Jenn Bennett — Wiedersehen mit Lucky

Kasimira13.April 2021

Wie­der­se­hen mit Lucky” ist der neu­es­te Roman der in Deutsch­land zwar gebo­re­nen, aber in Ame­ri­ka leben­den Autorin Jenn Ben­nett. Eine Lie­bes­ge­schich­te, die zwei alte, ehe­mals bes­te Freun­de nach eini­gen Jah­ren wie­der auf­ein­an­der­tref­fen lässt. Als Kin­der waren Josie und Lucky unzer­trenn­lich, doch dazwi­schen ist viel pas­siert. Jetzt sind sich völ­lig fremd und sind erwach­sen gewor­den. Kann das was wer­den zwi­schen den bei­den? Aber auf Josies Fami­lie lan­det schein­bar ein Lie­bes­fluch… Eine herz­er­wär­men­de, wun­der­schö­ne Wohl­fühl-Lek­tü­re! Mit facet­ten­rei­chen Cha­rak­te­ren, schö­nen Dia­lo­gen und jeder Men­ge Tief­gang. Für Jugend­li­che ab 13 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwachsene.

Die 17-jäh­ri­ge Josie hat ein tur­bu­len­tes Leben hin­ter sich. “Ihr müsst wis­sen, mei­ne Mut­ter und ich zie­hen oft um. Und mit oft mei­ne ich sie­ben Umzü­ge in den letz­ten fünf Jah­ren.. die Ost­küs­te hoch und run­ter, sie­ben ver­schie­de­ne Städ­te. Wir sind Pro­fis. Und hau­en schnel­ler aus einer Stadt ab als ein Mafio­so, dem jemand gesteckt hat, dass gleich die Cops vor sei­ner Tür ste­hen.” (Zitat aus “Wie­der­se­hen mit Lucky” S.8) Josies Mut­ter ist nie da, wenn sie sie braucht, hat stän­dig wech­seln­de Män­ner­be­kannt­schaf­ten, mit denen sie sich ver­gnügt. Ihre Arbeit als Buch­händ­le­rin wech­selt sie auch immer wie­der ger­ne, ihrem letz­ten Chef schrieb sie, er sol­le sich sei­nen Job in den Arsch schie­ben. Doch jetzt zie­hen die bei­denKasimira für unge­fähr ein Jahr nach Beau­ty, Rho­de Island, zurück. Hier ist Josie gebo­ren wor­den und hat hier gelebt, bis sie 12 Jah­re alt war. Auf­grund von Fami­li­en­strei­tig­kei­ten mit Josies Groß­mutter sind sie damals abge­hau­en. Aber die­se ist nun nach Nepal vor­über­ge­hend aus­ge­wan­dert und Josie und ihre Mut­ter dür­fen sich um die Tra­di­ti­ons­buch­hand­lung, die schon seit Jah­ren in Fami­li­en­be­sitz ist, küm­mern und kos­ten­los in Groß­mutters Appar­te­ment woh­nen. Sie wol­len Geld spa­ren, um irgend­wann ein­mal in Flo­ri­da woh­nen zu kön­nen. In Beau­ty trifft Josie unwei­ger­lich auch auf Lucky, ihren ehe­mals bes­ten Freund. “Er ist ganz schön groß gewor­den. Und ganz schön attrak­tiv. Seit wann hat er so brei­te Schul­tern? Er sieht ein­schüch­ternd aus… und irgend­wie wütend. […] Er war ziem­lich sau­er auf mich, als ich die Stadt ver­las­sen habe.” (Zitat S.20) Es gab damals einen Brand, bei dem er schwer ver­letzt wur­de. Unge­fähr zu dem glei­chen Zeit­punkt, als Josies Mut­ter mit ihrer Mut­ter in StreitKasimira geriet. Eine Woche nach dem Feu­er hat­te ich ihn das letz­te Mal gese­hen, im Kran­ken­haus. Er hat­te über­all Ver­bän­de und war­te­te dar­auf, ope­riert zu wer­den. […] “Er hat­te meh­re­re Haut­trans­plan­ta­tio­nen”, erklär­te Evie. “Kei­ne Ahung… Ver­mut­lich hat ihn das ver­än­dert, danach hat er sich irgend­wie zurück­ge­zo­gen. Seit­dem hat er immer mal wie­der Ärger” (Zitat S.22) Josie, die selbst mit der Gerüch­te­kü­che des Ortes zu kämp­fen hat, in der Schu­le gemobbt wird, hört auch über Lucky eini­ges: Er soll im Jugend­knast geses­sen, nach einer Über­do­sis den Magen aus­ge­pumpt bekom­men und angeb­lich ein Mäd­chen geschwän­gert haben. Doch Lucky spricht nicht groß mit ihr. Er starrt sie an, aber er igno­riert sie. Dass sie ein­mal bes­te Freun­de waren, davon merkt man rein gar nichts mehr. Aber Josie hat sowie­so nicht vor all­zu lan­ge zu blei­ben. Sie will ihren High­school-Abschluss machen, ein paar foto­gra­fi­sche Erfol­ge vor­wei­sen und dann abhau­en nach Kali­for­ni­en, wo ihr Vater lebt, ein berühm­ter KasimiraMode­fo­to­graf, bei dem sie eine Aus­bil­dung machen will. Sie sehnt sich nach einem nor­ma­len Fami­li­en­le­ben: “Men­schen, die zusam­men zu Abend essen und über ihre Pro­ble­me reden. Men­schen, die nor­ma­le Fami­li­en­sa­chen mit­ein­an­der tun — im Gar­ten gril­len und in den Zoo gehen. Eltern, die ihren Kin­dern Schwim­men und Rad­fah­ren bei­brin­gen. All das will ich.” (Zitat S.25) Ihre Mut­ter weiß nichts von ihren Plä­nen. Nur Lucky scheint all­mäh­lich dahin­ter zu kom­men, was sie vor­hat. Als sie sich auf einer Par­ty uner­war­tet näher kom­men und Josie ver­se­hent­lich eine Schau­fens­ter­schei­be mit einem Stein ein­schlägt, nimmt er die Schuld auf sich und behaup­tet bei der Poli­zei, er hät­te das getan. Jetzt muss er den gan­zen Scha­den bezah­len und ein hal­bes Jahr dafür schuf­ten. War­um hat er das getan? Das will Josie unbe­dingt herausfinden…

