Julia Dessalles — Herzklangstille

8.September 2023

“Herz­klangstil­le” ist ein Roman der deut­schen Autorin Julia Dess­al­les. Eine Geschich­te über ein Mäd­chen, das nach dem Tod ihrer Mut­ter von ihrem Vater eine Tele­fon­zel­le im Gar­ten auf­ge­baut bekommt, die es dazu nutzt, um sich mit ihrer Mut­ter zu unter­hal­ten. Natür­lich ant­wor­tet ihre Mut­ter nie. Aber June kann ihr alles erzäh­len, was sie bedrückt. Doch als sie Jah­re spä­ter ihren Lie­bes­kum­mer in der Tele­fon­zel­le teilt, ant­wor­tet ihr plötz­lich die Stim­me eines Jun­gen, der sich Lucas nennt. Dabei kann das tech­nisch doch eigent­lich gar nicht mög­lich sein? Und war­um ver­hält sich die­se ande­re Jun­ge in der Schu­le, dem June nichts getan hat, so feind­se­lig ihr gegen­über? Bald fin­det June mehr über die bei­den her­aus… Ein fas­zi­nie­rend erzähl­tes Buch mit beson­de­ren Cha­rak­te­ren, jeder Men­ge Roman­tik und tief­grün­di­gen The­men wie Trau­er­ver­ar­bei­tung und einem traum­haf­ten Cover samt Farb­schnitt (in der Erst­auf­la­ge). Für die Leser*innen von “Bleib bei mir, Sam”. Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und Erwachsene.

June ist eine Außen­sei­te­rin. Die Leh­rer inter­es­sie­ren sich zu sehr für sie und wol­len wis­sen, wie es ihr geht. Die Mitschüler*innen zu wenig. Sie lebt außer­halb auf dem Land in einem Cot­ta­ge­ähn­li­chen Haus mit ihrem Vater. Ihre Mut­ter ist seit lan­ger Zeit ver­stor­ben. Um ihre eine Mög­lich­keit zu bie­ten, den­noch wei­ter­hin mit ihr zu spre­chen, hat Junes Vater eine Tele­fon­zel­le im ver­wil­der­ten Gar­ten errich­tet. Wäh­rend June frü­her fast täg­lich dort an dem Tele­fon mit der Schnur, das aber nir­gend­wo ange­schlos­sen ist, mit ihrer Mut­ter gere­det hat, ist es nach und nach weni­ger gewor­den. Nur noch von beson­ders außer­ge­wöhn­li­chen Ereig­nis­sen erzählt sie ihr. “Es ist was echt Komi­sches pas­siert. Nach­dem ich in der Biblio­thek war und mich von Ryan ver­ab­schie­det hat­te, bin ich bei­na­he von einem Auto ange­fah­ren wor­den. Ich bin wohl hin­ge­fal­len und hab mich am Kopf ver­letzt. Und als ich im Kran­ken­haus wie­der auf­ge­wacht bin, waren alle ganz auf­ge­regt, obwohl ich nur eine klei­ne Gehirn­er­schüt­te­rung hat­te und eine Kopf­platz­wun­de.” (Zitat aus “Herz­klangstil­le” S.19) An den Unfall selbst kann June sich nicht mehr erin­nern, auch nicht, an das, was kurz vor­her pas­siert ist. Ihr Vater gibt ihr auf ihre Fra­gen eher aus­wei­chen­de Ant­wor­ten. Ihre Mut­ter lei­der gar kei­ne. Eben­falls als June ihrer Mut­ter von ihrem Lie­bes­kum­mer erzählt, erhält sie kei­ne Ant­wort. “Ich weiß gar nicht, war­um ich über­haupt noch anru­fe. Das wird mein letz­ter Ver­such sein, mit dir zu spre­chen. Was ich brau­che, ist jemand, der mit mir redet, der mir einen Rat gibt. Oder zumin­dest jemand, der mir sag­te: “Die­ser Ryan ist ein ver­damm­tes Arsch­loch!”” (Zitat S.24) Doch dann erwi­dert eine männ­li­che Stim­me plötz­lich genau das “Die­ser Ryan ist ein ver­damm­tes Arsch­loch!”. Zunächst glaubt June an einen schlech­ten Scherz, wit­tert Ryan oder einen sei­ner Freun­de in ihrem Gar­ten. Doch da ist nie­mand. Also beginnt sie sich mit dem Jun­gen zu unter­hal­ten. Er heißt Lucas, liebt Gedich­te und hat einen Bru­der, von dem er öfters erzählt. Bald freut sich June rich­tig auf die Tele­fo­na­te mit Lucas, obwohl es rein tech­nisch eigent­lich gar nicht mög­lich sein kann, dass sie mit­ein­an­der spre­chen kön­nen. Aber dann gibt es da auch noch die­sen ande­ren Jun­gen mit der Kapu­zen­ja­cke, den sie das ers­te Mal an einer Bus­hal­te­stel­le getrof­fen hat. Der vor ihr geflüch­tet ist. “Ich war es gewohnt, nicht gera­de beliebt zu sein. Mei­ne Mit­schü­ler fan­den mich schon immer selt­sam und wichen mir aus. Aber, dass mich jemand, den ich über­haupt nicht kann­te, der­art hass­erfüllt anstarr­te und sogar weg­lief, weil es es offen­sicht­lich nicht in mei­ner Gegen­wart aus­hielt, war neu.” (Zitat S.45) Auch ihm kommt June all­mäh­lich näher. Bis ihr plötz­lich etwas Erschre­cken­des klar wird…

