Hank Green — Ein wirklich erstaunliches Ding

Kasimira28.Februar 2019

Ein wirk­lich erstaun­li­ches Ding” ist der ers­te Roman von dem ame­ri­ka­ni­schen Autoren Hank Green, der es auf Anhieb auf Platz 1 der New York Times Best­sel­ler schaff­te. Der Bru­der des bekann­ten Autoren John Green (“Das Schick­sal ist ein mie­ser Ver­rä­ter”) wid­met sich in sei­nem Roman einem beson­de­ren Robo­ter, einer uner­war­te­ten Berühmt­heit inmit­ten von sozia­len Netz­wer­ken und der Macht der Medi­en. Unter­halt­sam. Ein biss­chen schräg und mit einem ganz ande­ren Erzähl­stil als der sei­nes gro­ßen Bru­ders. Jetzt erschie­nen im neu­en Imprint bold des dtv Ver­lags, das sich an “Digi­tal Nati­ves ab 20” rich­tet. Für rei­fe Jugend­li­che bereits ab 16 Jah­ren und vor allem für Erwach­se­ne.

New York. Hier lebt die 23-jäh­ri­ge April May in einem win­zi­gen Zwei-Zim­mer-Apart­ment mit ihrer Mit­be­woh­ne­rin Maya, mit der sie zunächst nur die Woh­nung teil­te, nach eini­ger Zeit dann aber auch das Bett. Sie hat nach eini­gem Wech­sel ihrer Haupt­fä­cher (Kunst, Kom­mu­ni­ka­ti­ons­de­sign, Foto­gra­fie, Illus­tra­ti­on) schließ­lich einen Bache­lor in Pro­dukt­de­sign gemacht und sich in einem aus­beu­te­ri­schen Start-Up-Unter­neh­men einen Job gesucht, um ihren Stu­di­en­kre­dit abzu­be­zah­len und nicht zurück in ihr Eltern­haus nach Nord­ka­li­for­ni­en zu müs­sen. Doch eines Nachts wird Aprils gesam­tes Leben völ­lig auf den Kopf gestellt, als sie auf eine merk­wür­di­ge, rie­si­ge KasimiraRobo­ter-Figur trifft. “…und da sah ich ihn. Und je näher ich ihm kam, des­to offen­sicht­li­cher wur­de es. Dass er eine wirk­lich… WIRKLICH erstaun­li­che Skulp­tur war. Ich mei­ne, das Ding war UNGLAUBLICH.” (Zitat aus “Ein wirk­lich erstaun­li­ches Ding” S.10) Über drei Meter hoch, aus schwar­zen und sil­bern reflek­tie­ren­den Plat­ten gebaut, ein biss­chen wie ein “Trans­for­mer in Samu­rai-Rüs­tung” (Zitat S.11) Für einen kur­zen Augen­blick ist April fas­zi­niert. Und läuft dann ein­fach wei­ter. Bis sie sich selbst an den Kopf fas­sen muss und wie­der umdreht: “Ich mei­ne, ich war selbst Künst­le­rin…[…] Jetzt stand vor mir auf dem Geh­weg ein Kunst­werk, in des­sen Gestal­tung jemand unfass­bar viel Mühe inves­tiert hat­te; eine Instal­la­ti­on, an der unter Umstän­den meh­re­re Jah­re getüf­telt wor­den war, damit die Leu­te ste­hen blie­ben, sie betrach­te­ten und sich Gedan­ken mach­ten. Und dann kom­me ich vor­bei und bin vom