Die italienischen Autoren Fabio Geda und Marco Magnone haben mit “Staubgeboren: Die Stadt der Vergänglichen” einen dystopischen Roman geschrieben, der in das West-Berlin der 70er entführt. Und eine Welt entstehen lässt, in der sämtliche Erwachsene aufgrund einer Viruserkrankung verstorben sind. Kinder und Jugendliche — ganz auf sich allein gestellt. Ein Buch über den drohenden Tod, über Mut, Zusammenhalt und vor allem Solidarität. Unterhaltsam und bewegend geschrieben. Für Jugendliche ab 12 Jahren und interessierte Erwachsene.
1978. West-Berlin. Christa, Nora und Britta leben auf der Pfaueninsel in einem Schloss “…in einer Stadt ohne Strom, ohne Menschen, die sich kümmern. In einer Stadt, in der seit zwei Jahren nichts mehr funktioniert: Sie beginnt zu verfallen, wie in Zeitlupe Stück für Stück.” (Zitat aus “Staubgeboren: Die Stadt der Vergänglichen” S.38) Dort haben sie sich mit einem Haufen anderer Mädchen — sie nennen sich die “Havelgruppe” — zusammengefunden, nachdem das tödliche Virus ihnen ihre Eltern und Angehörigen genommen hat. Vor drei Jahren ist es erstmals aufgetreten und auch sie wird es
eines Tages treffen: “Das Virus war unberechenbar. Zwischen dem siebzehnten und achtzehnten Lebensjahr konnte es jederzeit ausbrechen. Manche waren schon mit sechzehn gestorben.” (Zitat S.61) Es gibt noch andere Gruppen von Kindern und Jugendlichen, die sich — seit sie in einer Welt ohne Erwachsene leben — zusammengetan haben: die Zoo-Gruppe, die Gropiusstadt-Gruppe, die Reichstag-Gruppe und die Tegelgruppe. Letztere hat den Flughafen Tegel besetzt und gilt als äußerst brutal und kompromisslos. Und es ist ausgerechnet jene Gruppe, die die stille Übereinkunft einander in Ruhe zu lassen, bricht und den zweijährigen Theo — Noras kleinen Neffen — entführt. Für die Tegelgruppe, die den Tod feiert, ist Theo ein ganz besonderes Kind. Eines, das sie unbedingt haben möchten: ein “Kind des Todes”. So nennen sie “den Nachwuchs, der von Müttern zur Welt gebracht worden war, die sich in der Schwangerschaft angesteckt hatten und bei der Geburt gestorben waren. Für sie waren diese Kinder begehrte Sammelobjekte, eine Art Zeitvertreib.” (Zitat S.22) Doch wie sollen die wenigen Mädchen allein gegen die große Tegelgruppe ankommen? Hilfe versprechen sich Nora, Christa und Britta von der solidarischen Gropiusgruppe. Doch als sie Sven, den Anführer um Unterstützung bitten, lehnt dieser ab und sie brechen allein nach Tegel auf. Bis Jakob — ebenfalls Mitglied der Gropiusgruppe — von ihrem Plan erfährt und beschließt ihnen zu helfen. Nichtsahnend, was für furchtbare Dinge sie in Tegel erwarten werden. Denn dort werden regelmäßig die “Todesspiele” abgehalten und über neue Mitspieler, die zur Teilnahme gezwungen werden, freut sich die Tegelgruppe immer…
“Staubgeboren: Die Stadt der Vergänglichen” wirkt ein wenig wie “Gone” (von Michael Grant, eine Welt ohne Erwachsenen) und ein bisschen wie “Die Tribute von Panem”, angesichts der Todesspiele. Neu nicht wirklich, aber dennoch irgendwie faszinierend und interessant. Die Geschichte wird von einem allwissenden Erzähler berichtet, der sich immer wieder in verschiedene Perspektiven hineinversetzt. Auch geschichtliche Aspekte werden vereinzelt erwähnt: “Der Flughafen war während der Luftbrücke benutzt worden, über die die Vereinigten Staaten, England und Frankreich West-Berlin Ende der 1940er Jahre mit Lebensmitteln, Medikamenten und Holzkohle versorgt hatten — nachdem die Sowjetunion sämtliche Zufahrtswege blockiert hatte. Das