Eloy Moreno — Unsichtbar

8.April 2023

Der spa­ni­sche, preis­ge­krön­te Autor Eloy Moreno hat mit “Unsicht­bar” einen Roman geschrie­ben, der unver­gess­lich sein wird — hat man ihn ein­mal gele­sen! Er setzt ein wich­ti­ges Zei­chen im Kampf gegen Mob­bing, für Zivil­cou­ra­ge und für akti­ves Han­deln, anstatt weg­zu­se­hen. Dazu stellt der Autor die Lei­dens­ge­schi­che eines namen­lo­sen Jun­gen in den Mit­tel­punkt, der in der Schu­le gemobbt wird. Zu Beginn der Geschich­te weiß man bereits, dass es einen Unfall gab, dass er nun im Kran­ken­haus ist und alle Gescheh­nis­se nun nach und nach auf­ge­deckt wer­den. Was ist wirk­lich pas­siert? Mit die­sem Jun­gen, der die Fähig­keit ent­wi­ckeln muss­te unsicht­bar zu wer­den und nun plötz­lich wie­der sicht­bar ist? Ein tra­gi­scher, unheim­lich ergrei­fen­der, auf kla­re, nüch­ter­ne Art erzähl­ter Roman, der zu Her­zen geht, der an die Sub­stanz geht, der zer­stört und heilt, glei­cher­ma­ßen. Ein unfass­bar wich­ti­ges Buch. Eines, das geschrie­ben wer­den muss­te — und eines, das vor allem gele­sen wer­den muss! Her­vor­ra­gend als Unter­richts­lek­tü­re oder für eine Buch­vor­stel­lung geeig­net oder um sich mit der Mob­bing-The­ma­tik aus­ein­an­der­zu­set­zen. Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und Erwachsene.

Der namen­lo­se Jun­ge hat einen Unfall gehabt. Jetzt ist er im Kran­ken­haus. “An alles, was in den Wochen vor dem Unfall pas­siert ist, kann ich mich genau erin­nern, aber an nichts, was seit­her pas­siert ist. Ab und zu kom­men Sin­nes­ein­drü­cke: das Gefühl zu ertrin­ken, durch die Luft zu flie­gen, dass jemand mir Feu­er in den Mund steckt, ein Geräusch, das alles ande­re über­tönt.” (Zitat aus “Unsicht­bar” S.23) Jetzt ist er in sei­nem Kran­ken­zim­mer auf­ge­wacht, soll wohl zwei Tage am Stück geschla­fen haben. Er hat eine Ver­let­zung am Kopf, im Gesicht, sie haben sei­ne Haa­re weg­schnei­den müs­sen. Nun soll auch noch ein Psy­cho­lo­ge kom­men und mit ihm spre­chen. Vor dem möch­te er am liebs­ten so tun, als wäre er ganz nor­mal. “Ich erzäh­le ihm auch nichts davon, dass ich Mons­ter wahr­neh­men kann, dass ich sie spü­re, auch wenn sie sich hin­ter einer Tür oder unter einem Tisch oder in einem Auto ver­ste­cken… Und natür­lich erzäh­le ich ihm nicht von mei­ner Super­kraft, die mich hier­her­ge­bracht hat. Dass ich es nach lan­gem Üben irgend­wann geschafft habe, mich unsicht­bar zu machen. Wobei er das aus den Nach­rich­ten viel­leicht schon weiß.” (Zitat S.39) Denn vor dem Unfall ist etwas pas­siert. Ist jede Men­ge pas­siert. Er wur­de geär­gert von sei­nen Mit­schü­lern. Und er hat Super­kräf­te ent­wi­ckelt. Er konn­te sich unsich­bar machen. “Zuerst hat die Wir­kung nur kurz ange­hal­ten. Ein paar Minu­ten lang bin ich plötz­lich ver­schwun­den, wur­de unsicht­bar. Aber mit der Zeit habe ich es geschafft, dass es län­ger anhielt, am einen Tag eine hal­be Stun­de, am nächs­ten vier­zig Minu­ten, eine Stun­de… Manch­mal habe ich es hin­ge­kriegt, dass mich stun­den­lang Kasimiranie­mand gese­hen hat!” (Zitat S.84) Aber jetzt ist wie­der alles wie immer. Alle Leu­te kön­nen ihn sehen. Auch der Psy­cho­lo­ge, der kein Mann, son­dern eine Frau ist und die genau hin­schaut. Die wis­sen will, was gesche­hen ist. “Ich glau­be, seit dem Unfall kann ich nicht mehr unsicht­bar sein, viel­leicht hat der Auf­prall etwas in mir ver­än­dert. Oder womög­lich sind Super­kräf­te genau­so schnell wie­der weg, wie sie gekom­men sind. Ich bin seit fünf Tagen hier, und bis­her habe ich es noch nicht hin­be­kom­men.” (Zitat S.19) Doch die Frau glaubt ihm nicht, dass er sich unsicht­bar machen konn­te! Dabei hat er doch nicht gelo­gen, oder?

