Dianne Touchell — Zwischen zwei Fenstern

Dianne Touchell - Zwischen zwei Fenstern12.Dezember 2014

Zwi­schen zwei Fens­tern” von der aus­tra­li­schen Autorin Dian­ne Tou­chell ist ein kunst­voll gestal­te­tes Buch, wel­ches Geheim­nis­se unter dem Schutz­um­schlag und im Buch­in­nen­de­ckel ver­birgt. Es erzählt von Lie­be, Fami­lie, Nähe und Distanz. Es ist scho­nungs­los und anders. Beson­ders. Für Jugend­li­che ab 15 Jah­ren und Erwach­se­ne.

Er nennt sie Maud, weil er ihren Namen nicht kennt. Sie nennt ihn Cree­py, weil ihn alle so unheim­lich fin­den. Er ist ein Außen­sei­ter, ver­sucht in der Schu­le nicht auf­zu­fal­len. Sie lei­det an Tri­chotil­lo­ma­nie, das heißt, sie reißt sich stän­dig Haa­re aus. Am Kopf, an den Augen, in der Scham­ge­gend. Maud und Cree­py woh­nen gegen­über von­ein­an­der. Er beob­ach­tet sie oft durchs Fens­ter. Er hat sich in sie ver­liebt. Wür­de es aber nie wagen, ihr sei­ne Lie­be zu geste­hen. Sei­ne Eltern geben ihm ein schlech­tes Bei­spiel eines Ehe­le­bens vor, wel­ches eher einem Rosen­krieg gleicht. Sei­ne Mut­ter trinkt tags­über stän­dig heim­lich Alko­hol. Sein Vater rich­tet den Hund ab, um ihm im Kampf gegen sei­ne Frau als Waf­fe zu miss­brau­chen. Doch an dem Tag, an dem Cree­py beob­ach­tet, wie Mauds Vater dem Mäd­chen eine Ohr­fei­ge ver­passt, nimmt er das ers­te Mal mit einem geschrie­ben Schild Kon­takt zu ihr auf. Und das ver­än­dert alles…

