Der spanische, preisgekrönte Autor Eloy Moreno hat mit “Unsichtbar” einen Roman geschrieben, der unvergesslich sein wird — hat man ihn einmal gelesen! Er setzt ein wichtiges Zeichen im Kampf gegen Mobbing, für Zivilcourage und für aktives Handeln, anstatt wegzusehen. Dazu stellt der Autor die Leidensgeschiche eines namenlosen Jungen in den Mittelpunkt, der in der Schule gemobbt wird. Zu Beginn der Geschichte weiß man bereits, dass es einen Unfall gab, dass er nun im Krankenhaus ist und alle Geschehnisse nun nach und nach aufgedeckt werden. Was ist wirklich passiert? Mit diesem Jungen, der die Fähigkeit entwickeln musste unsichtbar zu werden und nun plötzlich wieder sichtbar ist? Ein tragischer, unheimlich ergreifender, auf klare, nüchterne Art erzählter Roman, der zu Herzen geht, der an die Substanz geht, der zerstört und heilt, gleichermaßen. Ein unfassbar wichtiges Buch. Eines, das geschrieben werden musste — und eines, das vor allem gelesen werden muss! Hervorragend als Unterrichtslektüre oder für eine Buchvorstellung geeignet oder um sich mit der Mobbing-Thematik auseinanderzusetzen. Für Jugendliche ab 14 Jahren und Erwachsene.
Der namenlose Junge hat einen Unfall gehabt. Jetzt ist er im Krankenhaus. “An alles, was in den Wochen vor dem Unfall passiert ist, kann ich mich genau erinnern, aber an nichts, was seither passiert ist. Ab und zu kommen Sinneseindrücke: das Gefühl zu ertrinken, durch die Luft zu fliegen, dass jemand mir Feuer in den Mund steckt, ein Geräusch, das alles andere übertönt.” (Zitat aus “Unsichtbar” S.23) Jetzt ist er in seinem Krankenzimmer aufgewacht, soll wohl zwei Tage am Stück geschlafen haben. Er hat eine Verletzung am Kopf, im Gesicht, sie haben seine Haare wegschneiden müssen. Nun soll auch noch ein Psychologe kommen und mit ihm sprechen. Vor dem möchte er am liebsten so tun, als wäre er ganz
normal. “Ich erzähle ihm auch nichts davon, dass ich Monster wahrnehmen kann, dass ich sie spüre, auch wenn sie sich hinter einer Tür oder unter einem Tisch oder in einem Auto verstecken… Und natürlich erzähle ich ihm nicht von meiner Superkraft, die mich hierhergebracht hat. Dass ich es nach langem Üben irgendwann geschafft habe, mich unsichtbar zu machen. Wobei er das aus den Nachrichten vielleicht schon weiß.” (Zitat S.39) Denn vor dem Unfall ist etwas passiert. Ist jede Menge passiert. Er wurde geärgert von seinen Mitschülern. Und er hat Superkräfte entwickelt. Er konnte sich unsichbar machen. “Zuerst hat die Wirkung nur kurz angehalten. Ein paar Minuten lang bin ich plötzlich verschwunden, wurde unsichtbar. Aber mit der Zeit habe ich es geschafft, dass es länger anhielt, am einen Tag eine halbe Stunde, am nächsten vierzig Minuten, eine Stunde… Manchmal habe ich es hingekriegt, dass mich stundenlang
niemand gesehen hat!” (Zitat S.84) Aber jetzt ist wieder alles wie immer. Alle Leute können ihn sehen. Auch der Psychologe, der kein Mann, sondern eine Frau ist und die genau hinschaut. Die wissen will, was geschehen ist. “Ich glaube, seit dem Unfall kann ich nicht mehr unsichtbar sein, vielleicht hat der Aufprall etwas in mir verändert. Oder womöglich sind Superkräfte genauso schnell wieder weg, wie sie gekommen sind. Ich bin seit fünf Tagen hier, und bisher habe ich es noch nicht hinbekommen.” (Zitat S.19) Doch die Frau glaubt ihm nicht, dass er sich unsichtbar machen konnte! Dabei hat er doch nicht gelogen, oder?
Das Cover ist bildhübsch, der Titel brillant gewählt. Der Roman ist aus der Sicht eines allwissenden Erzählers und auf ganz besondere
außergewöhnliche Weise geschrieben. Er verwendet nämlich kaum direkte Namen, nur Umschreibungen der Personen. Ein perfektes Stilmittel, um die nötige Erzähldistanz der Leute zu schaffen, die weggesehen haben, die die Erwähnung eines Namens nicht wert sind, aber auch um zu verdeutlichen, dass die Ereignisse der Geschichte so gut wie jedem Menschen passieren können. “Werd ganz schnell wieder gesund”, sagte die Mutter des Jungen mit der Narbe an der Augenbraue. Sie hat es eilig vor lauter Angst, jeden Moment könnte ein Thema aufkommen, über das sie nicht sprechen will. “Danke, danke, dass ihr gekommen seid”, erwiderte die Mutter des bisher unsichtbaren Jungen.” (Zitat S.34) Während der unsichtbare Junge, die Haupfigur des Buches, vielleicht auch deshalb keinen Namen trägt, weil er unsichtbar ist, beziehungsweise
nicht wahrgenommen wird, so gibt es eine Person, die von Anfang an mit ihrem Vornamen genannt wird: “Luna ist meine kleine Schwester, sie ist gerade sechs geworden und ist der Mensch, der mich am besten kennt, auch wenn sie das nicht weiß. Sie ist auch der einzige Mensch, der mich immer, immer gesehen hat.” (Zitat S.54). Auch die Freunde des unsichtbaren Jungen werden später mit Namen erwähnt: Zaro und Kiri. Die Kapitel in “Unsichtbar” sind ziemlich kurz gehalten, was den Lesefluss sehr erleichtert. Der Text ist in einfacher und klarer Sprache geschrieben. Toll fand ich auch die Überleitungen zu Beginn der teils kurze Überschriften tragenden Kapitel: “Im selben Moment, als jemand bisher Unsichtbares wieder einzuschlafen versucht, ist fünf Kilometer entfernt in einem kleinen Zimmer in einem sechsstöckigen Wohnhaus eine Hand voller Armreifen aufgewacht. Zeitgleich mit dem
dazugehörigen Körper.” (Zitat S.21) Während sich in der ersten Hälfte des Romans hauptsächlich auf seine Zeit im Krankenhaus konzentriert wird, kommen auch immer wieder Leute zu Besuch: “Seit dem Unfall hatte ich nichts von ihr gehört. Viele Menschen waren hier, an denen mir kaum was liegt, andere, von denen ich nicht mal wusste, dass es sie gibt, sie dagegen hat sich nicht blicken lassen. Ich dachte schon, sie würde gar nicht vorbeikommen, aber heute… Heute ist sie hier gewesen.” (Zitat S.73) Erst nach und nach erfährt man, wer diese Menschen wirklich sind und welche Bedeutung sie im Leben des unsichtbaren Jungen gespielt haben. Hier gibt es immer wieder Andeutungen, die neugierig machen und die still-schreiende Dramatik des Buches unweigerlich erhöhen. “Schon seit Tagen stellen sich ein Vater und eine
Mutter dieselbe Frage: Was ist wirklich passiert? Sie kennen eine Version, die offizielle, die jeder, der fragt, zu hören bekommt […] eine Version, an der sie selbst zweifeln, die zu glauben sie sich aber zwingen: Es war ein Unfall, aber zum Glück ist es noch mal gutgegangen. Und was ist mit den Verletzungen an seinem Rücken? Sie ergeben keinen Sinn, passen nicht zum Unfall, es sind zu viele, und vor allem sind sie nicht frisch.” (Zitat S.51) In der zweiten Hälfte des Buches wird dann die eigentliche Mobbinggeschichte erzählt. Denn die Fragen, die sich die Eltern des unsichtbaren, namenlosen Jungen nicht zu stellen wagen, die wagt eine Psychologin schließlich zu stellen. Hierfür nutzt Eloy Moreno eine unfassbar tolle Bilderwelt, die zu entschlüsseln, Aufgabe der Leser*innen sein wird. “In einem kleine Appartment versucht eine Psychologin zu schlafen, kann es aber nicht. Sich in eine Wespe verwandeln, unter Wasser
atmen, Monster sehen, sich unsichtbar machen, mit einem Drachen fliegen… Sie fragt sich, warum sich ein Junge solche Dinge ausdenken muss.” (Zitat S.86) Was hat sich der unsichtbare Junge da zusammenphantasiert? Sind diese Dinge wirklich passiert oder hat das nur mit seinem Unfall und seinen Kopfverletzungen zu tun, dass er die Dinge auf einmal etwas verschroben sieht? “Als sie am nächsten Tag wieder ins Krankenhaus fährt erzählt ihr dieser Junge dieselbe Wahrheit, aber auf andere Weise. Das geht ihr so nahe, dass sie kurz denkt, dies wäre ihr letztes Treffen gewesen; dass sie allmählich auch an Monster, Superkräfte und Drachen glaubt” (Zitat S.86) Die Mobbinggeschichte geht ans Herz, tut weh, ist so authentisch und realistisch geschrieben, so traurig und so voller Leid. Viele emotionale Momente reihen sich aneinander. Die Erkenntnisse
des namenslosen Jungen schmerzen, und doch steckt so viel Wahrheit in ihnen. Gleichzeitig rüttelt “Unsichtbar” wach, ist ein Plädoyer dafür, sich für andere einzusetzen, nicht mitzulaufen im Strom, sondern zu handeln. Das eingeschobene Märchen der Lehrerin, das sie ihren Schülern erzählt, um diese mit dem Mobbing zu konfrontieren, fand ich auch sehr gelungen. Am Ende war mir das Buch fast schon ein wenig schnell vorbei, einen kleinen Ausblick auf das, was es für Konsequenzen für die einzelnen Personen hat, hätte ich mir noch gewünscht. Im Anhang finden sich noch weitere Informationen zum Thema Mobbing.
Fazit: Ein wertvolles, wichtiges Buch zum Thema Mobbing, welches eigentlich zur Pflichtlektüre in Schulen werden sollte!
Übrigens: Im Spanischen gibt es sogar eine illustrierte Ausgabe und eine Kinderbuchausgabe zu “Unsichtbar”! Das wäre doch auch mal was für den deutschen Buchmarkt, lieber Fischer-Verlag;-)
Von Eloy Moreno gibt es bisher leider noch kein weiteres Buch, das ins Deutsche übersetzt wurde. Dafür gibt es zum Thema Mobbing jede Menge Auswahl im Jugendbuch. Die bes
ten Alternativen sind für mich “Wunder” von Raquel J. Palacio, “Unsichtbare Wunden” von Astrid Frank und “Jessicas Geist” von Andrew Norriss. Oder lies “V wie Vincent” von Lucie Hutzenlaub und “Opferland: Wenn die anderen dich kaputt machen” von Bettina Obrecht. Mobbing in einer Art Parallelwelt verarbeitet auch der Autor in dem Roman “Der Junge, der mit den Wölfen spricht” von Sam Thompson. Empfehlenswerte Romane über Mental Health, die mit besonderen literarischen Motiven (wie in “Unsichtbar”) arbeiten, sind außerdem: “Die Nacht gehört dem Drachen” von Alexia Casale, “Wicker King” von Kyla Ancrum, “Kompass ohne Norden” von Neal Shusterman und das neue, brillante (!) “Julia und der Hai” von Kiran Millwood Hargrave.
Bibliografische Angaben:Verlag: Fischer Sauerländer ISBN: 978-3-7373-7215-2 Erscheinungsdatum: 15.März 2023 Einbandart: Broschur Preis: 16,00€ Seitenzahl: 336 Übersetzer: Ilse Layer Originaltitel: "Invisible" Originalverlag: Nube de Tinta Spanisches Originalcover:
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Verlag: Fischer Sauerländer
ISBN: 978-3-7373-7215-2
Erscheinungsdatum: 15.März 2023
Einbandart: Broschur
Preis: 16,00€
Seitenzahl: 336
Übersetzer: Ilse Layer
Originaltitel: "Invisible"
Originalverlag: Nube de Tinta
Spanisches Originalcover:
