Jessi Kirby — Offline ist es nass, wenn’s regnet

Kasimira20.Januar 2019

Off­line ist es nass, wenn’s reg­net” ist mitt­ler­wei­le das sechs­te Jugend­buch der ame­ri­ka­ni­schen Autorin Jes­si Kir­by. Der Roman mit dem tol­len Titel und der klei­nen Por­ti­on “Digi­tal Detox” stellt eine erfolg­rei­che Influ­en­ce­rin in den Mit­tel­punkt, die ihres ober­fläch­li­chen Schein-Lebens über­drüs­sig ist und einen uner­war­te­ten Schritt wagt: sie macht sich auf den Weg den John Muir Trail zu wan­dern, einen 340km lan­gen Fern­wan­der­weg in Kali­for­ni­en. Eine Suche nach der eige­nen Iden­ti­tät und dem Wunsch, sein Leben wie­der genie­ßen zu kön­nen. Gewohnt ein­fühl­sam und mit­rei­ßend geschrie­ben. Ein wun­der­ba­res Buch! Lese­tipp!! Für Jugend­li­che ab 13 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwach­se­ne.

Kali­for­ni­en. Hier lebt die 17-jäh­ri­ge Mari. Sie ist eine bekann­te Influ­en­ce­rin, hat schon über eine hal­be Mil­li­on Fol­lo­wer und hofft auf immer neue Abon­nen­ten ihrer Insta­gram-Sei­te und ihres You­tube-Kanals. Stän­dig insze­niert sie ihr Leben: deko­riert ihr Früh­stück bis ins kleins­te Detail um anschlie­ßend ein Foto davon zu machen; absol­viert eine Abfol­ge von Yoga­übun­gen, bei der sie sich filmt und trägt dabei super­schi­cke Sport­kla­mot­ten. An ihrem 18.Geburtstag schenkt ihr Freund Ian ihr eine bezau­bern­de Ket­te. Ihr Leben wirkt makel­los. Mari scheint der glück­lichs­te Mensch auf der gan­zen Welt zu sein. Doch all das ist nur ScheinKasimira: das per­fek­te Früh­stück lan­det nach dem erfolg­rei­chen Foto im Müll­ei­mer, da es zu vie­le Kalo­ri­en hat; die Sport­kla­mot­ten wer­den von einer Fir­ma bezahlt, die erwar­tet, dass sie dafür Wer­bung macht und Ian ist nur zu Schein ihr Freund: “...wir geben auf unse­ren jewei­li­gen Feeds das glück­li­che Pär­chen, was uns bei­den zugu­te­kommt, vor allem bei Unter­neh­men, die auf Cross­over-Accounts ste­hen. Das rede ich mir zumin­dest ein.” (Zitat aus “Off­line ist es nass, wenn’s reg­net” S.26) Am Tag ihres 18.Geburtstags ist Maris Leben auf einem Tief­punkt ange­kom­men. Die stän­di­ge Suche nach Aner­ken­nung in sozia­len Netz­wer­ken; die­ses künst­li­che, sinn­ent­leer­te Dasein — all das ist ihr zu viel gewor­den. “Ich lege mich hin, schlie­ße die Augen und den­ke an die­se frem­den Men­schen — mei­ne Fol­lo­wer — und dar­an, wie sie mich sehen, mit dem Gefühl, mich auf­grund des­sen zu ken­nen, was ich ihnen prä­sen­tie­re. Sie wür­den nie dar­auf kom­men, dass ich an mei­nem Geburts­tag allein in mei­nem Zim­mer hocke und mich noch nie im Leben so ein­sam gefühlt habe.” (Zitat S.34) Hals über Kopf Kasimiraund ohne groß nach­zu­den­ken dreht sie ein Video, das sie ihrer toten Cou­si­ne Bri wid­met. Bri, mit der sie eigent­lich Aben­teu­er erle­ben woll­te und stän­dig neue Din­ge tun, die ihnen nie­mand zutrau­te. Das zumin­dest hat­ten sich die bei­den Mäd­chen, die wie See­len­ver­wand­te für­ein­an­der waren, an ihrem 13.Geburtstag ein­an­der ver­spro­chen. Doch nach der Tren­nung ihrer Eltern war es Maris Weg in die Online­welt, um damit umzu­ge­hen und bald pass­te Bri in die­se Welt ein­fach nicht mehr hin­ein. Vor eini­ger Zeit starb ihre Cou­si­ne dann bei einer Wan­de­rung.“Ich geste­he Bri, wie sehr ich mich dar­in ver­lo­ren habe und dass ich mei­ne Zeit gera­de dafür inves­tie­re, ein gefak­tes Leben zu erschaf­fen, um ande­re Leu­te zu über­zeu­gen. Aber wovon genau? Dass ich etwas Beson­de­res bin? Oder bewun­derns­wert? Gut genug? An unse­rem acht­zehn­ten Geburts­tag erzäh­le ich ihr, dass ich nichts davon bin und über­haupt kei­ne Vor­stel­lung davon habe, wer ich bin oder was in mei­nem Leben noch stimmt.” (Zitat S.42) Das Video, in dem sie beschließt mit der KasimiraOnline­welt auf­zu­hö­ren, sorgt für gro­ße Wel­len und einen regen Shit­s­torm, ehe Mari rea­li­sie­ren kann, was sie da getan hat. Als am nächs­ten Tag auch noch ein Päck­chen vor ihrer Türe steht, in dem sich Bris alte Wan­der­schu­he und ihr kom­plett gepack­ter Wan­der­ruck­sack befin­den, ist es wie ein Wink des Schick­sals, ein­fach mal einen neu­en, ande­ren Weg zu gehen. Denn es gab eine Tour, die Bri und Mari eigent­lich mal gemein­sam machen woll­ten: den John Muir Trail, ein Fern­wan­der­weg in der Sier­ra Neva­da. Bri hat ihn nicht mehr gehen kön­nen. Und Mari will eigent­lich nur mal kurz ein biss­chen fri­sche Berg­luft schnup­pern. Nie­mals könn­te sie sich vor­stel­len, so eine lan­ge Wan­de­rung zu täti­gen. Das wür­de sie sich nie­mals zu trau­en. Doch dann kommt alles ganz anders…

