Gideon Samson, Julius ‘t Hart — Flutlicht

Gideon Samson Julius 't Hart Flutlicht9.Juli 2016

Flut­licht” ist das neue Buch des nie­der­län­di­schen Auto­ren Gideon Sam­son, wel­ches teils fik­tiv, teils aber auch auf der wah­ren Geschich­te von Juli­us ‘t Hart beruht, der in Sri Lan­ka bei einem Frei­wil­li­gen­pro­jekt mit­ge­ar­bei­tet hat, als im Dezem­ber 2004 ein Tsu­na­mi übers Land her­ein­brach. Ein Roman über ein trau­ma­ti­sches Ereig­nis, das den Prot­ago­nis­ten Jah­re spä­ter wie­der ein­zu­ho­len droht. Bewe­gend erzählt. Aus­ge­zeich­net als bes­tes Jugend­buch in der Alters­ka­te­go­rie 12–15 mit dem “Gol­de­nen Bil­der­rah­men”, einem nie­der­län­di­schen Buch­preis. Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und Erwach­se­ne.

Nie­der­lan­de. Im Jahr 2010. Der 23-jäh­ri­gen Pie­ter und sei­ne Freun­de schau­en Fuß­ball in einem Club. Die Stim­mung ist aus­ge­las­sen. Der Alko­hol fließt in Strö­men. Es ist Halb­fi­na­le. Nie­der­lan­de ist dabei, seit über drei­ßig Jah­ren end­lich mal wie­der. Und doch ver­ab­schie­det sich Pie­ter direkt in der Halb­zeit und geht nach Hau­se. Er ver­trägt die vie­len Leu­te nicht. Den Tru­bel. Lie­ber schaut er sich das Spiel in völ­li­ger Iso­la­ti­on in den eige­nen vier Wän­den an. Was hat er sich nur dabei gedacht, sei­nen Freun­den zuzu­sa­gen? “Seit dem Tag, als die Welt um mich her­um abge­sof­fen und ich irgend­wie über Was­ser geblie­ben war, bin ich fer­tig damit. Für mich kei­ne Men­schen­mas­sen mehr. Und kei­ne gro­ßen Gefüh­le.” (Zitat aus “Flut­licht” S.8ff) Auch das End­spiel kurz dar­auf sieht Pie­ter sich allei­ne an: “Die Woh­nung und ich sind eine Kopie von vor fünf Tagen. Falls das Spiel auch eine sol­che Kopie wird, sind die Nie­der­lan­de in weni­gen Stun­den Welt­meis­ter.” (Zitat S.9) Dann über­rascht ihn plötz­lich Gideon Samson Julius 't Hart Flutlichteine Freund­schafts­an­fra­ge auf Face­book. Sie stammt von Elin. Das Mäd­chen, an das er jeden Tag denkt und dass er seit Jah­ren nicht mehr gese­hen hat. Mit 17 hat Pie­ter sich für ein sozia­les Pro­jekt im Aus­land ent­schie­den und ist nach Sri Lan­ka geschickt wor­den. Dort unter­rich­te­te er Eng­lisch in einer Schu­le für behin­der­te, mus­li­mi­sche Kin­der. Kurz bevor es wie­der nach Hau­se zurück­ging, genoss er noch mit sei­nem neu­en Freund John die letz­ten frei­en Tage am Strand. Sie lern­ten zwei Mäd­chen ken­nen. Schwe­di­sche Tou­ris­tin­nen: Isa­bel­le und Elin. In Letz­te­re hat er sich ver­liebt, auf der Stel­le. Sie ver­brin­gen eine gemein­sa­me Nacht am Meer. Doch der nächs­te Tag ver­än­dert alles: “Über mir schien die Son­ne, unter mir soff gera­de die Welt ab. Vom Strand her erklang der wil­de Lärm einer Men­schen­men­ge […]. Brül­len­de Män­ner. Krei­schen­de Frau­en, schrei­en­de Kin­der. Raue Klän­ge tauch­ten durch mei­nen Kör­per, schwam­men ins Tie­fe, ins Inners­te mei­nes Inners­ten.” (Zitat S.52) Es ist der zwei­te Weih­nachts­fei­er­tag im Jahr 2004. Ein Tsu­na­mi rollt über das Land…

Gideon Samson Julius 't Hart FlutlichtFlut­licht” wird kom­plett aus Pie­ters Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve erzählt. Die Spra­che ist ange­nehm zu lesen und sein Erle­ben wirkt sehr authen­tisch. Dies ist vor allem der Vor­ge­hens­wei­se des Auto­ren Gideon Sam­son geschul­det, der sich an einem Pro­jekt namens “Slash” betei­ligt hat, das der nie­der­län­di­sche Autor Edward van de Ven­del 2008 ins Leben geru­fen hat­te. Hier­bei sind die bei­den mit ande­ren Kol­le­gen direkt in Jugend­zen­tren oder Schu­len gegan­gen und haben Jugend­li­che inter­viewt, die beson­de­re Lebens­ge­schich­ten zu erzäh­len haben, um dar­aus dann ein Buch zu machen. “Auf einem Fest kam ich mit Juli­us ‘t Hart ins Gespräch und er erzähl­te mir, was er in Sri Lan­ka erlebt hat­te. Nach zwei Glas Bier wuss­te ich: Das ist die Geschich­te für mein Slash-Buch.” In einem kur­zen Epi­log wird ein Gespräch zwi­schen Gideon Sam­son und Juli­us ‘t Hart gezeigt, wel­ches deren Zusam­men­ar­beit abbil­det. Der Roman selbst wird in wech­seln­den Zeit­ab­schnit­ten erzählt. Er spielt im Jahr 2010, berich­tet aber immer wie­der in Rück­blen­den von den dama­li­gen, trau­ma­ti­schen Ereig­nis­sen in Sri Lan­ka. Das Ele­ment Was­ser zieht sich hier­bei in sprach­li­cher Form immer wie­der durch die Geschich­te: “Mein Leben war ein gera­der, ordent­lich aus­ge­ho­be­ner Kanal, in dem das Gideon Samson Julius 't Hart FlutlichtWas­ser sicher und ohne Umwe­ge bis zum Ende floss. Abitur, Stu­di­um, guter Job, schö­ne und net­te Frau…[…] Aber die­ser Kanal jag­te mir Angst ein. Ich woll­te einen gewun­de­nen Fluss mit unver­mu­te­ten Strö­mun­gen und wil­den Was­ser­fäl­len. Ein Leben frei von Erwar­tun­gen, des­sen Rou­ten ich selbst abste­cken durf­te.” (Zitat S.14) Nie hät­te Pie­ter mit dem gerech­net, was ihm in Sri Lan­ka wider­fah­ren ist und auch als Leser ist man scho­ckiert über die Ereig­nis­se jenes 26.Dezembers 2004, die teils sehr ein­dring­lich, teils aber auch sehr nüch­tern geschil­dert wer­den und auch von der Fra­ge über­schat­tet wer­den, was danach geschah. Haben alle von ihnen über­lebt? Die Gesprä­che zwi­schen John und Pie­ter, aber auch den ande­ren Jugend­li­chen in der direk­ten Reden wer­den kom­plett auf Eng­lisch abge­druckt. Das ist sel­ten in einem Jugend­buch der Fall, aber nicht all­zu schwie­rig zu ver­ste­hen, da es sich um ein eher ein­fa­ches Voka­bu­lar han­delt. Gut gefal­len hat mir auch der Titel “Flut­licht”. Er taucht das ers­te und ein­zi­ge Mal in Bezug auf das Fuß­ball­spiel auf, wel­ches par­al­lel zu Pie­ters Erin­ne­run­gen an frü­her immer wie­der eine Rol­le spielt: “In Süd­afri­ka hal­ten die nie­der­län­di­schen und spa­ni­schen Spie­ler bei Flut­licht Ein­zug ins Sta­di­on.” (Zitat S.40) Es zieht sich sowohl das Fina­le wie ein roter Faden durch den gan­zen Roman, wie auch die Erin­ne­run­gen, die Pie­ter ein­ho­len. Gera­de die­se Kon­gru­enz Gideon Samson Julius 't Hart Flutlichtzwi­schen den Ereig­nis­sen in Sri Lan­ka und dem Spiel zei­gen sich vor allem in man­chen inhalt­li­chen Über­gän­gen: “Ein unsicht­ba­rer Fin­ger streck­te sich aus und bohr­te sich mir durch den Schä­del bis tief ins Gehirn. Der Fin­ger drück­te auf einen Knopf. Klick. Das Licht ging aus.” (Zitat S.53) So wird es am Ende eines Kapi­tels geschil­dert, als die Flut kommt und Pie­ter auf einem Haus­dach ohn­mäch­tig wird. Im dar­auf­fol­gen­den Kapi­tel in der Jetzt­zeit wird die Sze­ne fort­ge­führt: Klick. Howard Webb drückt auf die Stopp­uhr­funk­ti­on sei­ner Uhr und bläst in sei­ne Pfei­fe.” (Zitat S.54) und das End­spiel geht los. Pie­ter muss sich ent­schei­den. Der Kampf auf dem Spiel­feld setzt sich in sei­nem Inne­ren fort: Nimmt er Elins Freund­schafts­an­fra­ge an und lässt die Ereig­nis­se von damals wie­der in sich auf­wal­len? Der Roman zeigt offen­kun­dig, wie Ver­drän­gung funk­tio­niert, aber auch, dass man sich man­chen Din­gen stel­len muss, um sie zu ver­ar­bei­ten und er über­rascht den Leser am Ende mit einer inter­es­san­ten Infor­ma­ti­on.

