Die amerikanische New-Yorks-Times-Bestsellerautorin Jandy Nelson hat nach langer Zeit endlich mal wieder ein neues Buch veröffentlicht. “Wenn unsere Welt kippt” ist ein Roman, der drei Geschwister in den Mittelpunkt stellt, die höchst unterschiedlich sind und deren Welt völlig aus den Fugen gerät. Ein fremdes Mädchen mit regenbogenfarbenen Haaren bringt ihr Leben durcheinander und lässt ungeahnte Familiengeheimnisse zutage treten. Als ein Schicksalsschlag alles auf den Kopf stellt, scheint nur sie es zu sein, die alles wieder ins Lot bringen kann… Es gibt sie noch — die großen, tiefgründigen Familiengeschichten! Ausufernd, opulent ist Jandy Nelsons Werk mit 640 Seiten — aber äußerst lohnenswert und gehaltvoll. Eine Geschichte über Verrat, über familiäre Verwicklungen, aber zugleich auch die Suche nach der eigenen Identität und Sexualität, eine Sehnsucht nach Geborgenheit und Liebe. Erzählerisch brillant: facettenreich, in sich stimmig und rund. Mit Charakteren, die man einfach in sein Herz schließt und deren unterschiedliche Wege man aufmerksam und sehr gerne begleitet. Das ist Literatur! Großartig. Für Jugendliche ab 14 Jahren und Erwachsene.
Paradise Springs. Eine Kleinstadt in Kalifornien. Hier lebt die Familie Fall. Mutter Bernadette. Vater Theo, der die Familie allerdings verlassen hat und seitdem spurlos verschwunden ist. Und die drei Geschwister Dizzy (12), Miles (17) und Wynton (19). Sie leben auf einem traditionellen, preisgekrönten Weingut. Urgroßvater Alonso kam einst aus Spanien nach Amerika und brachte sechs
besondere Weinreben mit, mit denen er die Weinberge bepflanzte. Im Ort steht sogar eine Steinstatue ihm zu Ehren. Doch genau diese Statue hat Draufgänger Wynton nun umgefahren. Nicht nur weil er das Auto seiner Mutter damit zu Schrott gefahren und Kosten von 20.000 Dollar verursacht hat, sondern auch weil er für kurze Zeit im Gefängnis gelandet ist, hat seine Mutter ihn zu Hause rausgeschmissen. Nur Dizzy lässt ihn heimlich ab und zu wieder rein und auf dem Dachboden übernachten. Dizzy, die ihren großen Bruder, einen begnadeten Geigenspieler, über alles liebt. “Andere Menschen machten Musik; Wynton war Musik.” (Zitat S.32) Ein großer Auftritt steht ihm bevor, für den er alles riskiert, auch wenn er sonst in seinem Leben ständig Mist baut. Sein Bruder Miles ist da das genaue Gegenteil. Brav, angepasst, schreibt die besten Noten und hat sogar ein Stipendium erhalten. Aber niemand ahnt, wie sehr er mit seinen Gefühlen hadert. Dass er heimlich einen Jungen geküsst hat und dem seit Monaten nachtrauert. Dass er oft traurig ist. Viel zu traurig. Doch dann begegnen die drei Geschwister unabhängig voneinander Cassidy, einem
Mädchen mit regenbogenfarbenen Haaren. Dizzy ist die erste, die ihre flüchtige Bekanntschaft macht. “Das Schreckliche war, dass sie sterben würde, bevor etwas wahrhaft Wundersames in ihrem Leben geschehen war. Und dann geschah etwas wahrhaft Wundersames in ihrem Leben. Zwei Hände griffen stark und entschlossen nach ihren Hüften.” (Zitat S.21) Cassidy rettet Dizzy zufällig vor einem heranfahrenden Sattelschlepper. Verschwindet direkt danach aber spurlos. Der Fahrer hat sie nicht einmal wahrgenommen, Dizzys rettenden Engel. Für Miles ist die Begegnung mit Cassidy wie ein Aufwecken. Sie unterhalten sich. Er erzählt ihr Dinge, die er normalerweise nie jemandem erzählt hätte. “Sein Körper vibrierte. Was war da los? Wie konnte es sich mit einem Mal so einfach anfühlen, ein Mensch zu sein? […] Noch vor einer Stunde hatter elend und gehässig mit Wyntons kaputtem Geigenbogen in der Hand dagestanden. Ein Dauergast im Land der Finsternis. Der einem Kuss mit einem Fremden nachtrauerte, der Monate her war. Nun war er sein eigener Horizont.” (Zitat S.89) Auch Wynton begegnet Cassidy eines Nachts. Sie kennen sich tatsächlich schon von einer schicksalshaften Begegnung vor vielen Jahren. Doch dann g
eschieht ein schrecklicher Unfall und es ist Cassidy, die den Notruf wählt. Wynton landet im Krankenhaus und liegt im Koma. Wird er jemals wieder aufwachen? Cassidy scheint vom Erdboden verschluckt zu sein. Doch Miles und Cassidy haben das Gefühl sie finden zu müssen, um alles wieder ins Lot zu bringen…
Das Cover wirkt recht kunstvoll, die farblich rot markierten Buchstaben ergeben passend das Wort “WELT”. Der Titel ist äußerst passend, darauf wird auch innerhalb der Geschichte eingegangen. Der Roman startet mit einer Auflistung einiger Zitate, beispielsweise von Margaret Atwood, John Steinbeck und Oscar Wilde. Das Buch ist in fünf Teile unterteilt. Erzählt wird aus mehreren Perspektiven. Die Geschwister Dizzy, Miles und Wynton berichten in personaler Erzählweise. Dann gibt es noch Cassidy, deren Sicht allerdings in Ich-Perspektive geschrieben ist. Und schließlich gibt es noch unzählige Ergänzungen. Briefe von Bernadette, der Mutter der Dreien, die sie schrieb, aber nie abschickte. Zeitungsartikel der Kleinstadt. Notrufzentralenprotokolle. E‑Mails von Miles an se
inen Vater, die nie verschickt wurden. Und eine Art Märchen, welches zugleich die Familiengeschichte der Falls beinhaltet (mit Weinranken an der Seite verziert). Bereits der erste Satz des Romans zieht die Leser:innen bereits mitten in die Geschichte hinein: “An dem Tag, an dem die zwölfjährige Dizzy vor einen viel zu schnell fahrenden Sattelschlepper lief und dem Mädchen mit dem Regenbogenhaar begegnete, ging auch wirklich alles schief.” (Zitat S.13) Die Kapitel sind mit den Namen der jeweilig erzählenden Figur bezeichnet. Darunter steht bei drei Kapitel jeweils: “Begegnung numero eins/zwei/drei mit dem Regenbogenmädchen”. Zu Beginn muss man zunächst noch in etwas Geduld beweisen, tiefer in “Wenn die Welt kippt” einzutauchen. Die Figuren kennenzulernen. Doch dann reißt einen der Roman förmlich mit sich. Ein seltenes, opulentes Werk — eines, das mit Herz und Verstand geschrieben ist, mit Hand und Fuß, in sich schlüssig und gut durchdacht. Es kommt mit viel unterschwelligem Humor daher und lässt seine Leser:innen wieder an die Macht des Schicksals glauben und daran, dass aus allem vermeintlich
Schlechtem auch etwas Gutes entstehen kann. An dem Buch weiterzulesen, ist ein bisschen wie nach Hause kommen. Dazu tragen vor allem die überaus authentischen, facettenreichen Charaktere bei. Wie zum Beispiel Dizzy: schräg, liebenswert — die, um die Aufmerksamkeit ihrer Mutter zu erlangen — diese schon mal mit dem Ausruf, sie sei schwanger, schockt. Die unentwegt plappert und viel Zeit im Internet verbringt “auf der Suche nach sachdienlichen Hinweisen in Bezug auf das Dasein” (Zitat S.18) Die Gerüche als Farben wahrnimmt (Synästhesie) und ihr eigenes Testament an einem besonderen Ort aufhängt. “Tja, falls ich doch sterbe, das ist mein Testament”, sagte Dizzy und zeigte auf den Zettel, den sie heute früh am Kühlschrank befestigt hatte. “ich finde es wichtig, dass du es hast.” Chef Mom warf Dizzy einen Von-welchem-Planeten-kommst-du-Blick zu, aber die amüsierte Version. “Chouchou, warst du schon immer so sonderbar?” “Ja”, sagte Dizzy.” (Zitat S.42) Schön ist es auch den Charakter von Miles zu begleiten, der der “Vollkommene Miles” genannt wird, aber sich innerlich gar nicht so fühlt. “Er hatte den Verdacht, dass er im falschen Körper war, in der falschen Familie, am falschen Ort, zur falschen Gat
tung gehörte, dass es da ein großes kosmisches Kuddelmuddel gegeben hatte. Dass er in Wirklichkeit ein Baum sein sollte oder eine Schleiereule oder eine Primzahl.” (Zitat S.53) Er sehnt sich danach, er selbst zu sein. Auch sich outen zu können und macht einen glaubwürdigen, bewegenden Prozess innerhalb des Buches durch. Hauptaugenmerk liegt irgendwann dann aber auch auf Cassidy, die bei einer Nomaden-Mutter aufgewachsen ist und die von ihrer ergreifenden Vergangenheit erzählt. “Okay, dreimal wurde ich verraten, und ich werde dir meine Geschichte nun von Verrat zu Verrat erzählen. Ich wurde auch ein viertes Mal verraten. Dieser Verrat betrifft dich, Wynton. Ja, dich. Wir kommen noch dazu.” (Zitat S.137) Wie steht sie zu den drei Geschwistern? Welche Rolle spielt sie? Dies darf man gespannt mitverfolgen, sich in den Sog ihres Berichts ziehen lassen. Eintauchen in die Vergangenheit und in die Familiengeschichte der Falls, welche Cassidy ausführlich recherchiert hat. Die Sprache von Jandy Nelson ist hierbei sehr unterhaltsam und angenehm. Zuweilen auch fast ein wenig poetisch: “Der Himmel kippte weg, während Dizzy aus ihren Gedanken geschleudert w
urde, aus Zeit und Raum und schließlich in einem Wirrwarr aus Armen, Beinen und Bestürzung auf dem heißen Geweg landete.” (Zitat S.21) Teils sind die Sätze ziemlich lang, aber dennoch sehr flüssig zu lesen. Eine winzige Prise Fantastik schleicht sich zudem in das Buch. Eine Stadt, die angeblich niemanden gehen lassen will. Leute, die versucht haben, diese zu verlassen, denen sind plötzlich die Reifen geplatzt oder Pferde weigerten sich weiterzugehen. Ein Mann, der eigentlich tot war, ist auf einmal wieder auferstanden. Und Miles, der sich in Gedanken mit einem scheinbar unsterblichen Nachbarshund unterhalten kann, was für einige äußerst witzige, skurrile Momente sorgt. Das Ende ist äußerst mitreißend, dramatisch und macht Gänsehaut!
Du möchtest noch die ersten beiden Bücher von Jandy Nelson lesen? Dann greif zu “Über mir der Himmel” und “Ich gebe dir die Sonne” (unab
hängig voneinander, komplett eigenständige Geschichten). Du magst Familiengeschichten? Diese Titel kann ich sehr empfehlen: “Wünsche an die Wellen” von Katya Balen, “Everything we left unsaid” von Kathrin Lange, “Vom Mond aus betrachtet, spielt das alles keine Rolle” von Anne Freytag, “Nur ein Wort mit sieben Buchstaben” von Ava Reed, “We were liars: Solange wir lügen” von E.Lockhart. Toll sind auch “Es muss ja nicht perfekt sein” von Krystal Sutherland, “Das Jahr, nachdem die Welt stehen blieb” von Clare Furniss und “Liebe ist wie Drachensteigen” von Ashley Herring Blake. Ein Coming-of-Age-Roman, der neben Homosexualität zudem eine Reise in die Vergangenheit beinhaltet, ist außerdem der gelungene Roman “Mut. Machen. Liebe” von Hansjörg Nessensohn.
Bibliografische Angaben:Verlag: Fischer Sauerländer ISBN: 978-3-7373-4415-9 Erscheinungsdatum: 24.September 2025 Einbandart: Hardcover Preis: 21,90€ Seitenzahl: 640 Übersetzer*in: Barbara König Illustrator*in: Annabelle von Sperber Originaltitel: "When the World Tips Over" Originalverlag: Dial Books Amerikanisches Originalcover:
Jandy Nelson über ihr Buch (auf Englisch:)
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---------------------------------------------------------- Amerikanisches Cover: Homepage von Penguin Random House

Verlag: Fischer Sauerländer
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