“Meat Market: Schöner Schein” ist das neuste Werk der englischen Autorin Juno Dawson. Ein Roman über ein Mädchen, das als Model entdeckt wird und hinter der schönen Welt des Glamours und Erfolgs auch die Schattenseiten zu spüren bekommt. Eine Geschichte über sexuelle Gewalt, medikamentöse Abhängigkeit und die Arbeitsbedingungen von Models. Ein Buch, das unter die Haut geht, das Mut macht gegen Ungerechtigkeit zu kämpfen und seine Stimme zu erheben. Ein intensives Porträt — bewegend, glaubhaft und bestens unterhaltend! Erzählerisch rundherum gelungen. Für Jugendliche ab 14 Jahren und Erwachsene.
Die 16-jährige Jana kann es kaum glauben. Auf einem Klassenausflug in einen Vergnügungspark wird sie von einem Mann angesprochen, der für eine Modelagentur neue Gesichter scoutet. Ausgerechnet sie ist ihm aufgefallen: “War es am Ende doch nur eine Halluzination? Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, das irgendwer mich irgendwas modeln lassen würde. Ja, ich bin verdammt groß, und Models haben groß zu sein, aber das da im Spiegel ist doch ein überdimensionaler, ungelenker Freak.” (Zitat aus “Meat Market: Schöner Schein” S.17) Doch alles scheint echt zu sein. Ihre Mutter, die auch höchst skeptisch ist, begleitet Jana in die Agentur. Die Mitarbeiter dort, insbesondere die Chefin, sind begeistert von ihr und ihren androgynen Zügen. Mit ihr könne man
Erfolg haben. “Jana, Darling, es wäre eine verdammte Ehre für uns, dich bei Prestige Models unter Vertrag zu nehmen. Was sagst du?” (Zitat S.32) Also sagt Jana zu. Stolpert buchstäblich hinein in eine völlig neue Welt. Lernt das Walken, wird bald darauf sogar für die London Fashion Week gebucht! Und bekommt ständig neuere Aufträge. Allmählich wird es immer schwerer ihren Schulalltag, die Treffen mit ihren Freunden und ihrem Freund Ferdy unter einen Hut zu kriegen. Soll sie tatsächlich die Schule schmeißen? Sich nur noch auf ihre Karriere konzentrieren? Auf das viele Geld, das sie nun verdient? Aber auch in der Welt der Mode passieren unschöne Dinge. Das muss Jana bald schneller feststellen, als ihr lieb ist…
Das Cover ist faszinierend gestaltet. Der Glittereffekt fällt auf, symbolisiert die Glitzer- und Glamourwelt der Mode und steht gleichzeitig im geschickt gewählten Widerspruch zu der Bedeutung der Buchstaben: “Meat Market” = Fleischmarkt. Models lediglich als ein Stück Fleisch betrachtet? Deutliche Kritik in diesen prägnanten Worten. Dies wird auch an einer Stelle weiter hinten im Roman deutlich, als Jana sich mit einem anderen Model unterhält und dieses folgende Äußerung von sich gibt: “Siehst du das, ganz dahinten: Meatpacking District. Da lagen früher die Fleischverarbeitungsbetriebe. Du und ich, wir sind das Fleisch. Sie importieren uns, marinieren uns, frittieren uns. Und wir lassen es einfach geschehen. Tatsächlich glaube ich manchmal, dass wir ihnen geschlachtet
lieber wären, weil leichter zu händeln.” (Zitat S.160) “Meat Market: Schöner Schein” ist ein Roman, der auf jeden Fall dazu aufruft, sich mit wichtigen Themen auseinanderzusetzen. Das macht auch gleich die Vorbemerkung der Autorin zum Anfang klar: “Meat Market — Schöner Schein ist eine fiktive Geschichte, Themen wie sexuelle Gewalt, Essstörung und Abhängigkeit sind hingegen ernst zu nehmen und real. Rat und Hilfe bieten die hinten im Buch genannten Anlaufstellen.” (Zitat S.5) Erzählt wird die Geschichte durchgängig aus Janas Sicht in der Ich-Perspektive. Als Charakter hat sie mir sehr gut gefallen. Sie ist kein typisches Model, fühlt sich nicht hübsch, interessiert sich auch nicht groß für Mode, kennt die meisten der berühmten Stars oder Fotografen gar nicht. Nimmt sich, aber auch die Modewel
t zu Beginn nicht sonderlich ernst: “Die Leute da ziehen mir die Klamotten an und stylen mir die Haare. Ich selbst muss nichts weiter tun, als aufzukreuzen und posen. Sie schicken sogar einen Fahrer, der mich hinbringt. Null Gehirnschmalz erforderlich. Ich könnte genauso gut eine Schaufensterpuppe sein.” (Zitat S.70) Gerade ihren Alltag mitzuerleben, auf den sich sehr intensiv konzentriert wird, ihren Spagat zwischen normalem Schulalltag, Freunde treffen, die Beziehung zu ihrem Freund und der Modewelt zu erleben, liest sich äußerst faszinierend. Der Spannungsbogen ist vielleicht nicht der höchste, aber erzählerisch lässt einen die Geschichte trotzdem so schnell nicht los. Ein ausführliches Porträt, das sich ganz auf die Entwicklung seiner Hauptperson fokussiert und ein feinfühlig gezeichnetes, authentisches Bild zeichnet. Auch die Veränderung von Jana wird glaubhaft skizziert:
“Das war super, Jana, du hast es gerockt”, lobt nun auch Ro […] Ich gucke mich im Spiegel an. Es wird Zeit, dass ich meine Schüchternheit endlich ablege. Denn — ganz ehrlich — ich sehe aus wie ein fucking Model.” (Zitat S.91) Man fiebert einfach mit Jana mit, freut sich über ihren unerwarteten Erfolg und ihrer allmählichen Berühmtheit. Gleichzeitig ahnt man bereits, dass dieser Zustand nicht immer so bleiben wird. Dafür sorgen vor allem die sehr sporadisch eingeblendeten Interview-Texte, in denen Jana mit einer unbekannten Person ein Gespräch führt, über all das, was passiert ist. Diese begleiten den normalen Erzähltext inhaltlich und machen gleichzeitig geheimnisvolle Andeutungen: “- Ganz am Anfang schon, bei diesem “Aufbau”, gab es massenhaft Anzeichen. ‑Anzeichen worauf? — Dass etwas falsch lief. Dass ich… wir… in Gefahr geraten würden.”
(Zitat S.49) Dies sorgt für Spannung und lässt den Leser mühelos die Seiten des doch recht umfangreichen (über 400 Seiten starken) Romans überfliegen. Die Sprache ist teils eher jugendsprachlich: “Ist kein heißer Kardashian-Körper. Nicht mal ansatzweise. Statt Titten und Arsch nichts als Gräten und Gelenke. Als hätte ein Beutel Knochen das Laufen gelernt. Und dank der von Dad geerbten Hakennase bin ich nicht mal vom Gesicht her irgendwie niedlich.” (Zitat S.18) Auch Sexszenen (mit Janas Freund Ferdy) werden sehr offen geschildert. Daher die Altersempfehlung erst ab 14 Jahren. “Meat Market: Schöner Schein” schildert den Arbeitsalltag eines Models in all seinen Facetten. Hierfür hat Juno Dawson, wie sie im Anhang angibt, auch sehr viel recherchiert und viele Gespräche mit Leuten aus der Modeindustrie geführt. Der Roman glänzt vor allem durch seine
Authentizität. Das Ende macht Mut sich nicht alles gefallen zu lassen, seine Stimme zu erheben und dass ein Model nicht nur “ein Stück Fleisch” ist, sondern ein Körper mit Geist und Seele. Im Anhang werden Anlaufstellen genannt, an die man sich wenden kann bei sexueller Gewalt, Essstörungen, Abhängigkeit oder sonstigen seelische Nöten.
