“Herzklangstille” ist ein Roman der deutschen Autorin Julia Dessalles. Eine Geschichte über ein Mädchen, das nach dem Tod ihrer Mutter von ihrem Vater eine Telefonzelle im Garten aufgebaut bekommt, die es dazu nutzt, um sich mit ihrer Mutter zu unterhalten. Natürlich antwortet ihre Mutter nie. Aber June kann ihr alles erzählen, was sie bedrückt. Doch als sie Jahre später ihren Liebeskummer in der Telefonzelle teilt, antwortet ihr plötzlich die Stimme eines Jungen, der sich Lucas nennt. Dabei kann das technisch doch eigentlich gar nicht möglich sein? Und warum verhält sich diese andere Junge in der Schule, dem June nichts getan hat, so feindselig ihr gegenüber? Bald findet June mehr über die beiden heraus… Ein faszinierend erzähltes Buch mit besonderen Charakteren, jeder Menge Romantik und tiefgründigen Themen wie Trauerverarbeitung und einem traumhaften Cover samt Farbschnitt (in der Erstauflage). Für die Leser*innen von “Bleib bei mir, Sam”. Für Jugendliche ab 14 Jahren und Erwachsene.
June ist eine Außenseiterin. Die Lehrer interessieren sich zu sehr für sie und wollen wissen, wie es ihr geht. Die Mitschüler*innen zu wenig. Sie lebt außerhalb auf dem Land in einem Cottageähnlichen Haus mit ihrem Vater. Ihre Mutter ist seit langer Zeit verstorben. Um ihre eine Möglichkeit zu bieten, dennoch weiterhin mit ihr zu sprechen, hat Junes Vater eine Telefonzelle im verwilderten Garten errichtet. Während June früher fast täglich
dort an dem Telefon mit der Schnur, das aber nirgendwo angeschlossen ist, mit ihrer Mutter geredet hat, ist es nach und nach weniger geworden. Nur noch von besonders außergewöhnlichen Ereignissen erzählt sie ihr. “Es ist was echt Komisches passiert. Nachdem ich in der Bibliothek war und mich von Ryan verabschiedet hatte, bin ich beinahe von einem Auto angefahren worden. Ich bin wohl hingefallen und hab mich am Kopf verletzt. Und als ich im Krankenhaus wieder aufgewacht bin, waren alle ganz aufgeregt, obwohl ich nur eine kleine Gehirnerschütterung hatte und eine Kopfplatzwunde.” (Zitat aus “Herzklangstille” S.19) An den Unfall selbst kann June sich nicht mehr erinnern, auch nicht, an das, was kurz vorher passiert ist. Ihr Vater gibt ihr auf ihre Fragen eher ausweichende Antworten. Ihre Mutter leider gar keine. Ebenfalls als June ihrer Mutter von ihrem Liebeskummer erzählt, erhält sie keine
Antwort. “Ich weiß gar nicht, warum ich überhaupt noch anrufe. Das wird mein letzter Versuch sein, mit dir zu sprechen. Was ich brauche, ist jemand, der mit mir redet, der mir einen Rat gibt. Oder zumindest jemand, der mir sagte: “Dieser Ryan ist ein verdammtes Arschloch!”” (Zitat S.24) Doch dann erwidert eine männliche Stimme plötzlich genau das “Dieser Ryan ist ein verdammtes Arschloch!”. Zunächst glaubt June an einen schlechten Scherz, wittert Ryan oder einen seiner Freunde in ihrem Garten. Doch da ist niemand. Also beginnt sie sich mit dem Jungen zu unterhalten. Er heißt Lucas, liebt Gedichte und hat einen Bruder, von dem er öfters erzählt. Bald freut sich June richtig auf die Telefonate mit Lucas, obwohl es rein technisch eigentlich gar nicht möglich sein kann, dass sie miteinander sprechen können. Aber dann gibt es da auch noch diesen anderen Jungen mit der Kapuzenjacke, den sie das erste Mal an einer Bushaltestelle getroffen hat. Der vor ihr geflüchtet ist. “Ich war es gewohnt, nicht gerade beliebt zu sein. Meine Mitschüler
fanden mich schon immer seltsam und wichen mir aus. Aber, dass mich jemand, den ich überhaupt nicht kannte, derart hasserfüllt anstarrte und sogar weglief, weil es es offensichtlich nicht in meiner Gegenwart aushielt, war neu.” (Zitat S.45) Auch ihm kommt June allmählich näher. Bis ihr plötzlich etwas Erschreckendes klar wird…
Ein bezaubernders Cover, der Farbschnitt — wunderschön und passend gemacht. Auch wenn man ganz klar sagen muss, dass das Design des Buches (sogar das Schriftbild ist gleich) auf den TikTok-Erfolgstitel “Bleib bei mir, Sam” anspielt, den wohl ähnlichsten Vergleichstitel. Der Roman wird von einer besonders poetischen Widmung eingeleitet: “For my ghost/ Noch immer/ Brennt/ Dein Schweigen/ In meiner/ Herz/ Klang/ Stille” (Zitat S.5) und beginnt mit einem “Prolog, London im Frühjahr”, aus der Sicht eines Jungen namens Co
