Erin Entrada Kelly — Irgendwo wartet das Leben

27.August 2023

“Irgend­wo war­tet das Leben” ist der aktu­el­le Roman der ame­ri­ka­ni­schen Autorin Erin Ent­ra­da Kel­ly, die bereits den Deut­schen Jugend­li­te­ra­tur­preis (für “Vier Wün­sche ans Uni­ver­sum”) erhielt. Eine Geschich­te, die in eine Klein­stadt nach Süd­loui­sia­na ent­führt, in der ein neu hin­zu­ge­zo­ge­nes Mäd­chen das Gefü­ge einer Schul­klas­se — bestehend aus zwölf Siebtklässler*innen — gehö­rig durch­ein­an­der­bringt. Ein Gesell­schafts­por­trät, das sehr fein­sin­nig gezeich­net wird. Ein ruhig erzähl­ter Roman über Freund­schaft, Tole­ranz und Ver­än­de­run­gen, der sich beson­ders auf Zwi­schen­mensch­li­ches kon­zen­triert und haupt­säch­lich an einer Schu­le spielt. Für Jugend­li­che ab 11 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwachsene.

Fawn Creek. Eine Klein­stadt in Süd­loui­sia­na. Die so klein ist, dass die Einwohner*innen nicht ein­mal eine Ampel haben. “Es war Frei­tag, der ers­te Novem­ber, und Grey­son befand sich wie schon seit Urzei­ten auf dem Weg zur Schu­le, wo er wie­der auf die­sel­ben elf Mäd­chen und Jun­gen tref­fen wür­de wie gefühlt seit Anbe­ginn der Mensch­heit, Woche für Woche. In Fawn Creek änder­te sich nie etwas, die Luft war heiß und feucht, und die Mücken sogen einem das Blut aus den Armen.” (Zitat aus “Irgend­wo war­tet das Leben” S.12) Hier leben die Außen­sei­ter Grey­son und sei­ne bes­te Freun­din Doro­thy. Grey­son ist ein Träu­mer, wird von sei­nem Vater und sei­nem Bru­der für ein Weich­ei gehal­ten und hält sich am liebs­ten Kasimiraim Näh­zim­mer sei­ner Mut­ter auf. Doro­thy ist sanft, zurück­hal­tend, auf­merk­sam und sehr pflicht­be­wusst. Doch dann kommt eines Tages ein neu­es Mächen in ihre Klas­se. Etwas, das in der Klein­stadt sonst nie pas­siert, da die meis­ten Leu­te eher weg­zie­hen. Die 12-jäh­ri­ge Orchid ist hier eine gro­ße Aus­nah­me und bringt ziem­lich viel Auf­re­gung in die Klas­sen­ge­mein­schaft der Siebtklässler*innen: “Was für lan­ge Haa­re das Mäd­chen hat­te! Sehr lan­ge. Hüft­lang unge­fähr und gewellt. Nein, nicht gewellt. Lockig. Eine rich­ti­ge Mäh­ne, wild, aber gleich­zei­tig so, als soll­te sie so sein. Hin­ter einem Ohr steck­te eine wei­ße Blü­te, dabei war es Novem­ber, ein Monat, in dem kein nor­ma­ler Mensch an Blu­men denkt. Und abge­se­hen davon, wer steck­te sich über­haupt Blu­men hin­ters Ohr, egal wann?” (Zitat S.14) Zunächst sind auch Grey­son und Doro­thy sehr schüch­tern. Trau­en sich kaum, die Neue anzu­spre­chen und sie zu fra­gen, ob sie in der Pau­se an ihrem Tisch sit­zen möch­te. “Doro­thy moch­te ein­fach kei­ne Ver­än­de­run­gen. Nor­ma­ler­wei­se konn­te Grey­son damit leben. Aber dies­mal war es anders. Es ging um ein neu­es Mäd­chen. Nie sonst kamen neue Mit­schü­ler nach Fawn Creek, schon gar kei­ne mit wil­der Mäh­ne und einer Blu­me hin­term Ohr. Er woll­te ein­fach wis­sen, wie sie war. Und er woll­te alles über Paris hören.” (Zitat S.31ff) Denn Orchid hat eine Men­ge zu erzäh­len. Sie kommt aus Paris und wur­de in New York gebo­ren, hat aber auch ansons­ten eini­ge Orte auf der Welt gese­hen. Bald freun­den sich Grey­son und Doro­thy mit Orchid an. Orchid, die so ganz anders ist. Von der sie nicht genau wis­sen, wo sie eigent­lich wohnt. Und die ganz ande­re Fra­gen stellt. Die in der Pau­se am liebs­ten nach drau­ßen geht, obwohl das eigent­lich gar nie­mand macht. Plötz­lich gehen auch ande­reKasimira Schü­ler nach drau­ßen, hin­ter­fra­gen ihre Spitz­na­men, weil Orchid sie danach fragt. Doch nicht jeder ist Orchid wohlgesonnen…

Das Cover stellt Grey­son, Doro­thy und Orchid bild­lich in den Mit­tel­punkt. Der Titel macht neu­gie­rig, passt sehr gut zum Set­ting der Geschich­te. Der Roman beginnt mit einem Zitat von Aus­tin Kleon: “Seid freund­lich. Die Welt ist eine Klein­stadt.” (Zitat S.7) und wird in unter­schied­li­che Tei­le ein­ge­teilt, wel­che fol­gen­de Über­schrif­ten tra­gen: “Ers­te Woche”, “Zwei­te Woche”, “Drit­te Woche”, “Der Ball”, “Sonn­tag”, “Mon­tag” und “Ich bin”.  Außer­dem haben sämt­li­che Schüler*innen der Klas­se um den Titel her­um (zu Beginn des Buches) mit ihren Namen unter­schrie­ben. Erzählt wird die Geschich­te aus der Sicht eines all­wis­sen­den Erzäh­lers (sehr dezent im KasimiraHin­ter­grund), der sich vor allem auf die drei Protagonist*innen kon­zen­triert. Aller­dings sind es nicht Grey­son, Doro­thy und Orchid, son­dern Grey­son, Doro­thy und Janie, auf deren Haupt­au­gen­merk sich die Hand­lung rich­tet. Janie — das hüb­sches­te Mäd­chen der Klas­se, deren Fami­lie das ein­zi­ge Restau­rant des Ortes gehört — ist die Gegen­spie­le­rin von Orchid. Sie ist nei­disch auf die neue Mit­schü­le­rin, ihr feind­se­lig gegen­über ein­ge­stellt und ver­sucht ihren Platz in der Gemein­schaft zu ver­tei­di­gen. Janie ist sehr auf ihren Ruf bedacht, führt aber auch eine toxisch gepräg­te Freund­schaft zu Ren­nie, die aus der Stadt gezo­gen ist und mit der sie sich immer noch gele­gent­lich trifft. Dass der schö­ne Micha­el sich auf ein­mal für Orchid zu inter­es­sie­ren scheint, gefällt Janie gar nicht. Schließ­lich ist Micha­el tabu, er war ja mKasimiraal mit Ren­nie zusam­men, die noch einen gro­ßen Ein­fluss auf die ande­ren aus­übt. “Irgend­wo war­tet das Leben” stellt ein inten­si­ves Bezie­hungs­ge­flecht in den Mit­tel­punkt. Wer an wem inter­es­siert ist, wer wie was über den ande­ren gesagt hat. Der Hand­lungs­ort ist haupt­säch­lich die Schu­le. Es sind vie­le Namen, die zu Beginn genannt wer­den. Den­noch kommt man gut mit. Man­che Schüler*innen bekom­men sogar kur­ze, eige­ne Kapi­tel, in denen sie berich­ten und von Klas­sen­ge­mein­schafts­pro­jek­ten bei­spiels­wei­se erzäh­len, die sie in Team­work mit einer Mitschüler*in bestrei­ten. Erin Ent­ra­da Kel­ly legt den Fokus jedoch immer auf Orchid. Das Mäd­chen, um das alles kreist. “Grey­son sah zu, wie das Mäd­chen ihnen zuwink­te — wie eine Köni­gin, die ihre Unter­ta­nen grüßt. Die Arm­rei­fen an ihrem Hand­ge­lenk klim­per­ten. Sie lächel­te. Ein gro­ßes, natür­li­ches, läs­si­ges Lächeln, bei dem man all ihre voll­ko­men gera­den Zäh­ne sah.” (Zitat S.15) Das Mäd­chen, das Aus­wir­kun­gen auf alle Mitschüler*innen hat und um wel­che sich die meis­ten Gesprä­che in der Klas­sen­ge­mein­schaft dre­hen. Die Span­nung ist nicht all­zu hoch, es pas­siert auch nicht son­der­lich viel. Den­noch bekommt man ein aus­führ­li­ches Bild einer Grup­pe im Klei­nen, ein Klein­stadt­por­trät einer Klas­se. Hier­bei bleibt jedoch die Prot­ago­nis­tin Orchid selbst immer etwas geheim­nis­voll. Auch wenn sie viel von ihren Aben­teu­ern auf der Welt erzäht, hat man immer noch das Gefühl sie nicht rich­tig grei­fen, nicht rich­tig ein­ord­nen zu kön­nen: “Sie [Doro­thy] rede­te nicht gern mit Frem­den. Abge­se­hen davon fühl­te sie sich neben Orchid so klein. So als schrumpf­te sie gera­de. Das hat­te nicht mit irgend­et­was zu tun, was die Neue tat, es war ein­fach ihre Gegen­wart. Anders als Ren­ni Dean war Orchid kein Gewit­ter­sturm und auch kein Virus. Sie war eher so etwas… Hm. Wie was?” (Zitat S.55) Die Spra­che von Erin Ent­ra­da Kel­ly ist eher ein­fach, aber sehr ange­nehm. Zuwei­len stol­pert man über manch schö­ne Ver­glei­che, die sie zieht: “Wie ein Teil der Ein­rich­tung, so fühl­te sich Doro­thy in ihrem Zuhau­se. So wie einer der bei­den Stüh­le mit gestreif­tem Sitz­pols­ter, die im Wohn­zim­mer stan­den. Die Eltern hat­ten sie irgend­wann ins Haus gebracht, seit­dem aber kaum beach­tet.” (Zitat S.33) Grey­son hin­ge­gen wünscht sich manch­mal ein Möbel­stück zu sein. “War­um?”, frag­te sie. “Weil nie­mand mit Möbel­stü­cken redet.” (Zitat S.36) Er, der manch­mal ger­ne ein­fach nur in Ruhe gelas­sen wer­den möch­te, von den Sprü­chen sei­nes Bru­ders, dem Druck sei­nes Vaters, mit auf Enten­jagd zu gehen, was er gar nicht möch­te. Wie Grey­son und vor allem Doro­thy sich durch Orchi­ds Anwe­sen­heit lang­sam ver­än­dern, aus sich her­aus­kom­men und zu sich selbst ste­hen, liest sich sehr berüh­rend. Auch das Ende ist — wenn auch etwas scha­de in einer Hin­sicht — durch­aus pas­send zur Ent­wick­lung der Geschichte.

LesealternativenDir gefällt Erin Ent­ra­da Kel­lys Erzähl­stil? Dann lies noch die ande­ren Bücher, die sie geschrie­ben hat: “Vier Wün­sche ans Uni­ver­sum” (hier­für erhielt sie sogar den Deut­schen Jugend­li­te­ra­tur­preis!), “Char­lot­te & Ben” und “Die Nel­sons grei­fen nach den Ster­nen”. Ein wenig muss­te ich auch an die Bücher von Marie-Aude Murail den­ken, die zwar mit noch etwas mehr Humor erzählt, aber eben­falls tol­le Roma­ne schreibt, in denen sozia­le Gefü­ge eine gro­ße Rol­le spie­len. Lies von ihr zum Bei­spiel “Ein Ort wie die­ser” oder “Viel­leicht sogar wir alle”. Die­ses “An sich selbst glau­ben”, fin­dest du eben­falls in “Wie ein Fisch im Baum” von Lyn­da Mulla­ly Hunt. Gut könn­te ich mir auch die Roma­ne von Hol­ly Gold­berg Slo­an als Lese­al­ter­na­ti­ve vor­stel­len, wie zum Bei­spiel ihr neu­es­tes, über­aus gelun­ge­nes Werk “Ele­fan­ten­som­mer”.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: dtv
ISBN: 978-3-423-64110-4
Erscheinungsdatum: 17.August 2023
Einbandart: Hardcover
Preis: 16,00€
Seitenzahl: 352
Übersetzer: Birgitt Kollmann
Originaltitel: "Those kids from Fawn Creek"
Originalverlag: Greenwillow Books

Amerikanisches Originalcover: 












Trailer zum Buch (auf Englisch):
 

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Kasimiras Bewertung:

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(4 von 5 mög­li­chen Punkten)

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Amerikanisches Cover: Homepage von Erin Entrada Kelly

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