Jan De Leeuw — Babel

Jan De Leeuw - Babel6.Oktober 2018

Der preis­ge­krön­te, bel­gi­sche Autor Jan De Lee­uw hat mal wie­der ein neu­es Buch her­aus­ge­bracht: “Babel” ist ein Roman über das Stre­ben nach Macht und Erfolg, Reich­tum und die Schat­ten­sei­ten, die ein jedes (Bau-)Werk ent­ste­hen lässt. Eine Geschich­te über Ter­ro­ris­mus, Glau­ben und die Zer­brech­lich­keit des Lebens. Mit­ten dar­in ein jun­ges Mäd­chen auf dem Weg nach oben. Ein bril­lan­tes Gesell­schafts­ge­flecht und ein Ent­wick­lungs­ro­man der beson­de­ren Art. Phi­lo­so­phisch ange­haucht, mit Tief­gang und Anspruch erzählt. Für Jugend­li­che ab 15 Jah­ren und vor allem für Erwach­se­ne.

Der knapp 70-jäh­ri­ge Abra­ham Babel ist einer der ver­mö­gends­ten und ein­fluss­reichs­ten Män­ner des gan­zen Lan­des. Und er hat einen Turm gebaut. Einer so hoch, wie noch nie zuvor. “Als die Bau­plä­ne für den Turm bekannt wur­den, brach ein Sturm von Pro­tes­ten los. […] Man ver­gaß aller­dings: Der Auf­trag­ge­ber war Abra­ham Babel. Und Babels Wil­le war Gesetz. Sei­ne Geg­ner hat­ten zwar recht und zudem die öffent­li­che Mei­nung auf ihrer Sei­te, aber Babel besaß die Mit­tel. Bevor die Stadt sich von dem Schock erholt hat­te, dass die Bau­plä­ne geneh­migt wor­den waren, hat­ten die Arbei­ten bereits begon­nen.” (Zitat aus “Babel” S.11) Jetzt ist “Babel” mit sei­nen 330 Stock­wer­ken das Zen­trum der Macht. Abra­ham Babel hat für Jan De Leeuw - BabelReich­tum und flo­rie­ren­den Han­del in der Stadt gesorgt. Alles, was Rang und Namen hat, hat Büro­räu­me oder exklu­si­ve Geschäf­te in sei­nem Turm. Tau­sen­de von Men­schen leben und arbei­ten in “Babel”. Alle wich­ti­gen Orga­ni­sa­tio­nen haben dort ihren Sitz, sogar die Bot­schaf­ten vie­ler Län­der. Luxus pur, den man vor allem im City View Restau­rant erle­ben kann, wenn einem die Stadt zu Füßen liegt und die Men­schen klein wie Amei­sen wir­ken. In der obe­ren Eta­ge lebt Abra­ham Babel und hält die Fäden der Macht in den Hän­den. Hier wohnt zudem sei­ne Enke­lin Ali­ce, die nach einem Atten­tat auf die gan­ze Fami­lie ihre Eltern ver­lo­ren hat. Abra­ham ver­lor — neben sei­nem Sohn und sei­ner Schwä­ge­rin — eben­so sei­ne Frau bei dem Anschlag. “Ja, ihren Groß­va­ter, den hat­te sie noch. Sein Geld und sei­ne Lie­be hiel­ten sie am Leben — und sei­ne Trau­er, die auch die ihre war und über die sie nie spra­chen. Er war der letz­te Faden, mit dem sie noch am Leben hing. Wenn er ver­schwand, dann wür­de sie zusam­men mit dem her­ren­lo­sen Müll in den gleich­gül­ti­gen Stra­ßen ver­we­hen. Er war der Grund, wes­halb sie nicht auf­gab” (Zitat S.66) Ali­ce sitzt seit dem Atten­tat im Roll­stuhl, hat Schmer­zen und kann nicht mehr lau­fen. Und auch wenn ihr Groß­va­ter sich Mühe gibt und ihr die bes­ten Pfle­ger und Leh­rer zur Sei­te stellt, die sie auf die Uni­ver­si­tät vor­be­rei­ten, Jan De Leeuw - Babelglaubt sie doch nie mehr in die Welt hin­aus­tre­ten zu kön­nen. Vie­le, vie­le Stock­wer­ke unter ihr — in den Kel­ler­räu­men des Gebäu­des — hat sich gera­de die 15-jäh­ri­ge Nao­mi um eine Stel­le als Putz­kraft bewor­ben und erhält eine stren­ge Ein­wei­sung von ihrer Che­fin: “Hier gilt ledig­lich eine Regel: Man macht kei­ne Feh­ler. Nie­mals. Ich tole­rie­re kei­ne Ent­schul­di­gun­gen, ver­stan­den? Es ste­hen genug Mäd­chen bereit, dei­nen Platz ein­zu­neh­men. Du bekommst zwei Nach­mit­ta­ge im Monat frei. Ansons­ten ist es dir zu kei­nem Zeit­punkt gestat­tet, das Gebäu­de ohne Erlaub­nis zu ver­las­sen. [..] Du erhältst kei­nen Besuch. Solan­ge du unter mir arbei­test, sind Han­dys oder Lap­tops ver­bo­ten. Freund­schaf­ten kannst du bes­ser drang­eben, solan­ge du hier tätig bist.” (Zitat S.17) Nao­mi lebt, schläft und arbei­tet in Babel. Freun­de hat sie ohne­hin kei­ne. Freie Nach­mit­ta­ge bräuch­te sie gar nicht, wie sie der ver­wun­der­ten Che­fin mit­teilt, wel­che aber den­noch dar­auf besteht. Die Hier­ar­chi­en in Babel sind genau ein­ge­teilt. Es wer­den die Buch­sta­ben von A bis F ver­teilt, die Zah­len von 1 bis 5. F3 steht über F4, E5 über F1 und so wei­ter. Je höher der Rang, des­to bes­ser aus­ge­bil­det, des­to mehr Erfah­rung bezie­hungs­wei­se Ver­ant­wor­tung. […] Die A-s arbei­ten oben im Turm, in den Räum­lich­kei­ten von Abra­ham Babel oder bes­seJan De Leeuw - Babelr in denen sei­ner Enke­lin. Mach dir kei­ne Sor­gen, mit ihnen wirst du nichts zu tun haben.” (Zitat S.18ff) Nao­mi, die in der unters­ten Kate­go­rie star­tet, darf die Fahr­stüh­le put­zen. Am bes­ten soll sie schnell arbei­ten, sich unauf­fäl­lig ver­hal­ten und kei­ner­lei Fra­gen stel­len. “Du schaust nie­man­dem in die Augen. Du redest nicht. Du atmest nicht. Du bist unsicht­bar, ver­stan­den?” (Zitat S.20) Doch eines Tages darf sie durch meh­re­re Zufäl­le in der obers­ten Eta­ge aus­hel­fen und lernt Ali­ce ken­nen, der sie in einer Not­si­tua­ti­on das Leben ret­tet. Jetzt ist Nao­mi ange­kom­men in der Welt der Rei­chen und Schö­nen, wird fort­an als Gesell­schafts­da­me von Ali­ce enga­giert. Das ver­än­dert alles…

