“Still!” ist der neue Roman des deutschen Autoren Dirk Pope, der aktuell für den Deutschen Jugendliteraturpreis in der Kategorie “Sonderpreis — Neue Talente” nominiert wurde. Sein Vorgängerwerk “Abgefahren” musste in dieser Hinsicht letztes Jahr ebenfalls daran glauben;-) Warum diese Nominierungen gerechtfertigt sind, das kann ich definitiv nachvollziehen: “Still!” ist ein literarisches Kleinod, eine Geschichte herausragender erzählerischer Qualität. Ein Roman über das Anderssein, über das Schweigen und über Freundschaft. Ein Buch abseits des Mainstreams — anders, schräg und vor Klugheit und Raffinesse strahlend. Lesetipp! Für Jugendliche ab 13 Jahren und interessierte Erwachsene.
Mariella spricht nicht mehr. Seit sich ihre Eltern getrennt haben. Schon früher hat sie nie viel gesprochen, war mehr so der einsilbige Typ. “Mittlerweile ist mir selbst eine Silbe zu viel. Das hat auch mit meinen Eltern zu tun. Oder mit dem, was davon übrig geblieben ist. Ein letzter Rest, mit dem es nichts zu reden gibt. Und längst bin ich der Knoten in der Zunge, der erste und letzte Buchstabe jedes Schweigegelübdes, die Meisterin des Stillseins, stiller als die schwärzeste Nacht, als der tiefste Ozean.” (Zitat aus “Still!” S.10) Doch je lauter es zu Hause aufgrund der Streitereien ihrer Eltern wurde, desto leiser wurde Mariella, bis sie irgendwann gar nicht mehr sprach. Nicht zu Hause, nicht in der Schule. Nirgendwo mehr. Jetzt wohnt sie bei ihrer Mutter, die von der Stadt in ein kleines ländliches Dörfchen gezogen ist. Ihre Mutter, die mit ihrem Schweigen auch überhaupt nicht umgehen kann: “Wochenlang hat sie auf mich eingeredet. Sie hat mir gedroht. Sie hat mich
angeschrien. Sie ist in Tränen ausgebrochen. Sie war mit mir beim Arzt. Sie hat versucht, mit ihrem Schweigen mein eigenes Schweigen zu durchbrechen. Ihr letzter Versuch entbehrt nicht einer gewissen Originalität. Sie hat ein kleines Aquarium angeschafft, in dem zwei Goldfische schwimmen.” (Zitat S.18) Auch in ihrer Umgebung kommen viele mit ihrer schweigenden Art nicht klar. Eine Mitschülerin, die neben ihr sitzt, ruft jedes Mal, wenn Mariella im Unterricht aufgerufen wird und nicht antwortet, dass diese doch dumm wie Brot sei und sogar zu dumm zum Reden. Ebenso Lehrer, die sie aus ihrem Schneckenhaus locken oder provozieren wollen, in dem sie sie nach vorne an die Tafel zum Vorlesen eines Referats beispielsweise holen, können mit ihrem Schweigen nicht umgehen: “Es ist ihnen unbegreiflich. Sie fühlen sich vor den Kopf gestoßen, und ich bin ihnen rätselhaft. […] Ich glaube, das ist das Hauptproblem: dass man immer alles auf sich bezieht. Dass jemand aber einfach nicht reden will — allein um des Reden willen -, kommt niemandem in den Sinn. Stattdessen halten sie mich für einfältig oder arrogant.” (Zitat S.32) Schon des Öfteren wurde Mariella zum Direktor geschickt. Aber auch dort sagt sie nichts. Ihr Leben verändert sich, als sie eines Tages Stan kennenlernt. Stan, der eigentlich Stefan heißt und gehörlos ist. “Auf eine merkwürdige Weise war mir Stan vertraut, obwohl wir uns nicht kannten. Wir saßen nebeneinander und sagten kein Wort. Natürlich nicht.”
(Zitat S.53)Sie fangen an sich Nachrichten zu schicken und auf diese Weise miteinander zu kommunizieren. Doch dann gerät alles außer Kontrolle…
Das Cover hat irgendwie ein bisschen etwas Nostalgisches, eine Mischung aus Fotografie und Zeichnung, eine Collage. Schaut man genau hin, erkennt man die (Gold-)Fische im Hintergrund. Dazu der auffordernde Blick des Mädchens mit der eindeutigen Geste und der knallende, schwarze Text inklusive Ausrufezeichen — das macht neugierig. “Sei still und hör zu” fordert die Geschichte geradezu auf. Und “Still!”, das mit zwei Zitaten über Stille von Kate Nash und John Green eingeleitet wird, ist tatsächlich ein Buch, auf das man sich einlassen muss, hat einen Erzählstil, an den man sich erst einmal gewöhnen muss — aber einen der sich lohnt! Viel Handlung gibt es zu Beginn noch nicht, der Grundton ist etwas philosophisch und lässt sich vor allem Zeit die Hauptfigur — Mariella — mit all ihren Facetten zu präsentieren. Das Mädchen ist ein eher etwas spröder Charakter. Mit Ecken und Kanten und vielen Eigenarten. Sie mag keine Berührungen, hat Angst vor zu viel Nähe. Sie ist nicht direkt schüchtern, aber auch nicht über die
