“Guilty: #Du wirst nicht entkommen” ist der erste Teil der dreibändigen “Guilty”-Reihe des französischen Autoren Jean-Christophe Tixier, welcher aber auch einzeln und unabhängig voneinander gelesen werden kann. Eine nicht benannte Welt in der Zukunft, in der verurteilte Häftlinge bereits nach drei Jahren freikommen können, wenn das Volk über die “Guilty-App” dafür abstimmt. Ab drei Millionen Likes werden die Häftlinge freigelassen und zur Jagd freigegeben und dürfen — ohne strafrechtliche Konsequenzen — von jedem getötet werden. Auch der junge Diego, der wegen fahrlässiger Tötung verurteilt wurde, kommt auf diese Weise auf freien Fuß. Doch aufgrund einer elektronischen Fußfessel, die er tragen muss, wird sein Standort jeden Tag um 19Uhr öffentlich gepostet. Eine beispiellose Hetzjagd beginnt. Aber Diego ist nicht auf den Kopf gefallen und macht es seinen Verfolgern äußerst schwierig… Ein atemloser und sehr temporeich erzählter Thriller über den Kampf ums Überleben, über Hatespeech und eine besondere Form der Lynchjustiz, die definitiv zu Diskussionen anregen wird. Für taffe Jugendliche ab 14 Jahren und Erwachsene.
Der 22-jährige Häfling Diego lebt in einer Welt, in der das Rechtssystem ein völlig anderes geworden ist: “Menschenleben haben in der Gesellschaft, in der er lebt, nicht alle denselben Wert. Verbrechen ziehen nicht alle eine gerechte Strafe nach sich. Ja, er selbst, Diego, ist schuldig. Aber die Kampagne für die sogenannten Volksgerechtigkeit ist für ihn ein riesengroßer Schwindel. Es geht dabei nur darum, durch vorzeitige Haftentlassungen die überfüllten Gefängnisse zu leeren.” (Zitat S.65) Denn nach drei Jahren kann jeder Häftling bereits entlassen werden. Über die App “Guilty” darf das Volk selbst abstimmen und
Gerechtigkeit ausüben. Und genau davor hat Diego Angst. Nun darf ihn jeder töten, ohne dafür belangt zu werden. “Auf dem Bildschirm schießt die Zahl unten rechts in die Höhe. Die Klicks prasseln nur so. 2987327. 2988632. 2990453. Diego stellt sich die User an ihren Handys vor, versucht sich in sie hineinzuversetzen […] Was empfinden sie an ihren Handys? Wut? Befriedigung? Empörung? Mitleid? Erregung? Freude? Genugtuung? Ist es für sie ein Spaß? Eine Fernsehunterhaltung? Wollen sie sich mit den Klicks für irgendetwas rächen?” (Zitat S.14) Und dann ist es plötzlich so weit. Er wird entlassen. Wird ausgesetzt an einem unbekannten Standort. Die Richterin hat ihm vorher nur das Gröbste erklärt. Auch was mit den Leuten vor ihm passiert ist: “Von den 237 im Rahmen der Sonderbehandlung entlassenen Straftäterinnen und Straftätern fanden 175 durch Vollstreckung der Lynchjustiz im Namen des Volkes den Tod. Neun Personen ist es gelungen Beweise für ihre Unschuld zu sammeln. Ihre
Verfahren wurden neu aufgerollt und endeten mit Freispruch. Die 53 restlichen Männer und Frauen sind verschwunden, ohne dass Kenntnis über ihr weiteres Verbleiben besteht.” (Zitat S.27) Diego hat furchtbare Angst. Hinter jeder Ecke könnte ein potentieller Angreifer lauern. Über die Guilty-App kann er die hasserfüllten Kommentare der Leute lesen, die seine Hetzjagd vorantreiben. “Als sein Herz endlich langsamer schlägt, öffnet er die Augen wieder und hebt den Kopf vorsichtig, um zur Straße zu spähen. Zwei weitere Autos haben neben dem Geländewagen der jungen Frau geparkt. Er hat sie gar nicht kommen hören. Sie sind jetzt zu viert. Zur Begrüßung stoßen sie ihre Fäuste gegeneinander. Vier Jäger. Drei Männer und eine Frau.” (Zitat S.53) Doch er hat auch einen Plan. Er weiß, dass sein Standort jeden Tag um Punkt 19Uhr veröffentlicht w
