“Clean” ist das neueste Buch der englischen Autorin und Transfrau Juno Dawson (früher James Dawson), das ins Deutsche übersetzt wurde. Eine Geschichte über die Macht der Sucht, den Entzug in einer Klinik und der unerwarteten Freundschaft mehrerer Jugendlichen, die alle ihr schweres Päckchen zu tragen haben. Mitreißend und bewegend von Anfang an. Und erzählerisch grandios geschrieben! Lesetipp. Für Jugendliche ab 14 Jahren und Erwachsene.
Die 17-jährige reiche Hotelerbin Alexandria, genannt Lexi, ist genau dort gelandet, wo sie niemals hinwollte: In einer Entzugsklinik. Ausgerechnet ihr Bruder Nikolai hat sie dort hinverfrachtet: “Die Scheiße wird gerade richtig real. O Gott. er hat es mir schon öfters angedroht. Lex, du brauchst Hilfe. Ich dachte jedes Mal, dass er nur Spaß macht. Aber jetzt tut er es wirklich. Er steckt mich in eine Klinik. Er setzt mich auf Entzug.” (Zitat aus “Clean” S.14). Dabei kann Lexi auf gar keinen Fall in der Klinik bleiben und mit einer Ausnüchterung beginnen. Vor allem, da sie in spätestens ein paar Stunden dringend einen Kick brauchen und den hier garantiert nicht bekommen wird! Außerdem ist sie doch nicht süchtig. Egal, was ihr Bruder sagt. “Ich bin hundertprozentige Partykonsumentin. Ist doch alles keine große Sache. […] Ich wollte bloß ein bisschen Spaß haben, das schwöre ich. Ich bin nicht
süchtig! Oder sehe ich für dich etwa aus wie ein Junkie?” Mein Bruder macht große Augen. Eine weitere Träne fällt. Er schweigt einen Augenblick. “Ja”, sagt er schließlich. “Du siehst eindeutig wie ein Junkie aus.” (Zitat S.19) Sie könnte jederzeit damit aufhören. Nur eben jetzt gerade nicht. Doch ihr Bruder bleibt eisern, sie soll hierbleiben. Auf dieser kleinen Privatinsel in diesem Haus, das mehr einem Anwesen aus “Downton Abbey” gleicht und nur mit einer Fähre, die streng kontrolliert wird, zu erreichen ist. Aber Lexi hat nicht vor lange zu bleiben: “Ich werde mich erst mal kooperativ zeigen. So bekomme ich Zeit, um mir einen Plan auszudenken. Ich darf nicht riskieren, dass Daddy mir den Geldhahn zudreht. Besser spiele ich hier in der Entzugsfalle so lange das nette Mädchen, bis klar wird, dass das alles ein riesiges Scheißmissverständnis ist und ich keine Amy Fucking Winehouse bin.” (Zitat S.21) Doch allmählich freundet sich Lexi mit den anderen aus ihrer Gruppe an. Mit Brady, dem Ex-Kinderstar; mit Kendall, die trans* ist und nichts essen mag; mit Guy, der unter einer Zwangsneurose leidet; mit Ruby, die übergewichtig und Bulimikerin ist und mit Zaid, der ebenso Drogen nimmt. Und Lexi erkennt das Unvermeidliche. Dass sie tatsächlich abhängig geworden ist. Von den Drogen und ihrem Freund Kurt, der sie damit versorgt hat und selbst welche konsumiert. Dass sie lieber ihre Gefühle ausblenden wollte, als tatsächlich etwas zu fühlen. Weil sie vergessen wollte. Vergessen, was sie damals Schlimmes getan hat. Aber die Vergangenheit holt sie unweigerlich ein…
Es gibt so Bücher, da fängt man an zu lesen und merkt schon nach ein paar Seiten, hier stimmt erzählerisch wirklich alles! Der Roman, der aus Lexis Sicht in der Ich-Perspektive geschrieben ist, hat einen authentischen, rotzig-frechen, teils vulgären und sehr bissigen Erzählton, der hervorragend zur Stimmung der Protagonistin passt. Dazu ist der inhaltliche Aufbau sehr passend gemacht. Man befindet sich geradezu im Lesefluss und wird geschickt durch die Ebenen der Geschichte manövriert. Taucht in Rückblenden in Vergangenes ab, das näher erklärt und beleuchtet wird, um kurz danach direkt wieder im aktuellen Geschehen anzukommen und weiterzulesen. Juno Dawsons Buch fesselt. ist intensiv, ungestüm und schmerzvoll. Es bewegt und zeigt das Schicksal einer Jugendlichen, die vom Weg abgekommen ist und lernen muss ihr Leben auch ohne Drogen wieder in den Griff zu bekommen. Ganz so, wie es die Widmung des Romans bereits andeutet: “Für alle, die hingefallen und wieder aufgestanden sind.” Interessanterweise ist “Clean” selbst in einem Art 10-Schritte-Programm aufgebaut und in 10 Teile eingeteilt wie zum Beispiel: “Schritt 1: Ich gebe zu, dass ich ein Problem habe” und “Schritt 2: Ich muss selbst entscheiden, dass ich genesen will”. Denn auch Lexi, die in der Klinik ja eigentlich gar nicht lange bleiben will, kommt nicht umhin, nachzudenken und ihr Leben in ihrer rigorosen, direkten Art zu reflektieren: “Ich hänge schlimmer durch als ein benutztes Kondom. Nachdenklich starre ich an die Decke. Zu
m ersten Mal frage ich mich, was ich meinem Körper da eigentlich angetan habe. Wenn man bedenkt, wie miserabel ich mich jetzt fühle, war es sicher nichts Gutes. Habe ich nur noch dank der Drogen funktioniert? So schlimm ist es mir nie vorgekommen, wenn ich high war.” (Zitat S.50) Dennoch ist der Roman keine Geschichte, die den hocherhobenen Zeigefinger dem Leser entgegenstreckt und vorwurfsvoll anmahnt, sondern ein langsamer Prozess des Erkennens. Ein Auf und Ab der Gefühle und Situationen, die auch die Protagonistin an ihre Grenzen und darüber hinaus bringen und sie eine glaubhafte Entwicklung durchmachen lässt. Das Ende: passend und berührend. Im Anhang noch ein paar Informationen für Betroffene, an wen man sich im Falle einer Sucht/Abhängigkeit wenden kann.