le geschrieben, der einem anderen Jungen beisteht, der einem Mädchen einen Liebesbrief überreichen will. Dann passiert ein Unfall. “Bremsen quietschen. Der Aufprall von Körper auf Metall, auf Asphalt. Mein Schrei. Mein Herz. So laut. So laut. So LAUT! Dann folgte Stille.” (Zitat S.9) Danach beginnt der Haupteil mit “Cottage Garden, 12 Jahre zuvor *JUNE Im August, 105 Tage ohne dich” Hierbei werden jeweils “Telefonate” von June mit ihrer Mutter beschrieben: “Hallo, Mama! Schau mal, was Papa und ich gebaut haben, eine echte Telefonzelle! Super, was? Papa sagt, dass früher alle Menschen mit solchen komischen Schnurdingern telefoniert haben und gar nicht über Handys, weil die hatten nämlich noch keine.” (Zitat S.10) Ein Telefonat folgt dem anderen und es gibt einige Zeitsprünge wie zum Beispiel: “*JUNE Im Oktober, 536 Tage ohne dich” und “*JUNE Im September, 4514 Tage ohne dich”. Bis ihr schließlich Lucas das erste Mal antwortet, hier wechselt der Erzählstil von reinen Monologen/einseitgen Telefonaten über in einen normalen Erzähltext, der aus Junes Sicht in der Ich-Perspektive geschrieben ist. Hinzu kommt später noch Coles Perspektive. Die Zusammenhänge zwischen June, Lucas und Cole hat man recht schnell erspürt. Diese Konstellation ist sehr faszinierend. Ein Mädchen zwischen zwei Jungs, der eine tot, der andere höchst lebendig, aber
äußerst abweisend ihr gegenüber. Besonders die Nebencharaktere wie Pops zum Beispiel sind überaus brillant gezeichnet. Auch die Idee mit dem “Geisterdinner” ist erfrischend anders. Die Sprache ist sehr angenehm, teils mit tollen Bildern versehen: “June… Ich hatte sie noch nie so genannt. Es schien mir zu nett, sie bei einem Namen zu nennen, der nach Frühling und Sonnenschein klang, während sie nach Winter aussah und den Tod brachte.” (Zitat S.118). Aber auch frech und direkt: “Der Spätsommer war in den Herbst abgesoffen.” (Zitat S.125) Das Setting von “Herzklangstille” ist allgemein sehr gelungen, bietet eine besondere Art der Trauerbewältigung, die ungewöhnlich, aber passend scheint: “Meine Eltern haben mal eine Reise nach Japan gemacht und irgendwo in der Wildnis stand plötzlich eine Telefonzelle. Die Einheimischen nannten es “Das Telefon des Windes”. Leute aus allen Ecken des Landes kamen dorthin, um sich von ihren Toten zu verabschieden, letzte Worte auszusprechen oder einfach nur, den Kontakt zu einem geliebten Menschen aufrechtzuerhalten. Mama fand den Gedanken wunderschön, und nachdem sie gestorben war, hat Pops sich daran erinnert. Er hat mir das Telefon geschenkt, damit ich mit Mama sprechen konnte…” (Zitat S.131) Diese Telefonzelle gibt es in Japan übrigens wirklich! Die Liebesgeschichte ist authentisch und schön erzählt und auch das Ende ist stimmig.
Dir gefällt Julia Dessalles Erzählstil? Sie hat noch eine Fantasy-Reihe geschrieben namens “Rubinsplitter”. Eine bereits erwähnte
Lesealternative ist “Bleib bei mir, Sam” von Dustin Thao. Woran ich jedoch auch sofort beim Lesen denken musste, ist “Meine Liebe ist jetzt” von Liz Kessler. Hier trifft eine Jugendliche ebenfalls auf den Geist eines verstorbenen Jungen und kommt in der echten Welt außerdem seinem Bruder näher. Liebesgeschichten mit Geist wären außerdem: “Solange du da bist” von Marc Levy, “Solange du schläfst” von Antje Szillat, “Wo immer du bist” von Cylin Busby und sehr gelungen: “Jessicas Geist” von Andrew Norris. Ein perfekte Alternative ist außerdem “Die Telefonzelle am Ende der Welt” von Laura Imai Messina, welche die “Original-Telefonzelle” in Japan thematisiert. Drei berührende Roman über Trauerbewältigung sind “Wie viel Leben passt in eine Tüte” von Donna Freitas (wurde mehrmals neu aufgelegt!), “Die Stille meiner Worte” von Ava Reed und “Was uns bleibt ist jetzt” von Meg Wolitzer.
Bibliografische Angaben:Verlag: Arctis ISBN: 978-3-0388-0073-6 Erscheinungsdatum: 17.August 2023 Einbandart: Hardcover Preis: 20,00€ Seitenzahl: 368 Übersetzer: - Originaltitel: - Originalverlag: - Originalcover: -
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Verlag: Arctis
ISBN: 978-3-0388-0073-6
Erscheinungsdatum: 17.August 2023
Einbandart: Hardcover
Preis: 20,00€
Seitenzahl: 368
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