Nach ihrem Erfolgstitel “Solange wir lügen” hat die amerikanische Autorin E.Lockhart nun endlich wieder etwas Neues herausgebracht: “Bad Girls” ist ein Spannungsroman über eine außergewöhnliche Freundschaft, eine undurchschaubare Protagonistin und (mindestens) einen Mord. Eine Geschichte, die interessanterweise rückwärts erzählt wird und in der nichts ist, wie es scheint. Unterhaltsam und raffiniert erzählt, aber leider bei Weitem nicht so überzeugend und mitreißend wie ihr vorheriges Buch. Für Jugendliche ab 14 Jahren und Erwachsene.
Seit 4 Wochen residiert die 18-jährige Jule West Williams bereits im Hotel Playa Grande im Ferienort Cabo San Lucas in Mexiko. “Jule West Williams sah gut genug aus. Sie konnte weder als hässlich bezeichnet werden noch im allgemeinen Sinn als heiß. Sie war klein, nur einen Meter fünfundfünfzig und hielt das Kinn immer erhoben. Ihre Frisur wirkte jungenhaft, mit blonden Strähnen vom Friseur, bei denen mittlerweile der dunkle Ansatz zu sehen war. Grüne Augen, blasse Haut, helle Sommersprossen.” (Zitat aus “Bad Girls” S.12) Im Fitnessraum wird sie von einer Frau namens Noa angesprochen, die sie in ein lockeres Gespräch verwickelt. Noa brauchte eine Auszeit von der Pflege ihres kranken Vaters und hat deshalb dieses Hotel aufgesucht. Sie trägt eine Narbe an ihrem Unterarm. Jule stellt sich als aus London kommend vor. Dabei ist sie Amerikanerin. Sie beherrscht die
unterschiedlichsten Dialekte. Sie ist ein Waisenkind, seit ihre Eltern ermordet wurden und eine Art Tante sich ihrer angenommen hat, die ihr eine ganz besondere Ausbildung hat zuteil kommen lassen: “Jule geht auf eine Spezial-Akademie […]. Sie lernt Überlebenstechniken, macht Rückwärtssaltos und schafft es, sich aus Handschellen und Zwangsjacken zu befreien. Sie trägt Hosen aus Leder und hat die Taschen voller technischer Spielereien. Unterrichtet werden Fremdsprachen, gesellschaftliche Konventionen, Literatur, Kampfsportarten, der Umgang mit Schusswaffen, wie man sich verkleidet, verschiedene Akzente, Methoden der Fälschung und die Feinheiten des Gesetzes.” (Zitat S.24) Nach zehn Jahren Ausbildung ist Jule jetzt wandelbar wie ein Chamäleon. Sie verwendet unterschiedliche Geschichten, die sie anderen Menschen über sich erzählt. Sie hat verschiedene Pässe im Handgepäck. Sie verändert ihr Aussehen. Und sie nennt sich gerne Imogen, wenn sie sich Fremden vorstellt. Imogen war Jules beste Freundin. Und Paolo, das war der Mann, für den sie unerwartete Gefühle entwickelte. “Sie wünschte, sie könnte Immies tiefes Lachen hören und ihre nicht enden wollenden Sätze, die Geheimnisse ausschütteten. […] Sie wünschte, Paolo würde vorbeikommen, die Arme um sie legen und ihr sagen — wie er es einmal getan hatte -, was für ein großartiger Mensch sie sei. Sie wünschte sich jemanden, der sie bedingungslos liebte, der
ihr alles vergeben konnte. […] Weder Paolo noch Immie waren dazu in der Lage.” (Zitat S.33) Doch Imogen ist nicht mehr da. Imogen, die ein Waisenkind war, so wie Jule, die am liebsten frei nach Schnauze redete und die ihr College abgebrochen hatte, weil sie es nicht mochte, wenn ihr jemand vorschrieb, was sie zu tun hatte. Deren vermögenden Adoptiveltern an den amerikanischen Traum glaubten. Die selbst aber lieber den Moment genoss, anstatt auf ein großes Ziel hinzuarbeiten. Doch jetzt ist Imogen tot. Hat Selbstmord begangen. Und Jule ist immer unterwegs in der Weltgeschichte. Doch als sie sich kurz darauf mit dem Barkeeper unterhält, erfährt sie, dass Noa nach ihr gesucht hat. “Noa wusste, dass Jule Amerikanerin war. Das bedeutete, Noa war ein Cop. Oder etwas in der Art. Es konnte nicht anders sein. Sie hatte Julie mit all dem Gerede nur eine Falle gestellt. […] Es war alles ein abgekartetes Spiel, damit sie Noa als Vertraute sah, nicht als Gegnerin.” (Zitat S.18) Jetzt muss Jule schnell das Weite suchen. Ehe ihre Vergangenheit sie einholt…
“Bad Girls” beginnt mit einem merkwürdigen Vorwort, auf das man sich zunächst nicht wirklich einen Reim machen kann: “Für alle, denen beigebracht wurde, dass lieb klein und still bedeutet: Hier ist mein Herz mit all seinen hässlichen Wirren und seinem herrlichen Zorn.” (Zitat S.5) Und es gibt bald vieles, auf das man sich in dem Roman zunächst keinen Reim machen kann. Dafür ist vor allem Jule zur
Verantwortung zu ziehen, aus deren Sicht in der personalen Erzählperspektive das Ganze geschrieben ist. “Jule trank noch eine Cola light. Sie kontrollierte ihr Make-up und boxte ihrem Spiegelbild im reflektierenden Glas der Loungescheibe zu. Dann lachte sie laut auf, denn sie sah gleichzeitig dämlich und fantastisch aus.” (Zitat S.14) Sie ist ein unkontrollierbarer, undurchschaubarer, schwieriger Charakter. Warum nennt sie sich Imogen? Warum hat sie mehrere Pässe geklaut? Vor allem ist sie kein eindeutiger, in eine Schublade zuordnungsbarer Charakter. “Könnte sie doch in der Zeit zurückreisen, dann würde sie ein besserer Mensch sein. Oder ein anderer Mensch. Sie würde mehr sie selbst sein. Oder vielleicht weniger sie selbst. Sie hatte keine Ahnung, denn sie wusste nicht mehr, welche Form ihr eigenes Ich hatte oder ob es eigentlich gar keine Jule gab, sondern nur eine Reihe Persönlichkeiten, für die sie sich in verschiedenen Situationen ausgab.” (Zitat S.32) Wer ist Jule wirklich? Welche der Geschichten, die sie über sich erzählt, ist wahr? Das ist vielleicht die größte Schwierigkeit beim Lesen. Dass man nie weiß, was der Wahrheit entspricht und was eine Lüge ist. Hat sie tatsächlich ein Leichtathletikstipendium erhalten und war ein Jahr auf Stanford, um dort Viktorianische Literatur und Soziologie zu studieren? Ehe ihr
Trainer zudringlich wurde und sie schließlich freiwillig das Team verließ und somit das Studium abbrach? Sind ihre Eltern wirklich ermordet worden und sie wurde von ihrer Tante ausgebildet? Oder hat sie diesen Teil ihrer Vergangenheit, der einer Heldengeschichte gleicht, einfach erfunden? “Zu der Zeit, als sie im Playa Grande wohnte, mochte sie diese Geschichte lieber als alle anderen, die sie noch über sich erzählen konnte.” (Zitat S.24) Das Buch verwirrt. Und es wird — und das ist vielleicht das Interessanteste daran — von der ersten Szene im Hotel ab fortlaufend rückwärts erzählt! Was noch mehr verwirrt, da viele Handlungsstränge noch nicht wirklich zugeordnet werden können. Allerdings entfaltet sich die Geschichte dadurch auch auf eine ganze besondere Art und Weise und Dinge, die am Anfang noch nebensächlich schienen, bekommen bald darauf eine ganz andere Bedeutung. Am Anfang hatte ich noch gar kein Gefühl, in was für eine Richtung “Bad Girls” gehen könnte, aber je mehr man liest, umso mehr begreift man die Zusammenhänge. Trotz allem hat mich das Buch mit der eher unsympathischen Protagonistin, zu der man nicht wirklich eine Beziehung aufbauen kann, zu Beginn nicht so wirklich fesseln können. Auch hat mir die literarische Qualität aus “Solange wir lügen” gefehlt. Der Erzählton ist teilweise fast klinisch nüchtern und die Protagonistin wirkt zu wenig greifbar, als dass er atmosphärisch wirken könnte: “Jule bestellte über den Zimmerservice ein Steak. Als es kam, aß sie es komplett auf und trank zwei große Gläser Wasser dazu. Danach schlief sie acht
zehn Stunden. Als sie aufwachte, war sie voller Tatendrang.” (Zitat S.108) Am Ende wird es dann schon spannender. Das Buch soll übrigens mit Lena Dunham und Jenni Kormer verfilmt werden.
Fazit: “Bad Girls” ist geheimnisvoll und anders, mit einer unzuverlässigen Erzählerin, die für einige Überraschungen sorgt. Blieb aber leider hinter meinen Erwartungen zurück.
Dir gefällt das Buch von E.Lockhart? Dann lies unbedingt noch “Solange wir lügen” von ihr, mit dem sie richtig großen Erfolg hatte. Etwas unbekannter sind von ihr noch “Die unrühmliche Geschichte der Frankie Landau-Banks” oder die vierbändige “Ruby”-Reihe. Du magst Bücher, die rückwärts erzählt werden? Dann greif zu “Wünsche sind für Versager” von Sally Nicholls oder zu “Schattengesicht” von Antje Wagner (toll!). Die
beste Freundin, die sich das Leben genommen hat? Das kannst du auch in folgenden Büchern entdecken: in “Wintermädchen” von Laurie Halse Anderson (schon etwas älter, berührend!), in “Love you, miss you, hate you” von Elisabeth Scott (toll erzählt), in “Ich werde immer da sein, wo du auch bist” von Nina LaCour (sehr bewegend!) oder in der Neuerscheinung von diesem Jahr “Irgendwas von dir” von Gayle Forman. Eine gelungene Novität ist ebenso “Mein wildes blaues Wunder” von Carlie Sorosiak, in dem ein Junge verstorben ist und man erst nach und nach erfährt, warum. Manipulative Mädchen und Freundschaft, das findest du in “Die Wahrheit über Alice” von Rebecca James, “Du denkst, du weißt, wer ich bin” von Em Bailey und in “Spring in den Himmel” von Lotte Kinskofer. Sehr gut könnte ich mir auch “Beware that girl” von Teresa Toten und “Bad Boys & Little Bitches” von Andreas Götz vorstellen.
Bibliografische Angaben:Verlag: Ravensburger ISBN: 978-3-473-40167-3 Erscheinungsdatum: 20.Juni 2018 Einbandart: Hardcover Preis: 16,99€ Seitenzahl: 320 Übersetzer: Franziska Jaekel Originaltitel: "Genuine Fraud" Originalverlag: Hot Key Books Amerikanisches Originalcover:
Trailer zum Buch (auf Englisch):
Kasimiras Bewertung:
(3,5 von 5 möglichen Punkten)
------------------------------------------- Amerikanisches Cover: Homepage von E.Lockhart

Verlag: Ravensburger
ISBN: 978-3-473-40167-3
Erscheinungsdatum: 20.Juni 2018
Einbandart: Hardcover
Preis: 16,99€
Seitenzahl: 320
Übersetzer: Franziska Jaekel
Originaltitel: "Genuine Fraud"
Originalverlag: Hot Key Books
Amerikanisches Originalcover:
Trailer zum Buch (auf Englisch):