ird. Und er hat eine Menge Ideen, um seine Verfolger zu täuschen.…
Das Cover passt perfekt zum Inhalt und ist faszinierend und schön auffällig gestaltet. Der Thriller beginnt mit den Download-Informationen der “Guilty”-App und einem Auszug aus dem Gesetzestext, der die neue strafrechtlichen Regelungen widergibt. Das Setting in “Guilty: #Du wirst nicht entkommen” ist knallhart und heftig: “Die Richterin hat ihm zwar nur angedeutet, was auf ihn wartet, aber er weiß es auch so… Bald wird er irgendwo da draußen ausgesetzt sein, in einer feindlichen Wirklichkeit, in der niemand auf ihn wartet. Außer hasserfüllten Horden, die seine Spur verfolgen und ihn hetzen werden. Gewonnen hat, wer ihn als Erster aufspürt und erledigt. Seinen leblosen Körper wie ein Trophäe zur Schau stellt. Auf unzähligen Selfies oder Videos, die sofort massenweise
über Social Media verbreitet werden.” (Zitat S.31ff) Darf man über eine App einfach so entscheiden, wer frei kommt und dann in Lynchjustiz getötet wird? Darf man Gerechtigkeit üben und im Grunde ebenso eine Straftat begehen, wie es die Häftlinge taten? Was ist ein Menschenleben wert? “Ein User wettet darauf, dass er weniger als 24 Stunden überleben wird. Ein anderer lädt den Kommentarschreibung auf zwei Bier ein, wenn sich seine Vorhersage bewahrheitet. Diego hat den Eindruck, in einem makraben, öbszönen Spiel gelandet zu sein, als bloße Unterhaltung und Ablenkung der Chatter von ihrer Langeweile zu dienen. Dass er ein Mensch ist, scheint dabei keinen zu interessieren.” (Zitat S.68ff) Der Thriller bietet jede Menge Diskussionsstoff, eignet sich für ältere Schüler auch wunderbar als Klassenlektüre und liest sich mit 247 Seiten (von denen viele nicht komplett bedruckt sind) sehr flüssig und flott herunter. Warum
der Autor an zwei Stellen plötzlich zur Ich-Perspektive wechselt, hat sich mir nicht ganz erschlossen, aber der Rest der Geschichte wird in personaler Sichtweise und aus Diegos Blickwinkel erzählt. Spannend sind auch die vielen Einschübe, die in einem anderen Schriftbild gestaltet sind. Es gibt viele Chatgespräch und Kommentare beispielsweise, die gezeigt werden: “Gun_27 @Eagle421: Hey, Leute, der ist für mich! Dass mir keiner in die Quere kommt! 12:06 Dragon_13 @Eagle421 So ein Typ wie der, mit dem, was er getan hat, der soll verrecken! 12:07″ (Zitat S.39) Ebenso Polizeiberichte und Verhörprotokolle von Diego werden mit in den Fließtext eingebunden. Und immer wieder berichtet auch das Radio über sämtliche Vorfälle, was ein noch umfassenderes Bild über Diegos Lage macht: “Unser Reporter befindet sich direkt vor dem Justizpalast, wo sich eine größere Menschenmenge versammelt hat. Anhänger und Gegner der Volksjustiz liefern sic
h eine heftige Auseinandersetzung. Beide Gruppen sind gewaltbereit. Die Polizei ist aufmarschiert, um sie auseinanderzudrängen und eine weitere Eskalation zu vermeiden.” (Zitat S.29) Bei der Hauptfigur des Thriller schwankt man immer wieder zwischen Mitleid, Sympathie, aber auch Unverständnis hinsichtlich seiner Gewaltbereitschaft: “Einen wirklichen Plan hat er nicht. Er weiß nur: Er muss Gun_27 überrumpeln. Sich auf ihn stürzen. Auf ihn einschlagen. Bis er ihm nichts mehr tun kann. Dann ein Foto von seinem blutverschmierten Gesicht machen und es online stellen. Als Abschreckung für all die anderen Typen, die ihre hasserfüllten Kommentare posten. Aber so ein Foto könnte sie auch erst recht anstacheln. Deshalb verwirft er die Idee.” (Zitat S.51) Als Leser*in blickt man zunehmend hinter Diegos Fassade und wird auch mit Details zu seiner Tat konfrontiert, die ihn in einem nicht allzu guten Licht dastehen la
ssen. Spürt aber auch deutlich seine Reue. “Es war Liebe auf den ersten Blick. Wenn ich jetzt an die Jahre mit ihr zurückdenke, habe ich das Gefühl, dass sie zu einem fremden Leben gehören. Damit ist es aus. Schluss und vorbei. Nichts ist davon geblieben. Eine Sekunde hat gereicht, um mein Leben zu zertrümmern. Eine Sekunde. Aus Dummheit und Gedankenlosigkeit.” (Zitat S.11) Was Jean-Christoph Tixier sehr gut gelingt, ist es die Gefühlswelt seines Protagonisten zu beschreiben. Trotz vieler dramatischer, hektischer Momente schafft er es an vielen Stellen seine Emotionen treffend darzustellen. Das Ende ist passend und deutet bereits die Fortsetzung an. Jedoch ist der Band gewissermaßen in sich abgeschlossen, nur die Grundidee ist in jedem dieselbe mit jeweils anderen Protagonist*innen in der Hauptrolle.
Dir gefällt Jean-Christophe Tixiers Erzählstil? Dann lies noch den zweiten Band der Reihe, der im November 2023 auf Deutsch erscheinen wird: “Guilty: #Dafür wirst du zahlen” Der dritte Band wurde im Deutschen bisher noc
h nicht angekündigt. Im Französischen heißt er “Guilty: #L’affaire Helena Varance”. Eine ideale Lesealternative, an dich ich sofort denken musste, ist die Thriller-Reihe von Marie Golien: “Cainstorm Island”. Hier wird ebenfalls zu einer bestimmten Uhrzeit (wenn auch auf andere Art und Weise) jemand “online” geschaltet und gnadenlos gejagt. Super spannend!! Was ich mir auch gut vorstellen könnte, wären “Marthas Widerstand” von Kerry Drewery oder “Realityshow” von Amélie Nothomb (ab 16 Jahren), in der in einem inszenierten Konzentrationslager ein Fernsehpublikum jeden Tag zwei Menschen wählt, die sterben werden. Abstruse Spiele beziehungsweise eine Überwachung per Kamera findest du nicht nur in der bekannten “Tribute von Panem”-Reihe von Suzanne Collins, sondern auch in “NERVE: Das Spiel ist aus, wenn wir es sagen” von Jeanne Ryan (macht nachdenklich), “Wonderland” von Christina Stein (nichts für Zartbesaitete!) und in dem schon etwas älteren “Isoliert” von Bettina Obrecht.
Bibliografische Angaben:Verlag: cbt ISBN: 978-3-570-31565-1 Erscheinungsdatum: 14.Juni 2023 Einbandart: Broschur Preis: 13,00€ Seitenzahl: 256 Übersetzer: Bernadette Ott Originaltitel: "Guilty: L'affaire Diego Abrio" Originalverlag: Rageot-Editeur Französisches Originalcover:
Trailer zum Buch (auf Französisch):
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(4 von 5 möglichen Punkten)
------------------------------------------ Französisches Originalcover: Homepage von Jean-Christophe Tixier

Verlag: cbt
ISBN: 978-3-570-31565-1
Erscheinungsdatum: 14.Juni 2023
Einbandart: Broschur
Preis: 13,00€
Seitenzahl: 256
Übersetzer: Bernadette Ott
Originaltitel: "Guilty: L'affaire Diego Abrio"
Originalverlag: Rageot-Editeur
Französisches Originalcover:
Trailer zum Buch (auf Französisch):
