3.Oktober 2026
“And the River Drags Her Down” ist ein Dark-Fantasy-Roman mit Horrorelementen der amerikanischen Autorin Jihyun Yun, deren Vorfahren aus Korea stammen. Soojin ist 10 Jahre alt, als sie ihre Mutter bei einem Autounfall verliert. Nun, sieben Jahre später, lebt sie mit ihrem Vater allein. Letzten Herbst ist ihre Schwester Mirae in einem Fluss ertrunken. Doch in ihrer Familie gibt es unter den Ahninnen eine besondere Gabe. Soojin hat gelernt, kleinere Tiere ins Leben zurückzuholen. Sie vergräbt sie in der Erde und mit ein bisschen Magie kehren sie lebendig zurück. Obwohl sie ihrer Mutter versprochen hat, dies nur bei Tieren anzuwenden, bricht Soojin ihr Versprechen und holt auch ihre Schwester wieder zurück. Aber Mirae ist nicht mehr dieselbe, die sie zuvor war und sie sinnt auf Rache… Morbide, düster und faszinierend. Eine äußerst atmosphärische Geschichte über Verlust, Schuld, Trauer und vor allem über das Loslassen, das nicht immer einfach ist. Geschickt kombiniert mit koreanischer Mythologie. Ein gelungenes Buch, das unter die Haut geht! Für Jugendliche ab 16 Jahren und Erwachsene.
Jade Acre, ein kleines Touristenstädtchen — hier lebt die 17-jährige Soojin mit ihrem Vater. Mit dem Tod hat sie sich bereits gehörig auseinandersetzen müssen. Als sie zehn Jahre alt war, starb ihre Mutter
bei einem Autounfall. Ihre nur ein Jahr ältere Schwester Mirae kümmerte sich daraufhin um alles. Vor allem um Soojin, da ihr Vater selbst in seiner Trauer völlig gefangen war. Doch nun ist auch Mirae unerwartet verstorben. Vor zehn Monaten ist sie im Black Pine River ertrunken. Sie wollte an diesem Abend auf eine Party gehen und ist nie wieder nach Hause gekommen. Soojin kommt mit der Einsamkeit nur schwer klar. Ihr Vater muss unter der Woche weiter entfernt arbeiten und kann nur am Wochenende nach Hause kommen. “Es war das Grauen davor, dass ihr ganzes Jahr so aussehen würde: An fünf aufeinanderfolgenden Tagen pro Woche würde sie in ein leeres Haus heimkehren. Sie würde im Stillen frühstücken und allein zu Abend essen. Und sollte sie Hilfe brauchen, würde niemand kommen.” (Zitat S.98) Freunde hat
Soojin keine mehr, sie hat sich seit dem Tod ihrer Schwester ziemlich zurückgezogen. In ihrer Familie gibt es jedoch eine besondere Gabe, die von Generation zu Generation unter den Frauen weitergegeben wurde. “Die Magie war ein Familienvermächtnis, weitergegeben von Mutter zu Tochter, und hatte ihren Anfang zwischen den Trümmern eines vom Hunger geplagten Dorfes genommen.” (Zitat S.18) Einst hatte ein junges Mädchen ein Huhn in einem Brunnen versteckt, in der Hoffnung, dass es Eier legen würde. Aber als das Huhn das nicht tat, tötete es ihre Familie und sie aßen es. “Am Tag darauf erwachte das Mädchen zum ersten Mal seit Monaten ohne Hunger und lutschte noch am Knochen, den es in der Wange aufbewahrt hatte. Satt und zuversichtlich ging es aufs Feld und vergrub ihn, damit das näherende Mark den brachen Acker speisen würde. Stattdessen aber kämpfte sich unmittelbar darauf ein Schnabel aus der Erde und schnappt
e panisch nach Luft, und aus dem Boden, in dem sonst nichts wachsen wollte, zog sie eine quicklebendige Henne” (Zitat S.19) Das Mädchen und ihre Familie konnten es kaum glauben, doch dasselbe geschah erneut, sobald sie einen Knochen in der Erde vergraben. “Auf diese Art gedieh ihre Familie, während alle anderen im Dorf abmagerten, krank wurden und schlussendlich starben. Man munkelte, die Familie habe einen Pakt mit Dämonen geschlossen. Unterdessen durchlitt die Henne im Verborgenen Hunderte Tode.” (Zitat S.20) Auch Soojins Mutter hat ihr und ihrer Schwester Mirae diese Fähigkeit beigebracht. Jedoch mussten die Mädchen ihr versprechen, dies nur bei Tieren anzuwenden, wie zum Beispiel bei ihrer Ratte Milkis. “Unzählige Male hatte sie Milkis bereits sterben und auferstehen sehen — nur würde sie heute zum ersten Mal allein versuchen sie ins Leben zurückzurufen. Ihre Schwester Mirae, obwohl nur ein J