wusste er noch von seinem Vater. Bei Ausbruch der Epidemie hatte Jakob monatelang darauf gewartet, dass die Flugzeuge in Tempelhof landeten. […] Doch es war nie jemand gekommen.” (Zitat S.68ff) Jedoch scheinen der kalte Krieg und der Ost-West-Konflikt buchstäblich unwichtig geworden zu sein und es wird leider auch nicht erwähnt, ob das Virus auch außerhalb von West-Berlin seinen Ausbruch gefunden hat. Die gelegentlichen Rückblenden einzelner Protagonisten in die Zeit vor dem Virus machen die Geschichte vielschichtiger und lassen ein komplexeres Bild der Ereignisse entstehen. Und trotz der vielen Personen kommt man erstaunlich gut mit. Hilfreich ist vor allem die gezeichnete Übersicht zu Beginn und am End
e des Buches, auf dem die einzelnen Gruppen mit ihren wichtigsten Mitgliedern und dem Alter dargestellt werden. Die Sprache ist einfach und der Text sehr flüssig zu lesen, durchsetzt mit manch schönen Bildern: “Es gibt Nächte, da ist der Schlaf so leicht wie der einer Katze. Und es gibt Nächte, da scheint man in einen tiefen Brunnen zu fallen, wo der Lärm des Lebens niemals hinkommt.” (Zitat S.21) Und doch stellt der Roman, der jetzt nicht über die größten Spannungsbögen verfügt (abgesehen vom Ende), unablässig die große Frage: wie wollen wir leben? Nach welchen Regeln oder gar (wie die Tegelgruppe) ohne das Vorhandensein jener. “Sie war fest davon überzeugt, dass das Virus für eine neue, fantastische Ordnung gesorgt hatte: Die Welt, in die sie hineingeboren waren, die Welt der Erwachsenen, war untergegangen. Um eine neue Ära ohne Verbote und voller Exzesse, voller Anarchie anbrechen zu lassen.” (Zitat S.64) Das Buch macht nachdenklich, ist zugleich aber auch ein Aufruf zur Solidarität.
“Staubgeboren: Die Stadt der Vergänglichen” ist übrigens der erste Teil einer Reihe. Die anderen drei Teile wurden allerdings bisher noch nicht ins Deutsche übersetzt.
Bekannt wurde Fabio Geda vor allem mit dem Roman “Im Meer schwimmen Krokodile”, in dem er die wa
hre Geschichte eines afghanischen Jungen auf der Flucht erzählt. Andere Bücher von ihm sind “Emils wundersame Reise” und “Der Sommer am Ende des Jahrhunderts”. Eine Welt ohne Erwachsene das findest du in der “Young World”-Reihe von Chris Weitz, der “Alterra”-Reihe von Maxime Chattam und der bereits erwähnten “Gone”-Reihe von Michael Grant (brillant!). Ein Klassiker zum selbigen Thema wäre “Der Herr der Fliegen” von William Golding. Verfrüht sterben müssen auch die Menschen in der “Land ohne Lilien”-Reihe von Lauren DeStefano. Oder lies die fesselnde “Evolution”-Reihe von Thomas Thiemeyer, in der sich ebenfalls die Natur ihren Platz zurückholt. Besondere Mutproben müssen die Protagonisten in “Panic: Wer Angst hat, ist raus” von Erfolgsautorin Lauren Oliver bestehen. Einen interessanten Roman über ein zerstörtes Berlin in der Zukunft findest du in Nana Rademachers Buch “Wir waren hier”.
Bibliografische Angaben:Verlag: Ueberreuter ISBN: 978-3-7641-7067-7 Erscheinungsdatum: 17.Februar 2017 Einbandart: Hardcover Preis: 14,95€ Seitenzahl: 224 Übersetzer: Christiane Burkhardt Originaltitel: "Berlin. I fuochi di Tegel" Originalverlag: Mondadori Italienisches Originalcover:
Kasimiras Bewertung:
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Verlag: Ueberreuter
ISBN: 978-3-7641-7067-7
Erscheinungsdatum: 17.Februar 2017
Einbandart: Hardcover
Preis: 14,95€
Seitenzahl: 224
Übersetzer: Christiane Burkhardt
Originaltitel: "Berlin. I fuochi di Tegel"
Originalverlag: Mondadori
Italienisches Originalcover:
