“Ein wirklich erstaunliches Ding” ist der erste Roman von dem amerikanischen Autoren Hank Green, der es auf Anhieb auf Platz 1 der New York Times Bestseller schaffte. Der Bruder des bekannten Autoren John Green (“Das Schicksal ist ein mieser Verräter”) widmet sich in seinem Roman einem besonderen Roboter, einer unerwarteten Berühmtheit inmitten von sozialen Netzwerken und der Macht der Medien. Unterhaltsam. Ein bisschen schräg und mit einem ganz anderen Erzählstil als der seines großen Bruders. Jetzt erschienen im neuen Imprint bold des dtv Verlags, das sich an “Digital Natives ab 20” richtet. Für reife Jugendliche bereits ab 16 Jahren und vor allem für Erwachsene.
New York. Hier lebt die 23-jährige April May in einem winzigen Zwei-Zimmer-Apartment mit ihrer Mitbewohnerin Maya, mit der sie zunächst nur die Wohnung teilte, nach einiger Zeit dann aber auch das Bett. Sie hat nach einigem Wechsel ihrer Hauptfächer (Kunst, Kommunikationsdesign, Fotografie, Illustration) schließlich einen Bachelor in Produktdesign gemacht und sich in einem ausbeuterischen Start-Up-Unternehmen einen Job gesucht, um ihren Studienkredit abzubezahlen und nicht zurück in ihr Elternhaus nach Nordkalifornien zu müssen. Doch eines Nachts wird Aprils gesamtes Leben völlig auf den Kopf gestellt, als sie auf eine merkwürdige, riesige
Roboter-Figur trifft. “…und da sah ich ihn. Und je näher ich ihm kam, desto offensichtlicher wurde es. Dass er eine wirklich… WIRKLICH erstaunliche Skulptur war. Ich meine, das Ding war UNGLAUBLICH.” (Zitat aus “Ein wirklich erstaunliches Ding” S.10) Über drei Meter hoch, aus schwarzen und silbern reflektierenden Platten gebaut, ein bisschen wie ein “Transformer in Samurai-Rüstung” (Zitat S.11) Für einen kurzen Augenblick ist April fasziniert. Und läuft dann einfach weiter. Bis sie sich selbst an den Kopf fassen muss und wieder umdreht: “Ich meine, ich war selbst Künstlerin…[…] Jetzt stand vor mir auf dem Gehweg ein Kunstwerk, in dessen Gestaltung jemand unfassbar viel Mühe investiert hatte; eine Installation, an der unter Umständen mehrere Jahre getüftelt worden war, damit die Leute stehen blieben, sie betrachteten und sich Gedanken machten. Und dann komme ich vorbei und bin vom Großstadtleben so verhärtet und vom stundenlangen Pixelschubsen mental so erschöpft, dass ich einer solchen Großartigkeit noch nicht mal einen zweiten Blick schenke?” (Zitat S.11ff) Sie ruft Andy an, einen guten Freund von ihr, der immer noch an dem Traum einer erfolgreichen Karriere auf YouTube bastelt und bittet ihn das Ganze zu filmen. Da er zwar viel Erfahrung vor der Kamera hat, aber April umso weniger weiß wie man mit der Kamera umgeht, stellt sie sich neben CARL, wie sie den Roboter nennt, und interviewt ihn und gibt noch ein paar andere Dinge zum Besten. Und am nächsten Mo
rgen ist sie plötzlich schlagartig berühmt! “Dieses Video ist das meistgesehene Video aller Zeiten. Es ist öfter geklickt worden, als Menschen auf der Erde leben. Google schätzt, dass “New York Carl” von 94 Prozent aller derzeit lebenden Menschen gesehen wurde.” (Zitat S.22) Fernsehsender und Medienagenturen reißen sich um sie, wollen Interviews und ihre Meinung hören. Denn CARL ist nicht nur in New York aufgetaucht, auch in fast jeder größeren Stadt auf der ganzen Welt erschien über Nacht auf einmal diese seltsame Installation. Ohne Ankündigung. Niemand, der sich dazu bekennt. Niemand, der weiß, wo diese Figuren herkommen und wer sie errichtet hat. Und was noch viel seltsamer ist: es konnte keinerlei Videomaterial irgendeiner Überwachungskamera gesichtet werden! Selbst wenn sich eine Kamera genau an der Stelle befand, an der nun ein CARL steht, so bricht die Aufnahme auf einmal ab. “Fünf Minuten lang nichts als weißes Rauschen, und als wieder was zu sehen ist, steht Carl plötzlich da. […] Was das Ganze noch merk
würdiger macht, ist, dass das Rauschen nicht bloß ein Rauschen ist. Bei den Kameras, die auch Audiosignale aufnehmen […] kann man, wenn man den Ton aufdreht, im unteren Frequenzbereich des Rauschens ganz deutlich “Don’t stop me now” von Queen hören.” (Zitat S.38ff) Warum Queen? Als in einem Wikipedia-Eintrag über eben diesen Song plötzlich ein paar Buchstaben verschwinden, die sich auch nicht mehr hinzufügen lassen, beschließt April dem Ganzen auf den Grund zu gehen. Denn wenn man die fehlenden Buchstaben zusammensetzt, dann ergeben sie ein Wort. Zusammen mit Miranda, einer Internetbekanntschaft, gehen sie einer heißen Spur nach… ist Carl etwa nicht von dieser Welt?
“Ein wirklich erstaunliches Ding” ist im Grunde genommen eine — wie es der Titel bereits bestens aussagt — wirklich erstaunliche Geschichte. Etwas, das man so noch nicht gelesen hat! Wir nehmen einen Roboter, multiplizieren diese
n mal 64, setzen ihn auf der ganzen Welt aus, einfach so, und fügen eine Protagonistin hinzu, die auf einmal mit Berühmtheit und unverhoffter Präsenz in den Medien umgehen muss. Die Zutaten dieses Romans sind besten gewählt und ergeben eine interessante, faszinierende Mischung. Erzählt wird das Buch durchgehend in der Ich-Perspektive aus Aprils Sicht. Sie berichtet dem Leser, den sie immer wieder anspricht, sozusagen ihre Geschichte. Greift voraus, macht Andeutungen, blendet zurück und fasst zusammen. Zu Beginn hab ich ein wenig gebraucht in den Schreibstil hineinzufinden, in die teils lapidare Ironie, die langen Sätze, die Zusammenhänge der Geschichte. April ist nicht unbedingt super sympathisch, sie eckt an, denkt manchmal nicht lange nach und ist impulsiv. Doch sie wirkt authentisch. Mit Fernsehen und sozialen Medien hat sie anfangs nicht unbedingt viel am Hut. Besitzt nur einen Instagram-Account. “Ich glaube, ich kann ehrlich behaupten, dass ich anfangs wirklich nur widerstrebend
mitgemacht habe. Zu Beginn habe ich versucht, meine kritische Haltung zum Fernsehen und den sozialen Netzwerken aufrechtzuerhalten, aber es dauerte nicht lang und ich wurde vom Sog mitgerissen.” (Zitat S.53) Während sie die Dauergäste im Fernsehen, die ihren Senf zu allem abgeben, zunächst noch belächelt, weil sie teilweise nicht mal ein Honorar für ihre Auftritte erhalten (im Gegensatz zu ihr) und nur dort erscheinen, um ihre Berühmtheit zu forcieren, erliegt April bald selbst dem Reiz Macht zu haben, noch mehr Berühmtheit zu erlangen und vielleicht etwas (Gutes) zu bewegen. Sie legt sich einen YouTube-Kanal an, twittert fleißig und versinkt im World Wide Web, auf der Suche nach neuen Followern. Auch in der echten Welt wird sie auf einmal ganz anders wahrgenommen: “Ich genoss es, am Flughafen erkannt und um Selfies gebeten zu werden. Ich genoss es, fürs Reden bezahlt zu werden, ich aalte mich in all der Aufmerksamkeit und machte mir Sorgen, dass bald damit Schluss sein könnte. Mehr als das. Ich glaube, tief in mir drin hatte ich wahnsinnige Angst davor.” (Zitat S.96) Hank Green schildert auf übers
pitzte Weise ein Phänomen, das viele Menschen, die in sozialen Netzwerken unterwegs sind, betrifft: Wie stelle ich mich online dar? Was gebe ich von mir preis? Wer will ich sein? April will vor allem eines: nicht mehr “normal” sein und irgendwann wieder im Abgrund der Unbekanntheit versinken. Dafür erschafft sie sich als Marke, hat ein ganzes Team aus Freunden und Angestellten hinter sich, die sie als Person neu definieren und vermarkten. Denn eine Sekunde zu spät und die neueste Sensation hat sich ein anderer geschnappt: “Ich war frustriert. Ich wollte, dass meine Tweets dieselbe virale Wirkung hatten wie mein erstes Video. Ich wollte die Kontrolle über die Story behalten. Die Zugriffszahlen stiegen rasant, aber nicht so rasant, wie sie gestiegen wären, wenn ich die Nachricht zuerst gebracht hätte. Bald würden die ersten Reporter anrufen, womit ich zumindest Teil der Story wäre, aber es war nicht meine Story.” (Zitat S.134) Dafür müssen immer neue Videos und Posts herhalten, immer neue Informationen gesucht werden, mit denen sie ihre Follower zufrieden stellen kann. Geltungssucht; ab
er auch der Preis, den man für Bekanntheit zahlt; der Umgang mit Leuten, die einem nicht folgen, die einen vielleicht sogar hassen — all das verpackt der Autor auf lockere, teils sogar etwas philosophische Erzählart in seinen Roman, während er zeitgleich noch eine spannende Spurensuche nach der Herkunft und den Beweggründen der Carls schildert, die wirklich mitreißend ist. Das Ende überrascht und passt irgendwie doch und bleibt dennoch auch ein wenig rätselhaft.
Fazit: Ein Buch, das genauso cool und abgefahren wie tiefgründig ist und sich sehr unterhaltsam liest!
Du möchtest noch mehr Bücher des neuen Imprints Bold lesen, das sich speziell an die Digital Natives ab 20 Jahren richtet? Das neue Programm umfasst ein paar interessante Titel: “Wir. Hier. Jetzt” von K.A.Tucker, “River of Violence” von Tess Sharpe, “So sieht es also aus, wenn ein Glühwürmchen stirbt” von Maike Voß, “Love — Her — Wild. Gedichte und Notzen” von
Atticus und sogar die amerikanische Bestsellerautorin Colleen Hoover ist mit vertreten mit “Too late”. Da Hank Green bisher nur “Ein wirklich erstaunliches Ding” geschrieben hat, könntest du natürlich noch die Bücher des berühmten Bruders John Green lesen. Sein bekanntestes ist natürlich “Das Schicksal ist ein mieser Verräter”. Oder lies von ihm “Eine wie Alaska”, “Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken”, “Margos Spuren”, “Die erste Liebe (nach 19 vergeblichen Versuchen” oder “Will & Will”. Außerirdische Roboter, die die Erde infiltrieren? Eine Roboterhand, die ein Mädchen beim Spielen findet, die fortan ihr ganzes Leben verändern wird? So etwas kannst du in der “Giants”-Reihe von Silvain Neuvel erinnern (für Erwachsene). Ein sehr bewegendes Buch zum Thema “Suche nach Anerkennung in sozialen Netzwerken” ist zum Beispiel “Instagirl” von Annette Mierswa oder auch “Like me. Jeder Klick zählt.” von Thomas Feibel, in dem ein neues Mädchen zwei Jugendliche dazu animiert die verrücktesten Posts in einem sozial Netzwerk zu veröffentlichen. Etwas, was schließlich außer Kontrolle gerät. Oder greif zu “Likes sind dein Leben” von Ulrike Ruwisch und “Ich hab schon über 500 Freunde” von Armin Kaster. Ein total schräges, provokantes, aber zu gleich aufrüttelndes Buch ist auch “Butter” von Erin Jade Lange, in dem ein Junge auch unerwartet berühmt wird.
Bibliografische Angaben:Verlag: bold (dtv) ISBN: 978-3-423-79040-6 Erscheinungsdatum: 28.Februrar 2018 Einbandart: Hardcover Preis: 22,00€ Seitenzahl: 448 Übersetzer: Katarina Ganslandt Originaltitel: "An absolutely remarkable thing" Originalverlag: Dutton Amerikanisches Originalcover:
Hank Green spricht über sein Buch (auf Englisch):
Kasimiras Bewertung:
(4,5 von 5 möglichen Punkten)
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Verlag: bold (dtv)
ISBN: 978-3-423-79040-6
Erscheinungsdatum: 28.Februrar 2018
Einbandart: Hardcover
Preis: 22,00€
Seitenzahl: 448
Übersetzer: Katarina Ganslandt
Originaltitel: "An absolutely remarkable thing"
Originalverlag: Dutton
Amerikanisches Originalcover:
Hank Green spricht über sein Buch (auf Englisch):