Die britische Autorin Jenny Valentine hat mit “Durchs Feuer” einen Roman geschrieben, der es in sich hat. Eine explosive Mischung aus literarischer Formulierungsgenialität und einer Familie, die nicht so ist wie gewöhnliche Familien. Im Mittelpunkt zudem eine erwachende Vater-Tochter-Beziehung, der Tod und eine Liebeserklärung an das Leben. Brillant erzählt! Für Jugendliche ab 13 Jahren und Erwachsene, die Freude an besonderer Literatur haben.
Die 16-jährige Iris ist ein Mädchen pyromanischer Natur, sie liebt das Zündeln: “An manchen Tagen habe ich nichts als Feuer im Kopf. […] Mein Herz quillt über beim Anblick einer Rauchsäule am Himmel. Ich verzehre mich nach dem Züngeln der Flamme, dem scharfen Brennen in meiner Lunge wie ein Süchtiger nach einem Schuss.” (Zitat S.29) Oft stellt sie sich vor, wie sämtliche Gegenstände in ihrem Zimmer in Flammen aufgehen. Pure Entspannung für ihre Gedanken. Loslassen. Superheldin sein. Aber sie zündelt auch in der Wirklichkeit, jenseits aller Fantasie. An verlassenen Orten, wo sie “aufräumt”, ohne Schaden zu hinterlassen. Mit zwölf Jahren hat sie bereits damit angefangen. Jetzt muss sie allerdings aufpassen, nicht von ihrer Mutter, die von ihrer Vorliebe weiß, erwischt und in ein Erziehungsheim gesteckt zu werden. Zu ihrer Mutter Hannah hat Iris ohnehin nicht das beste Verhältnis. Ihrer kaufsüchtigen, kreditkartenüberziehenden, überschuldeten Mutter, die mehr an dem Inhalt ihres Kleiderschranks interessiert ist, als am Leben ihrer
Tochter. Ihren Stiefvater Lowell, ein ehemaliger Fernsehstar, kann man ohnehin vergessen. Nicht vergessen kann Iris jedoch ihren Überlebenskünstler und Exzentrikerfreund Thurston, von dem sie weder die Anschrift kennt, noch ihn erreichen kann, da er kein Handy besitzt. Mit ihm hat sie sich gestritten, ehe ihre Mutter mit ihr und Lowell die Staaten verließ, um nach London zurückzugehen. Iris vermisst ihn. Und Thurston weiß nicht, dass sie überstürzt abgereist sind. Denn ihre Mutter hat große Pläne: “Dein Vater”, erklärte sie, “war ein sehr reicher Mann.” “Ist”, sagte ich. “Du hast eben noch mit ihm telefoniert. Noch ist er nicht tot.” “Ja, sicher.” Sie wählte Lowells Nummer, zog eine Grimasse. “Ist. Aber er wird bald tot sein.” Ich lachte. “Du siehst aus wie ein Mensch”, sagte ich ihr, “aber im Inneren musst du was von einem Androiden haben.” (Zitat S.24) Der Vater hat ihre Mutter und sie sitzenlassen, als Iris noch klein war. Das Mädchen hat keinerlei Erinnerungen mehr an ihn. Eigentlich will sie ihn auch gar nicht sehen. Aber Hannah hat endlich eine Möglichkeit entdeckt ihre riesigen Schulden zu begleichen und für den Rest ihre Lebens auszusorgen: “Hol aus Ernest Toby Jones raus, was du kriegen kannst”, sagte sie. “Das ist mein Rat für dich, kostenlos.” In der Welt meiner Mutter ist nichts kostenlos. Sie hat noch nie etwas gegeben, ohne irgendwen irgendwo dafür zahlen zu lassen. Ich kannte sie gut genug, um zu wissen, dass wir hier nicht einem Boot saßen, nicht eine Sekunde. (Zitat S.24) Denn Ernest ist ein vermögender Kunsthändler. Mit einem Haus voll
unschätzbar wertvollen Gemälden. “Hannah hatte die Augen von Glücksspielautomaten, besonders jetzt, da sie wusste, dass Ernest im Sterben lag. Sie wollte unbedingt zu ihm und abräumen.” (Zitat S.46) Iris ist von alldem nicht besonders begeistert. Doch dann kommt sie Ernest ungewollt näher und entdeckt, dass auch er eine interessante Geschichte über seine Vergangenheit zu erzählen hat…
In “Durchs Feuer” erzählt Iris ihre Geschichte in der Ich-Perspektive. Interessant hierbei ist vor allem der Wechsel der Zeitebenen während des Erzählens: “Später sagte Ernest, seine Kehle hätte sich angefühlt wie ein Häcksler. Lange Äste von Gedanken seien durch ihn hindurchgegangen und als bloßes Sägemehl wieder herausgekommen. Da war ich, und seine verfluchte Stimme versagte ihm einfach den Dienst. Er habe gelächelt, denn mehr habe er nicht tun können, und es gebe ohnehin kein Wort auf er Welt, das ihm gut genug gewesen sei.” (Zitat S.59) Indem Iris aktuelle Geschehnisse kommentiert und bereits später sich ereignende Dinge vorgreift, erschließt sich für den Leser ein viel komplexeres Bild mancher Situation, was einen gewissen Reiz beim Lesen ausmacht. Was in Jenny Valentines Roman jedoch besonders positiv auffällt, ist ihre Sprache. Es ist unglaublich, was für Bilder sie beim Schreiben erzeugt, welche Vergleiche sie verwendet, um Situationen eindringlicher und wirklicher zu beschreiben:
“Nach diesem Telefonat hatte meine Mutter eine ganz andere Art, sich zu bewegen, leichtfüßiger, als ob sie gerade ein Fass voller Hoffnung angestochen hätte.” (Zitat S.23) und “Ernest lag gestrandet auf seiner weißen Insel aus Kissen, und Hannah und Lowell schwammen um ihn herum und zogen immer engere Kreise wie Haie, während er sich an mich klammerte, als ob ich diejenige wäre, die ihm helfen könnte.” (Zitat S.60) und “Was Ernest wirklich dachte, musste er alles zerdrückt und gefaltet haben wie ein Auto in einer Schrottpresse und in den raschen Blick gestopft haben, den er ihr versetzte, vielsagend wie eine Bibliothek, die auf einer Nadelspitze untergebracht war. (Zitat S.63) Regelmäßig stolpert man über diese besonderen Metaphern und muss erst einmal innehalten, um deren Außergewöhnlichkeit auf sich wirken zu lassen. Ich persönlich habe beim Lesen wirklich gedacht, schade, dass ich von dieser Autorin schon länger nichts mehr gelesen habe. Es lohnt sich! Zudem liegt ein Hauch von Ironie über der gesamten Geschichte, wie ein Prise frisch gefallener Schnee, und man kann sich eines Schmunzelns manchmal einfach nicht erwehren. Beispielsweise will Ernest mit allen anstoßen und lässt von seiner Haushälterin Jane eine Flasche edlen Champagner bringen: “Jane kam aus dem Haus, gefolgt von Hannah und Lowell, die der Flasche hinterherzockelten wie Eisenspäne einem Magneten.” (Zitat S.72) Die Sätze sind meist länger, verschachtelt, aber niemals so komplex, dass man ihnen nicht einfach folgen könnte. Die Charaktere sind sehr
faszinierend gezeichnet. Tiefgründig. Abseits des Mainstreams (vor allem Thurston). Anders. Aber vor allem äußerst greifbar: “Mein Stiefvater, Lowell Baxter, alternder Pin-up-Boy, ehemaliger Fernsehstar und jetzt hoffnungsloser Fall, stand schwankend da, verstört und mit leeren Blick, ein Mann, der nach einem langem Schlaf am falschen Ort aufgewacht war. Hannah, meine Mutter, in ihrem kreditbefeuertem Fummel, knickte im nassen Gras zusammen wie ein neugeborenes Fohlen, während ihr prachtvolles Gesicht langsam einsank. (Zitat S.11) Ich würde jetzt nicht sagen, dass “Durchs Feuer” eine riesige Portion Spannung enthält, es ist eher die Erzählart, die den Leser für sich vereinnahmt. Auch die Botschaft des Buches hat mir gut gefallen. Denn es gibt eine besondere Parallele zwischen Ernest und Iris: Ernest hatte eine Schwester, namens Margot, die früh schon ihren eigenen Weg gegangen ist und ihren Bruder immer wieder dazu animiert hat auszubrechen, das Leben zu genießen, sich nicht darum zu scheren, was die anderen von ihm erwarten. Gerade dieser Aufruf zur Individualität und die Kunst den Moment mit vollen Zügen auszuschöpfen und auch mal ein Risiko einzugehen, diese Eigenschaften vereinen Thurston und Margot. Und treffen somit auch auf Ernest und Iris. Ernest, der in den vorgefertigten Bahnen stecken geblieben zu sein scheint. Iris, die vielleicht noch etwas daran ändern kann… Das Ende haut einen erst einmal um!
Fazit: Ein großartiger Roman!!
Wenn dir Jenny Valentines Erzählstil gefällt, dann lies noch ihre
anderen Jugendbücher: “Wer ist Violet Park?”, “Kaputte Suppe”, “Die Ameisenkolonie” oder “Das zweite Leben des Cassiel Roadnight” (hat mir auch sehr gut gefallen!). Romane über Pyramanie (zwanghaftes Feuerlegen) gibt es im Jugendbuch kaum. Mir fällt hierzu nur “Brennweite: Spiel mit dem Feuer” von Harald Rosenløw Eeg ein und eventuell noch “Das wirst du nie mehr los” von Gail Giles und “Panther” von Carl Hiaasen, in dem ebenfalls ein Junge vorkommt, der gerne zündelt. Das Thema “Feuer” an sich, spielt in diesen zwei Romanen eine große Rolle: “Solange wir lügen” von E.Lockhart und “Schöne Mädchen brennen nicht” von Lynn Weingarten. Wenn du eine berührende Vater-Tochter-Geschichte lesen möchtest, in der der Vater ebenfalls im Sterben liegt, dann greif zu dem romantischen “Mit dir an meiner Seite” von Nicholas Sparks.
Bibliografische Angaben:Verlag: dtv ISBN: 978-3-423-65020-5 Erscheinungsdatum: 19.Februar 2016 Einbandart: Broschur Preis: 14,95€ Seitenzahl: 220 Übersetzer: Klaus Fritz Originaltitel: "Fire Colour One" Originalverlag: Harper Collins Britisches Originalcover:
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Kasimiras Bewertung:
(5 von 5 möglichen Punkten)
--------------------------------------------------------------------------------- Britisches Cover: Homepage von Harper Collins

Verlag: dtv
ISBN: 978-3-423-65020-5
Erscheinungsdatum: 19.Februar 2016
Einbandart: Broschur
Preis: 14,95€
Seitenzahl: 220
Übersetzer: Klaus Fritz
Originaltitel: "Fire Colour One"
Originalverlag: Harper Collins
Britisches Originalcover: