Julya Rabinowich — Hinter Glas

Kasimira12.Februar 2019

Hin­ter Glas” ist das zwei­te Jugend­buch der in Russ­land gebo­re­nen Autorin Julya Rabi­no­wich, die seit vie­len Jah­ren in Öster­reich lebt. Ein Roman über Macht, Kon­trol­le und Gewalt und ein jun­ges Mäd­chen, das lang­sam aus ihrem Käfig aus­zu­bre­chen beginnt. Das Por­trät einer Befrei­ung. Mit einer glas­kla­ren, inten­si­ven Spra­che. Bewe­gend. Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und Erwach­se­ne.

Die 17-jäh­ri­ge Ali­ce hat manch­mal das Gefühl ein Leben wie in einem Käfig zu füh­ren. Sie lebt in einer “hüb­schen Vil­la, die hin­ter Ole­an­der­bü­schen ver­bor­gen lag. Gepfleg­ter, tief­grü­ner Rasen. Ordent­lich geschnit­te­ne Hecke. Und eine Lau­be, von hell­gel­ben Rosen umrankt. Dazu pas­send ein roman­tisch geschwun­ge­ner Weg von der Gar­ten­tür bis zum Ein­gang.” (Zitat aus “Hin­ter Glas” S.21) Ihre Mut­ter war frü­her eine erfolg­rei­che Schau­spie­le­rin. Doch sie dreht schon seit eini­ger Zeit kei­ne Fil­me mehr, kon­zen­triert sich lie­ber mit all ihrer Kraft auf das Wohl­erge­hen ihrer Toch­ter. Denn Ali­ce ist oft krank. Trau­rig. Und ein­sam. Darf nicht sein, wer sie will. Muss still undKasimiravor­sich­tig sein. “Neben ihr stand eine klei­ne elfen­bein­far­be­ne Milch­kan­ne mit Gold­rand, die so eine schö­ne bau­chige Run­dung besaß, dass ich sie als klei­nes Kind immer­zu hat­te strei­cheln wol­len. Durf­te ich nie. Ein Erb­stück.” (Zitat S.35) In der Schu­le wird Ali­ce regel­mä­ßig gemobbt. Von Rosa und ihrer Cli­que. Auch dort ver­sucht sie sich meis­tens zurück­zu­zie­hen: “In der Pau­se ver­schwand ich, so schnell ich konn­te. Bevor jemand einen Witz auf mei­ne Kos­ten riss, wie üblich. Mei­ne Tasche vom Tisch feg­te, wie bei­läu­fig. Oder mir einen Stoß ver­setz­te. Ich flüch­te­te wie immer in den Gar­ten und ver­kroch mich in einen der hin­ters­ten Win­kel.” (Zitat S.19) Doch dann taucht ein neu­er Jun­ge in Ali­ces Klas­se auf. Niko. Er war auf Welt­rei­se. “Er war dünn, trug eine Jeans und ein rotes T‑Shirt. […] Von der Son­ne auf­ge­hell­tes län­ge­res Haar. Schö­ne Hän­de. Von Farb­fle­cken über­sät. Alles an ihm war ver­we­gen. Als wäre er gera­de dem ange­sag­tes­ten Surf­strand ent­sprun­gen. Es war älter Kasimiraals ich, ver­mut­lich schon acht­zehn.” (Zitat S.18) Irgend­et­was an Niko macht Ali­ce unru­hig. Wühlt sie auf. Denn Niko sieht genau­er hin. Bemerkt das Mob­bing und stellt sich auf ihre Sei­te. Ver­tei­digt sie sogar vor Rosa und ihren Freun­den. “Das war nicht das ers­te Mal, oder?” “Doch”, log ich. Gejagt wer­den macht einen so klein und so wert­los, so klein und wert­los woll­te ich vor ihm nicht erschei­nen. Und sich ver­ber­gen müs­sen macht stumm und unsicht­bar. Ob in der Schu­le oder zu Hau­se.” (Zitat S.30) Auf der Klas­sen­fahrt kommt sie ihm das ers­te Mal etwas näher. Und schließ­lich wagt Ali­ce mit Niko auch einen wei­te­ren Schritt, der in ihrem Leben alles für immer ver­än­dern wird…

Mit einem auf­fal­len­den und zugleich aus­sa­ge­kräf­ti­gen Cover sticht “Hin­ter Glas” her­vor und man erfährt in einer vor­an­ge­hen­den kur­zen Pas­sa­ge bereits, dass Ali­ce nach “Ali­ce im Wun­der­land”, dem Mäd­chen hin­ter den Spie­geln benannt wur­de. Ange­deu­tet wird eben­falls, Kasimirawas den Leser in dem Roman erwar­ten wird: “Manch­mal war ich ganz klein, und manch­mal war ich ganz groß. Manch­mal fürch­te­te ich, in einem Meer aus mei­nen Trä­nen zu ertrin­ken. Aber ich habe es geschafft. Ich bin zurück­ge­kom­men und viel wei­ter gegan­gen, als ich es mir hät­te erträu­men las­sen(Zitat S.7) Dann folgt ein Pro­log, der einen spä­te­ren Zeit­punkt der Geschich­te zeigt: Ali­ce ist gera­de in eine klei­ne, neue Woh­nung gezo­gen und ent­deckt auf einem Floh­markt eine Müt­ze, die ihr bekannt vor­kommt und eine Erin­ne­rung an Blut, Gewalt und Schreie in ihr her­vor­ruft. “Er streckt mir die Müt­ze ent­ge­gen. Ich schüt­te­le den Kopf. Der Spie­gel rutscht mir aus der Umhän­ge­ta­sche und zer­schellt in tau­send sil­bern glän­zen­de Scher­ben auf dem Asphalt.” (Zitat S.12) Die­se zer­bro­che­nen Scher­ben deu­ten die Rah­men­hand­lung der Geschich­te an, denn es sind die Scher­ben, in die Ali­ces Leben zer­bro­chen ist und die sie nun ein­ge­hend betrach­tet: “Ich knie mich hin und ver­su­che, die Scher­ben­stü­cke zu ord­nen. So wie mein gan­zes Leben. Dies­mal kommt mir nie­mand zu KasimiraHil­fe. Ich muss es allein schaf­fen. Wie konn­te es nur so weit kom­men? Das fra­ge ich mich. Oft.” (Zitat S.12) Die Umman­te­lung der Geschich­te ist raf­fi­niert gemacht, denn jedes Kapi­tel stellt eine Spie­gel­scher­be dar, auf ihrem Weg erwach­sen zu wer­den. Der Roman wird durch­ge­hend aus Ali­ces Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve erzählt. Nur ver­ein­zel­te sehr kur­ze, in einem ande­ren Schrift­bild abge­druck­te Absät­ze schlei­chen sich zuwei­len in den Fließ­text. Die selt­sa­me Per­spek­ti­ve einer Per­son, die alles über Ali­ce zu wis­sen scheint: “Ich ken­ne sie so gut, wie sie sich nie­mals ken­nen wird. Aber sie weiß nichts von mir. Und ich wer­de wei­ter war­ten, bis wir viel­leicht eines Tages wie­der zuein­an­der­fin­den. Ich habe ja Zeit.” (Zitat S.23) Das wirkt inter­es­sant, aber auch etwas rät­sel­haft, da man nicht wirk­lich eine Ahnung hat, wer sich dahin­ter ver­birgt. Ich habe mich beim Leser häu­fi­ger dabei ertappt nach einer Wei­le noch ein­mal zurück­zu­blät­tern und die­se Absät­ze noch ein­mal zu lesen, weil die­se Ahnung, wer die­se unbe­kann­te Per­son sein könn­te, tat­säch­lich Kasimiramehr­mals wech­sel­te. Die Spra­che ist ange­nehm. Zuwei­len sehr kraft­voll und mit viel Tief­gang und Bedeu­tung zwi­schen den Zei­len, dann aber auch wie­der schlicht und manch­mal sogar etwas der­ber: “Ja, Scheiß­la­wi­ne. So unro­man­tisch kann man eine Urge­walt nur beschrei­ben, wenn man die Schnau­ze voll von der Lie­be hat.” (Zitat S.15) Man spürt beim Lesen recht bald, dass in Ali­ces Fami­lie irgend­et­was nicht zu stim­men scheint, dass da viel Schein und viel Schau­spiel ist, braucht aber eine Wei­le um alles rich­tig ein­ord­nen zu kön­nen. Im Mit­tel­teil ver­liert die Geschich­te lei­der teil­wei­se etwas an Span­nung, inter­es­sant ja, aber nicht mehr ganz so mit­rei­ßend und atmo­sphä­risch. Inhalt­lich habe ich irgend­wie auch noch etwas mehr erwar­tet, hät­te ger­ne mehr über das Ver­hält­nis zwi­schen Ali­ce und ihrem Groß­va­ter erwar­tet. Dafür ist das Buch ein­fach zu kurz. Das Ende jedoch macht wie­der eini­ges wett, das hat mich wirk­lich über­rascht!

Fazit: Eine gut erzähl­te Geschich­te mit klei­nen Kri­tik­punk­ten und einer wich­ti­gen Bot­schaft.

Dir gefällt Julya Rabi­no­wichs Erzähl­stil? Dann lies noch ihr ers­tes Jugend­buch, für das sie eini­ge Prei­se bekom­men hat: “Dazwi­schen: ich”, in dem sie die GeschLesealternativenich­te eines Flücht­lings­mäd­chen erzählt, das — als Ver­mitt­le­rin in ihrer Fami­lie — ver­sucht eine Hei­mat zu fin­den und anzu­kom­men. Ein Buch, an das ich beim Lesen von “Hin­ter Glas” sofort den­ken muss­te, war “Jetzt ist alles, was wir haben” von Amy Giles, das eini­ge Par­al­le­len zu dem hier rezen­sier­ten Buch hat und eben­falls ein Mäd­chen in den Mit­tel­punkt stellt, das aus dem Käfig ihrer Fami­lie aus­zu­bre­chen ver­sucht, als sie sich ver­liebt. Sehr gut könn­te ich mir auch “Back to blue”  von Rusal­ka Reh vor­stel­len, das die Eman­zi­pa­ti­on eines Mäd­chens auf sehr berüh­ren­de Wei­se beschreibt. Etwas älter, aber eben­so eine gute Alter­na­ti­ve ist “Drei Songs spä­ter” von Lola Renn. Rich­tig klas­se fand ich - lei­der ist die­se Autorin immer noch eher ein Geheim­tipp — “In dei­nem Licht und Schat­ten” von Loui­sa Reid. Oder lies das bewe­gen­de “Das Ende der Lügen” von Lau­ra Sum­mers. Und ein letz­ter Tipp — die­ses Buch ist der Ham­mer!Nur noch ein ein­zi­ges Mal” von Col­le­en Hoo­ver, auch die Geschich­te einer Befrei­ung.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Hanser
ISBN: 978-3-446-26218-8
Erscheinungsdatum: 28.Januar 2019
Einbandart: Hardcover
Preis: 16,00€ 
Seitenzahl: 201
Übersetzer: -
Originaltitel: - 
Originalverlag: -
Originalcover: -

Kasimiras Bewertung:

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