Jenny Valentine — Zwei Seiten eines Augenblicks

27.November 2025

“Zwei Sei­ten eines Augen­blicks” ist ein Roman der bri­ti­schen Autorin Jen­ny Valen­ti­ne. Ein Augen­blick, der alles für immer ver­än­dern wird. Zwei bes­te Freun­din­nen. Ein Davor. Und ein Danach. Was ist gesche­hen? War­um ist Mabel für alle ande­ren unsicht­bar gewor­den, nur für Ele­na nicht? Ein lite­ra­ri­sches Werk, das sich einem ent­schei­den­den Moment von zwei Sei­ten nähert. Das springt in zeit­li­chen Ebe­nen, hin und her. Die Freund­schaft zwei­er Mäd­chen immer inten­si­ver beleuch­tet und unauf­halt­sam auf die Wahr­heit zu steu­ert… Eine Geschich­te über Freund­schaft, Tod und Lie­be, — kom­plex, mit einer beson­de­ren Spra­che — auf die man sich ein­las­sen muss, die kein Main­stream ist und die Moment­auf­nah­men auf den Punkt bringt, Gefüh­le greif­bar macht und berührt. Und am Ende ziem­lich über­rascht. Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und Erwachsene.

16-jäh­ri­ge Ele­na, genannt Elk, liebt Phy­sik. Den­noch hat sie sich in einem Laby­rinth als 11-jäh­ri­ge gna­den­los ver­lau­fen. Doch auf die­se Wei­se hat sie Mabel, genannt Mab, ken­nen­ge­lernt. Sie hat ihr damals hin­aus­ge­hol­fen. Sie “geret­tet”. Und eini­ge Zeit dar­auf haben sie sich Kasimirain der Schu­le wie­der­ge­se­hen, als das neue Jahr begann: “Oh mein Gott”, sag­te sie und kam pfeil­ge­ra­de zu mir rüber, leg­te ihr Stift­m­äpp­chen auf den Tisch neben mei­nes, wie jemand, der eine Flag­ge auf dem Ever­est hisst oder am Süd­pol­punkt. Mit einem Mal öff­ne­te sich der Tag vor uns, der Hori­zont lag wie­der in der Fer­ne, und alles war mög­lich. “Elk”, sag­te sie, die Arme fest um mich geschlun­gen. “Ich kann’s nicht fas­sen. Du bist es!” (Zitat aus “Zwei Sei­ten eines Augen­blicks” S.53) Seit­dem sind die bei­den Mäd­chen eng mit­ein­an­der ver­bun­den. Bes­te Freun­din­nen. Unter­neh­men alles zusam­men. Aber jetzt gibt es zwei Pro­ble­me, die ihre Freund­schaft schwie­rig machen. Ers­tens: Fran­cis, genannt France, Mabs Bru­der, in den Elk ein biss­chen ver­liebt ist. “Er mag dich wirk­lich”, und ich woll­te eigent­lich nicht zu glück­lich dabei aus­se­hen, aber irgend­wie kaper­te das Lächeln mein gan­zes Gesicht. Mab erwi­der­te mein Lächeln nicht. Sie hat­te jetzt etwas Schrof­fes an sich. Ihr Stirn­run­zeln war streng. “Nur damit du’s weißt”, sag­te sie. “Ich fän­de es nicht gut.” (Zitat S.79) Und zwei­tens, die Tat­sa­che, dass es einen Augen­blick gab, direkt nach der Par­ty, der alles unwei­ger­lich für immer ver­än­dern wird. Denn Mab ist nun tot. “Sie tritt mir gegen den Knö­chel, so gut sie das mit Aus­ho­len eben kann, und wie ger­ne wür­de ich es spü­ren. Ich bin schon tot, weißt du nicht mehr, sagt sie. Als ob ich das ver­ges­sen könn­te.” (Zitat S.8) Und seit­dem sieht Elk sie als Geist. Doch nur sie kann Mab sehen…

