Jean-Christophe Tixier — Guilty: #Du wirst nicht entkommen

28. Juli 2023

“Guil­ty: #Du wirst nicht ent­kom­men” ist der ers­te Teil der drei­bän­di­gen “Guil­ty”-Rei­he des fran­zö­si­schen Autoren Jean-Chris­to­phe Tixier, wel­cher aber auch ein­zeln und unab­hän­gig von­ein­an­der gele­sen wer­den kann. Eine nicht benann­te Welt in der Zukunft, in der ver­ur­teil­te Häft­lin­ge bereits nach drei Jah­ren frei­kom­men kön­nen, wenn das Volk über die “Guil­ty-App” dafür abstimmt. Ab drei Mil­lio­nen Likes wer­den die Häft­lin­ge frei­ge­las­sen und zur Jagd frei­ge­ge­ben und dür­fen — ohne straf­recht­li­che Kon­se­quen­zen — von jedem getö­tet wer­den. Auch der jun­ge Die­go, der wegen fahr­läs­si­ger Tötung ver­ur­teilt wur­de, kommt auf die­se Wei­se auf frei­en Fuß. Doch auf­grund einer elek­tro­ni­schen Fuß­fes­sel, die er tra­gen muss, wird sein Stand­ort jeden Tag um 19Uhr öffent­lich gepos­tet. Eine bei­spiel­lo­se Hetz­jagd beginnt. Aber Die­go ist nicht auf den Kopf gefal­len und macht es sei­nen Ver­fol­gern äußerst schwie­rig… Ein atem­lo­ser und sehr tem­po­reich erzähl­ter Thril­ler über den Kampf ums Über­le­ben, über Hate­speech und eine beson­de­re Form der Lynch­jus­tiz, die defi­ni­tiv zu Dis­kus­sio­nen anre­gen wird. Für taf­fe Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und Erwachsene.

Der 22-jäh­ri­ge Häf­ling Die­go lebt in einer Welt, in der das Rechts­sys­tem ein völ­lig ande­res gewor­den ist: “Men­schen­le­ben haben in der Gesell­schaft, in der er lebt, nicht alle den­sel­ben Wert. Ver­bre­chen zie­hen nicht alle eine gerech­te Stra­fe nach sich. Ja, er selbst, Die­go, ist schul­dig. Aber die Kam­pa­gne für die soge­nann­ten Volks­ge­rech­tig­keit ist für ihn ein rie­sen­gro­ßer Schwin­del. Es geht dabei nur dar­um, durch vor­zei­ti­ge Haft­ent­las­sun­gen die über­füll­ten Gefäng­nis­se zu lee­ren.” (Zitat S.65) Denn nach drei Jah­ren kann jeder Häft­ling bereits ent­las­sen wer­den. Über die App “Guil­ty” darf das Volk selbst abstim­men und Gerech­tig­keit aus­üben. Und genau davor hat Die­go Angst. Nun darf ihn jeder töten, ohne dafür belangt zu wer­den. “Auf dem Bild­schirm schießt die Zahl unten rechts in die Höhe. Die Klicks pras­seln nur so. 2987327. 2988632. 2990453. Die­go stellt sich die User an ihren Han­dys vor, ver­sucht sich in sie hin­ein­zu­ver­set­zen […] Was emp­fin­den sie an ihren Han­dys? Wut? Befrie­di­gung? Empö­rung? Mit­leid? Erre­gung? Freu­de? Genug­tu­ung? Ist es für sie ein Spaß? Eine Fern­seh­un­ter­hal­tung? Wol­len sie sich mit den Klicks für irgend­et­was rächen?” (Zitat S.14) Und dann ist es plötz­lich so weit. Er wird ent­las­sen. Wird aus­ge­setzt an einem unbe­kann­ten Stand­ort. Die Rich­te­rin hat ihm vor­her nur das Gröbs­te erklärt. Auch was mit den Leu­ten vor ihm pas­siert ist: “Von den 237 im Rah­men der Son­der­be­hand­lung ent­las­se­nen Straf­tä­te­rin­nen und Straf­tä­tern fan­den 175 durch Voll­stre­ckung der Lynch­jus­tiz im Namen des Vol­kes den Tod. Neun Per­so­nen ist es gelun­gen Bewei­se für ihre Unschuld zu sam­meln. Ihre KasimiraVer­fah­ren wur­den neu auf­ge­rollt und ende­ten mit Frei­spruch. Die 53 rest­li­chen Män­ner und Frau­en sind ver­schwun­den, ohne dass Kennt­nis über ihr wei­te­res Ver­blei­ben besteht.” (Zitat S.27) Die­go hat furcht­ba­re Angst. Hin­ter jeder Ecke könn­te ein poten­ti­el­ler Angrei­fer lau­ern. Über die Guil­ty-App kann er die hass­erfüll­ten Kom­men­ta­re der Leu­te lesen, die sei­ne Hetz­jagd vor­an­trei­ben. “Als sein Herz end­lich lang­sa­mer schlägt, öff­net er die Augen wie­der und hebt den Kopf vor­sich­tig, um zur Stra­ße zu spä­hen. Zwei wei­te­re Autos haben neben dem Gelän­de­wa­gen der jun­gen Frau geparkt. Er hat sie gar nicht kom­men hören. Sie sind jetzt zu viert. Zur Begrü­ßung sto­ßen sie ihre Fäus­te gegen­ein­an­der. Vier Jäger. Drei Män­ner und eine Frau.” (Zitat S.53) Doch er hat auch einen Plan. Er weiß, dass sein Stand­ort jeden Tag um Punkt 19Uhr ver­öf­fent­licht wird. Und er hat eine Men­ge Ideen, um sei­ne Ver­fol­ger zu täuschen.…

