Die schwedische Autorin Johanna Nilsson hat mit “Hass gefällt mir” einen Roman geschrieben, der mit (Cyber-) Mobbing und der damit verbundenen Eigendynamik von Gruppen und Selbstjustiz auseinandersetzt. Äußerst realitätsnah und erschreckend. Heftig. Für Jugendliche ab 14 Jahren und interessierte Erwachsene.
Borlänge. Schweden. Die 15-jährige Jonna fühlt sich eher als Außenseiterin, die versucht nicht aufzufallen, um nicht zum “Hackobjekt des Schuljahres” (Zitat aus “Hass gefällt mir” S.12) zu werden. Denn Gemobbt werden, das “…ist kein Vergnügen. Da muss man jederzeit mit Zusammenstößen beim Hallenhockey rechnen oder Kloschüsseltaufe bei gedrücktem Spülknopf. Oder man muss dafür blechen, dass man nicht verkloppt wird, und kann nie sicher sein, dass das Rad nicht einen Platten hat.” (Zitat S.12). Vor ungefähr vier Monaten hat sie jedoch die wunderschöne Gloria kennengelernt, die zwar beim Kastenspringen im Schulsport eine Niete ist, aber genauso ein großer Bücherfan ist wie Jonna. Gloria hat sogar einen eigenen Blog, den jedoch nur Jonna liest. Und sie ist verliebt in den coolen Robin aus der Parallelklasse, den Star der Schule. Beliebt sind die beiden Mädchen nicht unbedingt: sie rangieren
irgendwo “…in der Mitte zwischen Mitte und Nullpunkt. Wer das festgelegt hat, kann ich nicht sagen, es ist einfach so. Die Regel ist irgendwann aus dem Nichts entstanden. Und alle halten sich daran.” (Zitat S.43) Doch dann werden Jonna und Gloria nach dem Luciafest spontan auf eine Party eingeladen. Eine Party, auf der auch Robin und seine Clique ist. Das ist für Gloria, die Robin unbedingt näher kommen möchte, natürlich klasse. Sie hat Robin bereits eine Freundschaftsanfrage über Facebook zugeschickt. Und er hat sie angenommen, nachdem sie ihm gewisse Fotos von sich schickte. Fotos oben ohne. Jonna, die dies überhaupt nicht toll von ihrer Freundin fand, ist auch von der Party nicht sonderlich begeistert. Robin macht sich über einen schwulen Lehrer lustig, den Jonna eigentlich ganz nett findet. Sie möchte gehen. “Komm, wir hauen ab”, sage ich. “Nein”, sagte sie. “Ich will noch bleiben. [..] Ich will mit Robin tanze.” “Er grapscht.” “Das tun alle Jungs. Die sind so. Das muss man ertragen.” “Ich will nicht.” “Dann geh doch!” Ihre Stimme ist hart. Ihr Blick spitz. Ich schlucke, schlucke. Schmirgelpapierhals. Ich gehe. Lachen hinter meinem Rücken.” (Zitat S.54 ff) Jonna ist enttäuscht von ihrer Freundin. Aber etwas ist auf diesem Fest noch passiert. Etwas Schlimmes. Auf einmal tauchen beleidigende Kommentare auf Glorias Blog auf. Auf ihrem Spind steht “Die Hure bläst gut”. Mit Jonna redet Gloria nicht darüber. Sie will das Ganze nur ignorieren. Aber Gloria, die sich mal geritzt und die Schule gewechselt hat, ist anders geworden: “Wir schielen uns von der Seite an. Grinsen. Und jetzt sehe ich, was anders ist. Ihre Augen. Sie sind erloschen.” (Zitat S.70) Und bald kursiert nicht nur ein “Oben ohne”-Foto von Gloria, sondern auch ein Sex-Video von ihr im Netz…
“
Hass gefällt mir” fällt schon durch sein prägnantes Cover auf. Das Wort “Hass” erscheint wie ein Stempel, den man jemandem aufdrückt. Und das ist für den Inhalt des Buches äußerst treffend — vor allem, wenn man betrachtet, dass der Roman in drei Teilen und aus drei Sichten erzählt wird, die jeweils in der Ich-Perspektive berichten. Die zeigen, wie schnell ein Stempel dem einen, und dann dem anderen aufgedrückt werden. Den größten und ersten Teil nimmt dabei Jonna ein, die über ihre Freundschaft zu Gloria und die sich daraufhin ereignenden Geschehnisse erzählt. Dieser Teil wirkt zuerst etwas zäh und langatmig, ehe es schließlich auf die Party zusteuert. Was genau dort passiert ist, erfährt man erst im zweiten Teil, als Robins Perspektive beginnt: “Mir. Einen. Blasen. Für diesen kleinen Dienst habe ich ihr versprochen, die Fotos nicht in Umlauf zu bringen, die sie mir für die Zusage meiner Freundschaft auf Facebook geschickt hat. […] Ich hab am Hinterkopf ihre glänzend weichen Haare gepackt, die geile Hure. Ich weiß, dass es ihr gefallen hat. Auch, Zuschauer zu haben. Molle, Erik, Karro und Isabel waren nämlich dabei. Molle hat das Ganze mit dem Handy gefilmt.” (Zitat S.73) Die Sprache ist nah an der Zielgruppe, umgangssprachlich und direkt. Vor allem die Kommentare der “Hass die Hure”-Gruppe, die auf Facebook gegründet wird, um über Gloria zu lästern, sind sehr derb und heftig. Teilweise werden seitenlange Kommentare aneinandergereiht. Während Robin zu Beginn des zweiten Teils noch als Obermacho und Held seiner Freunde dargestellt wird, ändert sich dies relativ schnell. Denn sowohl Jonna (als auch Gloria, wie man im dritten Teil erfährt) haben Rache geschworen. Da werden anonyme Droh-SMS an ihn gesandt, ein Stein durch sein Fenste
r geworfen und er bei seinen Eltern angeschwärzt. Und eine zweite “Hass die Hure 2” -Gruppe über Robin gegründet, in der Gerüchte gestreut werden, dass Robin schwul ist. Je mehr “Gefällt mir” eine Gruppe erhält (die Abstimmungsergebnisse werden zwischenzeitlich eingeblendet), desto unbeliebter die Person. Dies erklärt auch den Buchtitel. Eine Eigendynamik entsteht schnell und Robin wird vom Mobber zum Opfer und selbst aufs Übelste schikaniert. Diese Wendung lässt nachdenklich werden und die unkalkulierbaren Folgen von Selbstjustiz erkennen. Darf man Mitleid empfinden? Ist Robin selbst schuld? Hat er es verdient so behandelt zu werden? Darf man selbst Rache üben? Oder hätte es noch andere Lösungen gegeben? “Hass gefällt mir” wirft viele Fragen auf. Das Buch eignet sich somit ebenfalls sehr gut für eine Buchvorstellung oder als Klassenlektüre. Das Ende macht deutlich: Hass bringt einen nicht weiter. Es macht nichts besser.
Eine schwedische Schriftstellerin, die Mobbing auch zum Thema macht, aber nicht ganz so heftig beschreibt, ist Katarina von Bredow. Ihr Roman heißt “Ich will endlich fliegen, so einfach ist das”.
Sehr heftig hingegen schildert der Autor Mats Wahl selbiges Thema auf schwedischen Schulhöfen bis hin zu Eskalation in “Wie ein flammender Schrei”. Eine inhaltlich sehr gute Alternative zu “Hass gefällt mir” ist auch die Neuerscheinung “Die Welt wär besser ohne dich” von Sarah Darer Littman (klasse!), das ebenfalls einen Wechsel vom Opfer zum Täter erwähnt. Letzteres kam in Jugendbüchern bereits letztes Jahr gelegentlich vor: “Denkzettel: Wenn dein Albtraum wahr wird” von Daniëlle Bakhuis und “Das wirst du bereuen” von Amanda Maciel. Ein Roman, in dem sich die Protagonistin ebenso mit einem “Oben ohne”-Foto in eine Spirale von Mobbing hineinkatapultiert, ist “Weil es nie aufhört” von Manfred Theisen. Cybermobbing und Abstimmungsergebnisse online findest du auch in dem hochspannenden “Matchbox Boy” von Alice Gabathuler. Das Thema Mobbing interessiert dich? Dann schau doch mal hier nach! Oder lies doch noch andere Buch von Johanna Nilsson: “…und raus bist du!”, “Lügennetz” und “Ich hau erst mal ab!”
Bibliografische Angaben:Verlag: Beltz & Gelberg ISBN: 978-3-407-82099-0 Erscheinungsdatum: 8.Februar 2016 Einbandart: Broschur Preis: 12,95€ Seitenzahl: 169 Übersetzer: Maike Dörries Originaltitel: Gilla "Hata Horan!" Originalverlag: Pocketförlaget Schwedisches Originalcover:
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Kasimiras Bewertung:
(4 von 5 möglichen Punkten)
--------------------------------------------------------------------------------- Schwedisches Originalcover: Homepage von Pocketförlaget


Verlag: Beltz & Gelberg
ISBN: 978-3-407-82099-0
Erscheinungsdatum: 8.Februar 2016
Einbandart: Broschur
Preis: 12,95€
Seitenzahl: 169
Übersetzer: Maike Dörries
Originaltitel: Gilla "Hata Horan!"
Originalverlag: Pocketförlaget
Schwedisches Originalcover: