“Ravna: Tod in der Arktis” ist der neueste All-Age-Thriller der deutschen Autorin Elisabeth Herrmann, die einen außergewöhnlichen Handlungsort für ihre Geschichte gewählt hat: sie entführt ihre Leser nach Norwegen in die Arktis. Als dort ein Mord passiert, wird das Leben einer jungen Frau, die gerade als Polizeipraktikantin ihren Dienst angetreten hat, völlig auf den Kopf gestellt. Mit spröden, eigenwilligen Charakteren, gewaltigen Landschaften und einer ganz besonderen (samischen) Kultur. Faszinierend, anders und sehr unterhaltsam. Mal ein ganz anderer Thriller! Für Jugendliche ab 14 Jahren und Erwachsene.
Vardø. Eine Stadt in Norwegen. Weit über dem Polarkreis der Arktis. Hier lebt die junge Ravna, die sich ebenso wie ihre Schwester Inga gegen die samische Tradition — sich um die Rentierherden der Familie zu kümmern — entschieden hat. Nun beginnt sie ein Praktikum auf der Polizeistation in Vardø. Auch wenn sie dort einen schweren Start hat: “Alle kannten sich. Und deshalb wussten sie auch, wer Ravna war. Woher sie kam und dass sie zu denen gehörte, denen man besser erst einmal gar nichts zutraute.” (Zitat aus “Ravna: Tod in der Arktis” S.11ff) Doch es liegen nur sechs Wochen Praktikum vor ihr, ehe sie ihrer Schwester, die bereits nach Oslo gegangen ist, folgen wird. Dort warten dann drei Jahre Polizeischule auf sie. Nicht damit gerechnet hat Ravna jedoch, dass sie gleich an ihrem ersten Tag
mit einem Mord konfrontiert wird: Man hat Olle Trygg an einer Begräbnisstätte der Samen tot aufgefunden. Er wurde verprügelt und anschließend mit einem Stich in den Nacken und ins Herz getötet. Auch Ravna kennt ihn. “Olle Trygg gehören riesige Rentierherden. Vor langer Zeit hat seine Familie auch das Land bekommen, auf dem sie weiden. Wir, der klägliche Rest, sind seine Pächter. Er nimmt von den Ärmsten, presst sie aus. Verdammt! Er ist ein Schwein.” (Zitat S.48) Er ist nicht gerade beliebt, gilt als egoistisch und hinterhältig. Hat eine Menge Feinde. Um die Ermittlungen zu leiten, taucht der eiskalte, abgebrühte und vom Leben gezeichnete Polizeihauptkommissar Rune Thor in Vardø auf. “Ich bin hier, weil die Regierung seit einigen Jahren gesteigerten Wert darauf legt, alle ihre Schäfchen gleich zu behandeln. Was im Klartext heißt: Ist ein Same in ein Verbreche
n verwickelt, wird Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt. Damit es hinterher nicht von euch heißt, wir hätten nicht alles versucht.” (Zitat S.45) Thor nimmt Ravna auf seine Einsätze mit, auch wenn er sie alles andere als freundlich behandelt. Doch während bald alles so aussieht, als wäre der Täter gefunden worden, hat Ravna den Eindruck, dass noch gar nichts gelöst wurde. Denn sie hat am Tatort Spuren entdeckt, die nur eine Samin entdecken kann. Spuren, die auf ein samisches Bestattungsritual hindeuten. Und das bedeutet, dass der Mörder entweder einer von ihnen ist oder diese Sitten kennt. Gemeinsam mit Thor versucht sie den wahren Täter zu finden…
Der Blick der Protagonistin auf dem Cover ist gut getroffen. Er wirkt geheimnisvoll, zurückhaltend, aber gleichzeitig einladend. “Bist du bereit mir in meine Welt zu folgen?” scheint er den Leser geradezu anzusprechen. Und auf die Welt einlassen, das muss man sich wirklich erst einmal in Elisabeth Herrmanns Thriller. In dieses fremde, ungewohnte, raue Land: “Der Wind holte tief Luft und blies eine Böe über den Varangerfjord. Das graue Wasser kräuselte sich, ein paar matte Wellen schwappten ans Ufer. In der Ferne des Nordens das große Nichts. Die Einsamkeit der Arktis.” (Zitat S.10ff) In einem Vorwort erwähnt die Autorin bereits eine der Eigenarten, die sie in ihrer Geschichte weitgehend versucht hat beizubehalten: es wird sich in den skandinavischen Ländern vornehmlich geduzt, selbst das Königshaus bietet meist das “Du” an. Und weibliche Berufsbezeichnungen wie “Praktikantin” werden nicht
verwendet. Es heißt in “Ravna: Tod in der Arktis” also nur “Praktikant”. Das Buch ist in mehrere Teile gegliedert, die jeweils mit einem Zitat eingeleitet werden, das aus “Máttaráhkkás weite Reise. Eine Erzählung aus dem Samenland” von Sissel Horndal stammt. Die Perspektive liegt durchgehend bei Ravna in personaler Erzählweise. Am Anfang sind manchen Kapiteln Angaben mit Datum, Ort, Zeit des Sonnenauf- und Untergangs vorangestellt und vor allem mit der Dauer der Tageslänge, welche immer kürzer wird. Schließlich enden diese Angaben komplett und die Stimmung in dem allgemein schon etwas rau und düster gehaltenen Buch, wird buchstäblich noch finsterer: “Die Sonne sank. Ganz langsam erschloss der Glanz und der goldene Schleier aus Licht zog sich zum letzten Mal von der arktischen Landschaft zurück
