Jandy Nelson — Wenn unsere Welt kippt

5.Oktober 2025

Die ame­ri­ka­ni­sche New-Yorks-Times-Best­sel­ler­au­torin Jan­dy Nel­son hat nach lan­ger Zeit end­lich mal wie­der ein neu­es Buch ver­öf­fent­licht. “Wenn unse­re Welt kippt” ist ein Roman, der drei Geschwis­ter in den Mit­tel­punkt stellt, die höchst unter­schied­lich sind und deren Welt völ­lig aus den Fugen gerät. Ein frem­des Mäd­chen mit regen­bo­gen­far­be­nen Haa­ren bringt ihr Leben durch­ein­an­der und lässt unge­ahn­te Fami­li­en­ge­heim­nis­se zuta­ge tre­ten. Als ein Schick­sals­schlag alles auf den Kopf stellt, scheint nur sie es zu sein, die alles wie­der ins Lot brin­gen kann… Es gibt sie noch — die gro­ßen, tief­grün­di­gen Fami­li­en­ge­schich­ten! Aus­ufernd, opu­lent ist Jan­dy Nel­sons Werk mit 640 Sei­ten — aber äußerst loh­nens­wert und gehalt­voll. Eine Geschich­te über Ver­rat, über fami­liä­re Ver­wick­lun­gen, aber zugleich auch die Suche nach der eige­nen Iden­ti­tät und Sexua­li­tät, eine Sehn­sucht nach Gebor­gen­heit und Lie­be. Erzäh­le­risch bril­lant: facet­ten­reich, in sich stim­mig und rund. Mit Cha­rak­te­ren, die man ein­fach in sein Herz schließt und deren unter­schied­li­che Wege man auf­merk­sam und sehr ger­ne beglei­tet. Das ist Lite­ra­tur! Groß­ar­tig. Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und Erwachsene.

Para­di­se Springs. Eine Klein­stadt in Kali­for­ni­en. Hier lebt die Fami­lie Fall. Mut­ter Ber­na­dette. Vater Theo, der die Fami­lie aller­dings ver­las­sen hat und seit­dem spur­los ver­schwun­den ist. Und die drei Geschwis­ter Diz­zy (12), Miles (17) und Wyn­ton (19). Sie leben auf einem tra­di­tio­nel­len, preis­ge­krön­ten Wein­gut. Urgroß­va­ter Alon­so kam einst aus Spa­ni­en nach Ame­ri­ka und brach­te sechs beson­de­re Wein­re­ben mit, mit denen er die Wein­ber­ge bepflanz­te. Im Ort steht sogar eine Stein­sta­tue ihm zu Ehren. Doch genau die­se Sta­tue hat Drauf­gän­ger Wyn­ton nun umge­fah­ren. Nicht nur weil er das Auto sei­ner Mut­ter damit zu Schrott gefah­ren und Kos­ten von 20.000 Dol­lar ver­ur­sacht hat, son­dern auch weil er für kur­ze Zeit im Gefäng­nis gelan­det ist, hat sei­ne Mut­ter ihn zu Hau­se raus­ge­schmis­sen. Nur Diz­zy lässt ihn heim­lich ab und zu wie­der rein und auf dem Dach­bo­den über­nach­ten. Diz­zy, die ihren gro­ßen Bru­der, einen begna­de­ten Gei­gen­spie­ler, über alles liebt. “Ande­re Men­schen mach­ten Musik; Wyn­ton war Musik.” (Zitat S.32) Ein gro­ßer Auf­tritt steht ihm bevor, für den er alles ris­kiert, auch wenn er sonst in sei­nem Leben stän­dig Mist baut. Sein Bru­der Miles ist da das genaue Gegen­teil. Brav, ange­passt, schreibt die bes­ten Noten und hat sogar ein Sti­pen­di­um erhal­ten. Aber nie­mand ahnt, wie sehr er mit sei­nen Gefüh­len hadert. Dass er heim­lich einen Jun­gen geküsst hat und dem seit Mona­ten nach­trau­ert. Dass er oft trau­rig ist. Viel zu trau­rig. Doch dann begeg­nen die drei Geschwis­ter unab­hän­gig von­ein­an­der Cass­idy, einem Mäd­chen mit regen­bo­gen­far­be­nen Haa­ren. Diz­zy ist die ers­te, die ihre flüch­ti­ge Bekannt­schaft macht. “Das Schreck­li­che war, dass sie ster­ben wür­de, bevor etwas wahr­haft Wun­der­sa­mes in ihrem Leben gesche­hen war. Und dann geschah etwas wahr­haft Wun­der­sa­mes in ihrem Leben. Zwei Hän­de grif­fen stark und ent­schlos­sen nach ihren Hüf­ten.” (Zitat S.21) Cass­idy ret­tet Diz­zy zufäl­lig vor einem her­an­fah­ren­den Sat­tel­schlep­per. Ver­schwin­det direkt danach aber spur­los. Der Fah­rer hat sie nicht ein­mal wahr­ge­nom­men, Diz­zys ret­ten­den Engel. Für Miles ist die Begeg­nung mit Cass­idy wie ein Auf­we­cken. Sie unter­hal­ten sich. Er erzählt ihr Din­ge, die er nor­ma­ler­wei­se nie jeman­dem erzählt hät­te. “Sein Kör­per vibrier­te. Was war da los? Wie konn­te es sich mit einem Mal so ein­fach anfüh­len, ein Mensch zu sein? […] Noch vor einer Stun­de hat­ter elend und gehäs­sig mit Wyn­tons kaput­tem Gei­gen­bo­gen in der Hand dage­stan­den. Ein Dau­er­gast im Land der Fins­ter­nis. Der einem Kuss mit einem Frem­den nach­trau­er­te, der Mona­te her war. Nun war er sein eige­ner Hori­zont.” (Zitat S.89) Auch Wyn­ton begeg­net Cass­idy eines Nachts. Sie ken­nen sich tat­säch­lich schon von einer schick­sals­haf­ten Begeg­nung vor vie­len Jah­ren. Doch dann gKasimiraeschieht ein schreck­li­cher Unfall und es ist Cass­idy, die den Not­ruf wählt. Wyn­ton lan­det im Kran­ken­haus und liegt im Koma. Wird er jemals wie­der auf­wa­chen? Cass­idy scheint vom Erd­bo­den ver­schluckt zu sein. Doch Miles und Cass­idy haben das Gefühl sie fin­den zu müs­sen, um alles wie­der ins Lot zu bringen…

Das Cover wirkt recht kunst­voll, die farb­lich rot mar­kier­ten Buch­sta­ben erge­ben pas­send das Wort “WELT”. Der Titel ist äußerst pas­send, dar­auf wird auch inner­halb der Geschich­te ein­ge­gan­gen. Der Roman star­tet mit einer Auf­lis­tung eini­ger Zita­te, bei­spiels­wei­se von Mar­ga­ret Atwood, John Stein­beck und Oscar Wil­de. Das Buch ist in fünf Tei­le unter­teilt. Erzählt wird aus meh­re­ren Per­spek­ti­ven. Die Geschwis­ter Diz­zy, Miles und Wyn­ton berich­ten in per­so­na­ler Erzähl­wei­se. Dann gibt es noch Cass­idy, deren Sicht aller­dings in Ich-Per­spek­ti­ve geschrie­ben ist. Und schließ­lich gibt es noch unzäh­li­ge Ergän­zun­gen. Brie­fe von Ber­na­dette, der Mut­ter der Drei­en, die sie schrieb, aber nie abschick­te. Zei­tungs­ar­ti­kel der Klein­stadt. Not­ruf­zen­tra­len­pro­to­kol­le. E‑Mails von Miles an seinen Vater, die nie ver­schickt wur­den. Und eine Art Mär­chen, wel­ches zugleich die Fami­li­en­ge­schich­te der Falls beinhal­tet (mit Wein­ran­ken an der Sei­te ver­ziert). Bereits der ers­te Satz des Romans zieht die Leser:innen bereits mit­ten in die Geschich­te hin­ein: “An dem Tag, an dem die zwölf­jäh­ri­ge Diz­zy vor einen viel zu schnell fah­ren­den Sat­tel­schlep­per lief und dem Mäd­chen mit dem Regen­bo­gen­haar begeg­ne­te, ging auch wirk­lich alles schief.” (Zitat S.13) Die Kapi­tel sind mit den Namen der jewei­lig erzäh­len­den Figur bezeich­net. Dar­un­ter steht bei drei Kapi­tel jeweils: “Begeg­nung nume­ro eins/zwei/drei mit dem Regen­bo­gen­mäd­chen”. Zu Beginn muss man zunächst noch in etwas Geduld bewei­sen, tie­fer in “Wenn die Welt kippt” ein­zu­tau­chen. Die Figu­ren ken­nen­zu­ler­nen. Doch dann reißt einen der Roman förm­lich mit sich. Ein sel­te­nes, opu­len­tes Werk — eines, das mit Herz und Ver­stand geschrie­ben ist, mit Hand und Fuß, in sich schlüs­sig und gut durch­dacht. Es kommt mit viel unter­schwel­li­gem Humor daher und lässt sei­ne Leser:innen wie­der an die Macht des Schick­sals glau­ben und dar­an, dass aus allem ver­meint­lich Schlech­tem auch etwas Gutes ent­ste­hen kann. An dem Buch wei­ter­zu­le­sen, ist ein biss­chen wie nach Hau­se kom­men. Dazu tra­gen vor allem die über­aus authen­ti­schen, facet­ten­rei­chen Cha­rak­te­re bei. Wie zum Bei­spiel Diz­zy: schräg, lie­bens­wert — die, um die Auf­merk­sam­keit ihrer Mut­ter zu erlan­gen — die­se schon mal mit dem Aus­ruf, sie sei schwan­ger, schockt. Die unent­wegt plap­pert und viel Zeit im Inter­net ver­bringt “auf der Suche nach sach­dien­li­chen Hin­wei­sen in Bezug auf das Dasein” (Zitat S.18) Die Gerü­che als Far­ben wahr­nimmt (Syn­äs­the­sie) und ihr eige­nes Tes­ta­ment an einem beson­de­ren Ort auf­hängt. “Tja, falls ich doch ster­be, das ist mein Tes­ta­ment”, sag­te Diz­zy und zeig­te auf den Zet­tel, den sie heu­te früh am Kühl­schrank befes­tigt hat­te. “ich fin­de es wich­tig, dass du es hast.” Chef Mom warf Diz­zy einen Von-wel­chem-Pla­ne­ten-kommst-du-Blick zu, aber die amü­sier­te Ver­si­on. “Chou­chou, warst du schon immer so son­der­bar?” “Ja”, sag­te Diz­zy.” (Zitat S.42) Schön ist es auch den Cha­rak­ter von Miles zu beglei­ten, der der “Voll­kom­me­ne Miles” genannt wird, aber sich inner­lich gar nicht so fühlt. “Er hat­te den Verdacht, dass er im fal­schen Kör­per war, in der fal­schen Fami­lie, am fal­schen Ort, zur fal­schen Gattung gehör­te, dass es da ein gro­ßes kos­mi­sches Kud­del­mud­del gege­ben hat­te. Dass er in Wirk­lich­keit ein Baum sein soll­te oder eine Schlei­er­eu­le oder eine Prim­zahl.” (Zitat S.53) Er sehnt sich danach, er selbst zu sein. Auch sich outen zu kön­nen und macht einen glaub­wür­di­gen, bewe­gen­den Pro­zess inner­halb des Buches durch. Haupt­au­gen­merk liegt irgend­wann dann aber auch auf Cass­idy, die bei einer Noma­den-Mut­ter auf­ge­wach­sen ist und die von ihrer ergrei­fen­den Ver­gan­gen­heit erzählt. “Okay, drei­mal wur­de ich ver­ra­ten, und ich wer­de dir mei­ne Geschich­te nun von Ver­rat zu Ver­rat erzäh­len. Ich wur­de auch ein vier­tes Mal ver­ra­ten. Die­ser Ver­rat betrifft dich, Wyn­ton. Ja, dich. Wir kom­men noch dazu.” (Zitat S.137) Wie steht sie zu den drei Geschwis­tern? Wel­che Rol­le spielt sie? Dies darf man gespannt mit­ver­fol­gen, sich in den Sog ihres Berichts zie­hen las­sen. Ein­tau­chen in die Ver­gan­gen­heit und in die Fami­li­en­ge­schich­te der Falls, wel­che Cass­idy aus­führ­lich recher­chiert hat. Die Spra­che von Jan­dy Nel­son ist hier­bei sehr unter­halt­sam und ange­nehm. Zuwei­len auch fast ein wenig poe­tisch: “Der Him­mel kipp­te weg, wäh­rend Diz­zy aus ihren Gedan­ken geschleu­dert wurde, aus Zeit und Raum und schließ­lich in einem Wirr­warr aus Armen, Bei­nen und Bestür­zung auf dem hei­ßen Geweg lan­de­te.” (Zitat S.21) Teils sind die Sät­ze ziem­lich lang, aber den­noch sehr flüs­sig zu lesen. Eine win­zi­ge Pri­se Fan­tas­tik schleicht sich zudem in das Buch. Eine Stadt, die angeb­lich nie­man­den gehen las­sen will. Leu­te, die ver­sucht haben, die­se zu ver­las­sen, denen sind plötz­lich die Rei­fen geplatzt oder Pfer­de wei­ger­ten sich wei­ter­zu­ge­hen. Ein Mann, der eigent­lich tot war, ist auf ein­mal wie­der auf­er­stan­den. Und Miles, der sich in Gedan­ken mit einem schein­bar unsterb­li­chen Nach­bars­hund unter­hal­ten kann, was für eini­ge äußerst wit­zi­ge, skur­ri­le Momen­te sorgt. Das Ende ist äußerst mit­rei­ßend, dra­ma­tisch und macht Gänsehaut!