Babel” fällt sogleich durch das beein­dru­cken­de, aus­sa­ge­kräf­ti­ge Cover auf, das her­vor­ra­gend zu Titel und Inhalt passt. Das rie­si­ge Monu­ment hat man rasch vor Augen, den Luxus, die unglaub­li­che Grö­ße und Dimen­si­on die­ses Bau­werks. Dar­in zwei weib­li­che Figu­ren, die zu Prot­ago­nis­tin­nen erko­ren wur­den, die unter­schied­li­cher nicht sein könn­ten und in der per­so­na­len Erzähl­per­spek­ti­ve aus ver­schie­de­nen Sicht­wei­sen ihre Jan De Leeuw - BabelGeschich­te erzäh­len. Ali­ce, die wie ein Vogel gefan­gen in einem Käfig aus Gold sitzt und trotz höchs­ter Sicher­heits­vor­keh­run­gen irgend­wie doch ger­ne aus­bre­chen möch­te. Und Nao­mi, das geheim­nis­vol­le Mäd­chen, über das man nicht all zu viel erfährt. Sie kommt aus einem Wai­sen­haus. War­um will sie kei­nen frei­en Nach­mit­tag haben? War­um nicht raus und an die Son­ne wenigs­tens für weni­ge Stun­den im Monat? Und wie­so hat sie kei­ne Freun­de? Immer wie­der schie­ben sich inter­es­san­te Aus­zü­ge einer Bio­gra­fie über Abra­ham Babel in den Lese­fluss, die in einem ande­ren Schrift­bild gedruckt sind und die Auf­schluss über eini­ge Zusam­men­hän­ge geben, in der auch Ali­ce und Nao­mi eine Rol­le spie­len. Eine beson­de­re Bedeu­tung haben eben­so die Tarot­kar­ten, von denen ein­zel­ne auf kom­plett schwarz gehal­te­nen Sei­ten zwi­schen­durch abge­bil­det sind und die die nächs­ten Erzähl­tei­le ein­lei­ten. Wäh­rend der Anfang des Buches total fas­zi­nie­rend und mit­rei­ßend geschrie­ben ist, fin­den sich im Mit­tel­teil lei­der ein paar Län­gen wie­der. Trotz allem erwar­tet den Leser — neben schö­nen Dia­lo­gen und einer ange­neh­men Erzähl­wei­se — inhalt­lich so eini­ges. “Babel” ver­birgt ein Geflecht aus Macht, Geld, Reli­gi­on, Wis­sen­schaft, Schick­sal, Ter­ro­ris­mus und der Suche nach Mensch­lich­keit zwi­schen alle­dem. Das Ende war mir in vie­len Punk­ten lei­der etwas zu offen. Hier feh­len defi­ni­tiv eini­ge Infor­ma­tio­nen.

Fazit: Ein opu­len­tes Werk für anspruchs­vol­le Leser.

Du möch­test noch mehr von Jan De Lee­uw lesen? Dann greif zu “Schrö­din­ger, Dr. Lin­da und die Lei­che im Kühl­haus” (2010) und “Roter Schnee auf Thor­stein­hal­la” (2010) und “Nacht­land” (2009Lesealternativen) und “Fal­sche Bil­der” (2009). Sein letz­tes Buch erschien im Deut­schen 2016: “Eis­vo­gel­som­mer” - ein eben­falls sehr zu emp­feh­len­des Werk von lite­ra­ri­schem Anspruch und beson­de­ren The­men. Eine Alter­na­ti­ve zu “Babel” hin­sicht­lich der erzäh­le­ri­schen Qua­li­tät und der Über­schnei­dung des The­mas Ter­ro­ris­mus könn­te “Die Atten­tä­ter” von Anto­nia Michae­lis für dich sein. Ein berühm­ter Turm ver­bun­den mit einem Anschlag? Das fin­dest du eben­so in “We all fall down” von Eric Wal­ters. Das impo­san­te Bau­werk hat mich auch sofort an die Rei­he von Katha­ri­ne McGhee den­ken las­sen: “Beau­ti­ful Liars”. Hier gibt es gleich­falls einen unvor­stell­ba­ren hohen Turm, der 1000 Stock­wer­ke umfasst und in dem unten die ärme­ren Men­schen und oben die rei­chen leben. Band 1 ist “Ver­bo­te­ne Gefüh­le”, Band 2 ist “Gefähr­li­che Sehn­sucht” und Band 3 ist “Gelieb­te Fein­din” (erscheint im März 2019). Eben­falls “Bewa­re that girl” von Tere­sa Toten könn­te in man­chen Hin­sich­ten eine gute Lese­al­ter­na­ti­ve sein.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Freies Geistesleben
ISBN: 978-3-7725-2278-9
Erscheinungsdatum: 29.August 2018
Einbandart: Hardcover
Preis: 17,00€
Seitenzahl: 433 
Übersetzer: Rolf Erdorf
Originaltitel: "Babel"
Originalverlag: De Eenhoorn

Belgisches Originalcover:
Jan De Leeuw - Babel

Kasimiras Bewertung:

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(4 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

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