Fazit: Juno Dawson greift wichtige Themen auf und schildert glasklar und schnörkellos wie die Welt sein kann und dies stets auf unglaublich mitreißende, emotionale Art und Weise. Von dieser Autorin muss man etwas gelesen haben!
Juno Dawson hat noch ein weiteres, ebenfalls bemerkenswertes Buch geschrieben mit wichtigem Thema: “Clean”. Über ein Mädchen, das drogenabhängig geworden ist und sich dies in einer Entzugsklinik erst eingestehen muss. Einen (Horror-)Thriller hat sie auch geschrieben: “Sag nie ihren Namen” und noch etwas älter von ihr ist (damals noch als James Dawson): “Der Fluch von Hollow Pike”. Eine erzählerisch sehr passende Alternative zu “Meat Market: Schöner Schein” ist “Not your girl” von Annette Mierswa. Die Modewelt und das Thema Missbrauch kannst du zudem in dem Thriller “Dying for Beauty” von Todd Strasser entdecken. Über das Leben eines Models wurde im Jugendbuch relativ viel geschrieben. Hier sortiert chronologisch nach Erscheinungsd
atum: “Schöne Mädchen fallen nicht vom Himmel” von Susanne Fülscher (2006), “Schrecklich schön: Geschichte eines Models” von Heidi Hassenmüller (2007), “Drama Princess: Topmodel — um jeden Preis?” von Brigitte Blobel (2010), “Auf dem Laufsteg bin ich schwerelos: Mein Leben als Model im Rollstuhl” von Josephine Opitz (2010), “Abgerutscht” von Marliese Arold (2013), “Der Look” von Sophie Bennett (2013), “Heute leider kein Foto für dich, Baby” von Carolin Philipps (2014), “Allein unter Models” von Chantal Schreiber (2014), “Life Edition. Mein Modeltagebuch” von Jaqueline Thießen (2015), “Conni: Meine beste Freundin, der Catwalk und ich” von Dagmar Hoßfeld (2015), “Geek-Girl”-Reihe von Holly Smale (2016), “The Perfect” von Patricia Schröder (2016), “Das Model und ich” von Illona Einwohlt (2017). Eine gelungene Neuerscheinung von diesem Jahr ist “Fashion Victim: Licht und Schatten des Modelbusiness — Ein Topmodel berichtet” von Anne-Sophie Monrad und Katrin Blum. Beiträge zur #Metoo-Debatte sind “Kurzer Rock” von Christina Wahldén, “Eigentlich ist gar nichts passiert” von Norma Mazer, “#Fingerweg” von Susanne Fülscher und “Ich will das nicht!” von Susanne Fülscher. Oder lies den Kurzgeschichtenband “Sagte sie. 17 Erzählungen über Sex und Macht” von Lina Muzur. Sehr gelungen fand ich zudem “The Black Coats: …denn wir vergeben keine Schuld” von Colleen Oakes und “Du wolltest es doch” von Louise O’Neill.
Bibliografische Angaben:Verlag: Carlsen ISBN: 978-3-551-58418-2 Erscheinungsdatum: 30.April 2020 Einbandart: Broschur Preis: 15,00€ Seitenzahl: 416 Übersetzer: Christel Kröning Originaltitel: "Meat Market" Originalverlag: Quercus Children's Books Amerikanisches Originalcover:
Interview mit Juno Dawson (auf Englisch):
Kasimiras Bewertung:
(5 von 5 möglichen Punkten)


Verlag: Carlsen
ISBN: 978-3-551-58418-2
Erscheinungsdatum: 30.April 2020
Einbandart: Broschur
Preis: 15,00€
Seitenzahl: 416
Übersetzer: Christel Kröning
Originaltitel: "Meat Market"
Originalverlag: Quercus Children's Books
Amerikanisches Originalcover:
Interview mit Juno Dawson (auf Englisch):