Judith Burger — Nachrichten aus dem Inneren der Katze

9.März 2026

“Nach­rich­ten aus dem Inne­ren der Kat­ze” ist ein Roman der deut­schen Autorin Judith Bur­ger und ihr ers­tes Jugend­buch. Für die 17-jäh­ri­ge Syl­vie ist Gell­ro­de ein Kaff, das sie mög­lichst schnell ver­las­sen möch­te. Des­halb jobbt sie in dem orts­an­säs­si­gen Kunst­mu­se­um. Doch dann wird ein Bild geklaut: “Nach­rich­ten aus dem Inne­ren der Kat­ze” und der fie­se Mueums­di­rek­tor Brun­se ent­lässt sie. Aber war­um zeigt er den Dieb­stahl nicht an? Dann taucht auch noch der char­man­te Paul auf, in den Syl­vie sich ein wenig ver­guckt. Was für eine gehei­me Mis­si­on hat er und war­um ver­hält sich ihre Tan­te Käthe plötz­lich so selt­sam? Ein sehr sen­si­bel erzähl­ter Coming-of-Age-Roman, eine Suche nach der eige­nen Iden­ti­tät, ein Kunst­kri­mi und eine Fami­li­en- und Lie­bes­ge­schich­te zugleich. Mit einer glas­kla­ren, punkt­ge­nau­en Spra­che und per­fekt getrof­fe­nen Gefühls­bil­dern schafft es die Autorin dem Innen­le­ben einer Her­an­wach­sen­den auf authen­ti­sche Wei­se Aus­druck zu ver­lei­hen. Der beson­de­re Roman für Jugend­li­che ab 12 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwachsene.

Lang­wei­lig ist es in dem Kaff Gells­ro­de. Ein­tö­nig. Jeder kennt jeden. Es pas­siert nichts Neu­es. Das fin­det die 17-jäh­ri­ge Syl­vie. Des­halb will sie so schnell wie mög­lich weg von hier. Am bes­ten schon vor dem Abitur, aber da spie­len ihre Eltern nicht mit, denen der Schul­ab­schluss sehr wich­tig ist. Was Syl­vie machen will und wohin sie gehen will, das weiß sie noch nicht, aber Geld braucht sie auf jeden Fall, um auf alle Even­tua­li­tä­ten gerüs­tet zu sein. Dar­um jobbt sie jetzt in den Win­ter­fe­ri­en in einem Kunst­mu­se­um, auch wenn sie den Direk­tor Brun­se nicht wirk­lich mag, eben­so wie ihre Tan­te Käthe, die irgend­wel­che tie­fer­ge­hen­de Dif­fe­ren­zen mit die­sem hat, es aber den­noch geschafft hat ihr die­sen Job zu ver­mit­teln. Tan­te Käthe ist tat­säch­lich gar nicht ihre Tan­te, aber eine Bekann­te ihrer Eltern, die bei­de im sich abwech­seln­den Schicht­dienst im Kran­ken­haus arbei­ten und die­se hat schon oft auf Syl­vie auf­ge­passt. Auch wenn sie — die gleich­zei­tig Künst­le­rin ist — manch­mal ein wenig ver­schro­ben ist. “Hier ist es ein­fach nur lang­wei­lig. Des­we­gen gehe ich gera­de­wegs zu Tan­te Käthe nach Hau­se, sie ist nicht lang­wei­lig, son­dern spe­zi­ell. Tan­te Käthe sitzt mit ver­schränk­ten Armen in ihrer Küche, so als wür­de sie dahin­ter was ver­ber­gen.” (Zitat aus “Nach­rich­ten aus dem Inne­ren der Kat­ze” S.12) Doch dann pas­sie­ren zwei Din­ge, die Grell­ro­de plötz­lich ganz anders und auf­re­gend wir­ken las­sen. Ers­tens: ein Bild wird im Muse­um geklaut. Ein Bild, das Syl­vie sogar gefällt. “Völ­lig zu Recht hat es eine gan­ze Wand für sich allein. Es heißt Nach­rich­ten aus dem Inne­ren der Kat­ze. Und nein, es ist kei­ne Kat­ze auf dem Bild. Da ist nicht wirk­lich was zu sehen, nur Far­be. Aber trotz­dem guckt es zurück. Ich weiß: Ein Bild kann nicht gucken. Aber wenn man davor­steht, wird es in einem drin ganz weit.” (Zitat S.9ff) Die Alarm­si­che­rung im Mue­se­um greift lei­der nur für ein Kunst­werk von van Gogh, alle ande­ren Bil­der sind nicht alarm­ge­si­chert. Aber anstatt die Poli­zei zu rufen, behält Mueums­di­rek­tor Brun­se den Dieb­stahl für sich und ent­lässt Syl­vie, die er dafür ver­ant­wort­lich macht. “Sie kön­nen gehen.” “Sie schmei­ßen mich raus?” “Was denn sonst! Gleich mor­gen fängt hier jemand an, der den Job zehn Mal bes­ser macht als Sie!”! Oh, es gibt schon Ersatz für mich? Das ging ja schnell.” (Zitat S.11) Und zwei­tens: Paul taucht auf. Syl­vie lernt ihn in der Burg ken­nen, in der sie dar­auf­hin Punsch an Tou­ris­ten aus­schenkt. “Ich weiß nicht, wann ich zuletzt jeman­den getrof­fen habe, der Sachen sagt, mit denen man nicht rech­net und die so wahn­sin­nig klug klin­gen und gleich­zei­tig so, als hät­te ich sie gesagt.” (Zitat S.35) Paul ist toll. In den kann man sich schon gut ver­gu­ckenKasimira. Doch dann ist aus­ge­rech­net er es, der Syl­vies Job im Muse­um über­nom­men hat. Und was hat Paul für eine selt­sa­me Mis­si­on, über die er nicht spre­chen kann?

