Gayle Forman — Zusammen wie Schwestern

Kasimira19.April 2019

Zusam­men wie Schwes­tern” ist der neu­es­te Roman der ame­ri­ka­ni­schen Autorin Gayle For­man. Eine Geschich­te über eine Ein­rich­tung für schwer erzieh­ba­re Jugend­li­che, in die ein jun­ges Mäd­chen von ihrem Vater gesteckt wird. Eine Ein­rich­tung, die einem Boot­camp gleicht und mit har­ten The­ra­pie­me­tho­den arbei­tet. Nur die Freund­schaft zu vier ande­ren Mäd­chen las­sen die Prot­ago­nis­tin ihren All­tag über­ste­hen. Ein Buch über Zusam­men­halt und gegen­sei­ti­ger Unter­stüt­zung in schwe­ren Zei­ten. Unter­halt­sam und bewe­gend. Für Jugend­li­che ab 13 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwach­se­ne.

Die 16-jäh­ri­ge Brit muss­te für den geplan­ten Aus­flug ihrer Fami­lie einen wich­ti­gen Band­auf­tritt absa­gen. In den Grand Can­yon soll­te es gehen. Der Gig der Punk­band, in der Brit spielt, war da zweit­ran­gig für ihren Dad. Doch dann fah­ren nur sie und ihr Vater mit dem Auto los. Ihre (gemei­ne) Stief­mut­ter und ihr klei­ner Halb­bru­der flie­gen hin­ter­her und sie tref­fen sich dann dort. Angeb­lich. Denn Brit und ihr Vater fah­ren gar nicht in den Grand Can­yon. Das wird dem Mäd­chen erst klar, als sie vor einem merk­wür­di­gen Gebäu­de hal­ten, das der Vater sich nur mal
Kasimiraanschau­en möch­te: Auf den ers­ten Blick sah die Red Rock Aca­de­my aus wie ein her­un­ter­ge­kom­me­nes Motel: ein gedrun­ge­nes, T-för­mi­ges, zwei­stö­cki­ges, beige ver­putz­tes Gebäu­de. Nur, dass das Red Rock mit Sta­chel­draht umzäunt war und zwei absurd mus­kel­be­pack­te Nean­der­ta­ler auf dem Gelän­de patrouil­lier­ten.” (Zitat aus “Zusam­men wie Schwes­tern” S.7) Und dann wird Brit von eben jenen “Nean­der­ta­lern” ein­fach auf­ge­grif­fen und hin­ein­ge­schleppt. Es sei nur zu ihrem Bes­ten, so die Aus­sa­ge ihres Vaters. Brit kann es kaum fas­sen. Wo ist sie hier nur gelan­det? Und nur weil ihre Schul­no­ten schlech­ter gewor­den sind und sie sich angeb­lich von ihrer Fami­lie abge­son­dert hat? Eine Mit­in­sas­sin klärt sie bald auf: “Ein sta­tio­nä­res Behand­lungs­zen­trum. Offi­zi­ell wird es “Inter­nat” genannt, aber in Wirk­lich­keit ver­birgt sich dahin­ter eine KlapsmKasimiraühle, ein Irren­haus, ein beschis­se­nes Umer­zie­hungs­la­ger für uner­wünsch­te, unan­ge­pass­te Teen­ager.” (Zitat S.47) Über­all sind Kame­ras. Sie alle wer­den stän­dig beob­ach­tet. Red Rock arbei­tet mit einem stren­gen Beloh­nungs- und Bestra­fungs­sys­tem, das in ver­schie­de­nen Level ein­ge­teilt ist. Level eins: Abso­lu­te Iso­la­ti­on im Zim­mer. Nur zur The­ra­pie oder um auf die Toi­let­te zu gehen, darf man es ver­las­sen. Je mehr Bereit­schaft man zeigt an sich zu arbei­ten, des­to höher steigt man im Level und erhält mehr Pri­vi­le­gi­en, wie das Ver­las­sen des Zim­mers zu The­ra­pi­en, Mahl­zei­ten oder sogar zu Akti­vi­tä­ten außer­halb der Ein­rich­tung. Auch Brief­kon­takt wird dann gestat­tet oder Besuch von den Fami­li­en. Level 6 ist das höchs­te, was man errei­chen kann. Hast du Level sechs abge­schlos­sen, darfstKasimira du zurück nach Hau­se, aber bis dahin liegt ein wei­ter Weg vor dir. Es kann Mona­te, ja sogar Jah­re dau­ern, bis du Level sechs erreichst. Es liegt ganz bei dir. Jedes Mal, wenn du dich schlecht benimmst, Regeln miss­ach­test oder dich wei­gerst, ernst­haft bei dei­nen The­ra­pi­en mit­zu­ar­bei­ten, wirst du um ein oder zwei Level zurück­ge­stuft. Wenn es die Situa­ti­on erfor­der­lich macht, sogar bis auf Level eins zurück.” (Zitat S.22) Doch die The­ra­pi­en sind hart. Kon­takt unter­ein­an­der zu den ande­ren Insas­sin­nen ist nicht gewünscht. Erst lang­sam begreift Brit, dass Freund­schaft das Ein­zi­ge ist, was es sie schaf­fen las­sen wird, das Gan­ze hier unbe­scha­det durch­zu­ste­hen…