Ein bezau­bern­ders Cover, der Farb­schnitt — wun­der­schön und pas­send gemacht. Auch wenn man ganz klar sagen muss, dass das Design des Buches (sogar das Schrift­bild ist gleich) auf den Tik­Tok-Erfolgs­ti­tel “Bleib bei mir, Sam” anspielt, den wohl ähn­lichs­ten Ver­gleichs­ti­tel. Der Roman wird von einer beson­ders poe­ti­schen Wid­mung ein­ge­lei­tet: “For my ghost/ Noch immer/ Brennt/ Dein Schweigen/ In meiner/ Herz/ Klang/ Stil­le” (Zitat S.5) und beginnt mit einem “Pro­log, Lon­don im Früh­jahr”, aus der Sicht eines Jun­gen namens Cole geschrie­ben, der einem ande­ren Jun­gen bei­steht, der einem Mäd­chen einen Lie­bes­brief über­rei­chen will. Dann pas­siert ein Unfall. “Brem­sen quiet­schen. Der Auf­prall von Kör­per auf Metall, auf Asphalt. Mein Schrei. Mein Herz. So laut. So laut. So LAUT! Dann folg­te Stil­le.” (Zitat S.9) Danach beginnt der Haupt­eil mit “Cot­ta­ge Gar­den, 12 Jah­re zuvor *JUNE Im August, 105 Tage ohne dich” Hier­bei wer­den jeweils “Tele­fo­na­te” von June mit ihrer Mut­ter beschrie­ben: “Hal­lo, Mama! Schau mal, was Papa und ich gebaut haben, eine ech­te Tele­fon­zel­le! Super, was? Papa sagt, dass frü­her alle Men­schen mit sol­chen komi­schen Schnur­din­gern tele­fo­niert haben und gar nicht über Han­dys, weil die hat­ten näm­lich noch kei­ne.” (Zitat S.10) Ein Tele­fo­nat folgt dem ande­ren und es gibt eini­ge Zeit­sprün­ge wie zum Bei­spiel: “*JUNE Im Okto­ber, 536 Tage ohne dich” und “*JUNE Im Sep­tem­ber, 4514 Tage ohne dich”. Bis ihr schließ­lich Lucas das ers­te Mal ant­wor­tet, hier wech­selt der Erzähl­stil von rei­nen Monologen/einseitgen Tele­fo­na­ten über in einen nor­ma­len Erzähl­text, der aus Junes Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve geschrie­ben ist. Hin­zu kommt spä­ter noch Coles Per­spek­ti­ve. Die Zusam­men­hän­ge zwi­schen June, Lucas und Cole hat man recht schnell erspürt. Die­se Kon­stel­la­ti­on ist sehr fas­zi­nie­rend. Ein Mäd­chen zwi­schen zwei Jungs, der eine tot, der ande­re höchst leben­dig, aber äußerst abwei­send ihr gegen­über. Beson­ders die Neben­cha­rak­te­re wie Pops zum Bei­spiel sind über­aus bril­lant gezeich­net. Auch die Idee mit dem “Geis­terd­in­ner” ist erfri­schend anders. Die Spra­che ist sehr ange­nehm, teils mit tol­len Bil­dern ver­se­hen: “June… Ich hat­te sie noch nie so genannt. Es schien mir zu nett, sie bei einem Namen zu nen­nen, der nach Früh­ling und Son­nen­schein klang, wäh­rend sie nach Win­ter aus­sah und den Tod brach­te.” (Zitat S.118). Aber auch frech und direkt: “Der Spät­som­mer war in den Herbst abge­sof­fen.” (Zitat S.125) Das Set­ting von “Herz­klangstil­le” ist all­ge­mein sehr gelun­gen, bie­tet eine beson­de­re Art der Trau­er­be­wäl­ti­gung, die unge­wöhn­lich, aber pas­send scheint: “Mei­ne Eltern haben mal eine Rei­se nach Japan gemacht und irgend­wo in der Wild­nis stand plötz­lich eine Tele­fon­zel­le. Die Ein­hei­mi­schen nann­ten es “Das Tele­fon des Win­des”. Leu­te aus allen Ecken des Lan­des kamen dort­hin, um sich von ihren Toten zu ver­ab­schie­den, letz­te Wor­te aus­zu­spre­chen oder ein­fach nur, den Kon­takt zu einem gelieb­ten Men­schen auf­recht­zu­er­hal­ten. Mama fand den Gedan­ken wun­der­schön, und nach­dem sie gestor­ben war, hat Pops sich dar­an erin­nert. Er hat mir das Tele­fon geschenkt, damit ich mit Mama spre­chen konn­te…” (Zitat S.131) Die­se Tele­fon­zel­le gibt es in Japan übri­gens wirk­lich! Die Lie­bes­ge­schich­te ist authen­tisch und schön erzählt und auch das Ende ist stimmig.

Dir gefällt Julia Dess­al­les Erzähl­stil? Sie hat noch eine Fan­ta­sy-Rei­he geschrie­ben namens “Rubin­split­ter”. Eine bereits erwähn­teLesealternativen Lese­al­ter­na­ti­ve ist “Bleib bei mir, Sam” von Dustin Thao. Wor­an ich jedoch auch sofort beim Lesen den­ken muss­te, ist “Mei­ne Lie­be ist jetzt” von Liz Kess­ler. Hier trifft eine Jugend­li­che eben­falls auf den Geist eines ver­stor­be­nen Jun­gen und kommt in der ech­ten Welt außer­dem sei­nem Bru­der näher. Lie­bes­ge­schich­ten mit Geist wären außer­dem: “Solan­ge du da bist” von Marc Levy, “Solan­ge du schläfst” von Ant­je Szil­lat, “Wo immer du bist” von Cylin Bus­by und sehr gelun­gen: “Jes­si­cas Geist” von Andrew Nor­ris. Ein per­fek­te Alter­na­ti­ve ist außer­dem “Die Tele­fon­zel­le am Ende der Welt” von Lau­ra Imai Mes­si­na, wel­che die “Ori­gi­nal-Tele­fon­zel­le” in Japan the­ma­ti­siert. Drei berüh­ren­de Roman über Trau­er­be­wäl­ti­gung sind “Wie viel Leben passt in eine Tüte” von Don­na Freitas (wur­de mehr­mals neu auf­ge­legt!),  “Die Stil­le mei­ner Wor­te” von Ava Reed und “Was uns bleibt ist jetzt” von Meg Wolit­zer.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Arctis
ISBN: 978-3-0388-0073-6
Erscheinungsdatum: 17.August 2023
Einbandart: Hardcover
Preis: 20,00€
Seitenzahl: 368
Übersetzer: -
Originaltitel: -
Originalverlag: -
Originalcover: -

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Kasimiras Bewertung:

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(4,5 von 5 mög­li­chen Punkten)

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