Der Roman mit dem grü­nen Hin­ter­grund und der auf­fäl­li­gen Kat­ze sticht her­vor. Aber das Gran­dio­ses­te ist der Titel, unter dem man sich zunächst gar nichts vor­stel­len kann, der das gestoh­le­ne Kunst­werk bezeich­net, aber auch inner­halb der Geschich­te inhalt­lich auf­ge­grif­fen wird. Das Buch ist in zwei Tei­le auf­ge­teilt und die ein­zel­nen Sei­ten sind immer wie­der gra­fisch mit einem Faden ver­bun­den, wer­den aber auch optisch manch­mal unter­bro­chen, wenn es Rück­blen­den gibt oder die Haupt­fi­gur ihren Erzähl­fa­den ver­liert, was sehr geschickt gemacht ist. Die Prot­ago­nis­tin, ihre Art zu den­ken, ihre von viel Klug­heit durch­zo­ge­nen Gedan­ken­gän­ge und ihre scharf­sin­ni­ge Beob­ach­tungs­ga­be, das sind die gro­ßen Stär­ken des Romans. “Jetzt wird erst mal geges­sen”, sagt sie. Jetzt wird erst mal ist ein Satz­an­fang der Ver­nich­tung. Er täuscht von hin­ten links an mit der Ansa­ge, es gäbe viel zu tun, und zieht dann rechts vor­bei, indem er alles auf­schiebt. Am Ende ist nichts erle­digt und alles bleibt offen. Also essen wir. Das muss jetzt sein. Unbe­dingt. Ein Tel­ler Sup­pe aus der Dose dul­det kei­nen Auf­schub. Ich muss lachen. Mama schaut mich irri­tiert an.” (Zitat S.25) Syl­vie ist authen­tisch, greif­bar und als Cha­rak­ter sehr fein­füh­lig skiz­ziert. Die Spra­che von Judith Bur­ger ist zudem auf den Punkt gebracht. Vie­le kur­ze Sät­ze rei­hen sich anein­an­der. Viel Klar­heit und Schlich­heit, aber auch viel Tie­fe und Raum zwi­schen den Zei­len. Dazu ver­wen­det sie eine Viel­zahl von äußerst krea­ti­ven Bil­dern, um die Emp­fin­dun­gen ihrer Haupt­fi­gur noch tref­fen­der in Wor­te zu fas­sen. “Ich wür­de auch lie­ber wie­der gehen. Aber es ist etwas pas­siert. Etwas Schreck­li­ches. In mei­nem Kopf löst sich gera­de eine Brau­se­ta­blet­te auf. Kei­ne Chan­ce für kla­res Den­ken.” (Zitat S.7) Aber auch für banals­te Beob­ach­tun­gen fin­dest sie ein­dring­li­che Beschrei­bun­gen. “Die Grill­hühn­chen-Ver­käu­fe­rin ist knall­rot im Gesicht, trinkt einen Schluck Pro­sec­coa aus einer Dose und schmeißt eine glim­men­de Kip­pe durch das Ver­kaufs­fens­ter in den Schnee. Dort japst die Kip­pe noch ein­mal, dann ist sie tot.” (Zitat S.21) Nicht nur das ver­schwun­de­ne Kunst­werk, son­dern auch Paul, brin­gen Cha­os in Syl­vies Leben. Sor­gen für die Abwechs­lung, nach der Syl­vie sich schon immer gesehnt hat. “Und er guckt wirk­lich ganz schön ver­zwei­felt, die­ser Paul. Mit einem durch­ein­an­der­ge­ra­te­nen Leben. Ganz anders als bei mir. Mein Leben ist ein Line­al.” (Zitat S.62) Doch die neu­en, unge­wohn­ten Auf­re­gun­gen stel­len zugleich auch eine Her­aus­for­de­rung für die jun­ge Prot­ago­nis­tin dar. Las­sen sie an ihre Gren­zen kom­men, als sie eines Nachts Hals über Kopf in einen Zug steigt und Grells­ro­de ver­lässt, um einen kla­ren Kopf zu bekom­men. “Nach­rich­ten aus dem Inne­ren der Kat­ze” ist auch eine Sinn­su­che — Wo will ich hin? Wer will ich sein? Mit wem will ich sein? Hier­zu macht sich Syl­vie manch höchst phi­lo­so­phi­sche Gedan­ken. “Ich bin sieb­zehn Jah­re, ich habe auch schon ein klei­nes frü­her, mei­ne Kind­heit. Aber im Moment ist für mich doch eher das mor­gen wich­tig. Was mit Paul wird. Ob ich aus Grell­ro­de weg­ge­he. Oder nicht? Viel­leicht wird das so, dass, je älter man wird, die­ses frü­her immer wich­ti­ger wird? Weil sich da immer mehr anhäuft. Ein ganz schön gro­ßer Berg ist die­ses frü­her.” (Zitat S.123) Neben der Lie­bes­ge­schich­te spielt auch die Fami­lie eine wich­ti­ge Rol­le und ein gut gelüf­te­tes Geheim­nis tritt noch zuta­ge, dass das Leben eini­ger Per­so­nen grund­le­gend ver­än­dern wird. Das Ende ist rund und schlüssig.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Gerstenberg
ISBN: 978-3-8369-6354-1
Erscheinungsdatum: 26.Januar 2026
Einbandart: Hardcover
Preis: 16,00€
Seitenzahl: 176


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(4,5 von 5 mög­li­chen Punkten)

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