Du möch­test noch die ers­ten bei­den Bücher von Jan­dy Nel­son lesen? Dann greif zu “Über mir der Him­mel” und “Ich gebe dir die Son­ne” (unabLesealternativenhän­gig von­ein­an­der, kom­plett eigen­stän­di­ge Geschich­ten). Du magst Fami­li­en­ge­schich­ten? Die­se Titel kann ich sehr emp­feh­len: “Wün­sche an die Wel­len” von Katya Balen, “Ever­y­thing we left unsaid” von Kath­rin Lan­ge, “Vom Mond aus betrach­tet, spielt das alles kei­ne Rol­le” von Anne Frey­tag, “Nur ein Wort mit sie­ben Buch­sta­ben” von Ava Reed, “We were liars: Solan­ge wir lügen” von E.Lockhart. Toll sind auch “Es muss ja nicht per­fekt sein” von Krys­tal Sut­her­land, “Das Jahr, nach­dem die Welt ste­hen blieb” von Cla­re Fur­niss und “Lie­be ist wie Dra­chen­stei­gen” von Ash­ley Her­ring Bla­ke. Ein Coming-of-Age-Roman, der neben Homo­se­xua­li­tät zudem eine Rei­se in die Ver­gan­gen­heit beinhal­tet, ist außer­dem der gelun­ge­ne Roman “Mut. Machen. Lie­be” von Hans­jörg Nessensohn.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Fischer Sauerländer
ISBN:  978-3-7373-4415-9
Erscheinungsdatum: 24.September 2025
Einbandart: Hardcover
Preis: 21,90€
Seitenzahl: 640
Übersetzer*in: Barbara König
Illustrator*in: Annabelle von Sperber
Originaltitel: "When the World Tips Over"
Originalverlag: Dial Books

Amerikanisches Originalcover:












Jandy Nelson über ihr Buch (auf Englisch:)
 

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Kasimiras Bewertung:

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(5 von 5 mög­li­chen Punkten)

Die­ser Titel hat es in fol­gen­de Kate­go­rie geschafft: **Kasi­mi­ras Lieb­lings­bü­cher**

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Amerikanisches Cover: Homepage von Penguin Random House

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