Heike Abidi — Bevor wir alles verlieren

Kasimira10. Dezem­ber 2021

Bevor wir alles ver­lie­ren” ist ein Roman der deut­schen Autorin Hei­ke Abi­di, die ein Mäd­chen in den Mit­tel­punkt stellt, das erfährt, dass es einen Gehirn­tu­mor hat. Ehe sie sich für eine lebens­ge­fähr­li­che Ope­ra­ti­on ent­schei­det, wagt sie noch einen Road­t­rip nach Ber­lin, um das Leben voll­ends aus­zu­kos­ten. Eine Geschich­te über das Ster­ben, die Lust am Leben und die Lie­be, die manch­mal uner­war­tet kommt. Ein äußerst bewe­gen­des, authen­ti­sches und unter­halt­sa­mes Buch, das sich zu lesen lohnt! Für rei­fe Jugend­li­che ab 14 Jah­ren, die sich auch mit erns­ten The­men aus­ein­an­der set­zen möchten.

Die 18-jäh­ri­ge Vic­to­ria ist eine ehr­gei­zi­ge Sport­le­rin. Aus­ge­rech­net bei ihrer Lieb­lings­dis­zi­plin, dem Hoch­sprung, stol­pert sie jedoch mit­ten in einem Tur­nier über ihre eige­nen Füße. “Ich war schon immer ziem­lich groß für mein Alter. So kam ich dann auch zum Hoch­sprin­gen. Die­ser Sport ist für mich das Wich­tigs­te im Leben gewor­den. Er passt zu mir — ich brau­che nur mich selbst und mei­ne lan­gen Bei­ne. Kein Team, nie­man­den, den ich an mich her­an­las­sen muss.” (Zitat aus “Bevor wir alles ver­lie­ren” S.37) Eigent­lich woll­te Vic­to­ria ihren per­sön­li­chen Rekord bre­chen und auf das Sie­ger­trepp­chen, jetzt hat sie sich ihr Bein ver­staucht und liegt im städ­ti­schen Kran­ken­haus. Doch weil sie vor der behan­del­ten Ärz­tin fast zusam­men­bricht, ord­net die­seKasimiraeine Com­pu­ter­to­mo­gra­fie ihres Kop­fes an, um eine Hirn­blu­tung aus­zu­schlie­ßen. Und dabei wird ein Tumor fest­ge­stellt! Zu wei­te­ren Abklä­rung soll sie über Nacht da blei­ben. “Wie gut, dass ich voll­jäh­rig bin und kei­nen Eltern­teil infor­mie­ren muss. Ich ste­he das allein durch. Die Fra­ge ist bloß, wen ich wegen der Kla­mot­ten anru­fen soll.” (Zitat S.21) Ihr Vater, bei dem sie wohnt und der Wis­sen­schaft­ler ist, ist gera­de auf einem Kon­gress, den möch­te Vic­to­ria nicht unbe­dingt stö­ren. Ihre Mut­ter kommt jedoch auch nicht in Fra­ge. “Sie hat sich näm­lich schon vor vie­len Jah­ren aus dem Staub gemacht. Ihr war das Leben mit einem ver­schro­be­nen Wis­sen­schaft­ler nicht gla­mou­rös genug. Und das Leben als Mut­ter einer schlak­si­gen Zehn­jäh­ri­gen hat sie bei der Gele­gen­heit dann auch gleich hin­ter sich gelas­sen…” (Zitat S.21) Ech­te Freund­schaf­ten hat Vic­to­ria nicht, nur ober­fläch­li­che Bekannt­schaf­ten. Mäd­chen, die sie Kasimiravom Sport kennt und wel­che, mit denen sie fei­ern geht. Also bit­tet sie kur­zer­hand Theo, ihren nerdi­gen Nach­hil­fe­leh­rer um Hil­fe. Er bringt ihr Klei­dung und bie­tet ihr sogar an, sie bei dem klä­ren­den Arzt­ge­spräch zu beglei­ten. Denn wäh­rend Vic­to­ria immer wie­der Wort­fin­dungs­pro­ble­me oder Schwin­del­ge­füh­le ver­spürt, macht sich Theo wäh­rend­des­sen sogar Noti­zen, um ihr hin­ter­her alles noch ein­mal genau zu erklä­ren. Denn sie hat einen Tumor, der ope­ra­bel ist, den­noch ist der Ein­griff ris­kant und kann lebens­ge­fähr­lich wer­den. “Und was, wenn ich mich nicht ope­rie­ren las­se?” “Dann lebst du viel­leicht noch zwölf Mona­te. Aber es wird dir immer schlech­ter gehen.” “Ich wer­de also ent­we­der gleich ster­ben oder in einem Jahr?” Das kann ja wohl nur ein Witz sein.” (Zitat S.43) Die Ope­ra­ti­on, für dich sich Vic­to­ria ent­schei­det, ist in genau einer Woche. Beglei­tet von Theo macht sie sich auf einen Road­t­rip nach Ber­lin, wo der Ein­griff Kasimirastatt­fin­den soll. Unter­wegs möch­te sie noch mög­lichst viel erle­ben und ent­wirft eine Bucket­lis­te. Inklu­si­ve letz­ter, bes­ter Kuss. Auch Theo muss eini­ge Punk­te erfül­len. Dabei kom­men die bei­den sich uner­war­tet näher…