Das Cover ist bild­hübsch, der Titel bril­lant gewählt. Der Roman ist aus der Sicht eines all­wis­sen­den Erzäh­lers und auf ganz beson­de­re außer­ge­wöhn­li­che Wei­se geschrie­ben. Er ver­wen­det näm­lich kaum direk­te Namen, nur Umschrei­bun­gen der Per­so­nen. Ein per­fek­tes Stil­mit­tel, um die nöti­ge Erzähl­di­stanz der Leu­te zu schaf­fen, die weg­ge­se­hen haben, die die Erwäh­nung eines Namens nicht wert sind, aber auch um zu ver­deut­li­chen, dass die Ereig­nis­se der Geschich­te so gut wie jedem Men­schen pas­sie­ren kön­nen. “Werd ganz schnell wie­der gesund”, sag­te die Mut­ter des Jun­gen mit der Nar­be an der Augen­braue. Sie hat es eilig vor lau­ter Angst, jeden Moment könn­te ein The­ma auf­kom­men, über das sie nicht spre­chen will. “Dan­ke, dan­ke, dass ihr gekom­men seid”, erwi­der­te die Mut­ter des bis­her unsicht­ba­ren Jun­gen.” (Zitat S.34) Wäh­rend der unsicht­ba­re Jun­ge, die Hau­pfi­gur des Buches, viel­leicht auch des­halb kei­nen Namen trägt, weil er unsicht­bar ist, bezie­hungs­wei­se Kasimiranicht wahr­ge­nom­men wird, so gibt es eine Per­son, die von Anfang an mit ihrem Vor­na­men genannt wird: “Luna ist mei­ne klei­ne Schwes­ter, sie ist gera­de sechs gewor­den und ist der Mensch, der mich am bes­ten kennt, auch wenn sie das nicht weiß. Sie ist auch der ein­zi­ge Mensch, der mich immer, immer gese­hen hat.” (Zitat S.54). Auch die Freun­de des unsicht­ba­ren Jun­gen wer­den spä­ter mit Namen erwähnt: Zaro und Kiri. Die Kapi­tel in “Unsicht­bar” sind ziem­lich kurz gehal­ten, was den Lese­fluss sehr erleich­tert. Der Text ist in ein­fa­cher und kla­rer Spra­che geschrie­ben. Toll fand ich auch die Über­lei­tun­gen zu Beginn der teils kur­ze Über­schrif­ten tra­gen­den Kapi­tel: “Im sel­ben Moment, als jemand bis­her Unsicht­ba­res wie­der ein­zu­schla­fen ver­sucht, ist fünf Kilo­me­ter ent­fernt in einem klei­nen Zim­mer in einem sechs­stö­cki­gen Wohn­haus eine Hand vol­ler Arm­rei­fen auf­ge­wacht. Zeit­gleich mit dem dazu­ge­hö­ri­gen Kör­per.” (Zitat S.21) Wäh­rend sich in der ers­ten Hälf­te des Romans haupt­säch­lich auf sei­ne Zeit im Kran­ken­haus kon­zen­triert wird, kom­men auch immer wie­der Leu­te zu Besuch: “Seit dem Unfall hat­te ich nichts von ihr gehört. Vie­le Men­schen waren hier, an denen mir kaum was liegt, ande­re, von denen ich nicht mal wuss­te, dass es sie gibt, sie dage­gen hat sich nicht bli­cken las­sen. Ich dach­te schon, sie wür­de gar nicht vor­bei­kom­men, aber heu­te… Heu­te ist sie hier gewe­sen.” (Zitat S.73) Erst nach und nach erfährt man, wer die­se Men­schen wirk­lich sind und wel­che Bedeu­tung sie im Leben des unsicht­ba­ren Jun­gen gespielt haben. Hier gibt es immer wie­der Andeu­tun­gen, die neu­gie­rig machen und die still-schrei­en­de Dra­ma­tik des Buches unwei­ger­lich erhö­hen. “Schon seit Tagen stel­len sich ein Vater und eine Mut­ter die­sel­be Fra­ge: Was ist wirk­lich pas­siert? Sie ken­nen eine Ver­si­on, die offi­zi­el­le, die jeder, der fragt, zu hören bekommt […] eine Ver­si­on, an der sie selbst zwei­feln, die zu glau­ben sie sich aber zwin­gen: Es war ein Unfall, aber zum Glück ist es noch mal gut­ge­gan­gen. Und was ist mit den Ver­let­zun­gen an sei­nem Rücken? Sie erge­ben kei­nen Sinn, pas­sen nicht zum Unfall, es sind zu vie­le, und vor allem sind sie nicht frisch.” (Zitat S.51) In der zwei­ten Hälf­te des Buches wird dann die eigent­li­che Mob­bing­ge­schich­te erzählt. Denn die Fra­gen, die sich die Eltern des unsicht­ba­ren, namen­lo­sen Jun­gen nicht zu stel­len wagen, die wagt eine Psy­cho­lo­gin schließ­lich zu stel­len. Hier­für nutzt Eloy Moreno eine unfass­bar tol­le Bil­der­welt, die zu ent­schlüs­seln, Auf­ga­be der Leser*innen sein wird. “In einem klei­ne Appart­ment ver­sucht eine Psy­cho­lo­gin zu schla­fen, kann es aber nicht. Sich in eine Wes­pe ver­wan­deln, unter Was­serKasimira atmen, Mons­ter sehen, sich unsicht­bar machen, mit einem Dra­chen flie­gen… Sie fragt sich, war­um sich ein Jun­ge sol­che Din­ge aus­den­ken muss.” (Zitat S.86) Was hat sich der unsicht­ba­re Jun­ge da zusam­men­phan­ta­siert? Sind die­se Din­ge wirk­lich pas­siert oder hat das nur mit sei­nem Unfall und sei­nen Kopf­ver­let­zun­gen zu tun, dass er die Din­ge auf ein­mal etwas ver­schro­ben sieht? “Als sie am nächs­ten Tag wie­der ins Kran­ken­haus fährt erzählt ihr die­ser Jun­ge die­sel­be Wahr­heit, aber auf ande­re Wei­se. Das geht ihr so nahe, dass sie kurz denkt, dies wäre ihr letz­tes Tref­fen gewe­sen; dass sie all­mäh­lich auch an Mons­ter, Super­kräf­te und Dra­chen glaubt” (Zitat S.86) Die Mob­bing­ge­schich­te geht ans Herz, tut weh, ist so authen­tisch und rea­lis­tisch geschrie­ben, so trau­rig und so vol­ler Leid. Vie­le emo­tio­na­le Momen­te rei­hen sich anein­an­der. Die Erkennt­nis­se Kasimirades namens­lo­sen Jun­gen schmer­zen, und doch steckt so viel Wahr­heit in ihnen. Gleich­zei­tig rüt­telt “Unsicht­bar” wach, ist ein Plä­doy­er dafür, sich für ande­re ein­zu­set­zen, nicht mit­zu­lau­fen im Strom, son­dern zu han­deln. Das ein­ge­scho­be­ne Mär­chen der Leh­re­rin, das sie ihren Schü­lern erzählt, um die­se mit dem Mob­bing zu kon­fron­tie­ren, fand ich auch sehr gelun­gen. Am Ende war mir das Buch fast schon ein wenig schnell vor­bei, einen klei­nen Aus­blick auf das, was es für Kon­se­quen­zen für die ein­zel­nen Per­so­nen hat, hät­te ich mir noch gewünscht. Im Anhang fin­den sich noch wei­te­re Infor­ma­tio­nen zum The­ma Mobbing.

Fazit: Ein wert­vol­les, wich­ti­ges Buch zum The­ma Mob­bing, wel­ches eigent­lich zur Pflicht­lek­tü­re in Schu­len wer­den sollte!

Übri­gens: Im Spa­ni­schen gibt es sogar eine illus­trier­te Aus­ga­be und eine Kin­der­buch­aus­ga­be zu “Unsicht­bar”! Das wäre doch auch mal was für den deut­schen Buch­markt, lie­ber Fischer-Verlag;-)

Von Eloy Moreno gibt es bis­her lei­der noch kein wei­te­res Buch, das ins Deut­sche über­setzt wur­de. Dafür gibt es zum The­ma Mob­bing jede Men­ge Aus­wahl im Jugend­buch. Die besLesealternativenten Alter­na­ti­ven sind für mich “Wun­der” von Raquel J. Pala­cio, “Unsicht­ba­re Wun­den” von Astrid Frank und “Jes­si­cas Geist” von Andrew Nor­riss. Oder lies “V wie Vin­cent” von Lucie Hutz­en­laub und “Opfer­land: Wenn die ande­ren dich kaputt machen” von Bet­ti­na Obrecht. Mob­bing in einer Art Par­al­lel­welt ver­ar­bei­tet auch der Autor in dem Roman “Der Jun­ge, der mit den Wöl­fen spricht” von Sam Thomp­son. Emp­feh­lens­wer­te Roma­ne über Men­tal Health, die mit beson­de­ren lite­ra­ri­schen Moti­ven (wie in “Unsicht­bar”) arbei­ten, sind außer­dem: “Die Nacht gehört dem Dra­chen” von Ale­xia Casa­le, “Wicker King” von Kyla Ancrum, “Kom­pass ohne Nor­den” von Neal Shus­ter­man und das neue, bril­lan­te (!) “Julia und der Hai” von Kiran Mill­wood Hargrave.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Fischer Sauerländer
ISBN: 978-3-7373-7215-2
Erscheinungsdatum: 15.März 2023
Einbandart: Broschur
Preis: 16,00€
Seitenzahl: 336
Übersetzer: Ilse Layer
Originaltitel: "Invisible"
Originalverlag: Nube de Tinta

Spanisches Originalcover: 







Kasimira auf Instagram:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kasimiras Bewertung:

110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw 110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw

(5 von 5 mög­li­chen Punkten)

Die­ser Titel hat es in fol­gen­de Kate­go­rie geschafft: **Kasi­mi­ras Lieb­lings­bü­cher**

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

WordPress Cookie Plugin von Real Cookie Banner