Der deutsche Schriftsteller und Drehbuchautor Hansjörg Nessensohn leistet mit seinem Roman “Mut. Machen. Liebe.” einen wichtigen Beitrag zum Thema Diversität. Vordergründig erzählt er die Geschichte eines Jungen, der quer durch Italien reist und die Bekanntschaft mit einer quirligen 80-jährigen Pilgerin macht, die ihn fortan begleitet. Auf raffinierte Weise eingebettet findet sich jedoch eine Geschichte innerhalb der Geschichte wieder, als die ältere Dame dem Protagonisten von Enzo und Helmut erzählt, die in Köln im Jahre 1957 lebten und sich ineinander verliebten. In einer Zeit, in der gleichgeschlechtliche Beziehungen verboten und nach Paragraf 175 des Strafgesetzbuchs rechtlich verfolgt wurden. Ein Buch über den Mut, man selbst zu sein, an seine Träume zu glauben und für seine Liebe zu kämpfen. Ein unglaublich mitreißender, berührender, klug erzählter, wichtiger Roman, der sich definitiv zu lesen lohnt! Für Jugendliche ab 13 Jahren und Erwachsene.
Der 19-jährige Paul ist auf Wanderschaft gegangen. Quer durch Italien. Als Pilgerer möchte er aber trotzdem nicht bezeichnet werden. Eigentlich will er nur den Kopf freikriegen. Die Idee hatte er von dem Sänger Mark Forster, der in einem Interview mal vom Wandern geschwärmt hat und wie gut man dabei nachdenken und sich mit etwas Neuem füllen kann: “Was für ein riesengroßer Mist. Von Nichts und Leere ist nämlich rein gar nichts zu spüren, nur von Schmerzen und Wut und dem dringenden Wunsch, Mark Forster von meinen ganzen Spotify-Listen zu löschen. Ja, okay, ich habe mich echt beschissen schlecht auf diese Reise vorbereitet. Das ärgert mich natürlich am allermeisten.” (Zitat aus “Mut. Machen. Liebe.” S.8) Das fängt bei der Auswahl seiner Turnschuhe an, die für 600km nicht wirklich
geeignet sind und geht hin bis zu seinem Rucksack, den er viel zu schwer gepackt hat. Wozu braucht er ein Duschgel und ein Shampoo mit jeweils einem halben Liter Inhalt? Dann wird er auch von einer älteren Frau namens Liz zugetextet. Die 80-Jährige will nach Assisi pilgern und schließt sich Paul an. Zuerst findet er sie ein wenig nervig. Weil sie genau hinschaut und ihm auch so direkte Fragen stellt: “Bist du glücklich?” “Oh Mann”, stöhne ich […] “Frag mich doch so Sachen, wie meine Eltern heißen zum Beispiel. Oder wie mein Abischnitt war.” Liz spielt ein Gähnen vor. “Mich interessiert aber mehr, warum deine schönen grauen Augen nicht so lachen, wie sie für jemand in deinem Alter lachen sollten.” (Zitat S.59) Doch allmählich freunden die Zwei sich an und schätzen die Gesellschaft des jeweilig anderen. Und so erzählt Liz ihm
während ihrer Wanderung von ihren Freunden Helmut und Enzo, aus dem Jahre 1957, als sie in Köln lebten. Helmut, ein Schulabbrecher, dessen Vater sich umgebracht hat, lebt in eher ärmlichen Verhältnissen und hat mit der hübschen Marlene, einer Direktorentochter, einen äußerst guten Fang gemacht: “Seither tat er alles, um sie glücklich und stolz zu machen. Und verheimlichte ihr gleichzeitig, dass er manchmal schrecklich unglücklich war, weil es sich seit dem Tod seines Vaters vor sieben Jahren anfühlte, als wäre er nur dafür da, die Erwartungen anderer Menschen zu erfüllen.” (Zitat S.17) Bald wird er Marlene heiraten. Das Haus, in das sie ziehen, bezahlt der Schwiegervater. Eine Beamtenlaufbahn strebt Helmut nun ebenfalls an. Sein Leben — eintönig und vorherbestimmt. Bis er auf
Enzo, einen italienischen Gastarbeiter trifft, dem er in einer Schlägerei zur Hilfe eilt. “Dass eine kurze, zufällige Begegnung an Karneval der Auslöser dafür war, dass seine unglücklichen Gefühle jetzt viel häufiger auftauchten als früher? Genau wie diese Bilder, die meistens nachts in seinem Kopf herumgeisterten und für die er sich tagsüber schrecklich schämte?” (Zitat S.35) Denn seltsamerweise fühlt sich Helmut in Enzos Nähe ganz anders und doch so seltsam richtig. Obwohl diese Nähe zwischen Männern ja eigentlich verboten ist. Sogar gesetzlich bestraft wird. Helmut versucht alles, um seine Gefühle zu unterdrücken… Und ebenso Paul in der Jetzt-Zeit merkt, dass auch in seinem Inneren vieles unter den Tisch gekehrt wurde. Dass da eine Verletzlichkeit in ihm existiert, der er nun auf den Grund gehen muss. Eine, bei der vor allem sein ehemals bester Freund Jonas — in den Paul sich vor vier Jah
ren verliebt hat und der ihn so sehr gedemütigt hat — eine wichtige Rolle spielt…
Das Cover mit den Regenbogenfarben macht das Thema Diversität in “Mut. Machen. Liebe” bereits deutlich. Das Graue könnte für den (Lebens-)Weg stehen, den sowohl Liz und Paul, als auch Helmut und Enzo damals gegangen sind. Über den Titel stolpert man beim Lesen ein wenig, er erklärt sich aber im Laufe des Buches. Ein kurzer, geheimnisvoller Prolog leitet den Roman ein, berichtet aus der Sicht einer namenlosen, unbekannten Person, erzählt von Flucht, von Blutspritzern und Lügen und bildet einen Rahmen für den beginnenden Hauptteil: “Doch jetzt ist er weg. Und bevor ich ihm folge, muss ich seine Geschichte einmal erzählen. Laut und vollständig, ohne dabei meine Fehler auszulassen. Weil die
Welt sonst vergisst und weil es notwendig ist, dass mehr als zwei Menschen wissen, wer er hätte sein können.” (Zitat S.6) Der Roman wird durchgehend aus Pauls Sicht in der Ich-Perspektive erzählt. Gelegentliche, kurze Chatauszüge mit Jonas lockern den Lesefluss auf. Helmuts und Enzos Geschichte, die Liz immer wieder mit einfließen lässt, ist in kursiver Schrift abgedruckt und in personaler Erzählweise geschrieben. Die Charaktere sind sehr schön gezeichnet, vor allem die kluge Liz ist eine sehr liebenswerte Figur, die Paul so einigen Stoff zum Nachdenken über sein eigenes Leben bietet: “Du bist doch hierhergekommen, um es zu verstehen. Oder?” Liz nimmt meine Hände und ich lasse es zu. Vermutlich sieht es aus, als würde ich ihr oder sie mir einen Heiratsantrag machen, aber im Augenblick ist mir selbst das egal. “Jeder, der so einen Weg geht, will etwa
s verstehen. Auch wenn er sich selbst als Nicht-Pilger bezeichnet. Das sind nur Worte, das macht keinen Unterschied.” (Zitat S.73) Hansjörg Nessensohn hat ein Roadmovie geschrieben, das mit außerordentlich viel Tiefgang aufwartet. Dass sich Zeit für die Entwicklung seiner Hauptpersonen nimmt, aber niemals zu viel Länge bekommt. Besonders die Stimmungen von Paul, sein Reflektieren über die Vergangenheit und das Eingesperrtsein in Konventionen und Erwartungen hat er sehr gut getroffen: “Manchmal fühle ich mich einfach wie eingesperrt in die ganzen Rahmen und habe trotzdem die Aufgabe, Entscheidungen fürs Leben zu treffen. Für mein Leben, an das ich und viele andere hohe Erwartungen haben. Aber ständig verschieben sich diese Rahmen. Und man muss sich neu positionieren, obwohl man eigentlich gerade eine ganz bequeme Stellung eingenommen hat.” (Zitat S.63) Hierbei en
tspinnt sich im Laufe der Geschichte eine interessante Parallel zu der von Helmut und Enzo, wenn auch auf andere, heftigere Art und Weise. Denn sich “echt” und sich so zu zeigen, wie man ist, egal wen man liebt, das war damals — im Jahr 1957 — vor allem rechtlich nicht möglich. “Mut. Machen. Liebe” zeigt ebenso hinsichtlich des Paragraph 175 des Strafgesetzbuches geschichtlich aufklärende Arbeit. Nicht nur in einem Nachwort am Ende wird einiges erklärt, sondern auch in den Dialogen der zwei Protagonisten selbst: “Den [Paragraphen] gab’s auch schon vor den Nazis. Die haben ihn nur verschärft. Aber nach dem Krieg wurde er nicht abgeschafft, er blieb im Strafgesetzbuch. Bis 1994.” “1994? Das war ja nur sieben Jahre, bevor ich auf die Welt gekommen bin.” Liz nickt. “Die meisten Verurteilungen deswegen gab’s aber in den 50er- und 60er-Jahren.” “Und was ist mit den M
ännern passiert, die verurteilt wurden?” “Viele haben alles verloren. Ansehen, Familie, Jobs. Manche haben sich umgebracht. Die meisten mussten sich ein Leben lang verstecken.” (Zitat S.105) Gebannt verfolgt man als Leser wie Helmut gegen seine Gefühle kämpft und leugnet, was er empfindet. Hofft, bangt und fühlt mit ihm, auch wenn man instinktiv ahnt, dass alles auf ein großes Fiasko zusteuern wird. Die Liebesgeschichte ist absolut berührend und ergreifend geschrieben: “Er hatte keine Ahnung, was es genau war, er wusste nur, dass er jetzt schon süchtig danach war. Weil es sich anfühlte, als würde der Mut, den Enzo in sich trug, auf ihn überschwappen. Weil er plötzlich seine Träume wieder spürte, die er als 14-jähriger auf dem Dachboden zurückgelassen hatte. Und weil er für die Dauer ihrer Berührung unverwundbar gewesen war.” (Zitat S.162f
f) “Mut. Machen. Liebe” ist ein höchst wichtiges Buch, das dazu aufruft, auch seine verletzlichen Seiten zu zeigen, dass man nie den Mut verlieren darf, zu sich selbst zu stehen und dass auch Selbstliebe bei allem eine wichtige Rolle spielt.
Fazit: Ein Lesehighlight! Ideal auch als Klassenlektüre (wenn es als Taschenbuch erscheint) oder für eine Buchvorstellung.
Dir gefällt Hansjörg Nessensohns Erzählstil? Dann lies noch seine anderen Bücher. Interessanterweise kannst du in “Und dieses verdammte Leben geht einfach weiter”, seinem Jugendbuchdebüt, noch mehr über die Nebenfigur Jonas erfahren, die dort ihre eigene Geschichte erzählt. Trotzdem sind beide Bücher auch unabhängig voneinander zu lesen. Sein zweites
Buch ist “Delete me: Deine Geheimnisse leben weiter”, ein Thriller über virtuelle Realitäten. Dir gefällt die Thematik mit dem Pilgern/Roadtrip und den Erkenntnissen beim Wandern? Dann könnten folgende Titel etwas für dich sein: “Liebe sich, wer kann” von Annette Mierswa (schöne Neuerscheinung), “Die Königinnen der Würstchen” von Clémentine Beauvais (so toll!), “Offline ist es nass, wenn’s regnet” von Jessi Kirby (klasse!) ‚“Morgen ist heute schon vorbei” von Clare Furniss, “Nichts zu verlieren. Außer uns.” von Lea Coplin (romantisch),“Glücksdrachenzeit” von Katrin Zipse (lohnt sich!) und “French Summer: A fucking great road trip” von Marian de Smet. Etwas neuer noch ist “Marilu” von Tania Witte. Du möchtest mehr zum Thema Diversität lesen? Greif unbedingt zu “Mein Bruder heißt Jessica” von John Boyne, “George” von Alex Gino und “Birthday: Eine Liebesgeschichte” von Meredith Russo (sehr gelungene Neuerscheinung aus dem Frühjahr).
Bibliografische Angaben:Verlag: Ueberreuter ISBN: 978-3-7641-7119-3 Erscheinungsdatum: 19.Juli 2021 Einbandart: Hardcover Preis: 18,00€ Seitenzahl: 352 Übersetzer: - Originaltitel: - Originalverlag: - Originalcover: -
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Verlag: Ueberreuter
ISBN: 978-3-7641-7119-3
Erscheinungsdatum: 19.Juli 2021
Einbandart: Hardcover
Preis: 18,00€
Seitenzahl: 352
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