erwach­se­ne.

Die 16-jäh­ri­ge Jana kann es kaum glau­ben. Auf einem Klas­sen­aus­flug in einen Ver­gnü­gungs­park wird sie von einem Mann ange­spro­chen, der für eine Model­agen­tur neue Gesich­ter scou­tet. Aus­ge­rech­net sie ist ihm auf­ge­fal­len: “War es am Ende doch nur eine Hal­lu­zi­na­ti­on? Ich kann mir beim bes­ten Wil­len nicht vor­stel­len, das irgend­wer mich irgend­was modeln las­sen wür­de. Ja, ich bin ver­dammt groß, und Models haben groß zu sein, aber das da im Spie­gel ist doch ein über­di­men­sio­na­ler, unge­len­ker Freak.” (Zitat aus “Meat Mar­ket: Schö­ner Schein” S.17) Doch alles scheint echt zu sein. Ihre Mut­ter, die auch höchst skep­tisch ist, beglei­tet Jana in die Agen­tur. Die Mit­ar­bei­ter dort, ins­be­son­de­re die Che­fin, sind begeis­tert von ihr und ihren andro­gy­nen Zügen. Mit ihr kön­ne man KasimiraErfolg haben. “Jana, Dar­ling, es wäre eine ver­damm­te Ehre für uns, dich bei Pres­ti­ge Models unter Ver­trag zu neh­men. Was sagst du?” (Zitat S.32) Also sagt Jana zu. Stol­pert buch­stäb­lich hin­ein in eine völ­lig neue Welt. Lernt das Wal­ken, wird bald dar­auf sogar für die Lon­don Fashion Week gebucht! Und bekommt stän­dig neue­re Auf­trä­ge. All­mäh­lich wird es immer schwe­rer ihren Schul­all­tag, die Tref­fen mit ihren Freun­den und ihrem Freund Fer­dy unter einen Hut zu krie­gen. Soll sie tat­säch­lich die Schu­le schmei­ßen? Sich nur noch auf ihre Kar­rie­re kon­zen­trie­ren? Auf das vie­le Geld, das sie nun ver­dient? Aber auch in der Welt der Mode pas­sie­ren unschö­ne Din­ge. Das muss Jana bald schnel­ler fest­stel­len, als ihr lieb ist…

KasimiraDas Cover ist fas­zi­nie­rend gestal­tet. Der Glit­ter­ef­fekt fällt auf, sym­bo­li­siert die Glit­zer- und Gla­mour­welt der Mode und steht gleich­zei­tig im geschickt gewähl­ten Wider­spruch zu der Bedeu­tung der Buch­sta­ben: “Meat Mar­ket” = Fleisch­markt. Models ledig­lich als ein Stück Fleisch betrach­tet? Deut­li­che Kri­tik in die­sen prä­gnan­ten Wor­ten. Dies wird auch an einer Stel­le wei­ter hin­ten im Roman deut­lich, als Jana sich mit einem ande­ren Model unter­hält und die­ses fol­gen­de Äuße­rung von sich gibt: “Siehst du das, ganz dahin­ten: Meat­packing District. Da lagen frü­her die Fleisch­ver­ar­bei­tungs­be­trie­be. Du und ich, wir sind das Fleisch. Sie impor­tie­ren uns, mari­nie­ren uns, frit­tie­ren uns. Und wir las­sen es ein­fach gesche­hen. Tat­säch­lich glau­be ich manch­mal, dass wir ihnen geschlach­tet Kasimiralie­ber wären, weil leich­ter zu hän­deln.” (Zitat S.160) “Meat Mar­ket: Schö­ner Schein” ist ein Roman, der auf jeden Fall dazu auf­ruft, sich mit wich­ti­gen The­men aus­ein­an­der­zu­set­zen. Das macht auch gleich die Vor­be­mer­kung der Autorin zum Anfang klar: “Meat Mar­ket — Schö­ner Schein ist eine fik­ti­ve Geschich­te, The­men wie sexu­el­le Gewalt, Ess­stö­rung und Abhän­gig­keit sind hin­ge­gen ernst zu neh­men und real. Rat und Hil­fe bie­ten die hin­ten im Buch genann­ten Anlauf­stel­len.” (Zitat S.5) Erzählt wird die Geschich­te durch­gän­gig aus Janas Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve. Als Cha­rak­ter hat sie mir sehr gut gefal­len. Sie ist kein typi­sches Model, fühlt sich nicht hübsch, inter­es­siert sich auch nicht groß für Mode, kennt die meis­ten der berühm­ten Stars oder Foto­gra­fen gar nicht. Nimmt sich, aber auch die Mode­welKasimirat zu Beginn nicht son­der­lich ernst: “Die Leu­te da zie­hen mir die Kla­mot­ten an und sty­len mir die Haa­re. Ich selbst muss nichts wei­ter tun, als auf­zu­kreu­zen und posen. Sie schi­cken sogar einen Fah­rer, der mich hin­bringt. Null Gehirn­schmalz erfor­der­lich. Ich könn­te genau­so gut eine Schau­fens­ter­pup­pe sein.” (Zitat S.70) Gera­de ihren All­tag mit­zu­er­le­ben, auf den sich sehr inten­siv kon­zen­triert wird, ihren Spa­gat zwi­schen nor­ma­lem Schul­all­tag, Freun­de tref­fen, die Bezie­hung zu ihrem Freund und der Mode­welt zu erle­ben, liest sich äußerst fas­zi­nie­rend. Der Span­nungs­bo­gen ist viel­leicht nicht der höchs­te, aber erzäh­le­risch lässt einen die Geschich­te trotz­dem so schnell nicht los. Ein aus­führ­li­ches Por­trät, das sich ganz auf die Ent­wick­lung sei­ner Haupt­per­son fokus­siert und ein fein­füh­lig gezeich­ne­tes, authen­ti­sches Bild zeich­net. Auch die Ver­än­de­rung von Jana wird glaub­haft skiz­ziert:Kasimira “Das war super, Jana, du hast es gerockt”, lobt nun auch Ro […] Ich gucke mich im Spie­gel an. Es wird Zeit, dass ich mei­ne Schüch­tern­heit end­lich able­ge. Denn — ganz ehr­lich — ich sehe aus wie ein fuck­ing Model.” (Zitat S.91) Man fie­bert ein­fach mit Jana mit, freut sich über ihren uner­war­te­ten Erfolg und ihrer all­mäh­li­chen Berühmt­heit. Gleich­zei­tig ahnt man bereits, dass die­ser Zustand nicht immer so blei­ben wird. Dafür sor­gen vor allem die sehr spo­ra­disch ein­ge­blen­de­ten Inter­view-Tex­te, in denen Jana mit einer unbe­kann­ten Per­son ein Gespräch führt, über all das, was pas­siert ist. Die­se beglei­ten den nor­ma­len Erzähl­text inhalt­lich und machen gleich­zei­tig geheim­nis­vol­le Andeu­tun­gen: “- Ganz am Anfang schon, bei die­sem “Auf­bau”, gab es mas­sen­haft Anzei­chen. ‑Anzei­chen wor­auf? — Dass etwas falsch lief. Dass ich… wir… in Gefahr gera­ten wür­den.”Kasimira (Zitat S.49) Dies sorgt für Span­nung und lässt den Leser mühe­los die Sei­ten des doch recht umfang­rei­chen (über 400 Sei­ten star­ken) Romans über­flie­gen. Die Spra­che ist teils eher jugend­sprach­lich: “Ist kein hei­ßer Kar­da­shi­an-Kör­per. Nicht mal ansatz­wei­se. Statt Tit­ten und Arsch nichts als Grä­ten und Gelen­ke. Als hät­te ein Beu­tel Kno­chen das Lau­fen gelernt. Und dank der von Dad geerb­ten Haken­na­se bin ich nicht mal vom Gesicht her irgend­wie nied­lich.” (Zitat S.18) Auch Sex­sze­nen (mit Janas Freund Fer­dy) wer­den sehr offen geschil­dert. Daher die Alters­emp­feh­lung erst ab 14 Jah­ren. “Meat Mar­ket: Schö­ner Schein” schil­dert den Arbeits­all­tag eines Models in all sei­nen Facet­ten. Hier­für hat Juno Daw­son, wie sie im Anhang angibt, auch sehr viel recher­chiert und vie­le Gesprä­che mit Leu­ten aus der Mode­in­dus­trie geführt. Der Roman glänzt vor allem durch sei­ne KasimiraAuthen­ti­zi­tät. Das Ende macht Mut sich nicht alles gefal­len zu las­sen, sei­ne Stim­me zu erhe­ben und dass ein Model nicht nur “ein Stück Fleisch” ist, son­dern ein Kör­per mit Geist und See­le. Im Anhang wer­den Anlauf­stel­len genannt, an die man sich wen­den kann bei sexu­el­ler Gewalt, Ess­stö­run­gen, Abhän­gig­keit oder sons­ti­gen see­li­sche Nöten.

Fazit: Juno Daw­son greift wich­ti­ge The­men auf und schil­dert glas­klar und schnör­kel­los wie die Welt sein kann und dies stets auf unglaub­lich mit­rei­ßen­de, emo­tio­na­le Art und Wei­se. Von die­ser Autorin muss man etwas gele­sen haben!

Juno Daw­son hat noch ein wei­te­res, eben­falls bemer­kens­wer­tes Buch geschrie­ben mit wich­ti­gem The­ma: “Clean”. Über ein Mäd­chen, das dro­gen­ab­hän­gig gewor­den ist und sich dies in einer Ent­zugs­kli­nik erst ein­ge­ste­hen muss. Einen (Horror-)Thriller hat sie auch geschrie­ben: “Sag nie ihren Namen” und noch etwas älter von ihr ist (damals noch als James Daw­son): “Der Fluch von Hol­low Pike”. Eine erzäh­le­risch sehr pas­sen­de Alter­na­ti­ve zu “Meat Mar­ket: Schö­ner Schein” ist “Not your girl” von Annet­te Miers­wa. Die Mode­welt und das The­ma Miss­brauch kannst du zudem in dem Thril­ler “Dying for Beau­ty” von Todd Stras­ser ent­de­cken. Über das Leben eines Models wur­de im Jugend­buch rela­tiv viel geschrie­ben. Hier sor­tiert chro­no­lo­gisch nach Erschei­nungsdLesealternativenatum: “Schö­ne Mäd­chen fal­len nicht vom Him­mel” von Susan­ne Fül­scher (2006), “Schreck­lich schön: Geschich­te eines Models” von Hei­di Has­sen­mül­ler (2007), “Dra­ma Princess: Top­mo­del — um jeden Preis?” von Bri­git­te Blo­bel (2010), “Auf dem Lauf­steg bin ich schwe­re­los: Mein Leben als Model im Roll­stuhl” von Jose­phi­ne Opitz (2010), “Abge­rutscht” von Mar­lie­se Arold (2013), “Der Look” von Sophie Ben­nett (2013), “Heu­te lei­der kein Foto für dich, Baby” von Caro­lin Phil­ipps (2014), “Allein unter Models” von Chan­tal Schrei­ber (2014), “Life Edi­ti­on. Mein Model­ta­ge­buch” von Jaque­line Thie­ßen (2015), “Con­ni: Mei­ne bes­te Freun­din, der Cat­walk und ich” von Dag­mar Hoß­feld (2015), “Geek-Girl”-Rei­he von Hol­ly Sma­le (2016), “The Per­fect” von Patri­cia Schrö­der (2016), “Das Model und ich” von Illo­na Ein­wohlt (2017). Eine Neu­erschei­nung von die­sem Jahr (August) ist “Fashion Vic­tim: Licht und Schat­ten des Model­busi­ness — Ein Top­mo­del berich­tet” von Anne-Sophie Mon­rad und Kat­rin Blum. Bei­trä­ge zur #Metoo-Debat­te sind “Kur­zer Rock” von Chris­ti­na Wahl­dén, “Eigent­lich ist gar nichts pas­siert” von Nor­ma Mazer, “#Fing­er­weg von Susan­ne Fül­scher und “Ich will das nicht!” von Susan­ne Fül­scher. Oder lies den Kurz­ge­schich­ten­band “Sag­te sie. 17 Erzäh­lun­gen über Sex und Macht” von Lina Muzur. Sehr gelun­gen fand ich zudem “The Black Coats: …denn wir ver­ge­ben kei­ne Schuld” von Col­le­en Oakes und “Du woll­test es doch” von Loui­se O’Neill.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Carlsen
ISBN: 978-3-551-58418-2
Erscheinungsdatum: 30.April 2020
Einbandart: Broschur
Preis: 15,00€
Seitenzahl: 416
Übersetzer: Christel Kröning
Originaltitel: "Meat Market"
Originalverlag: Quercus Children's Books

Amerikanisches Originalcover:
Kasimira











Interview mit Juno Dawson (auf Englisch):

Kasimiras Bewertung:

110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw 110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw

(5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.