Fazit: Ein schwieriges Thema — meisterhaft umgesetzt!
Du magst Juno Dawsons Erzählstil? Er hat noch zwei andere Bücher geschrieben, die allerdings in eine ganz andere Richtung gehen: “Sag nie ihren Namen” und “Der Fluch von Hollow Pike” (beides Horror). Eine sehr gute inhaltliche Alternative ist “Mein Sommer auf dem Mond” von Adriana Popescu. Hier sind ebenfalls ein paar Jugendliche in einer Klinik untergebracht, die einiges zusammen durchmachen und sich gegenseitig stärken. Du interessierst dich für Romane, die in einer Klinik spielen? Hiervon gibt
es jede Menge: “1:0 für die Idioten” von Karlijn Stoffels (Thema: Suizid), “Von ganzem Herzen, Emily” von Tanya Byrne (Thema: Rache), “Was uns bleibt ist jetzt” von Meg Wolitzer (Thema: Trauer; großartige Literatur!), “Cut” von Patricia McCormick (Thema: Selbstverletzung) und “Letzte helle Tage” von Martyn Bedford (Thema: Trauer). Sehr viele Romane, die in einer Klinik spielen, sind welche, die das Thema Essstörung behandeln: “Nichts leichter als das” von Marnelle Tokio, “Heute will ich leben” von Nora Price (sehr bewegend!), “Das Lächeln der Leere” von Anna Sofia Höpfner (dieses beschreibt vor allem den Prozess der Heilung) und “Alles so leicht” von Meg Haston (dramatisch und schmerzhaft, mit autobiografischen Zügen). Du möchtest mehr über Sucht und vor allem Drogenabhängigkeit lesen? In der Jugendliteratur gibt es einige (moderne) Klassiker zu diesen Themen, die auch oft in der Schule gelesen werden: “Die Einbahnstraße” von Klaus Kordon, https://www.ravensburger.de/de-DE/pdp/58017 von Angelika Mechtel, “Wir Kinder vom Bahnhof Zoo” von Christiane F. und “Wenn ich will, hör ich auf.” von Werner Färber. Etwas mehr Mainstream und flüssige Unterhaltung bieten außerdem diese drei Titel: “Lass mich glücklich sein! Im Bann von Crystal Meth” und “Höhenflug abwärts: Marie nimmt Drogen” von Jana Frey und “Die Party-Pille” von Helen Vreeswijk. Einen rauen Erzählton hat auch Melvin Burgess. Lies von ihm zum Beispiel “Junk” oder “Death”. Gelungen fand ich ebenso sein “Kill all enemies”.
Bibliografische Angaben:Verlag: Carlsen ISBN: 978-3-551-58382-6 Erscheinungsdatum: 28.Juni 2018 Einbandart: Hardcover Preis: 17,99€ Seitenzahl: 400 Übersetzer: Christel Kröning Originaltitel: "Clean" Originalverlag: Hachette Children's Group Britisches Originalcover:
Juno Dawson spricht über sein Buch (auf Englisch):
Kasimiras Bewertung:
(5 von 5 möglichen Punkten)
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Verlag: Carlsen
ISBN: 978-3-551-58382-6
Erscheinungsdatum: 28.Juni 2018
Einbandart: Hardcover
Preis: 17,99€
Seitenzahl: 400
Übersetzer: Christel Kröning
Originaltitel: "Clean"
Originalverlag: Hachette Children's Group
Britisches Originalcover:
Juno Dawson spricht über sein Buch (auf Englisch):
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