Jake Halpern & Peter Kujawinski — Tochter der Flut

Jake Hapern Tochter der Flut4.September 2017

Toch­ter der Flut” von den ame­ri­ka­ni­schen Auto­ren Jake Hal­pern und Peter Kuja­wink­si ist ein Fan­ta­sy­ro­man, der sei­ne Leser auf eine Insel ent­führt, auf der abwech­selnd 14 Jah­re lang Tag und 14 Jah­re Nacht herr­schen. Eine Nacht, die kei­ner über­le­ben kann. Erzählt aus der Sicht von drei Jugend­li­che, die die ret­ten­de Abfahrt von der Insel ver­pas­sen. Geheim­nis­voll, fas­zi­nie­rend und unter­halt­sam. Mit ein paar gru­se­li­gen Momen­ten. Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwach­se­ne.

Das sie erst 14 Jah­re alt sind, haben sie es noch nie erlebt. Die Zwil­lings­ge­schwis­ter Marin und ihr Bru­der Kana. Wie die ers­te Nacht sich ihrer Hei­mat­in­sel Bliss nähert: “End­lich geschah, was sie so lan­ge erwar­tet hat­ten. In den vier­zehn Jah­ren des Tages war ihre Insel stän­dig von Hoch­was­ser umge­ben. Doch dann, kurz bevor die Son­ne ver­schwand, setz­te plötz­lich die Ebbe ein. […] Und das Was­ser blieb weg, bis es bei Son­nen­auf­gang rund vier­zehn Jah­re spä­ter genau­so schnell zurück­kehr­te.” (Zitat S.12) Doch die Nacht bedeu­tet eine gro­ße Gefahr für die Ein­woh­ner: denn sobald die Ebbe ein­setzt, müs­sen sie Jake Hapern Tochter der Flutdie Insel inner­halb weni­ger Tage ver­las­sen. Denn die Dau­er der Dun­kel­heit über­lebt nie­mand. Man wür­de erfrie­ren, ver­hun­gern oder ver­rückt wer­den. “In der Schu­le hat­ten vie­le Kin­der behaup­tet, die Insel sei wäh­ren der Nacht über und über mit Spin­nen bedeckt. Kana wuss­te aller­dings, dass das nur Spe­ku­la­ti­on war. Alle wis­sen über die Nacht Bescheid, dach­te er. Aber kei­ner hat sie je erlebt.” (Zitat S.102) Für Marin fühlt sich die her­an­na­hen­de Nacht an wie ein Welt­un­ter­gang. Und sie beob­ach­tet etwas skep­tisch die selt­sa­men Vor­be­rei­tun­gen ihrer Eltern, eher die Schif­fe der Pelz­händ­ler kom­men, um sie ins Wüs­ten­land zu brin­gen, wo sie die nächs­ten 14 Jah­re ver­brin­gen wer­den. War­um müs­sen die Möbel­stü­cke an bestimm­ten Orten ste­hen? War­um wer­den sogar Tel­ler auf dem Tisch ver­teilt? War­um wird das Tür­schloss aus­ge­baut und Kalk­pul­ver in den Räu­men ver­teilt? Als dann noch ihr gemein­sa­mer Freund Line kurz vor der Abfahrt spur­los ver­schwin­det, ahnen Marin und Kana bereits, wo er ste­cken könn­te. Und machen sich auf den Weg dort­hin. Doch dann sind die Schif­fe plötz­lich und sie sind ganz allei­ne auf der Insel. Und die Nacht bricht an…

Jake Hapern Tochter der FlutToch­ter der Flut” ist aus der Sicht eines all­wis­sen­den Erzäh­lers geschrie­ben, der sich mal in die eine, mal in die ande­re Per­spek­ti­ve der drei Prot­ago­nis­ten hin­ein­ver­setzt. Dies auch mehr­mals inner­halb eines Kapi­tels. Die Spra­che ist ange­nehm, mit teils schö­nen Meta­phern. Zu Beginn konn­te ich das Erzähl­gen­re noch nicht ganz ein­ord­nen. Der Roman hat dys­to­pi­sche, aber auch fan­tas­ti­sche Ele­men­te, klingt zuwei­len nach einer Aben­teu­er­ge­schich­te, hat aber auch fast mär­chen­haf­te Züge, betrach­tet man die fünf­hun­dert Ein­woh­ner, die in einer Sied­lung von 100 Häu­sern am Küs­ten­strei­fen der Insel leben und den Wald eher mei­den. “Vor der Ent­de­ckung der Insel hat­ten sie das Eis­meer befah­ren und waren den gro­ßen Fisch­schwär­men gefolgt, soweit Wet­ter und Strö­mun­gen es zulie­ßen. Dann waren sie auf der Insel gelan­det und hat­ten ein schö­nes Dorf wie aus dem Mär­chen vor­ge­fun­den, voll­kom­men intakt, aber ohne einen ein­zi­gen Bewoh­ner.” (Zitat S.40) Auch Hor­ror­ele­men­te tau­chen zuwei­len in der Geschich­te auf. Nur die ange­kün­dig­te Lie­bes­ge­schich­te, die auf dem Klap­pen­text sug­ge­riert wird, konn­te ich nicht ent­de­cken. Es wird eher Gegen­tei­li­ges erwähnt am Ende (dass Marin sich Line nicht wirk­lich als künf­ti­gen Ehe­mann vor­stel­len kann). Hier offen­bart sich lei­der ein gro­ßer stra­te­gi­scher Feh­ler des Ver­lags, denn das Buch ist durch­aus für Jungs geeig­net, aber die Inhalts­an­ga­be und das wirk­lich bild­hüb­sche (mäd­chen­haf­te) Cover spre­chen eine ganz ande­re Ziel­grup­pe an. Scha­de, denn gera­de männ­li­che Leser dJake Hapern Tochter der Flutürf­ten an die­sem Buch ihre Freu­de haben (man betrach­te hier­zu das viel gelun­ge­ne­re, ame­ri­ka­ni­sche Ori­gi­nal­co­ver, sie­he unten). Ich habe das Buch sehr ger­ne gele­sen, auch wenn ich zuge­ben muss, dass die Haupt­fi­gu­ren manch­mal etwas blass wir­ken. Aber in die­se ande­re, frem­de Welt ein­zu­tau­chen, liest sich sehr fas­zi­nie­rend. Ande­re Namen, selt­sa­me Tra­di­tio­nen und immer wie­der mys­te­riö­se Ele­men­te, die in der Geschich­te auf­tau­chen und den Prot­ago­nis­ten ein Rät­sel auf­ge­ben: wie zum Bei­spiel die selt­sa­me Sta­tue mit der Auf­schrift “Die Häu­ser müs­sen ohne Makel sein”, die die Ebbe frei­legt oder die kreis­run­den, klei­nen Löcher, die sie in man­chen Häu­sern ent­de­cken. Und vor allem das größ­te aller Rät­sel: “Was wür­de in den Jah­ren der Nacht mit ihnen gesche­hen? Ver­welk­ten sie und star­ben ab oder fie­len sie in eine Art Ruhe­zu­stand, bis sich die ers­ten Son­nen­strah­len wie­der am Hori­zont zeig­ten? Marin hat­te ein paar Leu­te gefragt, die das alles schon ein­mal erlebt hat­ten, aber sie hat­ten nicht dar­über spre­chen wol­len. Nie­mand sprach über die Nacht, nicht ein­mal jetzt, wo sie unmit­tel­bar bevor­stand.” (Zitat S.7) Die Span­nung ist am Anfang noch eher unter­schwel­lig, baut sich dann aber lang­sam auf und lie­fert immer wie­der ganz beson­de­re Gru­sel-Momen­te.

Fazit: Ein beson­de­res Lese­er­leb­nis, das in eine fas­zi­nie­ren­de Welt ent­führt und das eher mit grö­ße­ren Umset­zungs­pro­ble­men des Ver­lags kämpft, als mit inhalt­li­chen Schwä­chen.

Ein Buch, an das ich in LesealternativenBezug auf die ver­las­se­nen Häu­ser und die geheim­nis­vol­len Din­ge, die pas­sie­ren, sofort den­ken muss­te, ist “Am Anfang war das Ende” von Ste­fan Cas­ta — ein schon etwas älte­rer, dys­to­pi­scher Roman. In einer Welt mit merk­wür­di­gen Regeln leben auch die Prot­ago­nis­ten in der “Die Aus­er­wähl­ten”-Rei­he von James Dash­ner. Selt­sa­me Din­ge, die sich auf einer Insel zutra­gen? Das fin­dest du in dem ers­ten Teil der bekann­ten Fan­ta­sy-Rei­he von Ran­som Riggs: “Die Insel der beson­de­ren Kin­der”. Die Dun­kel­heit wird auch oft in Fan­ta­sy­ro­ma­nen ein­ge­setzt, wie zum Bei­spiel in “Arc­light- Nie­mand über­lebt die Dun­kel­heit” von Josin L. McQuein oder in “König­reich der Schat­ten” -Rei­he von Sophie Jor­dan. Sehr span­nend fand ich eben­so den dys­to­pi­schen Roman “Evo­lu­ti­on: Die Stadt der Über­le­ben­den” von Tho­mas Thie­mey­er, der ers­te Teil einer Rei­he.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Ravensburger
ISBN: 8-3-4734-0156-7
Erscheinungsdatum: 23.August 2017
Einbandart: Hardcover
Preis: 15,00€ 
Seitenzahl: 384 
Übersetzer: Wolfram Ströle
Originaltitel: "Nightfall"
Originalverlag: Penguin Random House

Amerikanisches Originalcover:
Jake Hapern Tochter der Flut











Die Autoren sprechen über ihr Buch (auf Englisch):

Kasimiras Bewertung:

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Amerikanisches Cover: Homepage von Peter Kujawinski

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