John Boyne — Mein Bruder heißt Jessica

Kasimira27.September 2020

Mein Bru­der heißt Jes­si­ca” ist der neu­es­te Roman des iri­schen Best­sel­ler­au­toren John Boy­ne (“Der Jun­ge im gestreif­ten Pyja­ma”). Über ein Tabu­the­ma, das in den letz­ten Jah­ren immer mal wie­der im Jugend­buch auf­taucht: Trans­se­xua­li­tät. Ein Jun­ge, der sich als Mäd­chen fühlt und sich outet. Inter­es­sant und fas­zi­nie­rend, weil nicht aus sei­ner Per­spek­ti­ve, son­dern aus der des jün­ge­ren Bru­ders erzählt. Ein­fühl­sam, mit­rei­ßend und mal wie­der bril­lant geschrie­ben. Für Jugend­li­che ab 12 Jah­ren und Erwach­se­ne.

Der nun 13-jäh­ri­ge Sam liebt sei­nen Bru­der Jason über alles. Denn Jason, der vier Jah­re älter ist, ist immer für ihn da. Wäh­rend ihre Eltern poli­tisch sehr ein­ge­bun­den sind — die Mut­ter ist Minis­te­rin, der Vater ihr Pri­vat­se­kre­tär — haben sich oft Au-Pairs um die Kin­der geküm­mert. Mei­ne Mut­ter sagt näm­lich, wenn sie ihren Wäh­lern nicht den Vor­rang gibt, ent­schei­den die sich bei der nächs­ten Wahl für die ande­re Par­tei, und dann geht das gan­ze Land vor die Hun­de. Und Dad sagt, es ist wich­tig, dass Mum immer mit einem gewal­ti­gen Vor­sprung gewinnt, wenn sie auf der Kar­rie­re­lei­ter noch wei­ter nach oben klet­tern will.” (Zitat aus “Mein Bru­der heißt Jes­si­ca” S.11) Erst als Sam zehn wur­de, und Jason 14, durf­te er alleinKasimiraauf Sam auf­pas­sen. Sogar das Lesen hat er regel­mä­ßig mit ihm geübt, da Sam eine Lese­schwä­che hat und dabei eine Engels­ge­duld an den Tag gelegt: “Er hat nie geschimpft oder gesagt: “Lies doch ein­fach, was auf der blö­den Sei­te steht”, wie Dad das immer mach­te, und er sag­te ganz oft: “Irgend­wann wird das garan­tiert bes­ser, ver­spro­chen.” Er hilft mir, hat er gesagt und er wird immer für mich da sein, denn schließ­lich sind wir Brü­der, und nichts kann uns tren­nen.” (Zitat S.20) Als sie in er Schu­le einen Auf­satz über Men­schen schrei­ben sol­len, die sie bewun­dern, schrei­ben Sams Klas­sen­ka­me­ra­den über Kate Middlton, David Beck­ham, J.K. Row­ling oder Barack Oba­ma; Sam aber schreibt über sei­nen Bru­der. Doch in letz­ter Zeit ist Jason irgend­wie komisch gewor­den. Manch­mal sperrt er sich den gan­zen Nach­mit­tag über in sei­nem Zim­mer ein, hat ver­heul­te Augen und will nicht Kasimiradar­über reden. Doch eines Tages rückt er her­aus mit sei­nem Geheim­nis. Dass er sich nicht als Jun­ge, son­dern als Mäd­chen fühlt. Und das ver­än­dert alles.…

Das Regen­bo­gen­far­be­ne Cover ist hin­sicht­lich der The­ma­tik per­fekt gewählt, dazu die Sym­bo­lik auf den zwei Buch­sta­ben, die für das männ­li­che und weib­li­che Geschlecht ste­hen, das ist sehr gut arran­giert. John Boy­ne hat sich einem Tabu­the­ma in der Jugend­li­te­ra­tur ange­nom­men. Im Nach­wort gibt er an, auch mal etwas schrei­ben zu wol­len, über das er sich nicht aus­kennt. Dass er nicht weiß, wie es sich anfühlt trans­gen­der zu sein. Aber er weiß, wie es sich anfühlt anders zu sein: “Als ich so alt war wie Sam, merk­te ich, dass ich schwul bin, und die­se Erkennt­nis hat mir gro­ße Angst ein­ge­jagKasimirat. Ich habe mit nie­man­dem dar­über gere­det, weil ich mir nicht vor­stel­len konn­te, dass irgend­je­mand mich ver­steht. Als ich so alt war wie Jes­si­ca, woll­te ich mei­ne sexu­el­le Ori­en­tie­rung noch immer nicht wahr­ha­ben” (Zitat S. 253ff) Erst drei Jah­re spä­ter schafft er es sich zu outen. Gera­de bei sei­nem Roman die Erzähl­per­spek­ti­ve des jün­ge­ren Bru­ders zu ver­wen­den, statt des Tran­se­xu­el­len selbst, ist sehr raf­fi­niert und gibt auf das The­ma noch einen ganz ande­ren Ein­blick. “Sie wuss­ten Bescheid. Alle wuss­ten jetzt Bescheid. Ich stand auf und rann­te aus dem Zim­mer. Dabei wäre ich fast über mei­ne eige­ne Tasche gestol­pert. Hin­ter mir hör­te ich Geläch­ter. […] In dem Moment war ich fel­sen­fest davon über­zeugt, dass mein Leben zu Ende war. Und schuld dar­an war mein Bru­der Jason.” (Zitat S.57) Für Sam bricht eine Welt zusam­men, als sein BrKasimirauder sich durch die Offen­ba­rung sei­nes Geheim­nis­ses plötz­lich von ihm ent­fernt. Eigent­lich möch­te er nur, dass alles nor­mal bleibt. Eben­so wie sei­ne Eltern, die ihn sofort zu einem Psy­cho­lo­gen zer­ren und von Elek­tro­schocks und medi­ka­men­tö­ser Behand­lung spre­chen. Was mir in “Mein Bru­der heißt Jes­si­ca” aber vor allem sehr gut gefal­len hat, sind die tol­len authen­ti­schen, erfri­schend ande­ren Cha­rak­te­re, so wie zum Bei­spiel der Fuß­ball­coach oder die kar­rie­re­be­ses­se­nen Eltern der bei­den: “Für Mum und mich wür­de es sich sehr gut machen, wenn du in einem Pro­fi-Club spielst. Die Wäh­ler lie­ben so was.” “Aber ich will es nicht!”, beharr­te Jason, “Ich möch­te nur zum Spaß spie­len.” Zum Spaß?”, wie­der­hol­te Dad und starr­te ihn an, als hät­te er eine Fremd­spra­che gespro­chen. “Du bist zehn Jah­re alt, Jason! Glaubst du ernst­haft, im Leben geht es um Spaß?” (Zitat S.15), Eine Kasimiraunter­schwel­li­ge Iro­nie liegt auf so vie­len Tei­len der Geschich­te, aber auch eine gro­ße Emo­tio­na­li­tät. Eine Angst vor Ver­än­de­rung. Ein Fest­hal­ten­wol­len: “Weil unse­re Zim­mer direkt neben­ein­an­der­la­gen, hör­te ich manch­mal wie er wein­te, wenn er schla­fen ging, aber ich woll­te trotz­dem nicht zu ihm rüber. Sei­ne Trä­nen mach­ten mir Angst. Ich wünsch­te mir einen star­ken gro­ßen Bru­der. Er war doch immer stark gewe­sen, und ich woll­te nicht, dass er sich ver­än­der­te.” (Zitat S.130ff) Die Spra­che von John Boy­ne ist klar, ein­fach, direkt und schnör­kel­los. Die Geschich­te ver­ein­nahmt einen von Anfang an, lässt einen mit­fie­bern, mit­ban­gen, Und vor allem Hof­fen. Dass Anders­sein gar nicht so schlimm ist. Dass Mut sich letzt­end­lich lohnt. Und dass Akzep­tanz der ers­te Schritt für ein Mit­ein­an­der sein kann. Das Ende ist pas­send (bis auf die Ent­wick­lung von David, die war mir dann doch etwas zu weich­ge­spült;-))

Dir gefällt John Boy­nes Erzähl­stil? Dann lies noch sei­ne ande­ren Jugend­bü­cher, hier chro­no­lo­gisch nach Erschei­nungs­da­tum sor­tiert: “Der Schiffs­jun­ge: Die wah­re Geschich­te der Meu­te­rei auf der Boun­ty”Zu schnell” ( The­ma: Schuld), “Der Jun­ge mit dem Herz aus Holz” (eine Para­bel über den Trost des Erzäh­lens), “Die unglaub­li­chen Aben­teu­er des Barna­by Bro­cket” (The­ma: Anders­sein), So fern wie nah” (The­ma: Ers­ter Welt­krieg). Bekannt wLesealternativenurde John Boy­ne vor allem durch die­ses Buch: “Der Jun­ge im gestreif­ten Pyja­ma”, das auch ver­filmt wur­de und wäh­rend des Natio­nal­so­zia­lis­mus spielt. Sein letz­tes Jugend­buch ist “Der Jun­ge auf dem Berg” — eben­falls mit his­to­ri­schem Kon­text und bril­lant geschrie­ben! Eine Fami­li­en­ge­schich­te mit einer beson­de­ren Leich­tig­keit und unter­schwel­li­gen Iro­nie zu erzäh­len, weiß auch die fran­zö­si­sche Autorin Marie-Aude Murail, wie zum Bei­spiel in “Viel­leicht sogar wir alle” oder “Ein Ort wie die­ser” oder dem bekann­ten “Sim­pel” (eben­falls eine Brü­der­ge­schich­te). Du möch­test mehr über das The­ma Trans­se­xua­li­tät lesen? Her­aus­ra­gend ist eben­so “Geor­ge” von Alex Gino, aus der Sicht eines Jun­gen erzählt, der sich als Mäd­chen fühlt. Die glei­che Per­spek­ti­ve erlebst du in “Zusam­men wer­den wir leuch­ten” von Lisa Wil­liam­son. Genau anders her­um ist es in “Jen­ny mit O” von Karen-Sus­an Fes­sel. Zum The­ma Inter­se­xua­li­tät gibt es eben­so einen Titel der­sel­ben Autorin: “Lie­be macht anders” und von Chris­ti­ne Fehér: “Weil ich so bin”. Gut könn­te ich mir auch “Bus 57” von Dash­ka Sla­ter und “Als ich Aman­da wur­de” von Mer­edith Rus­so vor­stel­len. Und in “Mei­ne Mut­ter, sein Exmann und ich” von T.A.Wegberg möch­te die Mut­ter des Prot­ago­nis­ten zum Mann wer­den.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Fischer
ISBN: 978-3-7373-4219-3
Erscheinungsdatum: 23.September 2020
Einbandart: Hardcover
Preis: 14,00€
Seitenzahl: 256
Übersetzer: Adelheid Zöfel
Originaltitel: "My brother's name is Jessica"
Originalverlag: Puffin

Englisches Originalcover:
Kasimira











John Boyne im Interview zu seinem Buch (auf Englisch):
 

Kasimiras Bewertung:

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(5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

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Englisches Cover: Hompeage von John Boyne

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