Gabi Kreslehner — Nils geht

Kasimira4.April 2020

Nils geht” ist der neu­es­te Roman der öster­rei­chi­schen Autorin Gabi Kres­leh­ner. Eine kurz­wei­li­ge (144 Sei­ten lan­ge) Geschich­te über Mob­bing, die Fol­gen davon und den Mut, den es braucht, Zivil­cou­ra­ge zu zei­gen. Hin­zu­schau­en anstatt weg­zu­se­hen. Auf beson­de­re Art und Wei­se erzählt. Eine Geschich­te, die auf­rüt­telt und nach­denk­lich macht. Her­vor­ra­gend als Klas­sen­lek­tü­re oder für eine Buch­vor­stel­lung geeig­net. Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwach­se­ne.

Nils ist ein Außen­sei­ter. Wird in der Schu­le geär­gert. Ist das Opfer. Eigent­lich schon immer. “Aber irgend­wie war der Nils immer komisch. Ein klei­ner Wicht, der sich nicht anpas­sen konn­te. Doo­fes Gesicht. Irre Bewe­gun­gen. Und dabei weiß der aber alles. Den kann man fra­gen, was man will, der weiß es. Ich mei­ne, da ist es doch kein Wun­der, dass die ihn schon immer im Visier hat­ten.” (Zitat aus “Nils geht” S.15) Momen­tan beson­ders im Visier hat ihn die Cli­que um den gut aus­se­hen­den, ver­mö­gen­den, aber ego­is­ti­schen Joe. Dazu gehö­ren die elfen­haf­te, wun­der­schö­ne Mila; der mani­pu­lie­ren­de, höchst auf­merk­sa­me, auf­dring­li­che Ras­mus und Fadi, der weiß wie Außen­sei­ter sich füh­len kön­nen, aber trotz­dem mit dem Strom schwimmt. Sie nen­nen ihn Kasimira“Det­lef, alte Sau” (Zitat S.17), schla­gen ihm immer­wäh­rend kräf­tig auf die Schul­ter oder neh­men ihm die Schul­tat­sche weg. Und Schlim­me­res. Sara kennt Nils noch von frü­her. Ihre Müt­ter waren bes­te Freun­din­nen. Sie hat Nils sogar mal bewun­dert. Doch nach­dem er drei Jah­re in Eng­land war und nun wie­der an ihrer Schu­le ist, ist es ihr eher pein­lich, dass sie ihn kennt, mitt­ler­wei­le sogar im Haus neben ihm wohnt. Dass darf kei­ner her­aus­fin­den. Nicht, dass sie sonst auch noch Opfer des Mob­bings wird. Doch dann gibt es einen Nach­mit­tag, an dem die Sache zu eska­lie­ren droht und Sara wird unfrei­wil­lig Zeu­ge davon…

Nils geht” war­tet mit einem sehr schlich­ten, fast unschein­ba­ren, aber irgend­wie ein­drucks­vol­len Cover auf. Auch wenn es fast etwas kind­li­cher aus­sieht — von der Alters­be­schrän­kung aber defi­ni­tiv ab 14 Jah­ren zu emp­feh­len ist. Der Roman ist kein Buch, in dem man sich leicht mit den KasimiraProt­ago­nis­ten iden­ti­fi­zie­ren kann. Auf­grund des aukt­o­ria­len Erzäh­lers, der sich mal auf die eine Per­son, mal auf die ande­re kon­zen­triert, ist es eher wenig mög­lich Zugang zu den Per­so­nen zu fin­den. Man­che wir­ken auch regel­recht unsym­pa­thisch und gewalt­tä­tig, so wie Joe, der sich Mila gegen­über nicht gera­de vor­bild­lich ver­hält: “Er hat­te ein biss­chen zu viel getrun­ken und er war zor­nig, weil sie sich ihm wider­setz­te, weil sie das stän­dig tat, weil sie die­se blö­den Rosen strei­chel­te und nicht ihn. Müh­sam hiev­te er sich hoch und zog sie an sich. Sie wehr­te sich, aber er war stär­ker, woll­te end­lich, end­lich, end­lich einen Kuss und wenn sie ihm den nicht frei­wil­lig gab, dann muss­te er sie eben dazu zwin­gen. Das war kein gro­ßes Pro­blem fand er.” (Zitat S.53) Aber um das Mögen der Haupt­fi­gu­ren scheint es auch nicht zu gehen. “Nils geht”  ist eine Milieu­stu­die, ein Blick unter das Mikro­skop des Lebens, das völ­lig neu­tral und ohne zu wer­ten beob­ach­ten lässt. Gabi Kres­leh­ner beschreibt ihre Cha­rak­te­re in tief­schür­fen­der Art, blickt mit nur weni­gen Sät­zen hin­ter die Fas­sa­den, legt Geheim­nis­se, Sehn­süch­te und Ängs­te offen — sezier­mes­ser­scharf. Und sie stelltKasimira Mob­bing in den Vor­der­grund. Eine unheil­vol­le Grund­stim­mung liegt über der Geschich­te, die von einem beson­de­ren Erzähl­rah­men umran­det wird. Es wer­den immer wie­der Poli­zei­be­fra­gun­gen in Inter­view­form von Sara und von Joe ein­ge­scho­ben, die bereits zu Anfang Böses erah­nen las­sen: “Wozu? Ich hab doch alles gesagt! Was wol­len Sie noch von mir? Ich bin das Opfer” Nicht der Täter! Was wol­len Sie also von mir?” (Zitat S.10) “Der woll­te MICH abste­chen, der Scheiß-Nils!” (Zitat S.11) Was ist pas­siert, dass Nils sich so zur Wehr setz­te? Woll­te er das über­haupt? Joe “abste­chen”? Und wel­che Rol­le spielt Sara in der Geschich­te? “Was wünscht du dir denn, Sara? […] Dass ich mutig gewe­sen wäre. Frü­her. Als noch Zeit war. Pau­se. Aber dann… Pau­se. Ja? …hät­ten sie mich auch… und dann…Sara senkt den Blick.” (Zitat S.16ff) Wann war kei­ne Zeit mehr und was ist mit Nils gesche­hen? Und wo ist er jetzt? Die­se Fra­gen wird der Leser am Ende unwei­ger­lich beant­wor­ten kön­nen. Das Ende ver­wirr­te mich kurz hin­sicht­lich der Län­ge eines Traums, gibt aber auch Hoff­nung. Auch wenn ich ger­ne noch etwas mehr über die Kon­se­quen­zen all des­sen gewusst hät­te.

Dir gefällt Gabi Kres­leh­ners Art zu schrei­ben? Dann lies noch ihre ande­ren Jugend­bü­cher: “Char­lot­tes Traum” (gefiel mir auch gut, The­ma: Schei­dung, Freundschaft/Liebe), “Und der Him­mel rot” und “Pau­la­Paul­Tom ans Meer”. ÜbeLesealternativenr Mob­bing gibt es unzäh­li­ge Bücher. Zwei noch recht neue Bücher, die mir gut gefal­len haben und die eben­falls die Per­spek­ti­ve eines Jun­gen zei­gen, sind “Fire­wall” von Erin Jade Lan­ge und “V wie Vin­cent” von Lucin­de Hutzen­laub. Sehr flüs­sig zu lesen ist auch “Schlamm oder Die Kata­stro­phe von Heath Cliff” von Best­sel­ler­au­tor Lou­is Sachar. Die The­men Mob­bing und Zivil­cou­ra­ge fin­dest du sehr gelun­gen in “Wach auf, wenn du dich traust” von Ange­la Mohr. Mit dem Deut­schen Jugend­li­te­ra­tur­preis wur­de zu Recht aus­ge­zeich­net “Im Schat­ten der Wäch­ter” von Gra­ham Gard­ner. Ein Geheim­tipp zum The­ma Mob­bing und abso­lut her­aus­ra­gend ist “Jes­si­cas Geist” von Andrew Nor­riss. Aus der Sicht eines Mäd­chens erzählt wird und sehr mit­rei­ßend geschrie­ben ist “Unsicht­ba­re Wun­den” von Astrid Frank. Sehr ein­fühl­sam und hef­tig zu lesen ist zudem “Opfer­land: Wenn die ande­ren dich kaputt machen” von Bet­ti­na Obrecht. Du brauchst noch mehr Aus­wahl? Über 60 ver­schie­de­ne Rezen­sio­nen über sel­bi­ges The­ma kannst du hier ent­de­cken!

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Tyrolia
ISBN: 978-3-7022-3843-8
Erscheinungsdatum: 1.März 2020
Einbandart: Hardcover
Preis: 16,95€
Seitenzahl: 144
Übersetzer: -
Originaltitel: -
Originalverlag: -
Originalcover: -

Kasimiras Bewertung:

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