Maßen selbstbewusst. Kann aber auch mal genau hinschauen und den Blick standhalten, was viele verwirrt. Und sie liebt Unordnung und alles Schräge (“Ich liebe es, Dinge eben nicht gerade zu rücken, so wie es viele Leute gerne haben. Das Leben ist keine Wasserwaage.” (Zitat S.20)). Auch merkt man gleich, dass sie ein Mensch ist, der nicht alles einfach hinnimmt, sondern auch Dinge in Frage stellt. Gerade ihrer mitunter bestechenden Logik zu folgen, liest sich äußerst faszinierend und unterhaltsam, wenn sie sich beispielsweise Gedanken über die Bedeutung des “Haus” in “Hausarzt” macht oder feststellt, dass es zwar viele Krankheiten (im Plural) gibt, aber die Gesundheit immer nur im Singular. Auch als ihr Arzt Folgendes zu ihr sagt: “Wer nicht redet, ist ein guter Zuhörer. Und das ist ohnehin die bessere Sorte Mensch.” (Zitat S.13) macht sie sich gleich Gedanken über diese Formulierung: “Die bessere Sorte Mensch. Ich kenne Obst- und Gemüsesorten. Teesorten. Wurst- und Käsesorten. Eissorten. Aber welche Sorten von Menschen gibt es?” (Zitat S.13) Der Roman strotzt nur so vor Klugheit und interessanten Gedankengängen. Es gibt immer wieder Stellen, an denen man einfach innehalten und über diese Dinge, die Mariella berichtet, staunen muss. Sie denkt zum Beispiel über die Sauberkeit ihres Zimmers nach und dass diese doch kein unbedingt zu erreichendes Ziel sei, denn — “Niemand würde sagen, dass es so etwas wie eine saubere Wiese oder ein
sauberer Wald existieren. Überall gibt es Erde, Blütenstaub, Äste, Moos, Moder, Pilze, Exkremente und Tierkadaver. Trotzdem halten sich alle gerne in der Natur auf und gehen stundenlang dort spazieren, um möglichst viel von diesem Schmutz abzubekommen. Für mich ergibt das keinen Sinn. Denn sobald auch nur ein Absatz voll unter den Sohlen von draußen mit in die Wohnung kommt, gilt sie als verschmutzt.” (Zitat S.21) Umgekehrt dürfe man von Drinnen nichts mit nach Draußen nehmen, weil man sonst die Umwelt verschmutzen würde. Auch über die Schule macht sie sich Gedanken: “In der Schule gibt es immer Probleme. Ich denke, das ist das Grundkonzept von Schule. Zum einen konfrontiert man uns mit Problemen, die wir zu lösen haben, die für die Lehrer allerdings überhaupt keine Probleme darstellen. Und zum anderen gibt es natürlich unter uns Probleme, die die Lehrer sehr wohl vor eigene Probleme stellen und bei denen sie kläglich versagen.” (Zitat S.28) Der Autor nimmt auch höchst
interessante Zwischenteile in die Geschichte mit auf, beispielsweise wird eine Art fiktives Interview mit dem IfaS (Institut für angewandtes Schweigen) abgebildet, das Mariella über ihre Beweggründe ausfragt. Oder auch kurze Gespräche zwischen Socken, Regal, Hose, Arzt und Bürste finden Einzug in den Text. Ebenso die Chatgespräche zwischen Stan und Mariella werden mit abgedruckt. Erzählt wird “Still!” in insgesamt vier Teilen, die bis auf die Einschübe durchgängig aus Mariellas Sicht in der Ich-Perspektive geschrieben sind. Die Sprache ist sehr angenehm, an manchen Stellen tauchen traumhafte Bilder auf: “Überall gibt es Fichten‑, Tannen- und Birkenwälder, kaum Menschen. Und irgendwo im Inneren Estlands ruht die Stille, die man aus den Metropolen vertrieben hat und die sich dort zwischen zerklüfteten Felsen und zugefrorenen Seen das ganze Jahr über versteckt hält.” (Zitat S.57) Gleichzeitig ist die Geschichte voll von Momenten voller Skurrilität, Ironie und kreativer Einfälle, wie irgendwelche Auflistungen. Viel zu schnell ist “Still!” dann fast auch schon vorbei, das Ende: voll unerwarteter Dramatik.
Fazit: Ein literarisches, höchst qualitatives Werk, das mit Tiefgang und einzigartiger Logik überzeugt.
Dir gefällt Dirk Popes Erzählstil? Dann lies noch seine anderen Bücher: “Idiotensicher” und “Abgefahren”. Drei Romane, die ebenfalls mit sehr Klugheit und Liebe zu ihren Protagonisten erzählt werden, sind “Was ich von dir weiß” von Meg Rosoff, “Was fehlt, wenn ich verschwunden bin” von Lilly Lindner und die Neuerscheinung “Girl running, boy falling” von Kate Gordon. Dich fasziniert das Thema Schweigen? Dann lies unbedingt “Schweigen ist Goldfisch” von Annabel Pitcher (hier fängt ein Mädchen aufgrund einer Familienproblematik ebenfalls zu schweigen an), “Speechless” von Hannah Harrington (das Mädchen legt ein Schweigegelübde ab, weil sie einen Fehler begangen hat) und “Die Wahrheit, wie Delly sie sieht” von Katherine Hannigan. Oder lies das sprachlich bemerkenswerte “Die Stille meiner Worte” von Ava Reed. Hinsichtlich des tragischen Endes musste ich auch ein wenig an “Das Jahr in der Box” von Michael Sieben denken.
Bibliografische Angaben:Verlag: Hanser ISBN: 978-3-446-26816-6 Erscheinungsdatum: 17.August 2020 Einbandart: Broschur Preis: 15,00€ Seitenzahl: 192 Übersetzer: - Originaltitel: - Originalverlag: - Originalcover: -
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Erscheinungsdatum: 17.August 2020
Einbandart: Broschur
Preis: 15,00€
Seitenzahl: 192
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