Dianne Touchell - Zwischen zwei FensternSchon der Beginn des Buches, als Ich-Erzäh­ler Cree­py über die begin­nen­den Strei­te­rei­en sei­ner Eltern berich­tet, wird einem als Leser klar, in die­ser Fami­lie wird sich nichts geschenkt: jemand hat dem Vater in die Akten­ta­sche gepin­kelt. Der Vater ver­däch­tigt die Mut­ter, doch es war Cree­py: “Er woll­te mein Taschen­geld nicht dem Markt­trend und der Infla­ti­on anpas­sen, also revan­chier­te ich mich auf die Art, von der ich glaub­te, dass er sie am bes­ten ver­ste­hen wür­de.” (Zitat aus “Zwi­schen zwei Fens­tern”). Aber auch Chi­li­öl in der Zahn­pas­ta­tu­be oder ein Rei­fen, aus dem die Luft gelas­sen wur­de, schei­nen All­täg­lich­kei­ten in die­ser Fami­lie zu sein. Sogar dass der Vater den Hund abge­rich­tet hat, der — wenn die Strei­te­rei­en zu dra­ma­tisch wer­den — die Mut­ter anfällt und ihr “gro­ße, dunk­le Blut­ergüs­se” zufügt, ist Nor­ma­li­tät. Das wirkt manch­mal ein wenig über­zo­gen, stellt Cree­pys Sicht die Din­ge zu sehen, aller­dings klar zur Schau. Sei­ne Erzähl­wei­se ist teils sehr phi­lo­so­phisch, er beob­ach­tet und kom­men­tiert mit mes­ser­schar­fer Iro­nie und macht sich in mono­lo­gi­sie­ren­den Kapi­teln Gedan­ken über das Abhan­den­kom­men der Lie­be sei­ner Eltern; den Tod; die Reli­gi­on, an der sei­ne Mut­ter sich neben dem Alko­hol fest­hält; den Hin­tern sei­nes Vaters und vie­ler­lei ande­re Din­ge. Mit sei­ner Mei­nung ist er scho­nungs­los und offen. Er denkt, was er denkt. Offen­bart Wahr­hei­ten und erkennt Zusam­men­hän­ge. Ein­ge­lei­tet wer­den sei­ne Kapi­tel durch Zita­te berühm­ter Per­sön­lich­kei­ten.
Dianne Touchell - Zwischen zwei FensternMauds Sicht­wei­se beginnt stets mit einem fünf­sil­bi­gen Aus­druck, weil sie die­se am liebs­ten mag. Hin­ter dem Glas des Fens­ters zu sein, das bedeu­tet für sie Sicher­heit. Distanz. Aber zugleich sehnt sie sich nach Nähe, die sie durch die Schein-Freund­schaf­ten, die sie in der Schu­le führt, nicht bekommt. Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit ihrem Vater prä­gen ihren All­tag. Er nimmt ihr sogar ihre Mal­sa­chen weg. Auch muss sie eine The­ra­pie machen und Fäust­lin­ge tra­gen, damit sie sich nicht wei­ter die Haa­re her­aus­reißt. Eine groß­flä­chi­ge, kah­le Stel­le ziert bereits ihren Kopf. Das Ver­hält­nis zur Nach­bars­fa­mi­lie ist eben­falls gestört und es kann schon mal vor­kom­men, dass die Väter ein­an­der mit Fäus­ten bekämp­fen und eine “Romeo & Julia” — Atmo­sphä­re ent­ste­hen las­sen.
“Zwi­schen zwei Fens­ter” über­zeugt nicht durch gro­ße Span­nung, aber durch klu­ge Gedan­ken­gän­ge. Eine ruhi­ge, wei­se und eben­so “haar­sträu­ben­de” Geschich­te. Die Geschich­te einer Krank­heit und die einer Freund­schaft, hin­ein­ge­presst zwi­schen zwei Buch­de­ckel, auf deren Innen­sei­ten in schwarz-gol­de­ner Schrift ein Zitat/ eine Beschrei­bung von ihr und eine von ihm zu fin­den ist. Unter dem Schutz­um­schlag ver­birgt sich vor­ne der Satz: “Ich bin nicht leben­dig” (sie) und auf der Rück­sei­te: “Doch bist du” (er). Eine wirk­li­che Annä­he­rung über die Kom­mu­ni­ka­ti­on “zwi­schen zwei Fens­tern” hin­aus, erfolgt erst gegen Ende des Buches. Das eng­li­sche Cover (sie­he unten) gefällt mir auch sehr gut!

Du magst besLesealternativenonde­re Bücher? Dann schau dir doch die ande­ren Titel des neu­en “Königs­kin­der”-Ver­lags an: “Zwil­lings­ster­ne” von Cris­ti­na Mor­a­cho, Die Anar­chie der Buch­sta­ben” von Kate de Gol­di, “Anders” von Andre­as Stein­hö­fel, Wör­ter auf Papier” von Vin­ce Vaw­ter, Ein Glück für immer” von Ruta Sepe­tys und Löf­fel­glück” von Tracey Hol­c­zer. Dir gefal­len Roma­ne über eine beson­de­re Freund­schaft? Dann lies doch mal Das unsicht­ba­re Mäd­chen” von Cha­ris Cot­ter, Das nacht­blaue Kleid” von Karen Fox­lee oder das tol­le Bird und ich und der Som­mer, in dem ich flie­gen lern­te” von Chan Crys­tal. Eine Freund­schafts­ge­schich­te mit psy­chi­schen Pro­ble­men gespickt, ist Das Schwei­gen in mei­nem Kopf” von Kim Hood. Wenn du eine etwas hei­te­re Fami­li­en­ge­schich­te lesen möch­test, dann wäre auch “Viel­leicht sogar wir alle” von Marie-Aude Murail etwas für dich.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Königskinder (Carlsen)
ISBN: 978-3551-56004-9
Erscheinungsdatum: 21.November 2014
Einbandart: Hardcover
Preis: 15,90€
Seitenzahl: 256
Übersetzer: Birgit Schmitz
Originaltitel: "Creepy & Maud"
Originalverlag: ReadHowYouWant

Englisches Originalcover:
Dianne Touchell - Zwischen zwei Fenstern











Kasimiras Bewertung:

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(4 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

 

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Englisches Cover: Homepage von Dianne Touchell

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