Wenn dir “Flut­licht” von Gideon Sam­son gefal­len hat, kannst du auch noch die ande­ren Bücher von dem nie­der­län­di­schen Auto­ren lesen, der für fast alle sei­ne Titel mit Prei­sen aus­ge­zeich­neLesealternativent wur­de. Ins Deut­sche wur­den über­setzt “Der Him­mel kann war­ten”, “70 Tricks, um nicht baden zu gehen” (ab 9 Jah­ren) und “Dop­pel­tot” (Bril­lant!). Durch das oben erwähn­te “Slash”-Pro­jekt sind auch die­se Bücher ent­stan­den: “Der Glücks­fin­der” und “Krebs­meis­ter­schaft für Anfän­ger” von Edward van de Ven­del. Ein bewe­gen­der Roman, der eben­so auf einer wah­ren Geschich­te beruht, ist “Der lan­ge Weg zum Was­ser” von Lin­da Sue Park. Wenn dich das The­ma “Tsu­na­mi” im Jugend­buch inter­es­siert, kannst du fol­gen­de Neu­erschei­nung lesen: “Under water” von Matt de la Peña (action­reich und span­nend; spielt vor der West­küs­te Ame­ri­kas). Spe­zi­ell auf die Ereig­nis­se von 2004 neh­men die­se Roma­ne Bezug: “Was die Wel­le nahm” von Vera Kis­sel (Thai­land; beson­ders für Jungs ein tol­les Buch), “Töd­li­che Wel­le” von Eric Wal­ters (Thai­land) und “Du zahlst den Preis für mein Leben” von Caro­lin Phil­ipps (Indo­ne­si­en).

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Gerstenberg
ISBN: 978-3-8369-5896-7
Erscheinungsdatum: 27.Juni 2016
Einbandart: Hardcover
Preis: 12,95€ 
Seitenzahl: 176 
Übersetzer: Rolf Erdorf
Originaltitel: "Overspoeld"
Originalverlag: Querido Kinderboek 

Niederländisches Originalcover:
Gideon Samson Julius 't Hart Flutlicht












Eine Dokumentation über die Ereignisse im Dezember 2004:

Kasimiras Bewertung:

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Niederländisches Cover: Homepage von Querido Kinderboek

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