Das Cover ver­wirr­te mich anfangs ein wenig, bis ich die Umris­se der zwei­ten Per­son ein­deu­tig zuord­nen konn­te. Den­noch zieht der ein­dring­li­che Blick der Prot­ago­nis­tin sofort in den Bann. Der Roman wird durch­gän­gig aus Vic­to­ri­as Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve geschil­dert. Eine Haupt­fi­gur, die etwas sprö­de, gera­de­zu ver­bit­tert her­über­kommt: “Aber was ist schon fair? Das Leben jeden­falls nicht. Das ist mir klar, seit ich zehn bin — seit mei­ne Mut­ter abge­hau­en ist. Damals dach­te ich, mei­ne Welt bricht zusam­men. In die­ser Hin­sicht kann es mei­ne Mut­ter locker mit einem Tumor auf­neh­men…” (Zitat S.36ff) Die nie­man­den an sich her­an­lässt und der erst im Kran­ken­haus klar wird, dass sie im Grun­de keinKasimiraen hat, den sie dar­um bit­ten kann ihr ihre Kla­mot­ten zu brin­gen. “…lei­der habe ich aller­höchs­tens Kon­tak­te, kei­ne Freun­de. Denn Freun­de muss man nah an sich her­an­las­sen, und das liegt mir ein­fach nicht. Mein emo­tio­na­ler Pan­zer schützt mich vor Ent­täu­schun­gen. Aber in Situa­tio­nen wie die­ser nützt mir der gan­ze Schutz nichts.” (Zitat S.24) Kei­nen außer ihren Nach­hil­fe­leh­rer Theo. Ihn fand ich als Cha­rak­ter auch sehr gelun­gen, vor allem sei­ne fas­zi­nie­ren­den Logi­k­rät­sel, mit denen er Vic­to­ria in man­chen Situa­tio­nen auf die Sprün­ge hilft, sind mal etwas ganz ande­res in einem Buch. Bei­de Figu­ren machen eine glaub­haf­te Ent­wick­lung durch. Wäh­rend Theo immer mehr aus sich her­aus und über Gren­zen geht, kann man bei Vic­to­ria immer mehr hin­ter die Fas­sa­de schau­en. Der Grund­ton der Geschich­te sprüht daher von manch knall­har­tem Sar­kas­mus und einer teils wit­zig, iro­ni­schen Erzähl­wei­se: “Ver­mut­lich soll­te ich jetzt heu­lend zusam­men­bre­cheKasimiran. Ein Ner­ven­zu­sam­men­bruch wäre sicher nicht über­trie­ben. Doch ich nicke nur und mache “Hm”. Sie hat recht. So was erfährt man nicht alle Tage. Ich krie­ge ein­fach kei­ne ange­mes­se­ne Reak­ti­on zustan­de. Immer­hin ist es mein ers­ter Hirn­tu­mor!” (Zitat S.16) Was mir ein biss­chen zu ein­fach davon­ge­kom­men ist, war für mich das Ende, da hät­te ich doch ger­ne etwas mehr erfah­ren. Auch war­um Theo wirk­lich auf die Rei­se mit­ge­kom­men ist, davon hät­te ruhig noch etwas erwähnt wer­den kön­nen. Den­noch ist “Bevor wir alles ver­lie­ren” eine ins­ge­samt sehr berüh­ren­de, mit­rei­ßen­de und nach­denk­lich machen­de Geschich­te, die den Blick auf das Leben schärft.

Dir gefällt Hei­ke Abi­dis Erzähl­stil? Für Jugend­li­che hat sie zahl­rei­che Bücher geschrie­ben: Clo­se-up”, “Mar­ra­kesh Nights”, “Sun­ny Days”die “We love fashion”-ReihLesealternativene, “Tat­säch­lich 13” + “Plötz­lich 14” + “End­lich 15” + “14: Kicker, Küs­se, Kata­stro­phen”, “Und dann kamst du” und “Unglaub­li­che 12”Ein wenig hat mich “Bevor wir alles ver­lie­ren” auch an den Road­t­rip “Lie­be sich, wer kann” von Annet­te Miers­wa erin­nert, in den auch eini­ge Pro­blem­the­men ein­ge­baut sind. Auf eine Art eben­so sehr distan­ziert (aber noch etwas hef­ti­ger) ver­hält sich die Prot­ago­nis­tin in “Soli­taire” von Ali­ce Ose­man. Du magst Bücher, in denen die Cha­rak­te­re Punk­te einer Lis­te erfül­len? Dann lies unbe­dingt “Bevor ich ster­be” von Jen­ny Down­ham oder “Wir flie­gen, wenn wir fal­len” von Ava Reed. Oder “Drei­zehn Wün­sche für einen Som­mer” von Mor­gan Mat­son und “Glücks­spu­ren im Sand” von Rachel Bateman. Eine sehr gute inhalt­li­che Alter­na­ti­ve ist außer­dem “Bucket list: Nur wer fällt, kann flie­gen ler­nen” von Geor­gia Clark, in wel­chem die Prot­ago­nis­tin eben­falls eine schwe­re Ent­schei­dung hin­sicht­lich ihrer Gesund­heit tref­fen muss.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Moon Notes
ISBN:978-3969760222
Erscheinungsdatum: 8.Oktober 2021
Einbandart: Broschur
Preis: 15,00€
Seitenzahl: 304
Übersetzer: -
Originaltitel: -
Originalverlag: -
Originalcover: -

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Kasimiras Bewertung:

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(4,5 von 5 mög­li­chen Punkten)

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