Groß­stadt­le­ben so ver­här­tet und vom stun­den­lan­gen Pixel­schub­sen men­tal so erschöpft, dass ich einer sol­chen Groß­ar­tig­keit noch nicht mal einen zwei­ten Blick schen­ke?” (Zitat S.11ff) Sie ruft Andy an, einen guten Freund von ihr, der immer noch an dem Traum einer erfolg­rei­chen Kar­rie­re auf You­Tube bas­telt und bit­tet ihn das Gan­ze zu fil­men. Da er zwar viel Erfah­rung vor der Kame­ra hat, aber April umso weni­ger weiß wie man mit der Kame­ra umgeht, stellt sie sich neben CARL, wie sie den Robo­ter nennt, und inter­viewt ihn und gibt noch ein paar ande­re Din­ge zum Bes­ten. Und am nächs­ten MoKasimirargen ist sie plötz­lich schlag­ar­tig berühmt! “Die­ses Video ist das meist­ge­se­he­ne Video aller Zei­ten. Es ist öfter geklickt wor­den, als Men­schen auf der Erde leben. Goog­le schätzt, dass “New York Carl” von 94 Pro­zent aller der­zeit leben­den Men­schen gese­hen wur­de.” (Zitat S.22) Fern­seh­sen­der und Medi­en­agen­tu­ren rei­ßen sich um sie, wol­len Inter­views und ihre Mei­nung hören. Denn CARL ist nicht nur in New York auf­ge­taucht, auch in fast jeder grö­ße­ren Stadt auf der gan­zen Welt erschien über Nacht auf ein­mal die­se selt­sa­me Instal­la­ti­on. Ohne Ankün­di­gung. Nie­mand, der sich dazu bekennt. Nie­mand, der weiß, wo die­se Figu­ren her­kom­men und wer sie errich­tet hat. Und was noch viel selt­sa­mer ist: es konn­te kei­ner­lei Video­ma­te­ri­al irgend­ei­ner Über­wa­chungs­ka­me­ra gesich­tet wer­den! Selbst wenn sich eine Kame­ra genau an der Stel­le befand, an der nun ein CARL steht, so bricht die Auf­nah­me auf ein­mal ab. “Fünf Minu­ten lang nichts als wei­ßes Rau­schen, und als wie­der was zu sehen ist, steht Carl plötz­lich da. […] Was das Gan­ze noch merkKasimirawür­di­ger macht, ist, dass das Rau­schen nicht bloß ein Rau­schen ist. Bei den Kame­ras, die auch Audio­si­gna­le auf­neh­men […] kann man, wenn man den Ton auf­dreht, im unte­ren Fre­quenz­be­reich des Rau­schens ganz deut­lich “Don’t stop me now” von Queen hören.” (Zitat S.38ff) War­um Queen? Als in einem Wiki­pe­dia-Ein­trag über eben die­sen Song plötz­lich ein paar Buch­sta­ben ver­schwin­den, die sich auch nicht mehr hin­zu­fü­gen las­sen, beschließt April dem Gan­zen auf den Grund zu gehen. Denn wenn man die feh­len­den Buch­sta­ben zusam­men­setzt, dann erge­ben sie ein Wort. Zusam­men mit Miran­da, einer Inter­net­be­kannt­schaft, gehen sie einer hei­ßen Spur nach… ist Carl etwa nicht von die­ser Welt?

Ein wirk­lich erstaun­li­ches Ding” ist im Grun­de genom­men eine — wie es der Titel bereits bes­tens aus­sagt — wirk­lich erstaun­li­che Geschich­te. Etwas, das man so noch nicht gele­sen hat! Wir neh­men einen Robo­ter, mul­ti­pli­zie­ren die­seKasimiran mal 64, set­zen ihn auf der gan­zen Welt aus, ein­fach so, und fügen eine Prot­ago­nis­tin hin­zu, die auf ein­mal mit Berühmt­heit und unver­hoff­ter Prä­senz in den Medi­en umge­hen muss. Die Zuta­ten die­ses Romans sind bes­ten gewählt und erge­ben eine inter­es­san­te, fas­zi­nie­ren­de Mischung. Erzählt wird das Buch durch­ge­hend in der Ich-Per­spek­ti­ve aus Aprils Sicht. Sie berich­tet dem Leser, den sie immer wie­der anspricht, sozu­sa­gen ihre Geschich­te. Greift vor­aus, macht Andeu­tun­gen, blen­det zurück und fasst zusam­men. Zu Beginn hab ich ein wenig gebraucht in den Schreib­stil hin­ein­zu­fin­den, in die teils lapi­da­re Iro­nie, die lan­gen Sät­ze, die Zusam­men­hän­ge der Geschich­te. April ist nicht unbe­dingt super sym­pa­thisch, sie eckt an, denkt manch­mal nicht lan­ge nach und ist impul­siv. Doch sie wirkt authen­tisch. Mit Fern­se­hen und sozia­len Medi­en hat sie anfangs nicht unbe­dingt viel am Hut. Besitzt nur einen Insta­gram-Account. “Ich glau­be, ich kann ehr­lich behaup­ten, dass ich anfangs wirk­lich nur wider­stre­bend Kasimiramit­ge­macht habe. Zu Beginn habe ich ver­sucht, mei­ne kri­ti­sche Hal­tung zum Fern­se­hen und den sozia­len Netz­wer­ken auf­recht­zu­er­hal­ten, aber es dau­er­te nicht lang und ich wur­de vom Sog mit­ge­ris­sen.” (Zitat S.53) Wäh­rend sie die Dau­er­gäs­te im Fern­se­hen, die ihren Senf zu allem abge­ben, zunächst noch belä­chelt, weil sie teil­wei­se nicht mal ein Hono­rar für ihre Auf­trit­te erhal­ten (im Gegen­satz zu ihr) und nur dort erschei­nen, um ihre Berühmt­heit zu for­cie­ren, erliegt April bald selbst dem Reiz Macht zu haben, noch mehr Berühmt­heit zu erlan­gen und viel­leicht etwas (Gutes) zu bewe­gen. Sie legt sich einen You­Tube-Kanal an, twit­tert flei­ßig und ver­sinkt im World Wide Web, auf der Suche nach neu­en Fol­lo­wern. Auch in der ech­ten Welt wird sie auf ein­mal ganz anders wahr­ge­nom­men: “Ich genoss es, am Flug­ha­fen erkannt und um Sel­fies gebe­ten zu wer­den. Ich genoss es, fürs Reden bezahlt zu wer­den, ich aal­te mich in all der Auf­merk­sam­keit und mach­te mir Sor­gen, dass bald damit Schluss sein könn­te. Mehr als das. Ich glau­be, tief in mir drin hat­te ich wahnsinni­ge Angst davor.” (Zitat S.96) Hank Green schil­dert auf übersKasimirapitz­te Wei­se ein Phä­no­men, das vie­le Men­schen, die in sozia­len Netz­wer­ken unter­wegs sind, betrifft: Wie stel­le ich mich online dar? Was gebe ich von mir preis? Wer will ich sein? April will vor allem eines: nicht mehr “nor­mal” sein und irgend­wann wie­der im Abgrund der Unbe­kannt­heit ver­sin­ken. Dafür erschafft sie sich als Mar­ke, hat ein gan­zes Team aus Freun­den und Ange­stell­ten hin­ter sich, die sie als Per­son neu defi­nie­ren und ver­mark­ten. Denn eine Sekun­de zu spät und die neu­es­te Sen­sa­ti­on hat sich ein ande­rer geschnappt: “Ich war frus­triert. Ich woll­te, dass mei­ne Tweets die­sel­be vira­le Wir­kung hat­ten wie mein ers­tes Video. Ich woll­te die Kon­trol­le über die Sto­ry behal­ten. Die Zugriffs­zah­len stie­gen rasant, aber nicht so rasant, wie sie gestie­gen wären, wenn ich die Nach­richt zuerst gebracht hät­te. Bald wür­den die ers­ten Repor­ter anru­fen, womit ich zumin­dest Teil der Sto­ry wäre, aber es war nicht mei­ne Sto­ry.” (Zitat S.134) Dafür müs­sen immer neue Vide­os und Posts her­hal­ten, immer neue Infor­ma­tio­nen gesucht wer­den, mit denen sie ihre Fol­lo­wer zufrie­den stel­len kann. Gel­tungs­sucht; abKasimiraer auch der Preis, den man für Bekannt­heit zahlt; der Umgang mit Leu­ten, die einem nicht fol­gen, die einen viel­leicht sogar has­sen — all das ver­packt der Autor auf locke­re, teils sogar etwas phi­lo­so­phi­sche Erzähl­art in sei­nen Roman, wäh­rend er zeit­gleich noch eine span­nen­de Spu­ren­su­che nach der Her­kunft und den Beweg­grün­den der Carls schil­dert, die wirk­lich mit­rei­ßend ist. Das Ende über­rascht und passt irgend­wie doch und bleibt den­noch auch ein wenig rät­sel­haft.

Fazit: Ein Buch, das genau­so cool und abge­fah­ren wie tief­grün­dig ist und sich sehr unter­halt­sam liest!

Du möch­test noch mehr Bücher des neu­en Imprints Bold lesen, das sich spe­zi­ell an die Digi­tal Nati­ves ab 20 Jah­ren rich­tet? Das neue Pro­gramm umfasst ein paar inter­es­san­te Titel: “Wir. Hier. Jetzt” von K.A.Tucker, “River of Vio­lence” von Tess Shar­pe, So sieht es also aus, wenn ein Glüh­würm­chen stirbt” von Mai­ke Voß, “Love — Her — Wild. Gedich­te und Not­zen” von LesealternativenAtti­cus und sogar die ame­ri­ka­ni­sche Best­sel­ler­au­torin Col­le­en Hoo­ver ist mit ver­tre­ten mit “Too late”. Da Hank Green bis­her nur “Ein wirk­lich erstaun­li­ches Ding” geschrie­ben hat, könn­test du natür­lich noch die Bücher des berühm­ten Bru­ders John Green lesen. Sein bekann­tes­tes ist natür­lich “Das Schick­sal ist ein mie­ser Ver­rä­ter”. Oder lies von ihm “Eine wie Alas­ka”, “Schlaft gut, ihr fie­sen Gedan­ken”, “Mar­gos Spu­ren”, “Die ers­te Lie­be (nach 19 ver­geb­li­chen Ver­su­chen” oder “Will & Will”. Außer­ir­di­sche Robo­ter, die die Erde infil­trie­ren? Eine Robo­ter­hand, die ein Mäd­chen beim Spie­len fin­det, die fort­an ihr gan­zes Leben ver­än­dern wird? So etwas kannst du in der “Giants”-Rei­he von Sil­va­in Neu­vel erin­nern (für Erwach­se­ne). Ein sehr bewe­gen­des Buch zum The­ma “Suche nach Aner­ken­nung in sozia­len Netz­wer­ken” ist zum Bei­spiel “Ins­ta­girl” von Annet­te Miers­wa oder auch “Like me. Jeder Klick zählt.” von Tho­mas Fei­bel, in dem ein neu­es Mäd­chen zwei Jugend­li­che dazu ani­miert die ver­rück­tes­ten Posts in einem sozi­al Netz­werk zu ver­öf­fent­li­chen. Etwas, was schließ­lich außer Kon­trol­le gerät. Oder greif zu “Likes sind dein Leben” von Ulri­ke Ruwisch und “Ich hab schon über 500 Freun­de” von Armin Kas­ter. Ein total schrä­ges, pro­vo­kan­tes, aber zu gleich auf­rüt­teln­des Buch ist auch “But­ter” von Erin Jade Lan­ge, in dem ein Jun­ge auch uner­war­tet berühmt wird.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: bold (dtv)
ISBN: 978-3-423-79040-6
Erscheinungsdatum: 28.Februrar 2018
Einbandart: Hardcover
Preis: 22,00€ 
Seitenzahl: 448 
Übersetzer: Katarina Ganslandt
Originaltitel: "An absolutely remarkable thing"
Originalverlag: Dutton

Amerikanisches Originalcover:
Kasimira













Hank Green spricht über sein Buch (auf Englisch):
 

Kasimiras Bewertung:

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(4,5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

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Amerikanisches Cover: Homepage von Hank Green

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