Daniel O. Bachmann — Die Schüler von Winnenden

Daniel O. Bachmann Die Schüler von Winnenden20.Februar 2013

Es gibt vie­le Bücher, die man mit einer gesun­den Distanz lesen kann — man weiß: okay, das hier ist fik­tiv, das könn­te zwar so oder so ähn­lich pas­sie­ren, aber es ist zu weit weg, um inten­si­ve Gefüh­le zu hin­ter­las­sen. Bei die­sem Buch “Die Schü­ler von Win­nen­den”, geschrie­ben von sechs Schü­lern und einer Leh­re­rin, ist es jedoch nahe­zu unmög­lich distan­ziert zu blei­ben, denn das hier, das ist WIRKLICH pas­siert. Der Roman basiert auf den wah­ren Ereig­nis­sen des 11. März 2009, dem Tag des Amok­laufs, durch wel­chen die klei­ne Stadt Win­nen­den eine leid­vol­le Bekannt­heit erlang­te, die man kei­ner Stadt und sei­nen Bewoh­ner je wün­schen möch­te. Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und Erwach­se­ne.

Die Schü­ler von Win­nen­den” ist in der Rei­he “Unser Leben” im Are­na Ver­lag erschie­nen (in Zusam­men­ar­beit mit Dani­el Oli­ver Bach­mann) und umfasst die Erleb­nis­se und Erin­ne­run­gen vor, wäh­rend und nach dem Amok­lauf an der Albert­vil­le-Real­schu­le in Win­nen­den. Es wird aus sich abwech­seln­den Per­spek­ti­ven erzählt, wobei stets der Name der betrof­fe­nen Per­son mit einem Zitat am Anfang steht. Die Schü­ler das sind: Jen­ni­fer Schrei­ber (15), Stef­fen Sai­ler (15), Marie Bader (16), Anna­bell Scho­ber (11), Pia Sell­mai­er (8) und die Leh­re­rin Marie-Lui­se Braun, wobei die Namen teil­wei­se geän­dert wur­den und die Alters­an­ga­be sich auf das dama­li­ge Alter bezieht. Die geschil­der­ten Ereig­nis­se wir­ken dadurch noch umso hef­ti­ger, da die Erzäh­ler auch den Tag vor dem Amok­lauf schil­dern. Was sie in ihrer Fami­lie unter­nom­men haben, wie sie abends bei­spiels­wei­se noch ein Fuß­ball­spiel im Fern­se­hen sahen oder für eine bevor­ste­hen­de Klau­sur ler­nen muss­ten. Wie sie zur Schu­le gin­gen, was im Unter­richt behan­delt wur­de. Wie sie die ers­ten Schüs­se noch für lär­men­de Arbei­ten des Haus­meis­ters hiel­ten, bis das Ent­set­zen und das Erken­nen dann lang­sam um sich griff und klar war: das Unfass­ba­re geschieht nicht woan­ders, son­dern genau hier: ein Amok­lauf an die­ser Schu­le in Win­nen­den. Nor­ma­li­tät trifft auf eine unvor­stell­ba­re Gewalt­tat, die wirk­lich jeden aus sei­nem All­tag reißt, für gren­zen­lo­se Trau­er sorgt und Spu­ren hin­ter­lässt, die oft trau­ma­tisch sind.
“Ich habe sehr gro­ße Zukunfts­angst”, schreibt die Leh­re­rin Marie-Lui­se Braun, “Mei­ne Sicher­heit ist ver­schwun­den. Ich fürch­te mich davor, dass mei­ner Fami­lie etwas pas­siert. Ich habe stän­dig Bauch­schmer­zen, Herz­ra­sen und Schlaf­stö­run­gen. Es geht über­haupt nicht mehr weg.” Es wird von Schü­lern berich­tet, die selbst heu­te noch Alp­träu­me haben, die bei Dun­kel­heit nicht schla­fen kön­nen, die sich als Außen­sei­ter füh­len, weil die Welt um sie her­um wei­ter­ge­gan­gen ist und kaum jemand sie zu ver­ste­hen scheint. Auch Bil­der offe­rie­ren sich dem Leser. Auf­nah­me in schwarz-weiß, die den Ort der Trau­er zei­gen, so wie es auch schon das Titel­bild ver­mag.
Daniel O. Bachmann Die Schüler von WinnendenWar­um? Die­se Fra­ge steht groß im Raum. Der 15-jäh­ri­ge Stef­fen schreibt dazu: “Eine Men­ge Leu­te wer­den sich die­se Fra­gen stel­len und es wird auch eine Men­ge Ant­wor­ten geben. Exper­ten mel­den sich zu Wort. Leu­te, die ver­rückt nach Waf­fen sind. Leu­te, die kei­ne Waf­fen brau­chen. Jeder wird das “War­um” so beant­wor­ten, wie es ihm am bes­ten in den Kram passt. Kei­ner wird eine ech­te Ant­wort haben. Nie­mand hat die. Auch ich nicht.”
Natür­lich ist die­ses Buch kein ein­fa­ches Buch, denn es berührt nicht nur, es erschüt­tert sei­ne Leser. Es lässt einem Trä­nen in die Augen stei­gen und sich erneut ins Bewusst­sein rufen, was in jener Schu­le vor sich gegan­gen ist. Das Gesche­he­ne durch einen unver­fälsch­ten, kind­li­chen Blick zu erle­ben, trifft noch viel tie­fer, als Pres­se­be­rich­te erwach­se­ner Jour­na­lis­ten es kön­nen. Und doch ist es wich­tig es zu lesen! “Es ist wich­tig, dass wir nie­mals ver­ges­sen, was pas­siert ist, denn wir Men­schen ver­drän­gen schnell”, schreibt die 16-jäh­ri­ge Marie, “Die unfass­ba­re Tat in Nor­we­gen, wo 77 Men­schen ster­ben muss­ten, weil ein ein­zi­ger mit sei­nem Leben nicht zurecht­kam, hat wie­der gezeigt, dass wir noch immer nichts gelernt haben.”
Der Roman infor­miert auch über den Hin­ter­grund zu Amok­läu­fen. Bei­spiels­wei­se prä­sen­tiert eine Schü­le­rin fol­gen­de erschre­cken­de Zah­len: “Jedes Jahr gibt es in Deutsch­land rund 400 Amok­lauf­dro­hun­gen. Bei 230 Schul­ta­gen im Jahr sind das 1,7 Dro­hun­gen pro Tag. […] Nir­gend­wo in der Welt gibt es so vie­le School-Shoo­tings wie in Ame­ri­ka und Deutsch­land. Die­se bei­den Län­der sind da ein­sa­me Spit­ze. Ein trau­ri­ger Rekord.”
Das Buch endet mit Dank­sa­gun­gen der ein­ze­nen Erzäh­ler und Infor­ma­tio­nen über das Akti­ons­bünd­nis.
“Die Schü­ler von Win­nen­den” kann gut als Klas­sen­lek­tü­re ver­wen­det wer­den, um Ver­gan­ge­nes zu bewäl­ti­gen, zu Dis­kus­sio­nen anzu­re­gen und Gesprä­che über das immer noch hoch­ak­tu­el­le The­ma “Amok­lauf” in Gang zu brin­gen.Lesealternativen

Es gibt noch ande­re Bücher, die sich mit dem The­ma Amok­lauf aus­ein­an­der­set­zen: Böser Bru­der, Toter Bru­der” von Narin­der Dha­mi (ein außer­ge­wöhn­li­ches Buch mit einem uner­war­te­ten, unty­pi­schen Ende!) oder Blown away” von Terhi Ran­ne­la oder Klas­sen­ziel” von T.A.Wegberg. Sehr ein­fühl­sam schrei­ben auch Bri­git­te Blo­gel “Ales­sas Schuld” und Myri­am Keil “Nach dem Amok”.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Arena
ISBN: 978-3-401-50345-5
Erscheinungsdatum: 1.Februar 2013
Einbandart: Taschenbuch
Preis: 6,99€
Seitenzahl: 168
Übersetzer: -
Originaltitel: -
Originalverlag: -
Originalcover: -

Nachrichtenbericht zum 11.März 2009:
 

Kasimiras Bewertung:

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