ahr älter, war die Unerschrockene der beiden gewesen und hatte darum stets die blutigen Handgriffe übernommen.” (Zitat S.14) Und niemand darf davon erfahren. Doch eines Tages beobachtet ihr früherer Kindheitsfreund Mark Soojin dabei, wie sie die Ratte ins Leben zurückholt. Aber er verspricht niemandem etwas davon zu erzählen. “Unsere Gabe hat ihren Preis, Mark. Wir mussten Mom versprechen, nie etwas Größeres als ein Tier zurückzuholen, und auch das nur in Ausnahmefällen. Ein paar Frauen in meiner Familie haben sich nicht daran gehalten und das hat kein gutes Ende genommen” (Zitat S.45) Eines Tages hält es Soojin jedoch nicht länger aus. Sie holt ihre Schwester Mirae, von der sie noch einen alten Zahn aufbewahrt hat, mit ihrer Gabe ins Leben zurück. Aber ihre Schwester ist verändert und verhält sich manchmal seltsam. “Das Erste, was sie [Mirae] vor ihrer Schwester
geheim hielt, war die Fähigkeit, aus jedem Gewässer innerhalb ihrer kleinen Stadt auftauchen zu können. Sie musste nur die Augen schließen, es sich bildlich vorstellen und sich dorthin wünschen. Und wenn sie die Augen wieder öffnete, war sie da. Das Wasser, das sie einst getötet hatte, gehorchte ihr nun.” (Zitat S.134) Dann sterben in der kleinen Touristenstadt plötzlich einige Menschen unter rätselhaften Umständen…
Das Cover ist brillant gestaltet, fängt die düstere Stimmung des Buches perfekt ein. Der Titel ist ebenso passend, spielt doch der Fluss und insbesondere das Wasser eine große Rolle in der Geschichte. Diese ist komplett in personaler Erzählweise geschrieben und wird hauptsächlich aus Soojins Sicht erzählt. Aber auch Mark, Mirae
und weitere Nebenfiguren kommen gelegentlich zu Wort und liefern ein noch ausführlicheres Gesamtbild. “And the River Drags Her Down” beginnt mit einem Prolog namens “Davor” und schildert Miraes Tod aus ihrem Blickwinkel. Wie sie in den Fluss stürzt und als ferne Beobachterin ihre Beerdigung erlebt. “Wie es in Korea Brauch ist, habt ihr drei Tage und zwei Nächte lang an meiner Seite getrauert. Alles Essen, allen Reiswein hast du verweigert, bis du so schwach warst, dass man dich, schlaff wie eine Puppe, hinaustragen musste.” (Zitat S.10) Der Prolog endet dramatisch und deutet das, was die Leser:innen im Hauptteil erwarten wird, bereits an: “Doch das bedeutet nicht, dass ich für immer fort bin. Ich höre dich, Schwester, ich spüre deine suchenden Hände im Erdreich. Und ich werde deinem Ruf folgen. Ich werde zurückkehren.” (Zitat S.10) Der Hauptteil ist in drei Teile aufgespaltet: “Das Mädchen”, “Die Wied
ergängerin” und “Der Fluss”. Bereits am Anfang stutzt man kurz, wenn man von Soojins Ratte Milkis liest. “Sie entdeckte Milkis in einer Hängematte ganz oben im Käfig, in sich gekrümmt wie ein Komma. Sie musste erst vor Kurzem gestorben sein, denn die Totenstarre hatte noch nicht eingesetzt und ihr rosa Näschen glänzte. Immerhin schien sie nicht gelitten zu haben — anders als beim letzten Mal, als die Tumoren in ihren Milchdrüsen so groß wie Mandeln unter ihrem Bauch hervorgequollen waren.” (Zitat S.13) Eine Ratte, die immer wieder zu Leben erweckt wurde. Die Grundidee in “And the River Drags Her Down” ist sehr gelungen. Hier verknüpft die Autorin koreanische Mythologie raffiniert mit Horrorelementen. “Oh Gott — und da spürte sie es. Zwischen ihren Händen verfestigte sich etwas. Zuerst bildeten sich die losen Organe, glitschig, pulsierend: Leber, Milz, ein kleines pochendes Herz. Wie Nacktschnecken krochen sie durch den B
oden und fanden sich an ihrem jeweilgen Platz ein. Dann verhärtete sich die Erde zu einem Gerüst — dem Skelett: das geschwungene Becken, das feine, spitze Rippengeflecht. In den Höhlen des wachsenden Schädels formten sich feuchte rote Augen.” (Zitat S.31) Der Roman verlangt den Leser:innen stellenweise einiges ab, vor allem, als Mirae wieder lebendig wird und ihre ganze eigene Mission zu erfüllen versucht. Dass sie nicht mehr ganz Mensch ist, wird durch kleine Details schnell deutlich. “Sie zerknüllte das Foto und schrie leise auf, als ihr die scharfe Kante in die Hand schnitt. Statt Blut trat jedoch eine zähe schwarze Flüssigkeit aus der Wunde. Als sie daran leckte, schmeckte sie brackig, nach Algen und Flussschlick.” (Zitat S.159) Dennoch ist sie kein willenloser Zombie, sondern verfolgt weiterhin ihre eigenen Ziele und trifft ihre eigenen Entscheidungen. Gerade diese Verbindung aus menschlichen Erinneru