KasimiraDas Cover macht neu­gie­rig, ist in ähn­lich war­men Far­men gezeich­net wie der unab­hän­gig von­ein­an­der zu lesen­de Vor­gän­ger­ti­tel “Unter dem Zelt der Ster­ne”. Der Roman ist durch­gän­gig in der Ich-Per­spek­ti­ve aus Josies Sicht geschrie­ben. Die­se wen­det sich — nur sehr ver­ein­zelt — aber auch mal direkt an den Leser: “Und wisst ihr was? Ich wür­de es jeder­zeit wie­der tun.” (Zitat S.209) In die Geschich­te kommt man sehr schnell her­ein, auch wenn anfangs sehr viel “Neben­säch­li­ches” über die Stadt, die his­to­ri­sche Ent­wick­lung mit ein­ge­floch­ten wird. Jenn Ben­nett schreibt sehr aus­führ­li­che, detail­ver­lieb­te und inten­si­ve Geschich­ten. Aber schafft auch erfri­schen­de, authen­ti­sche Cha­rak­te­re, die defi­ni­tiv anders sind. Wie zum Bei­spiel Josie: “Weißt du, was lus­tig ist? Bei mei­ner Mut­ter und mir bin ich die Erwach­se­ne”, erklä­re ich ihm. “Die Ver­ant­wor­tungs­vol­le, die allein zu Hau­se hockt und Haus­auf­ga­ben macht und ihre Mut­ter dar­an erin­nern muss, die Strom­rech­nung zu bezah­len, damit ich nicht im DunkKasimiraeln sit­ze oder für WLAN zu Star­bucks lau­fen muss.” (Zitat S.66) Ein Mäd­chen, das viel zu früh selbst erwach­sen wer­den muss­te und sehr unter dem Lebens­stil der Mut­ter lei­det. Die durch­ge­tak­te­te Punk­te-Plä­ne und Ver­läss­lich­keit liebt, aber gera­de dann doch ins Cha­os stol­pert. Ein Prak­ti­kum, für das sie sich bewirbt und eine Absa­ge erteilt bekommt und eine Klein­stadt, in der sie nicht auf­fal­len will und sogar eine fami­liä­ren Zwei-Fron­ten-Krieg aus­löst. Josie hat gewis­ser­ma­ßen das Talent ins Fett­näpf­chen zu tre­ten. Den­noch hat mir ihre teils flap­sig-leich­te, auf­ge­reg­te Art — vor allem ihren uner­war­te­ten Gefüh­len Lucky gegen­über, vor dem sie kei­nes ihrer Gefüh­le ver­ber­gen kann — sehr gut gefal­len. Die Dia­lo­ge — wenn auch nur sehr sel­ten mal etwas höl­zern — sind höchst unter­halt­sam und machen viel Spaß. Fas­zi­nie­rend fand ich auch die Tat­sa­che, dass sie es liebt Schil­der zu foto­gra­fie­ren: “Man­che Leu­te bevor­zu­gen LaKasimirandschaf­ten oder Men­schen oder Tie­re, ich nicht. Ich mag Rekla­me­ta­feln, Pla­kat­wän­de mit bis­si­gen Slo­gans, pene­tran­te Neon­schrift­zü­ge an Restau­rants, von Kugeln durch­sieb­te Stra­ßen­schil­der. Sie erzäh­le alle eine Geschich­te und das mit weni­gen Wor­ten.” (Zitat S.9) Jedes der Kapi­tel wird mit einer Bild­un­ter­schrift eines nicht vor­han­de­nen Bil­des (scha­de!) ein­ge­lei­tet, in dem das Schild, das sie foto­gra­fiert hat, beschrie­ben wird. Hin­ter Luckys Fas­sa­de hin­ge­gen kann man erst all­mäh­lich bli­cken. Ihn umgibt zunächst noch das typi­sche Bad-Boy-Image wie in so vie­len Jugend­bü­chern. Doch Jenn Ben­nett zeich­net ihre Cha­rak­te­re grund­sätz­lich tief­schich­ti­ger und so darf man auch gespannt sein, was sich hin­ter Lucky noch alles ver­birgt. Bis die Lie­bes­ge­schich­te der bei­den beginnt, da muss man sich zunächst noch ein wenig gedul­den, aber emo­tio­na­le Begeg­nun­gen zu beschrei­ben, das kann die Autorin defi­ni­tiv. Man fie­bert förm­lich von einem Zusam­men­tref­fen zum nächs­ten;-) Und ob taKasimiratsäch­lich ein Lie­bes­fluch auf Josies Fami­lie las­tet? “In mei­ner Fami­lie wird hart­nä­ckig an dem Glau­ben fest­ge­hal­ten, auf den Saint-Mar­tin-Frau­en las­te ein Fluch in Lie­bes­an­ge­le­gen­hei­ten. Sie hät­ten Pech in der Lie­be und sei­en dazu ver­dammt, elend und ein­sam zu enden.” (Zitat S.7) Das darf man am Ende dann her­aus­fin­den! Gut gefal­len haben mir auch die Bot­schaf­ten des Romans: Dass man manch­mal sei­nen Schutz­wall bes­ser fal­len lässt und dass eine ehr­li­che und offe­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on (vor allem in der Fami­lie) wich­tig ist.

Dir gefällt “Wie­der­se­hen mit Lucky”Dann greif noch zu den ande­ren drei Roma­ne von Jenn Ben­nett, die bis­her im Deut­schen erschie­nen sind und kom­plett eigen­stän­di­ge Geschich­ten Lesealternativensind: “Annä­hernd Alex” und “Die Ana­to­mie der Nacht” und “Unter dem Zelt der Ster­ne”Letz­te­rer hat mir sehr gut gefal­len. Eine Lie­bes­ge­schich­te, die eine her­vor­ra­gen­de Alter­na­ti­ve zu “Wie­der­se­hen mit Lucky” ist, ist “Das tie­fe Blau der Wor­te” von Cath Crow­ley, hier spielt eben­falls eine Buch­hand­lung eine zen­tra­le Rol­le (auch wenn es dies­mal sei­ne Fami­lie ist, die die­se führt) und auch sie kehrt nach Jah­ren wie­der in ihren Hei­mat­ort zurück und trifft auf ihren alten Freund. Ähn­lich ver­hält es sich in “Nichts ist gut. Ohne dich.” von Lea Coplin. Sehr gelun­gen sind auch “Der Som­mer, als du wie­der­kamst” von Emi­ly Mar­tin und Lass mich nicht los” von Sarah Alder­son. Oder lies “Long-lost friend” von Sarah Zarr (schon etwas älter),“Emmy &Oli­ver” von Robin Ben­way (sen­si­bel und unter­halt­sam erzählt), “Das Glück hat vier Far­ben” von Lisa Moo­re und “My life in cir­cles” von Bran­dy Col­bert. Eine Mut­ter, die ihre Toch­ter ver­nach­läs­sigt, das fin­dest du zudem in “Gegen das Glück hat das Schick­sal kei­ne Chan­ce” von Estel­le Lau­re und in “Eine Hand­voll Lila” von Ash­ley Her­ring Blake.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Carlsen
ISBN: 978-3-551-58437-3
Erscheinungsdatum: 18.März 2021
Einbandart: Broschur
Preis: 15,00€
Seitenzahl: 384
Übersetzer: Claudia Max
Originaltitel: "Chasing Lucky"
Originalverlag: Simon & Schuster

Amerikanisches Originalcover:
Kasimira

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Kasimiras Bewertung:

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(4,5 von 5 mög­li­chen Punkten)

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Amerikanisches Cover: Homepage von Jenn Bennett

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