Das Cover passt per­fekt zum Inhalt und ist fas­zi­nie­rend und schön auf­fäl­lig gestal­tet. Der Thril­ler beginnt mit den Down­load-Infor­ma­tio­nen der “Guilty”-App und einem Aus­zug aus dem Geset­zes­text, der die neue straf­recht­li­chen Rege­lun­gen wider­gibt. Das Set­ting in “Guil­ty: #Du wirst nicht ent­kom­men” ist knall­hart und hef­tig: “Die Rich­te­rin hat ihm zwar nur ange­deu­tet, was auf ihn war­tet, aber er weiß es auch so… Bald wird er irgend­wo da drau­ßen aus­ge­setzt sein, in einer feind­li­chen Wirk­lich­keit, in der nie­mand auf ihn war­tet. Außer hass­erfüll­ten Hor­den, die sei­ne Spur ver­fol­gen und ihn het­zen wer­den. Gewon­nen hat, wer ihn als Ers­ter auf­spürt und erle­digt. Sei­nen leb­lo­sen Kör­per wie ein Tro­phäe zur Schau stellt. Auf unzäh­li­gen Sel­fies oder Vide­os, die sofort mas­sen­wei­se über Social Media ver­brei­tet wer­den.” (Zitat S.31ff) Darf man über eine App ein­fach so ent­schei­den, wer frei kommt und dann in Lynch­jus­tiz getö­tet wird? Darf man Gerech­tig­keit üben und im Grun­de eben­so eine Straf­tat bege­hen, wie es die Häft­lin­ge taten? Was ist ein Men­schen­le­ben wert? “Ein User wet­tet dar­auf, dass er weni­ger als 24 Stun­den über­le­ben wird. Ein ande­rer lädt den Kom­men­tar­schrei­bung auf zwei Bier ein, wenn sich sei­ne Vor­her­sa­ge bewahr­hei­tet. Die­go hat den Ein­druck, in einem makra­ben, öbs­zö­nen Spiel gelan­det zu sein, als blo­ße Unter­hal­tung und Ablen­kung der Chat­ter von ihrer Lan­ge­wei­le zu die­nen. Dass er ein Mensch ist, scheint dabei kei­nen zu inter­es­sie­ren.” (Zitat S.68ff) Der Thril­ler bie­tet jede Men­ge Dis­kus­si­ons­stoff, eig­net sich für älte­re Schü­ler auch wun­der­bar als Klas­sen­lek­tü­re und liest sich mit 247 Sei­ten (von denen vie­le nicht kom­plett bedruckt sind) sehr flüs­sig und flott her­un­ter. War­um der Autor an zwei Stel­len plötz­lich zur Ich-Per­spek­ti­ve wech­selt, hat sich mir nicht ganz erschlos­sen, aber der Rest der Geschich­te wird in per­so­na­ler Sicht­wei­se und aus Die­gos Blick­win­kel erzählt. Span­nend sind auch die vie­len Ein­schü­be, die in einem ande­ren Schrift­bild gestal­tet sind. Es gibt vie­le Chat­ge­spräch und Kom­men­ta­re bei­spiels­wei­se, die gezeigt wer­den: “Gun_27 @Eagle421: Hey, Leu­te, der ist für mich! Dass mir kei­ner in die Que­re kommt! 12:06 Dragon_13 @Eagle421 So ein Typ wie der, mit dem, was er getan hat, der soll ver­re­cken! 12:07″ (Zitat S.39) Eben­so Poli­zei­be­rich­te und Ver­hör­pro­to­kol­le von Die­go wer­den mit in den Fließ­text ein­ge­bun­den. Und immer wie­der berich­tet auch das Radio über sämt­li­che Vor­fäl­le, was ein noch umfas­sen­de­res Bild über Die­gos Lage macht: “Unser Repor­ter befin­det sich direkt vor dem Jus­tiz­pa­last, wo sich eine grö­ße­re Men­schen­men­ge ver­sam­melt hat. Anhän­ger und Geg­ner der Volks­jus­tiz lie­fern sicKasimirah eine hef­ti­ge Aus­ein­an­der­set­zung. Bei­de Grup­pen sind gewalt­be­reit. Die Poli­zei ist auf­mar­schiert, um sie aus­ein­an­der­zu­drän­gen und eine wei­te­re Eska­la­ti­on zu ver­mei­den.” (Zitat S.29) Bei der Haupt­fi­gur des Thril­ler schwankt man immer wie­der zwi­schen Mit­leid, Sym­pa­thie, aber auch Unver­ständ­nis hin­sicht­lich sei­ner Gewalt­be­reit­schaft: “Einen wirk­li­chen Plan hat er nicht. Er weiß nur: Er muss Gun_27 über­rum­peln. Sich auf ihn stür­zen. Auf ihn ein­schla­gen. Bis er ihm nichts mehr tun kann. Dann ein Foto von sei­nem blut­ver­schmier­ten Gesicht machen und es online stel­len. Als Abschre­ckung für all die ande­ren Typen, die ihre hass­erfüll­ten Kom­men­ta­re pos­ten. Aber so ein Foto könn­te sie auch erst recht ansta­cheln. Des­halb ver­wirft er die Idee.” (Zitat S.51) Als Leser*in blickt man zuneh­mend hin­ter Die­gos Fas­sa­de und wird auch mit Details zu sei­ner Tat kon­fron­tiert, die ihn in einem nicht all­zu guten Licht daste­hen lassen. Spürt aber auch deut­lich sei­ne Reue. “Es war Lie­be auf den ers­ten Blick. Wenn ich jetzt an die Jah­re mit ihr zurück­den­ke, habe ich das Gefühl, dass sie zu einem frem­den Leben gehö­ren. Damit ist es aus. Schluss und vor­bei. Nichts ist davon geblie­ben. Eine Sekun­de hat gereicht, um mein Leben zu zer­trüm­mern. Eine Sekun­de. Aus Dumm­heit und Gedan­ken­lo­sig­keit.” (Zitat S.11) Was Jean-Chris­toph Tixier sehr gut gelingt, ist es die Gefühls­welt sei­nes Prot­ago­nis­ten zu beschrei­ben. Trotz vie­ler dra­ma­ti­scher, hek­ti­scher Momen­te schafft er es an vie­len Stel­len sei­ne Emo­tio­nen tref­fend dar­zu­stel­len. Das Ende ist pas­send und deu­tet bereits die Fort­set­zung an. Jedoch ist der Band gewis­ser­ma­ßen in sich abge­schlos­sen, nur die Grund­idee ist in jedem die­sel­be mit jeweils ande­ren Protagonist*innen in der Hauptrolle.

Dir gefällt Jean-Chris­to­phe Tixiers Erzähl­stil? Dann lies noch den zwei­ten Band der Rei­he, der im Novem­ber 2023 auf Deutsch erschei­nen wird: “Guil­ty: #Dafür wirst du zah­len” Der drit­te Band wur­de im Deut­schen bis­her nocLesealternativenh nicht ange­kün­digt. Im Fran­zö­si­schen heißt er “Guil­ty: #L’af­fai­re Hele­na Varance”. Eine idea­le Lese­al­ter­na­ti­ve, an dich ich sofort den­ken muss­te, ist die Thril­ler-Rei­he von Marie Goli­en: “Cain­storm Island”. Hier wird eben­falls zu einer bestimm­ten Uhr­zeit (wenn auch auf ande­re Art und Wei­se) jemand “online” geschal­tet und gna­den­los gejagt. Super span­nend!! Was ich mir auch gut vor­stel­len könn­te, wären “Mart­has Wider­stand” von Ker­ry Dre­wery oder “Rea­li­ty­show” von Amé­lie Not­homb (ab 16 Jah­ren), in der in einem insze­nier­ten Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger ein Fern­seh­pu­bli­kum jeden Tag zwei Men­schen wählt, die ster­ben wer­den. Abstru­se Spie­le bezie­hungs­wei­se eine Über­wa­chung per Kame­ra fin­dest du nicht nur in der bekann­ten “Tri­bu­te von Panem”-Rei­he von Suzan­ne Coll­ins, son­dern auch in “NERVE: Das Spiel ist aus, wenn wir es sagen” von Jean­ne Ryan (macht nach­denk­lich), “Won­der­land” von Chris­ti­na Stein (nichts für Zart­be­sai­te­te!) und in dem schon etwas älte­ren “Iso­liert” von Bet­ti­na Obrecht.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: cbt
ISBN: 978-3-570-31565-1
Erscheinungsdatum: 14.Juni 2023
Einbandart: Broschur
Preis: 13,00€
Seitenzahl: 256
Übersetzer: Bernadette Ott
Originaltitel: "Guilty: L'affaire Diego Abrio"
Originalverlag: Rageot-Editeur

Französisches Originalcover: 











Trailer zum Buch (auf Französisch):

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Kasimiras Bewertung:

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(4 von 5 mög­li­chen Punkten)

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Französisches Originalcover: Homepage von Jean-Christophe Tixier

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