“Komm mir nicht zu nah” ist das neueste Buch der niederländischen Autorin Erna Sassen, die dieses Jahr gleich in zwei Kategorien für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert wurde (für ihren vorherigen Roman “Dies ist kein Tagebuch”). Ihr aktuelles Werk erzählt die Geschichte eines Mädchens am Abgrund aus der Sicht ihrer älteren Schwester, ein ergreifendes Porträt — intensiv, dramatisch und vor allem lebensnah. Ein Roman, den man so schnell nicht vergessen wird. Für Jugendliche ab 15 Jahren und vor allem für Erwachsene.
Amsterdam. Hier leben Marjolijn und ihre jüngere Schwester Reva, die bereits eine eigene Wohnung hat und auf eine Schauspielschule geht. “Reva ist anderthalb Jahre jünger als ich. Sie raubt mir schon mein ganzes Leben lang den Schlaf. Als sie noch klein war, tat sie das, indem sie wirklich alles mit einem Fragezeichen versah und zur Diskussion stellte. […] Später drehten sich ihre Fragen um Gott, den Tod und um andere schwere Themen, über die ich als Kind aus eigenem Antrieb nie nachdachte.” (Zitat aus “Komm mir nicht zu nah” S.9) Vor allem nachts ruft Reva Marjolijn an, wenn sie nicht schlafen kann oder sich Gedanken über ihr Leben macht. “Negative, deprimierende Gedanken darüber, was sie alles falsch gemacht und Verkehrtes gesagt hat, was an ihrem Äußeren nicht stimmt und wer sie alles auf den Tod nicht ausstehen kann.” (Zitat S.10). Reva hat kein besonders großes Selbstbewusstsein. Sie mag ihren Körper
nicht und vergleicht sich oft mit anderen. Manchmal ist sie auch einfach traurig. Lange Zeit dachte Marjolijn es läge an Revas heimlichen Affäre mit einem verheirateten Dozenten (der ihr nicht guttat), dass es ihrer Schwester so schlecht ging, dass sie so viel Gewicht verlor und so wenig aß. Doch seitdem Revas Zahnarzt ihre stark abgenutzten Zähne behandeln muss und ein Berater darauf kam, dass dies mit ihrem regelmäßigen Erbrechen zu tun hat, wird Marjolijn etwas hellhöriger, wenn es um ihre Schwester geht: “Ich hatte nicht die geringste Ahnung von dem Ausmaß ihres “Essproblems”. Ich, die immer ihre große Stütze gewesen bin. Oder zu sein geglaubt habe. Warum hatte ich nicht besser hingeschaut? Ich wusste natürlich schon, dass sie sich “ab und zu! übergab. Das hat sie mir selbst erzählt. Schon vor Jahren, als alle wahrscheinlich begann.” (Zitat S.39) Allmählich kommt Marjolijn dahinter, dass Reva wirklich schwer krank ist und ihrer Sucht ohne Hilfe wohl nicht mehr entkommen wird…
“Komm mir nicht zu nah” besticht neben dem gut gewählten Titel durch ein brillantes Cover. Unübersehbar ist die Zerbrechlichkeit der Protagonistin. Ihre Verletzlichkeit, ihre Traurigkeit und Distanziertheit. “Seit Jahren schon versteckt sie sich hinter einem viel zu langen Pony, was ihr von den Dozenten der
Schauspielschule immer den gleichen Kommentar einbrachte: “Das Haar muss weg, wir können deine Augen nicht sehen.” Aber genau darum ging es ja. Dass niemand in ihren Augen diese alles beherrschende Scham sehen konnte. Scham wegen viel mehr als nur ihrem Äußeren.” (Zitat S.19) Der niederländischen Autorin Erna Sassen ist ein beeindruckendes Porträt eines Menschen gelungen. In angenehmer, flüssig zu lesender Sprache erschafft sie das vielschichtige Bild einer jungen Frau, die so um die 20 zu sein scheint und die in keine Schublade passt. Reva schläft nicht nur völlig wahllos mit Männern, sie steht auch auf solche, die sie nicht lieben — beispielweise ihren Dozenten — weil sie hofft diesen dazu zu bringen, es doch zu tun. Und sie hat die unbegreifliche Angst einfach so umgebracht zu werden. Das Besondere an dem Roman ist jedoch, dass Reva nicht in einer eigenständigen Perspektive agiert, sondern nur aus dem Blickwinkel ihrer Schwester betrachtet wird, die in Ich-Form von Episoden aus deren Leben erzählt. Oftmals werden Gespräche zwischen ihnen wiedergegeben, die Revas unheilvollen Zustand dem Leser nach und nach offenbaren: “Würdest du den Beruf wechseln, wenn du die Möglichkeit bekämst?”,
frage ich. Sie schnaubt ich bekanntes kleines Lachen. […] Ich will überhaupt nichts, besagt es. Ich will überhaupt nichts und ich glaube an nichts mehr. “Reef?” Sie weint. Lautlos. “Ich würde lieber meinen Charakter wechseln, wenn ich die Möglichkeit bekäme”, sagt sie. “Was ist falsch an deinem Charakter?” frage ich. Wieder dieses Lachen. “Alles.” (Zitat S.64ff) Über die Erzählerin selbst erfährt man kaum etwas, nur ab und zu werden winzige Bruchstücke aus ihrem Leben verraten. Allein Reva steht im Mittelpunkt der Geschichte. Typisch sind hierfür auch ihre nächtlichen Telefongespräche. Marjolijn, die eigentlich schlafen will, es aber nichts übers Herz bringt, das Telefon abzuschalten. Die jedes Mal rangeht, wenn ihre Schwester anruft. Und auch wenn diese sich nie für Marjolijns Befinden und ihr Leben gar interessiert, und eigentlich nur das, was in ihrem Kopf ist, loswerden möchte, so hört Marjolijn zu. Nacht für Nacht. Denn — so erkennt die Erzählerin — braucht Reva vor allem eines: Aufmerksamkeit, um am Leben zu bleiben, einen “Zeugen”, der sie sieht und wahrnimmt, damit sie das Gefühl hat noch zu existieren. Marjolijns Empfindungen bestehen aus einer Mischung aus Bestürztheit, Vorwürfen sich selbst gegenüber, aber auch aus emotionaler Härte, Genervtheit und Wut: “Es stank mir, dass von meiner
Schwester nur noch so wenig übrig war. Dass kein Gramm Power mehr in ihr steckte, keine Wut, kein Ehrgeiz, nichts. Dass wir nie mehr einen so unbändigen Lachkrampf bekamen wie früher als Kinder. Und dass sie aussah wie ein halb toter Hund. Ich wollte sie wachrütteln, wachprügeln notfalls.” (Zitat S.53) Marjolijn hat den Wunsch ihre Schwester zu kontrollieren, besonders bezüglich ihres Essverhaltens und fährt sogar für einen Urlaub nach Griechenland mit ihr. Vor allem jenes Verhalten wird sehr ausführlich betrachtet. Ihre Essstörung wird geradezu seziert und detailliert hinterfragt: “Das heißt, wo ein anderer zur Flasche greift, hast du zu den rosa Teilchen gegriffen?” “Ich war süchtig nach Essen und Kotzen. Und mit dieser Sucht konnte ich mich und meine Panik sehr gut betäuben. “Wie denn?” “Ganz einfach. Das Kotzen versetzt dich in einen Rausch. Es wirkt entspannend. Du machst dich selbst im wörtlichen und übertragenen Sinn leer.” (Zitat S.49) Das Buch schwankt zwischen den Grenzen von Jugendbuch und Erwachsenenroman. Da die Protagonistin selbst auch schon etwas älter ist, und angesichts ihrer sexuelles Verhaltens und ihrer Reife, würde ich es erst ab 15 Jahren empfehlen, vor allem aber für Erwachsene. Vom Ende her hätte ich mehr noch etwas mehr gewünscht.
Fazit: Ein bewegendes, tiefsinniges Psychogramms eines Menschen, der am Leben zu zerbrechen droht. Gekonnt erzählt!
Wenn dir “Komm mir nicht zu nah” g
efallen hat, dann lies noch das erste (unabhängige) Buch von Erna Sassen: “Das ist kein Tagebuch”. Eine sehr gute Alternative ist die Autorin Lilly Lindner, der es neben der Schilderung einer Essstörung auch brillant gelingt einen zerbrochenen Menschen (meistens sich selbst) zu porträtieren. Sie hat ein Jugendbuch geschrieben “Was fehlt, wenn ich verschwunden bin” oder Romane für Erwachsene/ Jugendliche ab 16 Jahren, wie zum Beispiel “Splitterfasernackt” oder “Bevor ich falle”. Eine sehr bewegende Schwesterngeschichte mit dem Thema Essstörung findest du auch bei Lara Schützsack in “Und auch so bitterkalt” und bei Saskia Sarginson in “Zertrennlich”.
Bibliografische Angaben:Verlag: Freies Geistesleben ISBN: 978-3-7725-2862-0 Erscheinungsdatum: 24.August 2016 Einbandart: Hardcover Preis: 18,90€ Seitenzahl: 176 Übersetzer: Rolf Erdorf Originaltitel: "Kom niet dichterbij" Originalverlag: Uitgeverij Leopold Niederländisches Originalcover:
Kasimiras Bewertung:
(4,5 von 5 möglichen Punkten)

Verlag: Freies Geistesleben
ISBN: 978-3-7725-2862-0
Erscheinungsdatum: 24.August 2016
Einbandart: Hardcover
Preis: 18,90€
Seitenzahl: 176
Übersetzer: Rolf Erdorf
Originaltitel: "