. Nun blieben nur noch der Mond, die Sterne und die Polarlichter. […] Die Sonne würden sie erst wieder im Februar wiedersehen.” (Zitat S.103) An all das muss man sich als Leser erst einmal gewöhnen. An die veränderten Lichtverhältnisse, an die Kultur der Samen, an die Menschen. Alles wirkt anders und fremd. Auch von der Spannung her hat mich die Geschichte anfangs noch nicht sonderlich mitgerissen. Doch je besser man die Protagonisten kennenlernt, desto faszinierender und beeindruckender wird das Leseerlebnis. Vor allem Rune Thor und Ravna sind zwei wirklich außergewöhnliche Charaktere. Thor, der von einem großen Verlust geprägt wurde, aber einer der besten seines Fachs ist und sich schon gerne mal mit Alkohol, der eigentlich für die Asservatenkammer gedacht war, abschießt, um zu vergessen. Und Ravna, die schon immer unterschät
zt und wie eine Außenseiterin behandelt wurde, und nun sogar die Erste in ihrer Familie ist, die einen “richtigen” Beruf erlernt. “Das mit den Rentieren war ja in den Augen der Norweger nur Folklore.” (Zitat S.26) Sie ist taff, sie hat einen ganz anderen Blick Dinge zu betrachten. Sie muss sich durchbeißen auf der Polizeistation und vor allem mit den Launen von Thor umgehen. Aber sie macht auch eine schöne Entwicklung durch und wächst über sich hinaus: “Fachlich war sie immer noch eine ahnungslose Anfängerin. Aber irgendetwas in ihr hatte an Stärke und Spannung gewonnen. Sie wusste nicht, wie sie es beschreiben sollte. Sie fühlte sich wie die Saite eines Musikinstruments oder eine Bogensehne, die richtig gespannt worden war.” (Zitat S.126) Aber auch Nebencharaktere, wie die geheimnisvolle Léna, die man nicht immer durchschaut
oder Mikkel, der Ravna schon in der Grundschule das Leben schwer gemacht hat, sind interessant. Auch die Gegensätze zwischen Tradition und Moderne haben mir gut gefallen. Da gibt es ein Mädchen, das völlig zurückgezogen mit ihrem Vater und seinen Rentierherden lebt, aber gleichzeitig sich ein zweites, (geheimes) Leben auf Instagram aufgebaut hat und eine vierstellige Followeranzahl hat. Das Ende erhöht noch einmal ordentlich das Erzähltempo ist nervenzerreißend spannend! In einem Nachwort erklärt Elisabeth Herrmann noch mehr über die Entstehungsgeschichte des Buches.
Wenn dir “Ravna: Tod in der Arktis” gefallen hat, kannst du auch noch die anderen Jugendbuchthriller lesen, die Elisabeth Herrmann zuvor geschrieben hat. Sie sind alle unabhängig voneinander zu lesen und komplett eigenständige Geschichten. “Lilienblut” (2010), “Schattengrund” (2012, das fand ich richtig klasse! wurde auch verfilmt), “Seefeuer” (20
14), “Die Mühle” (2016, superspannend!) und “Zartbittertod” (2018). Sie hat übrigens noch eine Liebesgeschichte zwischendurch mal geschrieben (2013): “Seifenblasen küsst man nicht”. Thriller, die im Eis spielen? In den finnischen Norden entführt “Wenn er mich findet, bin ich tot” von Elisabeth Rapp. Oder lies “Im Zauber des Nordlichts” von Christopher Ross und die “Im Eisland”-Reihe von Kristina Gehrmann. Schon etwas älter sind “Julie von den Wölfen” von Jean Craighead George und “Im Land des Nordlichts: Die Kinder von der Baffin-Insel” von Heluiz Washburne und Anauta. Eine interessante Neuerscheinung im Sachbuchbereich ist “Expedition Polarstern: Dem Klimawandel auf der Spur” von Katharina Weiss-Tuider. Zwei Thriller, die in der Antarktis spielen sind: “Das Exodus-Projekt” von Dan Smith und “Frozen: Tod im Eis” von Jens Schumacher. Richtig klasse ist auch die Thriller-Reihe aus Skandinavien “Dark Village” von Kjetil Johnsen. Von der samischen Kultur im Jugendbuch kannst du zudem “Lass mich!” von Kathrine Nedjrejord lesen, die selbst Samin ist. Ihr neustes Buch ist “Was Sara verbirgt”. Zwei Thriller für Erwachsene, die samische Lebensart und Spannung vereinen, sind “40 Tage Nacht” von Oliver Truc (gute Lesealternative!) und “Einsam und eiskalt ist der Tod” von Lars Petterson.
Bibliografische Angaben:Verlag: cbj ISBN: 978-3-570-17608-5 Erscheinungsdatum: 1.März 2021 Einbandart: Hardcover Preis: 22,00€ Seitenzahl: 464 Übersetzer: - Originaltitel: - Originalverlag: - Originalcover: -
Kasimira auf Instagram:
Kasimiras Bewertung:
(4,5 von 5 möglichen Punkten)

Verlag: cbj
ISBN: 978-3-570-17608-5
Erscheinungsdatum: 1.März 2021
Einbandart: Hardcover
Preis: 22,00€
Seitenzahl: 464
Übersetzer: -
Originaltitel: -
Originalverlag: -
Originalcover: -