E. Lockhart — Bad Girls

E. Lockhart Bad Girls6. August 2018

Nach ihrem Erfolgs­ti­tel “Solan­ge wir lügen” hat die ame­ri­ka­ni­sche Auto­rin E.Lockhart nun end­lich wie­der etwas Neu­es her­aus­ge­bracht: “Bad Girls” ist ein Span­nungs­ro­man über eine außer­ge­wöhn­li­che Freund­schaft, eine undurch­schau­ba­re Prot­ago­nis­tin und (min­des­tens) einen Mord. Eine Geschich­te, die inter­es­san­ter­wei­se rück­wärts erzählt wird und in der nichts ist, wie es scheint. Unter­halt­sam und raf­fi­niert erzählt, aber lei­der bei Wei­tem nicht so über­zeu­gend und mit­rei­ßend wie ihr vor­he­ri­ges Buch. Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und Erwach­se­ne.

Seit 4 Wochen resi­diert die 18-jäh­ri­ge Jule West Wil­liams bereits im Hotel Playa Gran­de im Feri­en­ort Cabo San Lucas in Mexi­ko. Jule West Wil­liams sah gut genug aus. Sie konn­te weder als häss­lich bezeich­net wer­den noch im all­ge­mei­nen Sinn als heiß. Sie war klein, nur einen Meter fünf­und­fünf­zig und hielt das Kinn immer erho­ben. Ihre Fri­sur wirk­te jun­gen­haft, mit blon­den Sträh­nen vom Fri­seur, bei denen mitt­ler­wei­le der dunk­le Ansatz zu sehen war. Grü­ne Augen, blas­se Haut, hel­le Som­mer­spros­sen.” (Zitat aus “Bad Girls” S.12) Im Fit­ness­raum wird sie von einer Frau namens Noa ange­spro­chen, die sie in ein locke­res Gespräch ver­wi­ckelt. Noa brauch­te eine Aus­zeit von der Pfle­ge ihres kran­ken Vaters und hat des­halb die­ses Hotel auf­ge­sucht. Sie trägt eine Nar­be an ihrem Unter­arm. Jule stellt sich als aus Lon­don kom­mend vor. Dabei ist sie Ame­ri­ka­ne­rin. Sie beherrscht dieE. Lockhart Bad Girls  unter­schied­lichs­ten Dia­lek­te. Sie ist ein Wai­sen­kind, seit ihre Eltern ermor­det wur­den und eine Art Tan­te sich ihrer ange­nom­men hat, die ihr eine ganz beson­de­re Aus­bil­dung hat zuteil kom­men las­sen: “Jule geht auf eine Spe­zi­al-Aka­de­mie […]. Sie lernt Über­le­bens­tech­ni­ken, macht Rück­wärts­sal­tos und schafft es, sich aus Hand­schel­len und Zwangs­ja­cken zu befrei­en. Sie trägt Hosen aus Leder und hat die Taschen vol­ler tech­ni­scher Spie­le­rei­en. Unter­rich­tet wer­den Fremd­spra­chen, gesell­schaft­li­che Kon­ven­tio­nen, Lite­ra­tur, Kampf­sport­ar­ten, der Umgang mit Schuss­waf­fen, wie man sich ver­klei­det, ver­schie­de­ne Akzen­te, Metho­den der Fäl­schung und die Fein­hei­ten des Geset­zes.” (Zitat S.24) Nach zehn Jah­ren Aus­bil­dung ist Jule jetzt wan­del­bar wie ein Cha­mä­le­on. Sie ver­wen­det unter­schied­li­che Geschich­ten, die sie ande­ren Men­schen über sich erzählt. Sie hat ver­schie­de­ne Päs­se im Hand­ge­päck. Sie ver­än­dert ihr Aus­se­hen. Und sie nennt sich ger­ne Imo­gen, wenn sie sich Frem­den vor­stellt. Imo­gen war Jules bes­te Freun­din. Und Pao­lo, das war der Mann, für den sie uner­war­te­te Gefüh­le ent­wi­ckel­te. “Sie wünsch­te, sie könn­te Immies tie­fes Lachen hören und ihre nicht enden wol­len­den Sät­ze, die Geheim­nis­se aus­schüt­te­ten. […] Sie wünsch­te, Pao­lo wür­de vor­bei­kom­men, die Arme um sie legen und ihr sagen — wie er es ein­mal getan hat­te -, was für ein groß­ar­ti­ger Mensch sie sei. Sie wünsch­te sich jeman­den, der sie bedin­gungs­los lieb­te, der E. Lockhart Bad Girlsihr alles ver­ge­ben konn­te. […] Weder Pao­lo noch Immie waren dazu in der Lage.” (Zitat S.33) Doch Imo­gen ist nicht mehr da. Imo­gen, die ein Wai­sen­kind war, so wie Jule, die am liebs­ten frei nach Schnau­ze rede­te und die ihr Col­le­ge abge­bro­chen hat­te, weil sie es nicht moch­te, wenn ihr jemand vor­schrieb, was sie zu tun hat­te. Deren ver­mö­gen­den Adop­tiv­el­tern an den ame­ri­ka­ni­schen Traum glaub­ten. Die selbst aber lie­ber den Moment genoss, anstatt auf ein gro­ßes Ziel hin­zu­ar­bei­ten. Doch jetzt ist Imo­gen tot. Hat Selbst­mord began­gen. Und Jule ist immer unter­wegs in der Welt­ge­schich­te. Doch als sie sich kurz dar­auf mit dem Bar­kee­per unter­hält, erfährt sie, dass Noa nach ihr gesucht hat. “Noa wuss­te, dass Jule Ame­ri­ka­ne­rin war. Das bedeu­te­te, Noa war ein Cop. Oder etwas in der Art. Es konn­te nicht anders sein. Sie hat­te Julie mit all dem Gere­de nur eine Fal­le gestellt. […] Es war alles ein abge­kar­te­tes Spiel, damit sie Noa als Ver­trau­te sah, nicht als Geg­ne­rin.” (Zitat S.18) Jetzt muss Jule schnell das Wei­te suchen. Ehe ihre Ver­gan­gen­heit sie ein­holt…

Bad Girls” beginnt mit einem merk­wür­di­gen Vor­wort, auf das man sich zunächst nicht wirk­lich einen Reim machen kann: “Für alle, denen bei­ge­bracht wur­de, dass lieb klein und still bedeu­tet: Hier ist mein Herz mit all sei­nen häss­li­chen Wir­ren und sei­nem herr­li­chen Zorn.” (Zitat S.5) Und es gibt bald vie­les, auf das man sich in dem Roman zunächst kei­nen Reim machen kann. Dafür ist vor allem Jule zur E. Lockhart Bad GirlsVer­ant­wor­tung zu zie­hen, aus deren Sicht in der per­so­na­len Erzähl­per­spek­ti­ve das Gan­ze geschrie­ben ist. “Jule trank noch eine Cola light. Sie kon­trol­lier­te ihr Make-up und box­te ihrem Spie­gel­bild im reflek­tie­ren­den Glas der Loun­ge­schei­be zu. Dann lach­te sie laut auf, denn sie sah gleich­zei­tig däm­lich und fan­tas­tisch aus.” (Zitat S.14) Sie ist ein unkon­trol­lier­ba­rer, undurch­schau­ba­rer, schwie­ri­ger Cha­rak­ter. War­um nennt sie sich Imo­gen? War­um hat sie meh­re­re Päs­se geklaut? Vor allem ist sie kein ein­deu­ti­ger, in eine Schub­la­de zuord­nungs­ba­rer Cha­rak­ter. “Könn­te sie doch in der Zeit zurück­rei­sen, dann wür­de sie ein bes­se­rer Mensch sein. Oder ein ande­rer Mensch. Sie wür­de mehr sie selbst sein. Oder viel­leicht weni­ger sie selbst. Sie hat­te kei­ne Ahnung, denn sie wuss­te nicht mehr, wel­che Form ihr eige­nes Ich hat­te oder ob es eigent­lich gar kei­ne Jule gab, son­dern nur eine Rei­he Per­sön­lich­kei­ten, für die sie sich in ver­schie­de­nen Situa­tio­nen aus­gab.” (Zitat S.32) Wer ist Jule wirk­lich? Wel­che der Geschich­ten, die sie über sich erzählt, ist wahr? Das ist viel­leicht die größ­te Schwie­rig­keit beim Lesen. Dass man nie weiß, was der Wahr­heit ent­spricht und was eine Lüge ist. Hat sie tat­säch­lich ein Leicht­ath­le­tik­sti­pen­di­um erhal­ten und war ein Jahr auf Stan­ford, um dort Vik­to­ria­ni­sche Lite­ra­tur und Sozio­lo­gie zu stu­die­ren? Ehe ihr E. Lockhart Bad GirlsTrai­ner zudring­lich wur­de und sie schließ­lich frei­wil­lig das Team ver­ließ und somit das Stu­di­um abbrach? Sind ihre Eltern wirk­lich ermor­det wor­den und sie wur­de von ihrer Tan­te aus­ge­bil­det? Oder hat sie die­sen Teil ihrer Ver­gan­gen­heit, der einer Hel­den­ge­schich­te gleicht, ein­fach erfun­den? “Zu der Zeit, als sie im Playa Gran­de wohn­te, moch­te sie die­se Geschich­te lie­ber als alle ande­ren, die sie noch über sich erzäh­len konn­te.” (Zitat S.24) Das Buch ver­wirrt. Und es wird — und das ist viel­leicht das Inter­es­san­tes­te dar­an — von der ers­ten Sze­ne im Hotel ab fort­lau­fend rück­wärts erzählt! Was noch mehr ver­wirrt, da vie­le Hand­lungs­strän­ge noch wirk­lich zuge­ord­net wer­den kön­nen. Aller­dings ent­fal­tet sich die Geschich­te dadurch auch auf eine gan­ze beson­de­re Art und Wei­se und Din­ge, die am Anfang noch neben­säch­lich schie­nen, bekom­men bald dar­auf eine ganz ande­re Bedeu­tung. Am Anfang hat­te ich noch gar kein Gefühl, in was für eine Rich­tung “Bad Girls” gehen könn­te, aber je mehr man liest, umso mehr begreift man die Zusam­men­hän­ge. Trotz allem hat mich das Buch mit der eher unsym­pa­thi­schen Prot­ago­nis­tin, zu der man nicht wirk­lich eine Bezie­hung auf­bau­en kann, zu Beginn nicht so wirk­lich fes­seln kön­nen. Auch hat mir die lite­ra­ri­sche Qua­li­tät aus “Solan­ge wir lügen” gefehlt. Der Erzähl­ton ist teil­wei­se fast kli­nisch nüch­tern und die Prot­ago­nis­tin wirkt zu wenig greif­bar, als dass er atmo­sphä­risch wir­ken könn­te: “Jule bestell­te über den Zim­mer­ser­vice ein Steak. Als es kam, aß sie es kom­plett auf und trank zwei gro­ße Glä­ser Was­ser dazu. Danach schlief sie achtSally Nicholls, Wünsche sind für Versagerzehn Stun­den. Als sie auf­wach­te, war sie vol­ler Taten­drang.” (Zitat S.108) Am Ende wird es dann schon span­nen­der. Das Buch soll übri­gens mit Lena Dun­ham und Jen­ni Kor­mer ver­filmt wer­den.

Fazit:Bad Girls” ist geheim­nis­voll und anders, mit einer unzu­ver­läs­si­gen Erzäh­le­rin, die für eini­ge Über­ra­schun­gen sorgt. Blieb aber lei­der hin­ter mei­nen Erwar­tun­gen zurück.

Dir gefällt das Buch von E.Lockhart? Dann lies unbe­dingt noch “Solan­ge wir lügen” von ihr, mit dem sie rich­tig gro­ßen Erfolg hat­te. Etwas unbe­kann­ter sind von ihr noch “Die unrühm­li­che Geschich­te der Fran­kie Land­au-Banks” oder die vier­bän­di­ge “Ruby”-Rei­he. Du magst Bücher, die rück­wärts erzählt wer­den? Dann greif zu “Wün­sche sind für Ver­sa­ger” von Sal­ly Nicholls oder zu “Schat­ten­ge­sicht” von Ant­je Wag­ner (toll!). Die Lesealternativenbes­te Freun­din, die sich das Leben genom­men hat? Das kannst du auch in fol­gen­den Büchern ent­de­cken: in “Win­ter­mäd­chen” von Lau­rie Hal­se Ander­son (schon etwas älter, berüh­rend!), in “Love you, miss you, hate you” von Eli­sa­beth Scott (toll erzählt), in “Ich wer­de immer da sein, wo du auch bist” von Nina LaCour (sehr bewe­gend!) oder in der Neu­erschei­nung von die­sem Jahr “Irgend­was von dir” von Gayle For­man. Eine gelun­ge­ne Novi­tät ist eben­so “Mein wil­des blau­es Wun­der” von Car­lie Soro­siak, in dem ein Jun­ge ver­stor­ben ist und man erst nach und nach erfährt, war­um. Mani­pu­la­ti­ve Mäd­chen und Freund­schaft, das fin­dest du in “Die Wahr­heit über Ali­ce” von Rebec­ca James, “Du denkst, du weißt, wer ich bin” von Em Bai­ley und in “Spring in den Him­mel” von Lot­te Kin­sko­fer. Sehr gut könn­te ich mir auch “Bewa­re that girl” von Tere­sa Toten und “Bad Boys & Litt­le Bit­ches” von Andre­as Götz vor­stel­len.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Ravensburger
ISBN: 978-3-473-40167-3
Erscheinungsdatum: 20.Juni 2018
Einbandart: Hardcover
Preis: 16,99€ 
Seitenzahl: 320 
Übersetzer: Franziska Jaekel
Originaltitel: "Genuine Fraud" 
Originalverlag: Hot Key Books

Amerikanisches Originalcover:
E. Lockhart Bad Girls











Trailer zum Buch (auf Englisch):
 

Kasimiras Bewertung:

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(3,5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

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Amerikanisches Cover: Homepage von E.Lockhart

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