ngen, eigenem Willen und ihrer unheimlichen neuen Gestalt macht Mirae zu einer besonders verstörenden Figur. Vor allem weil sie noch eine völlig neue Fähigkeit hat: Durch Wasser an andere Orte zu gelangen. “Sie öffnete den Geist des Mannes und nahm ihn in Beschlag. Es war kinderleicht, Menschen bestanden schließlich auch nur aus Wasser — ein Ökosystem aus Blut, Speichel und Urin. Zuerst tastete sie sich heran, dann hinein, sie verwandelte sich in Nebel und glitt in seinen erschlaffenden Leib.” (Zitat S.172) “And the River Drags Her Down” ist eine düstere, melancholische, aber auch schmerzvolle Geschichte, die sich intensiv mit Trauerbewältigung auseinandersetzt. “Was der Bestatter nicht begriffen hatte: Soojin wollte ihre Trauer gar nicht bewältigen. Denn sollte sie eines Morgens aufwachen, ohne dass ihr Miraes Fehlen das Herz zerriss, dann würde das bedeuten, dass ihre Erinnerung a
n ihre Schwester verblasste. Leiden ist besser als vergessen.” (Zitat S.25) Soojins Trauer ist so intensiv, dass sie sogar ihre Schwester mit ihrer Gabe zurückholt, obwohl sie dies eigentlich niemals hätte tun dürfen. Jihyun Yun kombiniert hierbei das Thema Trauer mit einer Geistergeschichte. “Die Mutter, deren Kind ertrunken ist, hat keinen geisterhaften Ruf gehört — sie ist ihrer eigenen Sehnsucht zum Opfer gefallen. Mehr braucht es nicht, Mark. Nicht loslassen zu können, das ist die einzige Voraussetzung für einen Spuk. Wenn wir unseren Schmerz nicht gehen lassen, sucht er uns bis ans Ende unserer Tage heim.” (Zitat S.260) Mit ihrer atmosphärischen Sprache verbindet Yun die Handlung eindringlich mit der Frage, wie schwer es sein kann, einen geliebten Menschen loszulassen. Das Ende ist überaus bewegend und dramatisch, aber auch versöhnlich.
Du suchst Lesealternativen zu „And the River Drags Her Down“? Der Roman ist bislang das einzige Buch von Jihyun Yun, das auf Deutsch erschienen ist. Gut könnte ich mir auch “Hazelthorn” von C.G.Drews als Lesealternative vorstellen! We
nn dir die Verbindung von Trauer, Tod und düsteren fantastischen Elementen gefallen hat, greif zu „Revenant Games – Spiel auf Leben und Tod“ von Margie Fuston und „Cursed – Die Hoffnung liegt hinter der Dunkelheit“ von Jennifer L. Armentrout. Oder lies „Das Ende ist erst der Anfang“ von Chandler Baker, in dem eine Jugendliche ebenfalls vor der Möglichkeit steht, einen geliebten Menschen von den Toten zurückzuholen. Wenn dich vor allem die Verarbeitung von Trauer (aber realistisch geschrieben) interessiert, dann kann ich dir folgende Bücher sehr empfehlen: „How to Make Friends with the Dark“ von Kathleen Glasgow, „Was uns bleibt ist jetzt“ von Meg Wolitzer, “Die Stille meiner Worte” von Ava Reed und “Wie viel Leben passt in eine Tüte?” von Donna Freitas empfehlen.
Bibliografische Angaben:Verlag: Arctis ISBN: 978-3-03880-250-1 Erscheinungsdatum: 9.September 2026 Einbandart: Hardcover Ausstattung: Erstauflage mit Farbschnitt Preis: 24,00€ Seitenzahl: 432 Übersetzer*in: Elena Helfrecht Originaltitel: "And the River Drags Her Down" Originalverlag: Knopf Books for Young Readers Amerikanisches Originalcover:
Kasimira auf Instagram:
Kasimiras Bewertung:
(4,5 von 5 möglichen Punkten)

Verlag: Arctis
ISBN: 978-3-03880-250-1
Erscheinungsdatum: 9.September 2026
Einbandart: Hardcover
Ausstattung: Erstauflage mit Farbschnitt
Preis: 24,00€
Seitenzahl: 432
Übersetzer*in: Elena Helfrecht
Originaltitel: "And the River Drags Her Down"
Originalverlag: Knopf Books for Young Readers
Amerikanisches Originalcover:

