John Schu — Louder Than Hunger

17.Februar 2025

“Lou­der than Hun­ger” ist ein Roman des ame­ri­ka­ni­schen Autoren John Schu, wel­cher von sei­nen eige­nen Erfah­run­gen als Teen­ager beein­flusst wur­de. Er erzählt die Geschich­te des 13-jäh­ri­gen Jakes, der unter Mager­sucht lei­det, sich dies aber nicht ein­ge­ste­hen will. Er, der in der Schu­le gemobbt wird und am liebs­ten wenig Raum ein­neh­men möch­te, hat eine äußerst lau­te Stim­me in sei­nem Kopf. Eine, die lau­ter als der Hun­ger ist und die ihm sagt, dass er absto­ßend sei und kein Essen ver­die­ne. Schließ­lich lan­det Jake in einer Kli­nik, die er lan­ge Zeit nicht ver­las­sen darf. Bis er all­mäh­lich anfängt, zu hei­len und der Stim­me in sei­nem Kopf etwas ent­ge­gen­zu­set­zen… Ein Vers­ro­man, der mit viel Gestal­tungs­frei­heit und weni­gen Wor­ten pro Sei­te daher­kommt, der unheim­lich ergrei­fend und ein­schla­gend ist. Inten­siv, sprach­ge­wal­tig und ein­dring­lich geschrie­ben. Eine Geschich­te, die wirk­lich unter die Haut geht! Für Jugend­li­che ab 12 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwachsene.

Der 13-jäh­ri­ge Jake ist ein Außen­sei­ter. In der Schu­le wird er gemobbt. Freun­de hat er kei­ne. Sei­ne Mut­ter ist stän­dig trau­rig und sein Vater nie da. Dafür ist aber sei­ne Groß­mutter wie eine bes­te Freun­din für ihn. Jedes Wochen­en­de darf Jake bei ihr ver­brin­gen — das High­light sei­ner Woche. Vor allem die Lie­be zu KasimiraMusi­cals ver­bin­det ihn und sei­ne Groß­mutter. Doch bei einer Sache lügt Jake auch sei­ne Groß­mutter an. Beim Essen. Denn er isst nicht mehr viel. Will wenig Raum ein­neh­men und fürch­tet sich vor jedem Gramm, das er zuneh­men könn­te. Und da ist auch die­se lau­te Stim­me in sei­nem Kopf, die ihm immer wie­der sagt, was er tun soll. “Die Stim­me sagt:/ DU DARFST KEINE SPAGHETTI ESSEN./ Ich ver­su­che, sie nicht zu beachten./ Ich lau­fe in der Küche auf und ab/ und wie­der­ho­le in mei­nem Kopf:/ Du darfst Spa­ghet­ti essen./ Du darfst Spa­ghet­ti essen./ Du darfst Spa­ghet­ti essen./ Die Stim­me sagt: DU DARFST KEINE SPAGHETTI ESSEN./ Ich wer­fe die Spa­ghet­ti in den Müll.” (Zitat aus “Lou­der Than Hun­ger” S.52ff) Dass er eine Ess­stö­rung haben könn­te, leug­net er. Doch dann ruft eine Frau aus dem Senio­ren­heim, der Jake regel­mä­ßig vor­liest, sei­ne Mut­ter an und beich­tet ihm ihre Sor­gen. Und schließ­lich kommt Jake in eine Kli­nik. Dort will er nicht sein. Er will auch nicht essen und beim The­ra­pie­pro­gramm mit­ma­chen. Er ist schließ­lich nicht krank. Erst all­mäh­lich lernt er Ver­trau­en zu einer ande­ren Pati­en­tin zu fas­sen und auch zu sei­nen The­ra­peu­ten. Aber dann geht es sei­ner Groß­mutter plötz­lich immer schlechter…

Das Cover fällt auf, der zer­bro­che­ne Tel­ler und der Titel deu­ten bereits das The­ma an. John Schu schreibt in sei­ner Wid­mung unter ande­rem: “Für mein drei­zehn­jäh­ri­ges Ich, das ein Buch wie die­ses gebraucht hät­te.” (Zitat S.5) und auch die Autorin Kate DiCa­mil­lo, die ein Vor­wort geschrie­ben hat, weist auf die Wich­tig­keit des Romans hin: “Jakes Geschich­te wird dich ver­än­dern. Viel­leicht stellst du fest, dass auch du jeman­dem dein Herz zei­gen, jeman­dem die Wahr­heit sagen willst. Dei­ne Geschich­te zu erzäh­len kann dein Leben ret­ten. Viel­leicht auch das Leben von jemand ande­rem. Jake weiß das. John Schu weiß das. Des­halb hat er die­ses Buch geschrie­ben. Für dich.” (Zitat S.7) Das Buch spielt im Jahr 1996 (bis 1998), ist durch­ge­hend aus Jakes Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve geschrie­ben und ist in Kapi­tel ein­ge­teilt, die meist kur­ze Titel tra­gen, spä­ter aber auch nur die Tage her­un­ter­zäh­len, die Jake in der Kli­nik ver­brin­gen muss. “Lou­der Than Hun­ger” wirkt rela­tiv umfang­reich (528 Sei­ten), liest sich aber als Vers­ro­man tat­säch­lich rela­tiv schnell. Gefühlt ist man nur am Umblät­tern, da man­che Sei­ten mit wirk­lich weni­gen Wör­tern und viel Zei­len­ab­stand gefüllt sind. Zudem sind die Wör­ter oft sehr kunst­voll arran­giert. Da wird groß, klein, eng zusam­men und weit aus­ein­an­der geschrie­ben. Alles pas­send zur Bedeu­tung der jewei­li­gen Stel­le. Auch mit Wort­wie­der­ho­lun­gen spielt der Autor: “Ich zwin­ge zwin­ge zwin­ge zwin­ge zwin­ge zwin­ge zwin­ge zwin­ge zwin­ge zwin­ge zwin­ge zwin­ge zwin­ge zwin­ge zwin­ge zwin­ge zwin­ge zwin­ge zwin­ge zwin­ge zwin­ge zwin­ge zwin­ge zwin­ge zwin­ge zwin­ge zwin­ge zwin­ge DIE EIER UND DAS MÜSLI HINUNTER und die Stim­me schreeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiitt­t­tt. Zwan­zig Minu­ten spä­ter Als Ruth mich zurück/ auf die Jugen­sta­ti­on bringt,/ füh­le ich, wie meine/ Arme,/ Beine/ und mein/ Bauch D I C K E R   W  E  R  D  E  N.” (Zitat S.106) Und vor allem die Stim­me, die Jake immer wie­der in sei­nem Kopf wahr­nimmt, wird gra­fisch per­fekt dar­ge­steltl und fett gedruckt. Die Stim­me, die er schon seit der sieb­ten Klas­se hört: “Sie/ ist/ lauter/ als/ der/ Hunger/ in/ meinem/ Bauch.” (Zitat S.22ff) Auch Dia­lo­ge wer­den nur mit dem Namen der jewei­li­gen Per­son und einem Dop­pel­punkt ein­ge­lei­tet. Dass Jake Hil­fe braucht, wird ihm immer wie­der bewusst. Er berich­tet einer Engelsta­tue im Park, die er “Frie­den” nennt, bei­spiels­wei­se sei­ne Geheim­nis­se: “Frie­den, ich habe heu­te unter Trä­nen einen Apfel gegessen./ Frie­den, ich habe Grand­ma heu­te drei­mal angelogen./ Frie­den, mir fal­len die Haa­re aus./ Frie­den, auf mei­nen Schul­tern wächst wei­cher Flaum./ Frie­den, war­um bestra­fe ich mich?/ Frie­den, ich habe die Kon­trol­le verloren./ Frie­den, ich habe Angst./ Frie­den, ich brau­che Hil­fe.” (Zitat S.61ff) Doch bis Jake es tat­säch­lich zulässt, sich zu öff­nen, dau­ert es eine Wei­le. Die­ser Pro­zess, aber auch sei­ne Emp­fin­dun­gen in Bezug auf die Krank­heit wer­den äußerst inten­siv und bewe­gend geschil­dert. “Lou­der Than Hun­ger” geht an die Sub­stanz. Ist ein Buch, das man so schnell nicht ver­ges­sen wird. Und den­noch eines, das letz­ten Endes Hoff­nung macht. Dass zeigt, dass Hei­lung mög­lich ist und dass vie­les Zeit und Geduld und lie­be­vol­le Men­schen um sich her­um, aber auch Selbst­für­sor­ge und Akzep­tanz braucht. Im Anhang wer­den noch Hil­fe­mög­lich­kei­ten für Betrof­fe­ne genannt.

Es gibt unzäh­li­ge Roma­ne über Ess­stö­run­gen im Jugend­buch, aller­dings domi­nie­ren hier wirk­lich die Mäd­chen als Prot­ago­nis­tin. Jungs mit einer Ess­tö­rung im Jugend­buch, das gibt es kaum. Du könn­test hier­zu zum Bei­spiel das bewe­gen­de “Dün­ner als du denkst” von Chris­ti­ne Fehér lesen. Oder die “Heart­stop­per”-Rei­he von Ali­ce Ose­man (Comic­ro­man), in Band 4 der ReLesealternativenihe spielt auch eine Ess­stö­rung bei einem Jun­gen eine Rol­le. Ansons­ten gibt es (für Mäd­chen) unheim­lich viel Aus­wahl im Jugend­buch: Lies zum Bei­spiel von Jana Frey “Luft zum Früh­stück”, von Bri­git­te Blo­bel “Mei­ne schö­ne Schwes­ter” und von Bir­git Schlie­per “Her­zens­sucht”. Etwas lite­ra­ri­scher sind “Win­ter­mäd­chen” von Lau­rie Hal­se Ander­son, „Und auch so bit­ter­kalt“ von Lara Schütz­sack, “Was fehlt, wenn ich ver­schwun­den bin” von Lily Lind­ner (bril­lant! mit auto­bio­gra­fi­schen Zügen) und “Hel­lo Paris” von Catha­ri­na Gei­sel­hart. Gut gefie­len mir auch “Zer­trenn­lich” von Saskia Sar­gin­son und “Stone girl” von Alys­sa B.Sheinmel. In einer Kli­nik spie­len eben­so die­se Bücher: “Nichts leich­ter als das” von Mar­nel­le Tokio, “Mein Lol­li­mäd­chen-Ich” von Chris­ti­na Hel­mis (auto­bio­gra­fisch), “Heu­te will ich leben” von Nora Pri­ce (sehr bewe­gend!), “Das Lächeln der Lee­re” von Anna Sofia Höpf­ner (die­ses beschreibt vor allem den Pro­zess der Hei­lung), “Alles so leicht” von Meg Has­ton (dra­ma­tisch und schmerz­haft, mit auto­bio­gra­fi­schen Zügen) und “Mein Som­mer auf dem Mond” von Adria­na Popes­cu. Oder lies „Engel haben kei­nen Hun­ger“ von Bri­git­te Bier­mann, wel­ches rück­bli­ckend von einem Mäd­chen erzählt, das an ihrer Ess­stö­rung gestor­ben ist.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Fischer Sauerländer
ISBN: 978-3-7373-4397-8
Erscheinungsdatum: 29.Januar 2025
Einbandart: Hardcover
Preis: 19,90€
Seitenzahl: 528
Übersetzer*in: Maren Illinger
Originaltitel: "Louder Than Hunger"
Originalverlag: Candlewick

Amerikanisches Originalcover: 

Kasimira auf Instagram:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kasimiras Bewertung:

110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw 110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw

(4,5 von 5 mög­li­chen Punkten)

Schreibe einen Kommentar

WordPress Cookie Plugin von Real Cookie Banner