Dirk Pope — Still!

Kasimira2.Oktober 2020

Still!” ist der neue Roman des deut­schen Autoren Dirk Pope, der aktu­ell für den Deut­schen Jugend­li­te­ra­tur­preis in der Kate­go­rie “Son­der­preis — Neue Talen­te” nomi­niert wur­de. Sein Vor­gän­ger­werk “Abge­fah­ren” muss­te in die­ser Hin­sicht letz­tes Jahr eben­falls dar­an glau­ben;-) War­um die­se Nomi­nie­run­gen gerecht­fer­tigt sind, das kann ich defi­ni­tiv nach­voll­zie­hen: “Still!” ist ein lite­ra­ri­sches Klein­od, eine Geschich­te her­aus­ra­gen­der erzäh­le­ri­scher Qua­li­tät. Ein Roman über das Anders­sein, über das Schwei­gen und über Freund­schaft. Ein Buch abseits des Main­streams — anders, schräg und vor Klug­heit und Raf­fi­nes­se strah­lend. Lese­tipp! Für Jugend­li­che ab 13 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwach­se­ne.

Mari­el­la spricht nicht mehr. Seit sich ihre Eltern getrennt haben. Schon frü­her hat sie nie viel gespro­chen, war mehr so der ein­sil­bi­ge Typ. “Mitt­ler­wei­le ist mir selbst eine Sil­be zu viel. Das hat auch mit mei­nen Eltern zu tun. Oder mit dem, was davon übrig geblie­ben ist. Ein letz­ter Rest, mit dem es nichts zu reden gibt. Und längst bin ich der Kno­ten in der Zun­ge, der ers­te und letz­te Buch­sta­be jedes Schwei­ge­ge­lüb­des, die Meis­te­rin des Still­seins, stil­ler als die schwär­zes­te Nacht, als der tiefs­te Oze­an.” (Zitat aus “Still!” S.10) Doch je lau­ter es zu Hau­se auf­grund der Strei­te­rei­en ihrer Eltern wur­de, des­to lei­ser wur­de Mari­el­la, bis sie irgend­wann gar nicht mehr sprach. Nicht zu Hau­se, nicht in der Schu­le. Nir­gend­wo mehr. Jetzt wohnt sie bei ihrer Mut­ter, die von der Stadt in ein klei­nes länd­li­ches Dörf­chen gezo­gen ist. Ihre Mut­ter, die mit ihrem Schwei­gen auch über­haupt nicht umge­hen kann: “Wochen­lang hat sie auf mich ein­ge­re­det. Sie hat mir gedroht. Sie hat michKasimiraange­schrien. Sie ist in Trä­nen aus­ge­bro­chen. Sie war mit mir beim Arzt. Sie hat ver­sucht, mit ihrem Schwei­gen mein eige­nes Schwei­gen zu durch­bre­chen. Ihr letz­ter Ver­such ent­behrt nicht einer gewis­sen Ori­gi­na­li­tät. Sie hat ein klei­nes Aqua­ri­um ange­schafft, in dem zwei Gold­fi­sche schwim­men.” (Zitat S.18) Auch in ihrer Umge­bung kom­men vie­le mit ihrer schwei­gen­den Art nicht klar. Eine Mit­schü­le­rin, die neben ihr sitzt, ruft jedes Mal, wenn Mari­el­la im Unter­richt auf­ge­ru­fen wird und nicht ant­wor­tet, dass die­se doch dumm wie Brot sei und sogar zu dumm zum Reden. Eben­so Leh­rer, die sie aus ihrem Schne­cken­haus locken oder pro­vo­zie­ren wol­len, in dem sie sie nach vor­ne an die Tafel zum Vor­le­sen eines Refe­rats bei­spiels­wei­se holen, kön­nen mit ihrem Schwei­gen nicht umge­hen: “Es ist ihnen unbe­greif­lich. Sie füh­len sich vor den Kopf gesto­ßen, und ich bin ihnen rät­sel­haft. […] Ich glau­be, das ist das Haupt­pro­blem: dass man immer alles auf sich bezieht. Dass jemand aber ein­fach nicht reden will — allein um des Reden wil­len -, kommt nie­man­dem in den Sinn. Statt­des­sen hal­ten sie mich für ein­fäl­tig oder arro­gant.” (Zitat S.32) Schon des Öfte­ren wur­de Mari­el­la zum Direk­tor geschickt. Aber auch dort sagt sie nichts. Ihr Leben ver­än­dert sich, als sie eines Tages Stan ken­nen­lernt. Stan, der eigent­lich Ste­fan heißt und gehör­los ist. “Auf eine merk­wür­di­ge Wei­se war mir Stan ver­traut, obwohl wir uns nicht kann­ten. Wir saßen neben­ein­an­der und sag­ten kein Wort. Natür­lich nicht.”Kasimira (Zitat S.53)Sie fan­gen an sich Nach­rich­ten zu schi­cken und auf die­se Wei­se mit­ein­an­der zu kom­mu­ni­zie­ren. Doch dann gerät alles außer Kon­trol­le…

Das Cover hat irgend­wie ein biss­chen etwas Nost­al­gi­sches, eine Mischung aus Foto­gra­fie und Zeich­nung, eine Col­la­ge. Schaut man genau hin, erkennt man die (Gold-)Fische im Hin­ter­grund. Dazu der auf­for­dern­de Blick des Mäd­chens mit der ein­deu­ti­gen Ges­te und der knal­len­de, schwar­ze Text inklu­si­ve Aus­ru­fe­zei­chen — das macht neu­gie­rig.Sei still und hör zu” for­dert die Geschich­te gera­de­zu auf. Und “Still!”, das mit zwei Zita­ten über Stil­le von Kate Nash und John Green ein­ge­lei­tet wird, ist tat­säch­lich ein Buch, auf das man sich ein­las­sen muss, hat einen Erzähl­stil, an den man sich erst ein­mal gewöh­nen muss — aber einen der sich lohnt! Viel Hand­lung gibt es zu Beginn noch nicht, der Grund­ton ist etwas phi­lo­so­phisch und lässt sich vor allem Zeit die Haupt­fi­gur — Mari­el­la — mit all ihren Facet­ten zu prä­sen­tie­ren. Das Mäd­chen ist ein eher etwas sprö­der Cha­rak­ter. Mit Ecken und Kan­ten und vie­len Eigen­ar­ten. Sie mag kei­ne Berüh­run­gen, hat Angst vor zu viel Nähe. Sie ist nicht direkt schüch­tern, aber auch nicht über die KasimiraMaßen selbst­be­wusst. Kann aber auch mal genau hin­schau­en und den Blick stand­hal­ten, was vie­le ver­wirrt. Und sie liebt Unord­nung und alles Schrä­ge (“Ich lie­be es, Din­ge eben nicht gera­de zu rücken, so wie es vie­le Leu­te ger­ne haben. Das Leben ist kei­ne Was­ser­waa­ge.” (Zitat S.20)). Auch merkt man gleich, dass sie ein Mensch ist, der nicht alles ein­fach hin­nimmt, son­dern auch Din­ge in Fra­ge stellt. Gera­de ihrer mit­un­ter bestechen­den Logik zu fol­gen, liest sich äußerst fas­zi­nie­rend und unter­halt­sam, wenn sie sich bei­spiels­wei­se Gedan­ken über die Bedeu­tung des “Haus” in “Haus­arzt” macht oder fest­stellt, dass es zwar vie­le Krank­hei­ten (im Plu­ral) gibt, aber die Gesund­heit immer nur im Sin­gu­lar. Auch als ihr Arzt Fol­gen­des zu ihr sagt: “Wer nicht redet, ist ein guter Zuhö­rer. Und das ist ohne­hin die bes­se­re Sor­te Mensch.” (Zitat S.13) macht sie sich gleich Gedan­ken über die­se For­mu­lie­rung: “Die bes­se­re Sor­te Mensch. Ich ken­ne Obst- und Gemü­se­sor­ten. Tee­sor­ten. Wurst- und Käse­sor­ten. Eis­sor­ten. Aber wel­che Sor­ten von Men­schen gibt es?” (Zitat S.13) Der Roman strotzt nur so vor Klug­heit und inter­es­san­ten Gedan­ken­gän­gen. Es gibt immer wie­der Stel­len, an denen man ein­fach inne­hal­ten und über die­se Din­ge, die Mari­el­la berich­tet, stau­nen muss. Sie denkt zum Bei­spiel über die Sau­ber­keit ihres Zim­mers nach und dass die­se doch kein unbe­dingt zu errei­chen­des Ziel sei, denn —  “Nie­mand wür­de sagen, dass es so etwas wie eine sau­be­re Wie­se oder ein Kasimirasau­be­rer Wald exis­tie­ren. Über­all gibt es Erde, Blü­ten­staub, Äste, Moos, Moder, Pil­ze, Exkre­men­te und Tier­ka­da­ver. Trotz­dem hal­ten sich alle ger­ne in der Natur auf und gehen stun­den­lang dort spa­zie­ren, um mög­lichst viel von die­sem Schmutz abzu­be­kom­men. Für mich ergibt das kei­nen Sinn. Denn sobald auch nur ein Absatz voll unter den Soh­len von drau­ßen mit in die Woh­nung kommt, gilt sie als ver­schmutzt.” (Zitat S.21) Umge­kehrt dür­fe man von Drin­nen nichts mit nach Drau­ßen neh­men, weil man sonst die Umwelt ver­schmut­zen wür­de. Auch über die Schu­le macht sie sich Gedan­ken: “In der Schu­le gibt es immer Pro­ble­me. Ich den­ke, das ist das Grund­kon­zept von Schu­le. Zum einen kon­fron­tiert man uns mit Pro­ble­men, die wir zu lösen haben, die für die Leh­rer aller­dings über­haupt kei­ne Pro­ble­me dar­stel­len. Und zum ande­ren gibt es natür­lich unter uns Pro­ble­me, die die Leh­rer sehr wohl vor eige­ne Pro­ble­me stel­len und bei denen sie kläg­lich ver­sa­gen.” (Zitat S.28) Der Autor nimmt auch höchst Kasimirainter­es­san­te Zwi­schen­tei­le in die Geschich­te mit auf, bei­spiels­wei­se wird eine Art fik­ti­ves Inter­view mit dem IfaS (Insti­tut für ange­wand­tes Schwei­gen) abge­bil­det, das Mari­el­la über ihre Beweg­grün­de aus­fragt. Oder auch kur­ze Gesprä­che zwi­schen Socken, Regal, Hose, Arzt und Bürs­te fin­den Ein­zug in den Text. Eben­so die Chat­ge­sprä­che zwi­schen Stan und Mari­el­la wer­den mit abge­druckt. Erzählt wird “Still!” in ins­ge­samt vier Tei­len, die bis auf die Ein­schü­be durch­gän­gig aus Mari­el­las Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve geschrie­ben sind. Die Spra­che ist sehr ange­nehm, an man­chen Stel­len tau­chen traum­haf­te Bil­der auf: “Über­all gibt es Fichten‑, Tan­nen- und Bir­ken­wäl­der, kaum Men­schen. Und irgend­wo im Inne­ren Est­lands ruht die Stil­le, die man aus den Metro­po­len ver­trie­ben hat und die sich dort zwi­schen zer­klüf­te­ten Fel­sen und zuge­fro­re­nen Seen das gan­ze Jahr über ver­steckt hält.” (Zitat S.57) Gleich­zei­tig ist die Geschich­te voll von Momen­ten vol­ler Skur­ri­li­tät, Iro­nie und krea­ti­ver Ein­fäl­le, wie irgend­wel­che Auf­lis­tun­gen. Viel zu schnell ist “Still!” dann fast auch schon vor­bei, das Ende: voll uner­war­te­ter Dra­ma­tik.

Fazit: Ein lite­ra­ri­sches, höchst qua­li­ta­ti­ves Werk, das mit Tief­gang und ein­zig­ar­ti­ger Logik über­zeugt.

Dir gefällt Dirk Popes Erzähl­stil? Dann lies noch sei­ne ande­ren Bücher: “Idio­ten­si­cher” und “Abge­fah­ren”. Drei Roma­ne, die eben­falls mit sehr Klug­heit und Lie­be zu ihren Prot­ago­nis­ten erzählt wer­den, sind “Was ich von dir weiß” von Meg Rosoff, “Was fehlt, wenn ich ver­schwun­den bin” von Lil­ly Lind­ner und die Neu­erschei­nung “Girl run­ning, boy fal­ling” von Kate Gor­don. Dich fas­zi­niert das The­ma Schwei­gen? Dann lies unbe­dingt “Schwei­gen ist Gold­fisch” von Anna­bel Pit­cher (hier fängt ein Mäd­chen auf­grund einer Fami­li­en­pro­ble­ma­tik eben­falls zu schwei­gen an), “Speech­less” von Han­nah Har­ring­ton (das Mäd­chen legt ein Schwei­ge­ge­lüb­de ab, weil sie einen Feh­ler began­gen hat) und “Die Wahr­heit, wie Del­ly sie sieht” von Kathe­ri­ne Han­nig­an. Oder lies das sprach­lich bemer­kens­wer­te “Die Stil­le mei­ner Wor­te” von Ava Reed. Hin­sicht­lich des tra­gi­schen Endes muss­te ich auch ein wenig an “Das Jahr in der Box” von Micha­el Sie­ben den­ken.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Hanser
ISBN: 978-3-446-26816-6
Erscheinungsdatum: 17.August 2020
Einbandart: Broschur
Preis: 15,00€
Seitenzahl: 192
Übersetzer: -
Originaltitel: -
Originalverlag: -
Originalcover: -

Kasimiras Bewertung:

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(5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

Die­ser Titel hat es in fol­gen­de Kate­go­rie geschafft: **Kasi­mi­ras Lieb­lings­bü­cher**

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