Jason Reynolds — Long way down

Kasimira4.Dezember 2019

Der ame­ri­ka­ni­sche, mehr­fach aus­ge­zeich­ne­te Autor Jason Rey­nolds hat mit “Long way down” ein Buch in ganz außer­ge­wöhn­li­cher Wei­se ver­fasst: ein Roman in Vers­form. Eine Geschich­te über einen toten Bru­der, Rache, Gewalt und eine Ent­schei­dung, die in einem Fahr­stuhl getrof­fen wird und alles ver­än­dert. Von Stock­werk zu Stock­werk stei­gen neue Men­schen hin­zu, die dem Prot­ago­nis­ten zu den­ken geben. Ein unge­wohn­tes, inten­si­ves, ein­drucks­vol­les Lese­er­leb­nis. Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwach­se­ne.

Wills Bru­der Shawn wur­de erschos­sen. “Es ist ges­tern Abend passiert./ Jemand ist ihm vom Laden aus gefolgt/ hat ihn überrascht/ hat ihn zwei­mal in die Brust geschossen/ genau vorm Haus […] Aber ich weiß/ dass es die Dark Suns waren./ Riggs und so./ Muss so sein.” (Zitat aus “Long way down” S.102). Will, der sich ein Zim­mer mit ihm geteilt hat, greift nach Shawns Waf­fe. Die, die er in der Schub­la­de ver­steckt hat. Von Waf­fen hat er kei­ne Ahnung. Aber die Regeln, die kennt er. Wenn jemand zu Unrecht getö­tet wird, dann muss er KasimiraRache neh­men. Er darf nie­man­den ver­pfei­fen. Und Wei­nen ist auch nicht erlaubt. Das hat er schon früh bei­gebracht bekom­men. “Mir war zum Heulen/als wäre/jemand anders/ in mei­nem Kopf gefangen./ Klei­ne Fäuste/ trom­mel­ten von hinten/ gegen mei­ne Augen./ Trit­te tra­fen mei­ne Kehle/ genau an der Stelle/ wo man schluckt./ Bleib wo du bist! flüs­ter­te ich ihm zu./ Bleib stark! sag­te ich zu mir selbst./ Denn Wei­nen ist gegen/ Die/ Regeln.” (Zitat S.38) Auf sei­ner Fahrt mit dem Fahr­stuhl vom 8.Stock, wo er wohnt, hin­ab in die Lob­by muss Will eine Ent­schei­dung tref­fen. Will er sei­nen Bru­der wirk­lich rächen? Wird er das tun, was in sei­nem Milieu “Gesetz” ist? Unter­wegs stei­gen die unter­schied­lichs­ten Per­so­nen zu, die ihm mit ihren Wor­ten zu den­ken geben. Was wird er tun, wenn sei­ne Fahrt zu Ende ist?

KasimiraJason Rey­nolds hat bereits im Alter von neun Jah­ren Gedich­te geschrie­ben. Jah­re­lang hat er sich nur auf die Poe­sie kon­zen­triert, ehe er mit 17 sei­nen ers­ten Roman las. Nach ein paar ver­öf­fent­li­chen Lyrik­samm­lun­gen schrieb er aus­schließ­lich Roma­ne. Mit “Long way down” kehrt er nun zu sei­nen Wur­zeln wie­der zurück. Das kom­plet­te Vers­maß des Buches ist beim Lesen zunächst recht unge­wöhn­lich, die ein­ge­rück­ten Zei­len, die vie­len Über­schrif­ten, die Absät­ze zwi­schen den Zei­len. Es reimt sich nichts, aber die teils sehr weni­gen Wor­te, die gan­ze Sei­ten fül­len, sind akku­rat gewählt. Inten­siv. Auf den Punkt gebracht. Kraft­voll. Wenn auch irgend­wie aus wei­ter Distanz erlebt man als Leser die Haupt­per­son Will, der in Ich-Per­spek­ti­ve berich­tet und sei­ne Welt zu Füßen legt, die mit dem Tod sei­nes Bru­ders aus den Fugen geris­sen wur­de. Die Stim­mung ist durch­weg eher beklem­mend und düs­ter: “Das gel­be KasimiraLicht/ im Trep­pen­haus surr­te wie die Leuchtkäfer/ die ich und Shawn als Kinder/ fingen./ Wir setz­ten sie/ in gewa­sche­ne Marmeladengläser/ vier oder fünf von ihnen/ auf einmal./ Shawn schraub­te den Deckel fest/ und wir setz­ten uns/ auf eine Bank/ und sahen ihnen/ beim Flie­gen zu./ Wie sie zusammenstießen/ gefangen/ bis einem nach dem anderen/ das Licht aus­ging.” (Zitat S.77) Das Milieu, in dem Will und Shawn auf­wach­sen, ist kein Schö­nes. Gewalt scheint an der Tages­ord­nung zu ste­hen. Dass auf der Stra­ße Schüs­se ertö­nen, die einen sich zu Boden wer­fen las­sen, nichts Außer­ge­wöhn­li­ches. Der Autor scheint zu ken­nen, wovon er schreibt. So lässt es die Wid­mung zu Beginn des Buches erah­nen: “Für alle Brü­der und Schwes­tern in den Jugend­ge­fäng­nis­sen im gan­zen Land, für alle, die ich getrof­fen, und alle, die ich nicht getrof­fen habe. Ihr wer­det geliebt.” (Zitat S.5) Die Per­so­nen, denen Will begeg­net, sind Men­schen aus Kasimirasei­ner Ver­gan­gen­heit, aus sei­ner Fami­lie. Men­schen, die ihm Fra­gen stel­len, die ihn auf die Trag­wei­te sei­ner Ent­schei­dung auf­merk­sam machen und ihn und den Leser zum Nach­den­ken brin­gen. Ein bril­lant gewähl­te Stil­mit­tel. Das offe­ne Ende lässt viel Raum für Spe­ku­la­tio­nen. Der Roman ist sehr gut für eine Buch­vor­stel­lung (vor allem für Jungs, die nicht so ger­ne lesen und nicht so viel, da man das Buch unheim­lich schnell durch hat) und als Klas­sen­lek­tü­re geeig­net.

Fazit: Unge­wöhn­lich, anders, kurz­wei­lig, aber unver­gess­lich!

Du magst Jason Rey­nolds Art zu schrei­ben? Dann lies noch sei­ne ande­ren Roma­ne. “Coo­le Num­mer” (2015), “Love oder Mei­ne schöns­ten Beer­di­gun­gen” (2017) und “Nichts ist okay!” (2018). Bekannt wur­de der Autor vor allem durch sei­ne “Lauf”-Rei­he: “Ghost: Jede Men­ge Leben” (Band 1), “Pati­na: Was ich lie­be und was ich has­se” (Band 2), “Sun­ny: Der Sound der Welt” (Band 3) und Lu: Wir sind Fami­lie” (Band 4). Nächs­tes Jahr erscheint von ihm im März: “Brü­der: Mutig wie wir” und im Mai: “Die Sache mit dem Glück­lich­sein” (Neu­auf­la­ge von “Love oder Mei­ne schöns­ten Beer­di­gun­gen”). Dir gefällt der Erzähl­stil in Vers­form? Hier gibt es meh­re­re Vari­an­ten. Lies zum Bei­spiel “Die Spra­che des Was­sers” oder “Eins” von Sarah Crossan. Etwas älter sind “Wenn dir das Leben eine Zitro­ne gibt, mach Limo­na­de draus” von Vir­gi­nia E. Wolff oder “In Lie­be, Brook­lyn” von Lisa Schro­eder (sehr berüh­rend) oder “Crank” von Ellen Hop­kins. Die­ses Jahr mit dem Deut­schen Jugend­li­te­ra­tur­preis aus­ge­zeich­net wur­de sogar “Ich weiß heu­te Nacht wer­de ich träu­men” von Ste­ven Her­rick. Lies noch sein ers­tes Buch, eben­falls in Vers­form geschrie­ben: “Wir bei­de wuss­ten, es war was pas­siert”. Lese­al­ter­na­ti­ven zu Jason Rey­nolds unab­hän­gig vom Vers­maß gesucht? Sehr pas­send sind zum Bei­spiel “Kill all enemies” von Mel­vin Bur­gess, Befrei­ungs­schlag” von Ste­fan Gemmel & Uwe Zis­sener und “Dear Mar­tin” von Nic Stone/ “The hate u give” von Angie Tho­mas.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: dtv
ISBN: 978-3-423-65031-1
Erscheinungsdatum: 23.August 2019
Einbandart: Broschur
Preis: 14,95€
Seitenzahl: 320
Übersetzer: Petra Bös
Originaltitel: "A Long way down"
Originalverlag: Faber & Faber

Amerikanisches Originalcover:
Kasimira











Trailer zum Buch (auf Englisch):
 
Jason Reynolds im Interview (auf Englisch):

Kasimiras Bewertung:

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(4 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

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Amerikanisches Cover: Homepage von Jason Reynolds

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