Hayley Long — Sophie Soundso

Hayley Long Sophie Soundso9.September 2015

Die bri­ti­sche Autorin Hay­ley Long hat mit “Sophie Soundso” einen Roman geschrie­ben, der sich mit der Suche nach der eige­nen Iden­ti­tät aus­ein­an­der­setzt. Ein außer­ge­wöhn­li­ches Buch, das mit einer ganz eige­nen Spra­che erzählt wird. Ein Stil­mit­tel, das stol­pern, inne­hal­ten, stau­nen und amü­sie­ren lässt! Für Leser beson­de­rer Bücher. Ab 12 Jah­ren bereits geeig­net und für Erwach­se­ne.

Sophie ist 14 Jah­re alt und wohnt zusam­men mit ihren Eltern in einer Miets­woh­nung in Brüs­sel. Das Mäd­chen pla­gen selt­sa­me, plötz­lich wie­der auf­tau­chen­de Erin­ne­run­gen an ihre Kind­heit. Sie war sie­ben Jah­re alt, als sie lern­te ihren schwie­ri­gen, lan­gen, flä­mi­schen Nach­na­men zu schrei­ben: Nieu­wen­le­ven. Er bedeu­tet “Neu­es Leben”. “Ist es gut, ein neu­es Leben zu haben?” […] Natür­lich ist das gut”, sag­te er. “Und ich ver­spre­che dir, Sophie Nieu­wen­le­ven, der Anfang war viel­leicht nicht ein­fach für uns, aber von jetzt an wird alles gut gehen. Alles wird gut.” (Zitat aus Sophie Soundso” S.17) Das ver­sprach ihr Vater ihr damals. Doch ihr Vater, der Sophie erzähl­te, dass sie bel­gi­sche Vor­fah­ren hät­ten, hat sie ange­lo­gen. Und das ahnt das Mäd­chen mitt­ler­wei­le. Denn sie erin­nert sich an eine Rei­se als sie fünf war, die ihre Mut­ter mit ihr unter­nahm. Der Fahrt von einem Land in ein ande­res Land. Mit ihrer Mut­ter, die auf ein­mal eine Perü­cke auf­zog und Sophies Man­tel wech­sel­te. War­um? Und wer ist Sophie wirk­lich? Und wie­so hat sie kei­ne Geburts­ur­kun­de, so wie ihr klei­ner Bru­der Her­cu­le? Als ihr Vater von einem frem­den Mann auf ein­mal mit einem ande­ren Namen ange­spro­chen wird und Sophie bei ihrer Mut­ter ein unbe­kann­tes Face­book-Pro­fil­bild ent­deckt, ist das Cha­os per­fekt. Das Mäd­chen beschließt dem Gan­zen auf den Grund zu gehen…

Hayley Long Sophie SoundsoSophie Soundso” wird durch­gän­gig aus Sophies Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve erzählt. Schon der ers­te Absatz des Buches macht den Leser dar­auf auf­merk­sam, dass hier etwas völ­lig anders sein wird, als in allen ande­ren Büchern: “Man­che Geschich­ten sind schwer zu erzäh­len. Selbst der bes­ten Freun­din. Und eini­ge Wör­ter kom­men nur mit gro­ßer Mühe aus unse­rem Mund. Denn sie ver­ra­ten Geheim­nis­se, die so groß sind, dass man sie eigent­lich nicht aus­spre­chen kann. […] Hier ist also mei­ne Geschich­te. Ich erzäh­le sie auf die ein­zi­ge Art, die ich mich traue. In einer eige­nen, ganz beson­de­ren Spra­che.” (Zitat S.7). Und gera­de die­se Spra­che ist das, was den Roman so außer­ge­wöhn­lich macht. Denn es wer­den durch­ge­hend im gan­zen Buch immer wie­der Wör­ter — meist Sub­stan­ti­ve — durch ähn­lich klin­gen­de Wör­ter ersetzt. Hier ein Bei­spiel: “Wir waren in der Ker­ze. Ich und mei­ne Mam­ba und mein Pon­cho. Das schmut­zi­ge Geschirr türm­te sich im Spül­be­cken und alles stank nach über­ba­cke­nem Blu­men­kohl. Mein Pon­cho zog einen dicken Sta­pel Pala­ver und eini­ge Bunt­stif­te aus der Schub­la­de und leg­te sie auf den Ker­zentan­go. “Komm, Sophie, wir ver­su­chen noch mal dei­nen Nagel zu schrei­ben.”” (Zitat S.12) Zunächst dach­te ich noch Ker­ze kön­ne Kir­che bedeu­ten, doch durch den Zusam­men­hang erschließt sich rasch, dass es die Küche ist, die gemeint ist. Im Prin­zip sind alle Wör­ter durch Logik und den Kon­text ent­schlüs­sel­bar. Manch­mal ist man sogar so im Lese­fluss, dass das Gehirn auto­ma­tisch ergänzt und einem man­che Wör­ter erst auf den zwei­ten Blick auf­fal­len: Hayley Long Sophie Soundso“Mein Pon­cho run­zel­te den Stern. Aber nur für eine Sekun­de. Dann lächel­te er, hob mich hoch, stell­te mich auf mei­nen Stuhl und wir stan­den uns von Angel­fisch zu Angel­fisch gegen­über.” (Zitat S.16) So habe ich beim ers­ten Lesen im Kopf auto­ma­tisch Stirn, statt Stern gele­sen. Man sieht an die­sem Roman wun­der­bar, wie kom­plex und klug das Gehirn ist und wie leicht man beim Lesen an der Nase (=Nuss) her­um­ge­führt wer­den kann;-) Jedoch lernt der Leser in “Sophie Soundso” unheim­lich viel mit. Teil­wei­se wer­den Wör­ter auch zusam­men­ge­setzt, wie “Ker­zentan­go” oder gan­ze Sät­ze ent­ste­hen aus neu­en Voka­beln: “Es ist eine Spu­cke für Kir­schen aus aller Wurst.” (Zitat S.46) (=Es ist eine Schu­le für Kin­der aus aller Welt). Die Erzähl­wei­se ist ein­fach, die Wort­wahl ist schlicht, aber das muss sie auch sein, damit man sich auf die­se außer­ge­wöhn­li­chen Wort­spie­le­rei­en kon­zen­trie­ren kann. Auf die Raf­fi­nes­se, mit der zum Teil gear­bei­tet wird, die manch­mal wirk­lich für ein Schmun­zeln sor­gen kann. Zum Bei­spiel als Sophie einen japa­ni­schen Tou­ris­ten beob­ach­tet: “Der Mars zog eine Kam­pa­gne aus sei­nem Ruck­sack und fing an, Bil­der zu machen. Er rich­te­te sei­ne Kam­pa­gne in alle mög­li­chen Rich­tun­gen und es mach­te Klick Klick Klick. Wie Ter­ro­ris­ten das eben machen.” (Zitat S.56)
“Sophie So
undso” wird in fünf Tei­len erzählt, wobei jeder Teil sich auf ihre momen­ta­ne Pha­se der Iden­ti­täts­fin­dung bezieht. Am Anfang (Teil 1) ist “Sophie im Schock­stress”, dann fühlt sie sich als (Teil 2) “Sophie Nir­gend­wer”, um schließ­lich der Sache als (Teil 3) “Sophie Sher­lock” auf den Grund zu gehen, ob sie jetzt eigent­lich (Teil 4) “Sophie Pratt” ist oder ein­fach (Teil 5) “Sophie Soundso”. Und so tur­bu­lent ihre Suche nach sich selbst ist, sind es auch die Wör­ter auf den Sei­ten, die mal ganz klein oder groß abge­druckt sein kön­nen oder wild durch die Gegend pur­zeln, ganz wie die Situa­ti­on und der Zusam­men­hang es gera­de erfor­dern. Das liest sich sehr unter­halt­sam und abwechs­lungs­reich.

LesealternativenWenn du eine gute, inhalt­li­che Alter­na­ti­ve zu “Sophie Soundso” suchst, dann lies mal “Die Quer­sum­me von Lie­be” von Kat­rin Zip­se. Hier wird das Leben der Prot­ago­nis­tin Luzie eben­so auf den Kopf gestellt, als sie eines Tages eine Unge­reimt­heit in ihrer Fami­lie fest­stellt und dem auf die Spur geht. Luzie spielt zwar nicht mit den Wör­tern, so wie Sophie, aber mit Zah­len. Die Suche nach der eige­nen Iden­ti­tät und sei­nen Wur­zeln begeg­net dir eben­so in “Mari­en­kä­fer­ta­ge” von Uticha Mar­mon und in “Was die Wel­le nahm” von Vera Kis­sel. Von dem humor­vol­len Unter­ton her, hat mich der Roman von Hay­ley Long auch ein wenig an den Erzähl­stil der fran­zö­si­schen Best­sel­ler­au­torin Marie-Aude Murail erin­nert (z.B.“Viel­leicht sogar wir alle”). Sprach­lich gese­hen hab ich bis­her noch nichts Ver­gleich­ba­res gele­sen bezie­hungs­wei­se fin­den kön­nen.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Königskinder
ISBN: 978-3-551-56016-2
Erscheinungsdatum: 2.Oktober 2015
Einbandart: Hardcover
Preis: 16,99€
Seitenzahl: 344
Übersetzer: Gabriele Haefs
Originaltitel: "Sophie Someone"
Originalverlag: Hot Key Books

Englisches Originalcover: 
Hayley Long Sophie Soundso










Kasimiras Bewertung:

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(4 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

 

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Englisches Cover: Homepage von Hot Key Books

 

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