Hansjörg Nessensohn — Mut. Machen. Liebe.

Kasimira28.September 2021

Der deut­sche Schrift­stel­ler und Dreh­buch­au­tor Hans­jörg Nes­sen­sohn leis­tet mit sei­nem Roman “Mut. Machen. Lie­be.” einen wich­ti­gen Bei­trag zum The­ma Diver­si­tät. Vor­der­grün­dig erzählt er die Geschich­te eines Jun­gen, der quer durch Ita­li­en reist und die Bekannt­schaft mit einer quir­li­gen 80-jäh­ri­gen Pil­ge­rin macht, die ihn fort­an beglei­tet. Auf raf­fi­nier­te Wei­se ein­ge­bet­tet fin­det sich jedoch eine Geschich­te inner­halb der Geschich­te wie­der, als die älte­re Dame dem Prot­ago­nis­ten von Enzo und Hel­mut erzählt, die in Köln im Jah­re 1957 leb­ten und sich inein­an­der ver­lieb­ten. In einer Zeit, in der gleich­ge­schlecht­li­che Bezie­hun­gen ver­bo­ten und nach Para­graf 175 des Straf­ge­setz­buchs recht­lich ver­folgt wur­den. Ein Buch über den Mut, man selbst zu sein, an sei­ne Träu­me zu glau­ben und für sei­ne Lie­be zu kämp­fen. Ein unglaub­lich mit­rei­ßen­der, berüh­ren­der, klug erzähl­ter, wich­ti­ger Roman, der sich defi­ni­tiv zu lesen lohnt! Für Jugend­li­che ab 13 Jah­ren und Erwachsene.

Der 19-jäh­ri­ge Paul ist auf Wan­der­schaft gegan­gen. Quer durch Ita­li­en. Als Pil­ge­rer möch­te er aber trotz­dem nicht bezeich­net wer­den. Eigent­lich will er nur den Kopf frei­krie­gen. Die Idee hat­te er von dem Sän­ger Mark Fors­ter, der in einem Inter­view mal vom Wan­dern geschwärmt hat und wie gut man dabei nach­den­ken und sich mit etwas Neu­em fül­len kann: Was für ein rie­sen­gro­ßer Mist. Von Nichts und Lee­re ist näm­lich rein gar nichts zu spü­ren, nur von Schmer­zen und Wut und dem drin­gen­den Wunsch, Mark Fors­ter von mei­nen gan­zen Spo­ti­fy-Lis­ten zu löschen. Ja, okay, ich habe mich echt beschis­sen schlecht auf die­se Rei­se vor­be­rei­tet. Das ärgert mich natür­lich am aller­meis­ten.” (Zitat aus “Mut. Machen. Lie­be.” S.8) Das fängt bei der Aus­wahl sei­ner Turn­schu­he an, die für 600km nicht wirk­lichKasimirageeig­net sind und geht hin bis zu sei­nem Ruck­sack, den er viel zu schwer gepackt hat. Wozu braucht er ein Dusch­gel und ein Sham­poo mit jeweils einem hal­ben Liter Inhalt? Dann wird er auch von einer älte­ren Frau namens Liz zuge­tex­tet. Die 80-Jäh­ri­ge will nach Assi­si pil­gern und schließt sich Paul an. Zuerst fin­det er sie ein wenig ner­vig. Weil sie genau hin­schaut und ihm auch so direk­te Fra­gen stellt: “Bist du glück­lich?” “Oh Mann”, stöh­ne ich […] “Frag mich doch so Sachen, wie mei­ne Eltern hei­ßen zum Bei­spiel. Oder wie mein Abischnitt war.” Liz spielt ein Gäh­nen vor. “Mich inter­es­siert aber mehr, war­um dei­ne schö­nen grau­en Augen nicht so lachen, wie sie für jemand in dei­nem Alter lachen soll­ten. (Zitat S.59) Doch all­mäh­lich freun­den die Zwei sich an und schät­zen die Gesell­schaft des jewei­lig ande­ren. Und so erzählt Liz ihm Kasimirawäh­rend ihrer Wan­de­rung von ihren Freun­den Hel­mut und Enzo, aus dem Jah­re 1957, als sie in Köln leb­ten. Hel­mut, ein Schul­ab­bre­cher, des­sen Vater sich umge­bracht hat, lebt in eher ärm­li­chen Ver­hält­nis­sen und hat mit der hüb­schen Mar­le­ne, einer Direk­to­ren­toch­ter, einen äußerst guten Fang gemacht: “Seit­her tat er alles, um sie glück­lich und stolz zu machen. Und ver­heim­lich­te ihr gleich­zei­tig, dass er manch­mal schreck­lich unglück­lich war, weil es sich seit dem Tod sei­nes Vaters vor sie­ben Jah­ren anfühl­te, als wäre er nur dafür da, die Erwar­tun­gen ande­rer Men­schen zu erfül­len.” (Zitat S.17) Bald wird er Mar­le­ne hei­ra­ten. Das Haus, in das sie zie­hen, bezahlt der Schwie­ger­va­ter. Eine Beam­ten­lauf­bahn strebt Hel­mut nun eben­falls an. Sein Leben — ein­tö­nig und vor­her­be­stimmt. Bis er auf KasimiraEnzo, einen ita­lie­ni­schen Gast­ar­bei­ter trifft, dem er in einer Schlä­ge­rei zur Hil­fe eilt. Dass eine kur­ze, zufäl­li­ge Begeg­nung an Kar­ne­val der Aus­lö­ser dafür war, dass sei­ne unglück­li­chen Gefüh­le jetzt viel häu­fi­ger auf­tauch­ten als frü­her? Genau wie die­se Bil­der, die meis­tens nachts in sei­nem Kopf her­um­geis­ter­ten und für die er sich tags­über schreck­lich schäm­te?” (Zitat S.35) Denn selt­sa­mer­wei­se fühlt sich Hel­mut in Enzos Nähe ganz anders und doch so selt­sam rich­tig. Obwohl die­se Nähe zwi­schen Män­nern ja eigent­lich ver­bo­ten ist. Sogar gesetz­lich bestraft wird. Hel­mut ver­sucht alles, um sei­ne Gefüh­le zu unter­drü­cken… Und eben­so Paul in der Jetzt-Zeit merkt, dass auch in sei­nem Inne­ren vie­les unter den Tisch gekehrt wur­de. Dass da eine Ver­letz­lich­keit in ihm exis­tiert, der er nun auf den Grund gehen muss. Eine, bei der vor allem sein ehe­mals bes­ter Freund Jonas — in den Paul sich vor vier JahKasimiraren ver­liebt hat und der ihn so sehr gede­mü­tigt hat — eine wich­ti­ge Rol­le spielt…

Das Cover mit den Regen­bo­gen­far­ben macht das The­ma Diver­si­tät in “Mut. Machen. Lie­be” bereits deut­lich. Das Graue könn­te für den (Lebens-)Weg ste­hen, den sowohl Liz und Paul, als auch Hel­mut und Enzo damals gegan­gen sind. Über den Titel stol­pert man beim Lesen ein wenig, er erklärt sich aber im Lau­fe des Buches. Ein kur­zer, geheim­nis­vol­ler Pro­log lei­tet den Roman ein, berich­tet aus der Sicht einer namen­lo­sen, unbe­kann­ten Per­son, erzählt von Flucht, von Blut­sprit­zern und Lügen und bil­det einen Rah­men für den begin­nen­den Haupt­teil: “Doch jetzt ist er weg. Und bevor ich ihm fol­ge, muss ich sei­ne Geschich­te ein­mal erzäh­len. Laut und voll­stän­dig, ohne dabei mei­ne Feh­ler aus­zu­las­sen. Weil dieKasimira Welt sonst ver­gisst und weil es not­wen­dig ist, dass mehr als zwei Men­schen wis­sen, wer er hät­te sein kön­nen.” (Zitat S.6) Der Roman wird durch­ge­hend aus Pauls Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve erzählt. Gele­gent­li­che, kur­ze Chat­aus­zü­ge mit Jonas lockern den Lese­fluss auf. Hel­muts und Enzos Geschich­te, die Liz immer wie­der mit ein­flie­ßen lässt, ist in kur­si­ver Schrift abge­druckt und in per­so­na­ler Erzähl­wei­se geschrie­ben. Die Cha­rak­te­re sind sehr schön gezeich­net, vor allem die klu­ge Liz ist eine sehr lie­bens­wer­te Figur, die Paul so eini­gen Stoff zum Nach­den­ken über sein eige­nes Leben bie­tet: “Du bist doch hier­her­ge­kom­men, um es zu ver­ste­hen. Oder?” Liz nimmt mei­ne Hän­de und ich las­se es zu. Ver­mut­lich sieht es aus, als wür­de ich ihr oder sie mir einen Hei­rats­an­trag machen, aber im Augen­blick ist mir selbst das egal. “Jeder, der so einen Weg geht, will etwaKasimiras ver­ste­hen. Auch wenn er sich selbst als Nicht-Pil­ger bezeich­net. Das sind nur Wor­te, das macht kei­nen Unter­schied.” (Zitat S.73) Hans­jörg Nes­sen­sohn hat ein Road­mo­vie geschrie­ben, das mit außer­or­dent­lich viel Tief­gang auf­war­tet. Dass sich Zeit für die Ent­wick­lung sei­ner Haupt­per­so­nen nimmt, aber nie­mals zu viel Län­ge bekommt. Beson­ders die Stim­mun­gen von Paul, sein Reflek­tie­ren über die Ver­gan­gen­heit und das Ein­ge­sperrt­sein in Kon­ven­tio­nen und Erwar­tun­gen hat er sehr gut getrof­fen: “Manch­mal füh­le ich mich ein­fach wie ein­ge­sperrt in die gan­zen Rah­men und habe trotz­dem die Auf­ga­be, Ent­schei­dun­gen fürs Leben zu tref­fen. Für mein Leben, an das ich und vie­le ande­re hohe Erwar­tun­gen haben. Aber stän­dig ver­schie­ben sich die­se Rah­men. Und man muss sich neu posi­tio­nie­ren, obwohl man eigent­lich gera­de eine ganz beque­me Stel­lung ein­ge­nom­men hat.” (Zitat S.63) Hier­bei enKasimiratspinnt sich im Lau­fe der Geschich­te eine inter­es­san­te Par­al­lel zu der von Hel­mut und Enzo, wenn auch auf ande­re, hef­ti­ge­re Art und Wei­se. Denn sich “echt” und sich so zu zei­gen, wie man ist, egal wen man liebt, das war damals — im Jahr 1957 — vor allem recht­lich nicht mög­lich. “Mut. Machen. Lie­be” zeigt eben­so hin­sicht­lich des Para­graph 175 des Straf­ge­setz­bu­ches geschicht­lich auf­klä­ren­de Arbeit. Nicht nur in einem Nach­wort am Ende wird eini­ges erklärt, son­dern auch in den Dia­lo­gen der zwei Prot­ago­nis­ten selbst: “Den [Para­gra­phen] gab’s auch schon vor den Nazis. Die haben ihn nur ver­schärft. Aber nach dem Krieg wur­de er nicht abge­schafft, er blieb im Straf­ge­setz­buch. Bis 1994.” “1994? Das war ja nur sie­ben Jah­re, bevor ich auf die Welt gekom­men bin.” Liz nickt. “Die meis­ten Ver­ur­tei­lun­gen des­we­gen gab’s aber in den 50er- und 60er-Jah­ren.” “Und was ist mit den MKasimiraännern pas­siert, die ver­ur­teilt wur­den?” “Vie­le haben alles ver­lo­ren. Anse­hen, Fami­lie, Jobs. Man­che haben sich umge­bracht. Die meis­ten muss­ten sich ein Leben lang ver­ste­cken.” (Zitat S.105) Gebannt ver­folgt man als Leser wie Hel­mut gegen sei­ne Gefüh­le kämpft und leug­net, was er emp­fin­det. Hofft, bangt und fühlt mit ihm, auch wenn man instink­tiv ahnt, dass alles auf ein gro­ßes Fias­ko zusteu­ern wird. Die Lie­bes­ge­schich­te ist abso­lut berüh­rend und ergrei­fend geschrie­ben: “Er hat­te kei­ne Ahnung, was es genau war, er wuss­te nur, dass er jetzt schon süch­tig danach war. Weil es sich anfühl­te, als wür­de der Mut, den Enzo in sich trug, auf ihn über­schwap­pen. Weil er plötz­lich sei­ne Träu­me wie­der spür­te, die er als 14-jäh­ri­ger auf dem Dach­bo­den zurück­ge­las­sen hat­te. Und weil er für die Dau­er ihrer Berüh­rung unver­wund­bar gewe­sen war.” (Zitat S.162fKasimiraf) “Mut. Machen. Lie­be” ist ein höchst wich­ti­ges Buch, das dazu auf­ruft, auch sei­ne ver­letz­li­chen Sei­ten zu zei­gen, dass man nie den Mut ver­lie­ren darf, zu sich selbst zu ste­hen und dass auch Selbst­lie­be bei allem eine wich­ti­ge Rol­le spielt.

Fazit: Ein Lese­high­light! Ide­al auch als Klas­sen­lek­tü­re (wenn es als Taschen­buch erscheint) oder für eine Buchvorstellung.

Dir gefällt Hans­jörg Nes­sen­sohns Erzähl­stil? Dann lies noch sei­ne ande­ren Bücher. Inter­es­san­ter­wei­se kannst du in “Und die­ses ver­damm­te Leben geht ein­fach wei­ter”, sei­nem Jugend­buch­de­büt, noch mehr über die Neben­fi­gur Jonas erfah­ren, die dort ihre eige­ne Geschich­te erzählt. Trotz­dem sind bei­de Bücher auch unab­hän­gig von­ein­an­der zu lesen. Sein zwei­tes LesealternativenBuch ist “Dele­te me: Dei­ne Geheim­nis­se leben wei­ter”ein Thril­ler über vir­tu­el­le Rea­li­tä­ten. Dir gefällt die The­ma­tik mit dem Pilgern/Roadtrip und den Erkennt­nis­sen beim Wan­dern? Dann könn­ten fol­gen­de Titel etwas für dich sein: “Lie­be sich, wer kann” von Annet­te Miers­wa (schö­ne Neu­erschei­nung)“Die Köni­gin­nen der Würst­chen” von Clé­men­ti­ne Beau­vais (so toll!), “Off­line ist es nass, wenn’s reg­net” von Jes­si Kir­by (klas­se!) “Mor­gen ist heu­te schon vor­bei” von Cla­re Fur­niss, “Nichts zu ver­lie­ren. Außer uns.” von Lea Coplin (roman­tisch),“Glücks­dra­chen­zeit” von Kat­rin Zip­se (lohnt sich!) und “French Sum­mer: A fuck­ing gre­at road trip” von Mari­an de Smet. Etwas neu­er noch ist “Mari­lu” von Tania Wit­te. Du möch­test mehr zum The­ma Diver­si­tät lesen? Greif unbe­dingt zu “Mein Bru­der heißt Jes­si­ca” von John Boy­ne, “Geor­ge” von Alex Gino und “Bir­th­day: Eine Lie­bes­ge­schich­te” von Mer­edith Rus­so (sehr gelun­ge­ne Neu­erschei­nung aus dem Frühjahr). 

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Ueberreuter
ISBN: 978-3-7641-7119-3
Erscheinungsdatum: 19.Juli 2021
Einbandart: Hardcover
Preis: 18,00€
Seitenzahl: 352
Übersetzer: -
Originaltitel: -
Originalverlag: -
Originalcover: -

Kasimira auf Instagram:

Kasimira

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kasimiras Bewertung:

110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw 110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw

(5 von 5 mög­li­chen Punkten)

Die­ser Titel hat es in fol­gen­de Kate­go­rie geschafft: **Kasi­mi­ras Lieb­lings­bü­cher**

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.