Das Cover wirkt beson­ders und anders. Genau­so wenig Main­stream wie es das Buch selbst ist. Wobei ich das eng­li­sche Cover (sie­he unten) fast noch etwas schö­ner fin­de. Jedes Kapi­tel trägt eine Über­schrift, die nur aus einem ein­zi­gen Wort besteht und sich meis­tens auf einen Gegen­stand (mal auch ein Tier) bezieht. Der Titel des Buches ist Pro­gramm, denn die Geschich­te ist genau das, eine Annä­he­rung an einen Augen­blick von zwei Sei­ten: “Es gibt die eine Sei­te die­ses Augen­blicks — und die ande­re. Davor. Danach. Ich träu­me seit­her andau­ern davon.” (Zitat S.115) Der Augen­blick, das ist jenes tra­gi­sche Ereig­nis, das zu Mabs Tod führ­te, wel­ches lan­ge Zeit ein Rät­sel ist. Das Buch ist ein stän­di­ges Hin- und Her­sprin­gen von Ereig­nis­sen, die in der Ver­gan­gen­heit pas­siert sindKasimira — das Ent­ste­hen von Elks und Mabs Freund­schaft, die beson­de­re Ver­bin­dung zwi­schen ihnen - aber auch die Ereig­nis­se einer Par­ty, kurz davor. Und schließ­lich das Danach. Dass Mab tot und als Geist auf­taucht, dass wird schon zu Beginn schnell deut­lich. “An ihrer rech­ten Sei­te hat sie Schleif­spu­ren, der rei­ne Asphalt. Ein Riss in ihrem Kleid, kno­chen­tief. Der Blut­erguss an ihrer Schlä­fe ist schwarz und schat­tig, wo ein Stück ihres Schä­dels ein­ge­bro­chen ist. Sie dreht sich um und grinst mich an, den Mund voll gebli­chem Rauch. Mei­ne schö­ne Freun­din. Magst du eine?, sagt sie und nimmt einen Zug.” (Zitat S.8) Dass etwas Schlim­mes pas­siert sein muss, eben­falls. Was genau, das darf man beim Lesen lang­sam her­aus­fin­den und der durch­gän­gi­gen Ich-Erzäh­le­rin Elk bei ihren Berich­ten fol­gen. Die Erzähl­art ist anders, lite­ra­risch, beson­ders. “Wir hät­ten schon auf­bre­chen sol­len, aber Mab ist nicht imstan­de, sich zu bewe­gen. Ich sehe, wie sie sich in den Hori­zont ver­senkt, in all die Ein­zel­hei­ten. Ich sehe sie das Licht trin­ken. Ich ver­mis­se alles, sagt sie. Ich war nicht bereit.” (Zitat S.15) Zuwei­len auch etwas sper­rig und befremd­lich. Wenn Elk bei­spiels­wei­se bei ihrer The­ra­peu­tin ist und sich par­al­lel mit Mabs Geist unter­hält. Doch die Cha­rak­te­re sind sehr fein gezeich­net, man­che auch höchst lie­be­voll, wie Knox, Elks klei­ne­ren Bru­der: “Ich wer­de bald fünf”, sag­te Knox, denn das war beein­dru­ckend, wenigs­tens für ihn. Er erzähl­te vie­len Leu­ten, wie alt er bald sein wür­de. Irgend­wel­chen Leu­ten im Laden, im Bus. Das war ihm wich­tig. Als wäre bald fünf zu wer­den etwas Gutes, das er allein geschafft hat­te, ohne jede Hil­fe.” (Zitat S.88) “Zwei Sei­ten eines Augen­blicks” ist zuwei­len auch eine schmerz­li­che, trau­ri­ge Geschich­te. Kon­zen­triert sich auf Trau­er, auf die Höhen und Tie­fen einer Freund­schaft, aber auch auf die Demenz von Elks Groß­mutter, die vor eini­ger Zeit eben­falls ver­stor­ben ist und deren Ver­lust für Elk sehr prä­gend war. Wäh­rend an man­chen Stel­len ein paar Anfüh­rungs­zei­chen feh­len (das hät­te bes­ser lek­to­riert wer­den kön­nen), ist die Spra­che von Jen­ny Valen­ti­ne sehr kunst­voll und schön “Sie ist netz­gar­di­nen­dünn. Nur ein Schlei­er ihrer selbst. Som­mer­spros­sen, wie wenn es auf tro­cke­nem Boden anfängt zu reg­nen, eine klei­ne Nar­be über ihrer Augen­braue, das strah­lend wei­ße Schim­mern iher Zäh­ne. Wenn ich blinz­le, tropft und ver­schwimmt ihre Gestalt wie zer­flie­ßen­de Far­be.” (Zitat S.7ff) Vor allem Bil­der zu erschaf­fen, das gelingt der Autorin sehr gut: “Ich stel­le mir mei­ne Oma Joane vor. Ihre Hän­de aus Baum­wur­zeln und ihre Gelen­ke aus Streich­höl­zern, ihre Weis­heit und ihre Lip­pen­stif­te und ihr anste­cken­des, ras­seln­des Lachen.” (Zitat S.10) Und Stim­mun­gen ein­zu­fan­gen, Momen­te zu beschrei­ben, die greif­bar und vor­stell­bar sind: “Das Gras glit­zert im frü­hen Licht. Ihre Schrit­te sind wie Amei­sen, zufäl­lig und ziel­los, wenn sie sich zer­streu­en, nach­dem sie gestört wur­den, und voll­kom­men den Faden ver­lie­ren.” (Zitat S.126) Das Ende hat mich wirk­lich über­rascht und hebt die Geschich­te noch ein­mal auf ein ganz ande­res Level. Auch wenn nicht alles 100%ig nach­voll­zieh­bar ist, und man dass Buch wahr­schein­lich — um alles im Detail zu reka­pi­tu­lie­ren — noch mal lesen müss­te — Cha­peau für die­se Wendung.

Dir gefällt der Erzähl­stil von Jen­ny Valen­ti­ne? Dann lies unbe­dingt noch ihre Lesealternativenande­ren Jugend­bü­cher: “Wer ist Vio­let Park?”, “Kaput­te Sup­pe”, “Die Amei­sen­ko­lo­nie” oder “Das zwei­te Leben des Cas­siel Road­night” (hat mir auch sehr gut gefal­len!). Vor allem “Durchs Feu­er” von ihr hat mich sehr begeis­tert. Für etwas jün­ge­re Leser:innen schrieb sie noch die Rei­he “Mei­ne klei­ne Schwes­ter Kiki und ich”: “Es geht los” (Band 1), “Der Geburts­tag” (Band 2), “In den Feri­en” (Band 3) und “Das neue Baby” (Band 4) und die Rei­he “Joy App­le­boom”: “Ich bin Joy” (Band 1), “Alles Lie­be von Joy” (band 2), und “Joys Uni­ver­sum” (Band 3). Zwei Lese­al­ter­na­ti­ven zu “Zwei Sei­ten eines Augen­blicks”, die mir sofort in den Sinn kamen, sind “..und mir bleibt der häss­li­che Hund” von Fran­zis­ka Hör­ner (hier wird eben­falls Freund­schaft und auch eine The­ra­pie genau­er beschrie­ben) und “Ihr sollt (nicht) schwei­gen” von Kyrie McCau­ley (hier taucht auch ein Geist auf und es wer­den erns­te The­men behandelt).

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: dtv
ISBN:  978-3-423-65046-5
Erscheinungsdatum: 11.September 2025
Einbandart: Broschur
Preis: 16,00€
Seitenzahl: 192
Übersetzer*in: Klaus Fritz
Originaltitel: "Us in the before and after"
Originalverlag: Simon & Schuster

Britisches Originalcover:













Jenny Valentine liest aus ihrem Buch (auf Englisch):
 

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Kasimiras Bewertung:

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(4,5 von 5 mög­li­chen Punkten)

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Britisches Originalcover: Homepage von Simon & Schuster

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