Off­line ist es nass, wenn’s reg­net” war­tet mit einem wirk­lich bezau­bern­den Cover und einem bril­lan­ten Titel auf, der kurz inne­hal­ten und schmun­zeln lässt. Da hat sich der Loewe Ver­lag bei der Gestal­tung tat­säch­lich was ein­fal­len las­sen! Da wir­ken der eng­li­sche Titel Kasimira(“The other side of lost”) und das eng­li­sche Cover (sie­he unten) fast schon ein biss­chen lang­wei­lig;-) Den Roman selbst zu lesen, macht rich­tig viel Freu­de! Man ist sofort drin in der Geschich­te, die durch­gän­gig aus Maris Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve erzählt wird, und kann sich sehr gut in das jun­ge Mäd­chen ein­füh­len. Es ist hef­tig zu lesen, wie ober­fläch­lich ihr Leben gewor­den ist. Dass sie kei­ner­lei Freun­de hat und sogar für ihren Geburts­tag etwas “Künst­li­ches” vor­be­rei­ten muss: “Um 17:45 kommt Ian schlecht gelaunt in den Hin­ter­hof des vega­nen Cafés, in dem wir uns gern tref­fen. Er wirkt noch generv­ter, als er sich setzt und ich als Ers­tes das Geburts­tags­ge­schenk, das ich selbst ein­ge­packt habe, aus mei­ner Hand­ta­sche hole.” (Zitat S.27) Alles ist gestellt und nur Show vor einem Online-Publi­kum“Reicht das? Ich muss mal los.” Ich nicke. “Ja klar. Ich lade es heu­te Abend hoch.” “Super”, sagt er. “Ver­giss nicht, mich zu tag­gen.” “Natür­lich nicht.” Den­noch spricht Jes­si Kir­by hier wich­ti­ge The­men der heu­ti­gen Jugend an: das In-Sze­ne-Set­zen der eige­nen KasimiraPer­sön­lich­keit, das Preis­ge­ben von Pri­va­tem in sozia­len Netz­wer­ken und der Drang nach Bestä­ti­gung durch ande­re (teils frem­de) Nut­zer. Deut­lich zeigt sie die Gefahr auf, sich in sol­chen sozia­len Wel­ten zu ver­lie­ren und eine gewis­se Abhän­gig­keit davon zu ent­wi­ckeln. “Und als ich dann mein ers­tes Biki­ni­fo­to pos­te­te, funk­tio­nier­te es tat­säch­lich: Bei­na­he über Nacht began­nen frem­de User, mei­ne Bei­trä­ge zu liken, zu kom­men­tie­ren und mir zu fol­gen. […] Die­ses ers­te Foto und die Reak­tio­nen dar­auf hat­ten mir ein gutes Gefühl gege­ben, als alles ande­re gar nicht gut war.” (Zitat S.39) Das Leben von Maris Cou­si­ne Bri, die vor ihrem Tod stän­dig auf Wan­der­tou­ren und vol­ler Lebens­lust und Aben­teu­er­drang war, stellt da einen gro­ßen Gegen­satz zu dem All­tag der Prot­ago­nis­tin dar. Damit und vor allem mit der Rol­le, die sie in Zukunft spie­len möch­te, muss Mari sich aus­ein­an­der­set­zen. Sie bei die­ser Rei­se zu beglei­ten, liest sich äußerst bewe­gend und emo­tio­nal. Immer wie­der wer­den auch lie­be­voll (in Hand­let­te­ring!) gestal­te­te Aus­zü­ge aus Bris Wan­der­ta­ge­buch dem Roman bei­gefügt, die dem gan­zen einen Lebens­weis­hei­ten Kasimiraent­hal­ten­den, klug unter­ma­len­den Ton geben. “Ich wün­sche uns, dass wir nie auf­hö­ren, Aben­teu­er zu erle­ben und Neu­es zu erfah­ren, dass wir immer wie­der Din­ge tun, die uns nie­mand zutraut, und dass wir mutig, frei und glück­lich sind.” (Zitat S.8) Und wäh­rend Mari lernt ihren ganz eige­nen Weg zu gehen, wird bereits klar: die­se Rei­se wird sie für immer ver­än­dern. Und auch den Leser stel­len­wei­se zum Nach­den­ken und Träu­men anre­gen. Roman­ti­sche Lie­bes­ge­schich­te inklu­si­ve!

Fazit: Ein abso­lut gelun­ge­nes Lese-Erleb­nis, das ich nur wärms­tens emp­feh­len kann. Ein Buch, das Lust macht die Wan­der­schu­he raus­zu­ho­len, das Han­dy in die Ecke zu pfef­fern und los­zu­mar­schie­ren;-)

Als sehr gute Alter­na­ti­ve zu “Off­line ist es nass, wenn’s reg­net” könn­te ich mir “This song will save your life” von Lei­la Sales vor­stel­len. LesealternativenHier ver­sucht ein Mäd­chen (wenn auch auf ande­re Art und Wei­se) eben­falls bei ande­ren gut anzu­kom­men und merkt, dass sie mit die­sem Weg in eine Sack­gas­se gera­ten ist. Sie geht dann zwar nicht wan­dern, taucht aber den­noch in eine völ­lig neue ande­re Welt ein, die alles für sie ver­än­dert. Selbst­fin­dung und Lie­bes­ge­schich­te mit dabei! Hin­sicht­lich dem Leben in der Online­welt und der stän­di­gen Suche nach Bestä­ti­gung ist auch “Ins­ta­girl” von Annet­te Miers­wa bes­tens geeig­net. Sehr gut gefal­len hat mir eben­so “The distan­ce from me to you” von Mari­na Gess­ner, in wel­chem ein Mäd­chen, das genau­so alt ist wie Mari, ganz allein eine Wan­de­rung auf dem Appa­la­chi­an Trail star­tet, der um eini­ges län­ger ist, als der John Muir Trail — näm­lich ca. 3500km lang! 

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Loewe
ISBN: 978-3-7432-0377-8
Erscheinungsdatum: 14.Januar 2019
Einbandart: Broschur
Preis: 14,95€ 
Seitenzahl: 336 
Übersetzer: Anne Brauner
Originaltitel: "The other side of lost"
Originalverlag: Harper Teen

Amerikanisches Originalcover: 


Kasimiras Bewertung:

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(5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

Die­ser Titel hat es in fol­gen­de Kate­go­rie geschafft: **Kasi­mi­ras Lieb­lings­bü­cher**

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Amerikanisches Cover: Homepage von Jessi Kirby

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