KasimiraZusam­men wie Schwes­tern”, das mit einem schö­nen Cover bereits auf sich auf­merk­sam macht, beginnt mit einer inter­es­san­ten Wid­mung: “Gewid­met allen unver­stan­de­nen Mäd­chen, über­all”. Eben­so unver­stan­den fühlt sich die Prot­ago­nis­tin in dem Roman, die durch­ge­hend in der Ich-Per­spek­ti­ve erzählt. War­um wur­de sie über­haupt in Red Rock gesteckt? Eine The­ra­peu­tin erklärt ihr, dass sie unter “oppo­si­tio­nel­les Trotz­ver­hal­ten” (Zitat S.18) lei­de. Sie sei häu­fig “reiz­bar, wird Erwach­se­nen gegen­über oft aus­fal­lend, trotzt aktiv oder wei­gert sich, Bit­ten oder Regeln Erwach­se­ner zu befol­gen, ärgert ande­re bewusst, macht ande­re für ihre Über­tre­tun­gen oder ihr Fehl­ver­hal­ten ver­ant­wort­lich, ist häu­fig wütend oder auf­ge­bracht, ist oft nach­tra­gend oder rach­süch­tig…” (Zitat S.18) Aber das sei­en ande­re Teen­ager in jenem Alter doch auch? In Rück­blen­den erfährt man mehr über Brits Fami­lie, die Sor­gen ihres Vaters und das Kasimiramys­te­riö­se Ver­schwin­den ihrer Mut­ter, das einen gro­ßen Anteil an den Beweg­grün­den, sie in die­ses Eta­blis­se­ment zu ste­cken, hat. Etwas selt­sam fand ich am Anfang die Rei­hen­fol­ge der Erzähl­tei­le. Zuerst gibt es eine Art ein­lei­ten­der Pro­log, in dem jene Situa­ti­on des “Plötz­lich-vor-der-Ein­rich­tung-Abge­bens” geschil­dert wird, dann folgt eine Dank­sa­gung der Autorin, bei der meh­re­re Namen auf­ge­lis­tet wer­den und schließ­lich wird — ein­ge­lei­tet durch die Vor­ge­schich­te des “Ali­bi-Aus­flugs” jene Pro­log-Sze­ne noch ein­mal wie­der­holt um in den Haupt­er­zähl­teil über­zu­ge­hen. Das hät­te man anders bes­ser lösen kön­nen. Die Erzähl­art und Spra­che von Gayle For­man ist sehr ange­nehm und flüs­sig. Mehr über den All­tag in Red Rock und deren merk­wür­di­gen The­ra­pie­me­tho­den zu erfah­ren, liest sich recht unter­halt­sam. Boot­camp trifft die BeschreibKasimiraung auf das “Inter­nat” wesent­lich bes­ser. So müs­sen die Mäd­chen zum Bei­spiel stun­den­lan­ge Mär­sche auf Ber­ge über sich erge­hen las­sen oder auch ein­fach nur gro­ße Hau­fen schwe­rer Holz­stü­cke von einem Ort zum ande­ren tra­gen. Stun­den­lang. Sie dür­fen zwar so viel Was­ser trin­ken dabei wie sie möch­ten, aber nur ein­mal pro Stun­de auf die Toi­let­te gehen. Doch zum Glück fin­det Brit rasch Anschluss an eine Cli­que von vier Mäd­chen. Deren Zusam­men­halt und Ein­ste­hen für­ein­an­der spie­gelt sich im pas­send gewähl­ten Titel des Buches wider: “Also, mei­ne Lie­ben, ver­gesst nicht, dass wir der geni­al legen­dä­re, ultra­ex­klu­si­ve Club der Beklopp­ten sind”, sag­te Bebe und füg­te ihre Hand hin­zu. “Schwes­tern”, sag­te Cas­sie und streck­te ihre Hand aus. “Schwes­tern”, sag­te ich und klatsch­te mei­ne Hand oben auf die der ande­ren. Ich spür­te unse­re ver­ein­te Kraft. “Zusam­men wie Schwes­tern.” (Zitat S.78) Wie sich all dies ent­wi­ckelt, das liest sich sehr ergrei­fend und ab der Mit­te auch recht dra­ma­tisch, wenn der Kampf um Gerech­tig­keit beginnt und die Mäd­chen alles dar­an set­zen, etwas zu ver­än­dern. Eine Geschich­te, die Mut macht ande­re Wege zu gehen und an das Gute zu glau­ben!

Du magst den Schreib­stil von Gayle For­man? Dann lies noch ihre ande­ren Bücher, hier chro­no­lo­gisch nach Erschei­nungs­da­tum: “Wenn blei­be” (2010, tol­le Ver­fil­mung!), die Fort­set­zung: “Love­song” (2011),“Nur die­se eine Nacht” (Neu­auf­la­ge von “Love­song”, sel­bes Buch, neu­er Titel 2014), die zwei­tei­li­ge Rei­he “Nur ein Tag” und “Und ein gan­zes Jahr” (2016), “Manch­mal musst du ein­fach leben” (2017) und “Irgend­was von dir” (2018, gefiel mir mit­tel­mä­ßig). In ein Erzie­hungs­camp wird auch die Prot­ago­nis­tin in “Brea­k­out” von April Hen­ry gesteckt. Das Glei­che pas­siert den Haupt­fi­gu­ren in “Camp 21” von Rai­ner Wekwerth (sehr spanLesealternativennend!). Ande­re Bücher, die in Boot­camps spie­len, sind “Das Camp” von Harald Ton­dern, und der Klas­si­ker “Boot­camp” von Mor­ton Rhue. Roma­ne, in denen die Prot­ago­nis­ten eben­falls in einer Art Anstalt lan­den und dort aus­bre­chen, sind “Wir waren hier” von Nana Rade­ma­cher und Arti­kel 5″ von Kris­ten Sim­mons. Eine eben­so action­rei­che, sehr pas­sen­de Alter­na­ti­ve ist auch “Du kannst kei­nem trau­en” und “Ihr seid nicht allein” von Robi­son Wells. Super­span­nend! Sehr gut gefal­len haben mir eben­so “Clean” von Juno Daw­son und “Mein Som­mer auf dem Mond” von Adria­na Popes­cu. Hier sind eben­falls ein paar Jugend­li­che in einer Kli­nik unter­ge­bracht, die eini­ges zusam­men durch­ma­chen und sich gegen­sei­tig stär­ken. Du inter­es­sierst dich für Roma­ne, die in einer Kli­nik spie­len? Hier­von gibt es jede Men­ge: “1:0 für die Idio­ten” von Kar­li­jn Stof­fels (The­ma: Sui­zid), “Von gan­zem Her­zen, Emi­ly” von Tanya Byr­ne (The­ma: Rache), Was uns bleibt ist jetzt” von Meg Wolit­zer (The­ma: Trau­er; groß­ar­ti­ge Lite­ra­tur!), “Cut” von Patri­cia McCor­mick (The­ma: Selbst­ver­let­zung) und “Letz­te hel­le Tage” von Mar­tyn Bed­ford (The­ma: Trau­er). Sehr vie­le Roma­ne, die in einer Kli­nik spie­len, sind wel­che, die das The­ma Ess­stö­rung behan­deln: “Nichts leich­ter als das” von Mar­nel­le Tokio, Heu­te will ich leben” von Nora Pri­ce (sehr bewe­gend!), Das Lächeln der Lee­re” von Anna Sofia Höpf­ner (die­ses beschreibt vor allem den Pro­zess der Hei­lung) und “Alles so leicht” von Meg Has­ton (dra­ma­tisch und schmerz­haft, mit auto­bio­gra­fi­schen Zügen).

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Fischer
ISBN: 978-3-8414-2239-2
Erscheinungsdatum: 27.März 2019
Einbandart: Broschur
Preis: 14,99€
Seitenzahl: 288 
Übersetzer: Stefanie Schäfer
Originaltitel: "Sisters in sanity"
Originalverlag: HarperTeen

Amerikanisches Originalcover:
Kasimira










Amerikanischer Trailer:
 

Kasimiras Bewertung:

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(4 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

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Amerikanisches Cover: Homepage von Gayle Forman

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