Elisabeth Herrmann — Ravna: Tod in der Arktis

Kasimira6.April 2021

Rav­na: Tod in der Ark­tis” ist der neu­es­te All-Age-Thril­ler der deut­schen Autorin Eli­sa­beth Herr­mann, die einen außer­ge­wöhn­li­chen Hand­lungs­ort für ihre Geschich­te gewählt hat: sie ent­führt ihre Leser nach Nor­we­gen in die Ark­tis. Als dort ein Mord pas­siert, wird das Leben einer jun­gen Frau, die gera­de als Poli­zei­prak­ti­kan­tin ihren Dienst ange­tre­ten hat, völ­lig auf den Kopf gestellt. Mit sprö­den, eigen­wil­li­gen Cha­rak­te­ren, gewal­ti­gen Land­schaf­ten und einer ganz beson­de­ren (sami­schen) Kul­tur. Fas­zi­nie­rend, anders und sehr unter­halt­sam. Mal ein ganz ande­rer Thril­ler! Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und Erwachsene.

Var­dø. Eine Stadt in Nor­we­gen. Weit über dem Polar­kreis der Ark­tis. Hier lebt die jun­ge Rav­na, die sich eben­so wie ihre Schwes­ter Inga gegen die sami­sche Tra­di­ti­on — sich um die Ren­tier­her­den der Fami­lie zu küm­mern — ent­schie­den hat. Nun beginnt sie ein Prak­ti­kum auf der Poli­zei­sta­ti­on in Var­dø. Auch wenn sie dort einen schwe­ren Start hat: “Alle kann­ten sich. Und des­halb wuss­ten sie auch, wer Rav­na war. Woher sie kam und dass sie zu denen gehör­te, denen man bes­ser erst ein­mal gar nichts zutrau­te.” (Zitat aus “Rav­na: Tod in der Ark­tis” S.11ff) Doch es lie­gen nur sechs Wochen Prak­ti­kum vor ihr, ehe sie ihrer Schwes­ter, die bereits nach Oslo gegan­gen ist, fol­gen wird. Dort war­ten dann drei Jah­re Poli­zei­schu­le auf sie. Nicht damit gerech­net hat Rav­na jedoch, dass sie gleich an ihrem ers­ten Tag Kasimiramit einem Mord kon­fron­tiert wird: Man hat Olle Trygg an einer Begräb­nis­stät­te der Samen tot auf­ge­fun­den. Er wur­de ver­prü­gelt und anschlie­ßend mit einem Stich in den Nacken und ins Herz getö­tet. Auch Rav­na kennt ihn. “Olle Trygg gehö­ren rie­si­ge Ren­tier­her­den. Vor lan­ger Zeit hat sei­ne Fami­lie auch das Land bekom­men, auf dem sie wei­den. Wir, der kläg­li­che Rest, sind sei­ne Päch­ter. Er nimmt von den Ärms­ten, presst sie aus. Ver­dammt! Er ist ein Schwein.” (Zitat S.48) Er ist nicht gera­de beliebt, gilt als ego­is­tisch und hin­ter­häl­tig. Hat eine Men­ge Fein­de. Um die Ermitt­lun­gen zu lei­ten, taucht der eis­kal­te, abge­brüh­te und vom Leben gezeich­ne­te Poli­zei­haupt­kom­mis­sar Rune Thor in Var­dø auf. “Ich bin hier, weil die Regie­rung seit eini­gen Jah­ren gestei­ger­ten Wert dar­auf legt, alle ihre Schäf­chen gleich zu behan­deln. Was im Klar­text heißt: Ist ein Same in ein Ver­bre­cheKasimiran ver­wi­ckelt, wird Him­mel und Höl­le in Bewe­gung gesetzt. Damit es hin­ter­her nicht von euch heißt, wir hät­ten nicht alles ver­sucht.” (Zitat S.45) Thor nimmt Rav­na auf sei­ne Ein­sät­ze mit, auch wenn er sie alles ande­re als freund­lich behan­delt. Doch wäh­rend bald alles so aus­sieht, als wäre der Täter gefun­den wor­den, hat Rav­na den Ein­druck, dass noch gar nichts gelöst wur­de. Denn sie hat am Tat­ort Spu­ren ent­deckt, die nur eine Samin ent­de­cken kann. Spu­ren, die auf ein sami­sches Bestat­tungs­ri­tu­al hin­deu­ten. Und das bedeu­tet, dass der Mör­der ent­we­der einer von ihnen ist oder die­se Sit­ten kennt. Gemein­sam mit Thor ver­sucht sie den wah­ren Täter zu finden…

KasimiraDer Blick der Prot­ago­nis­tin auf dem Cover ist gut getrof­fen. Er wirkt geheim­nis­voll, zurück­hal­tend, aber gleich­zei­tig ein­la­dend. “Bist du bereit mir in mei­ne Welt zu fol­gen?” scheint er den Leser gera­de­zu anzu­spre­chen. Und auf die Welt ein­las­sen, das muss man sich wirk­lich erst ein­mal in Eli­sa­beth Herr­manns Thril­ler. In die­ses frem­de, unge­wohn­te, raue Land: “Der Wind hol­te tief Luft und blies eine Böe über den Var­ang­erfjord. Das graue Was­ser kräu­sel­te sich, ein paar mat­te Wel­len schwapp­ten ans Ufer. In der Fer­ne des Nor­dens das gro­ße Nichts. Die Ein­sam­keit der Ark­tis.” (Zitat S.10ff) In einem Vor­wort erwähnt die Autorin bereits eine der Eigen­ar­ten, die sie in ihrer Geschich­te weit­ge­hend ver­sucht hat bei­zu­be­hal­ten: es wird sich in den skan­di­na­vi­schen Län­dern vor­nehm­lich geduzt, selbst das Königs­haus bie­tet meist das “Du” an. Und weib­li­che Berufs­be­zeich­nun­gen wie “Prak­ti­kan­tin” wer­den nicht Kasimiraver­wen­det. Es heißt in “Rav­na: Tod in der Ark­tis” also nur “Prak­ti­kant”. Das Buch ist in meh­re­re Tei­le geglie­dert, die jeweils mit einem Zitat ein­ge­lei­tet wer­den, das aus “Mát­taráhkkás wei­te Rei­se. Eine Erzäh­lung aus dem Samen­land” von Sis­sel Horn­dal stammt. Die Per­spek­ti­ve liegt durch­ge­hend bei Rav­na in per­so­na­ler Erzähl­wei­se. Am Anfang sind man­chen Kapi­teln Anga­ben mit Datum, Ort, Zeit des Son­nen­auf- und Unter­gangs vor­an­ge­stellt und vor allem mit der Dau­er der Tages­län­ge, wel­che immer kür­zer wird. Schließ­lich enden die­se Anga­ben kom­plett und die Stim­mung in dem all­ge­mein schon etwas rau und düs­ter gehal­te­nen Buch, wird buch­stäb­lich noch fins­te­rer: Die Son­ne sank. Ganz lang­sam erschloss der Glanz und der gol­de­ne Schlei­er aus Licht zog sich zum letz­ten Mal von der ark­ti­schen Land­schaft zurückKasimira. Nun blie­ben nur noch der Mond, die Ster­ne und die Polar­lich­ter. […] Die Son­ne wür­den sie erst wie­der im Febru­ar wie­der­se­hen.” (Zitat S.103) An all das muss man sich als Leser erst ein­mal gewöh­nen. An die ver­än­der­ten Licht­ver­hält­nis­se, an die Kul­tur der Samen, an die Men­schen. Alles wirkt anders und fremd. Auch von der Span­nung her hat mich die Geschich­te anfangs noch nicht son­der­lich mit­ge­ris­sen. Doch je bes­ser man die Prot­ago­nis­ten ken­nen­lernt, des­to fas­zi­nie­ren­der und beein­dru­cken­der wird das Lese­er­leb­nis. Vor allem Rune Thor und Rav­na sind zwei wirk­lich außer­ge­wöhn­li­che Cha­rak­te­re. Thor, der von einem gro­ßen Ver­lust geprägt wur­de, aber einer der bes­ten sei­nes Fachs ist und sich schon ger­ne mal mit Alko­hol, der eigent­lich für die Asser­va­ten­kam­mer gedacht war, abschießt, um zu ver­ges­sen. Und Rav­na, die schon immer unter­schätKasimirazt und wie eine Außen­sei­te­rin behan­delt wur­de, und nun sogar die Ers­te in ihrer Fami­lie ist, die einen “rich­ti­gen” Beruf erlernt.Das mit den Ren­tie­ren war ja in den Augen der Nor­we­ger nur Folk­lo­re.” (Zitat S.26) Sie ist taff, sie hat einen ganz ande­ren Blick Din­ge zu betrach­ten. Sie muss sich durch­bei­ßen auf der Poli­zei­sta­ti­on und vor allem mit den Lau­nen von Thor umge­hen. Aber sie macht auch eine schö­ne Ent­wick­lung durch und wächst über sich hin­aus: “Fach­lich war sie immer noch eine ahnungs­lo­se Anfän­ge­rin. Aber irgend­et­was in ihr hat­te an Stär­ke und Span­nung gewon­nen. Sie wuss­te nicht, wie sie es beschrei­ben soll­te. Sie fühl­te sich wie die Sai­te eines Musik­in­stru­ments oder eine Bogen­seh­ne, die rich­tig gespannt wor­den war. (Zitat S.126) Aber auch Neben­cha­rak­te­re, wie die geheim­nis­vol­le Léna, die man nicht immer durch­schaut Kasimiraoder Mikkel, der Rav­na schon in der Grund­schu­le das Leben schwer gemacht hat, sind inter­es­sant. Auch die Gegen­sät­ze zwi­schen Tra­di­ti­on und Moder­ne haben mir gut gefal­len. Da gibt es ein Mäd­chen, das völ­lig zurück­ge­zo­gen mit ihrem Vater und sei­nen Ren­tier­her­den lebt, aber gleich­zei­tig sich ein zwei­tes, (gehei­mes) Leben auf Insta­gram auf­ge­baut hat und eine vier­stel­li­ge Fol­lo­wer­an­zahl hat. Das Ende erhöht noch ein­mal ordent­lich das Erzähl­tem­po ist ner­ven­zer­rei­ßend span­nend! In einem Nach­wort erklärt Eli­sa­beth Herr­mann noch mehr über die Ent­ste­hungs­ge­schich­te des Buches.

Wenn dir “Rav­na: Tod in der Ark­tis” gefal­len hat, kannst du auch noch die ande­ren Jugend­buchthril­ler lesen, die Eli­sa­beth Herr­mann zuvor geschrie­ben hat. Sie sind alle unab­hän­gig von­ein­an­der zu lesen und kom­plett eigen­stän­di­ge Geschich­ten. “Lili­en­blut” (2010), “Schat­ten­grund” (2012, das fand ich rich­tig klas­se! wur­de auch ver­filmt), See­feu­er” (20Lesealternativen14), “Die Müh­le” (2016, super­span­nend!) und “Zart­bit­ter­tod” (2018). Sie hat übri­gens noch eine Lie­bes­ge­schich­te zwi­schen­durch mal geschrie­ben (2013): “Sei­fen­bla­sen küsst man nicht”. Thril­ler, die im Eis spie­len? In den fin­ni­schen Nor­den ent­führt “Wenn er mich fin­det, bin ich tot” von Eli­sa­beth Rapp. Oder lies “Im Zau­ber des Nord­lichts” von Chris­to­pher Ross und die “Im Eis­land”-Rei­he von Kris­ti­na Gehr­mann. Schon etwas älter sind “Julie von den Wöl­fen” von Jean Crai­ghead Geor­ge und “Im Land des Nord­lichts: Die Kin­der von der Baf­fin-Insel” von Heluiz Washbur­ne und Anau­ta. Eine inter­es­san­te Neu­erschei­nung im Sach­buch­be­reich ist “Expe­di­ti­on Polar­stern: Dem Kli­ma­wan­del auf der Spur” von Katha­ri­na Weiss-Tui­der. Zwei Thril­ler, die in der Ant­ark­tis spie­len sind: “Das Exo­dus-Pro­jekt” von Dan Smith und “Fro­zen: Tod im Eis von Jens Schu­ma­cher. Rich­tig klas­se ist auch die Thril­ler-Rei­he aus Skan­di­na­vi­en “Dark Vil­la­ge” von Kjetil John­sen. Von der sami­schen Kul­tur im Jugend­buch kannst du zudem “Lass mich!” von Kath­ri­ne Ned­j­re­jord lesen, die selbst Samin ist. Ihr neus­tes Buch ist “Was Sara ver­birgt”. Zwei Thril­ler für Erwach­se­ne, die sami­sche Lebens­art und Span­nung ver­ei­nen, sind “40 Tage Nacht” von Oli­ver Truc (gute Lese­al­ter­na­ti­ve!) und Ein­sam und eis­kalt ist der Tod” von Lars Pet­ter­son.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: cbj
ISBN: 978-3-570-17608-5
Erscheinungsdatum: 1.März 2021
Einbandart: Hardcover
Preis: 22,00€
Seitenzahl: 464
Übersetzer: -
Originaltitel: -
Originalverlag: -
Originalcover: -

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Kasimiras Bewertung:

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(4,5 von 5 mög­li­chen Punkten)

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