David Moitet — RC 2722: Gefährliche Freiheit

Kasimira1.August 2021

Der fran­zö­si­sche Autor David Moi­tet bleibt auch in sei­nem neu­en Buch RC 2722: Gefähr­li­che Frei­heit” sei­nem Grund­the­ma treu und setzt erneut eine durch den Kli­ma­wan­del zer­stör­te Welt in den Mit­tel­punkt. Aber vor allem ein Virus hat sei­nen Anteil dar­an, dass die Men­schen nun in unter­ir­di­schen Schutz­bun­kern leben. Als ein Jun­ge dort selt­sa­me Fuß­spu­ren, die nach “drau­ßen” füh­ren ent­deckt, fin­det er etwas höchst Über­ra­schen­des her­aus. Ein dys­to­pi­scher, in sich abge­schlos­se­ner Roman, der aben­teu­er­lich und sehr span­nend zu lesen ist. Für Jugend­li­che ab 13 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwachsene.

Frank­reich. In einer fer­nen Zeit in der Zukunft. Fünf­hun­dert Meter tief unter der Erde in einem Bun­ker. 2000 Men­schen woh­nen hier, dar­un­ter auch Oli­ver, sein Vater und sein Bru­der Mar­co. Auf der Erd­ober­flä­che kön­nen sie nicht mehr leben. “Da oben sind 99 Pro­zent aller Men­schen tot. Es herrscht ein unsäg­li­ches Cha­os. Es gibt kein Was­ser und kein Essen, nur schreck­li­che Krank­hei­ten und Müll, so weit das Auge reicht.” Sam seufzt. “Das Leben im Bun­ker ist kein Ver­gnü­gungs­park, aber ich habe nie etwas ande­res gekannt.” (Zitat S.23) Obwohl er auf­grund der Tätig­keit sei­nes Vaters ein pri­vi­le­gier­tes Leben hät­te füh­ren kön­nen, hat Oli­ver sich ein eine ande­re Abtei­lung ver­set­zen las­sen. Wird zur täg­li­chen Arbeit ein­ge­teilt und darf War­tungs­ar­bei­ten aus­füh­ren. Im Gegen­satz zu sei­nem mus­ter­haf­ten Bru­der, den den sol­da­tenhKasimiraaften “Was­ser­krie­gern” ange­hört, ist er schon immer der rebel­li­sche­re, impul­si­ve­re unter ihnen. Mag sich nicht an Regeln hal­ten und sehnt sich nach der Frei­heit. Frei­heit, die es in die­sem Bun­ker nicht wirk­lich gibt. Und so mel­det er sich frei­wil­lig mit einem Kame­ra­den zu einer unlieb­sa­men War­tungs­mis­si­on in den Sek­tor Y. “A ist das inne­re des Bun­kers. Je wei­ter man Rich­tung Z kommt, des­to tie­fer gelangt man in ein Laby­rinth aus Gän­gen und Schäch­ten, deren Instand­hal­tung immer müh­sa­mer wird. Eini­ge Sek­to­ren haben schon seit Jah­ren kei­nen Tech­ni­ker mehr gese­hen, und ihr Zustand ver­schlech­tert sich ste­tig. Kurz gesagt, nie­mand hat Lust, sich wei­ter als bis Sek­tor H vor­zu­wa­gen.” (Zitat S.16) Sie sol­len dort einen Luft­fil­ter aus­tau­schen und ent­de­cken auf dem Boden selt­sa­me Fuß­spu­ren. Rote Erde, die von “drau­ßen” schein­bar jemand hin­ein­ge­tra­gen hat. Wer macht Kasimiradenn so etwas? Und kommt frei­wil­lig in Kon­takt mit dem Virus? Oli­ver und sein Kame­rad tra­gen Schutz­an­zü­ge, doch als Oli­ver ver­se­hent­lich sein Ven­til abreißt, lässt es sich so schnell nicht mehr anbrin­gen. “Direk­ter Luft­kon­takt auf der ers­ten Qua­ran­tä­ne-Ebe­ne. Du musst drei Tage in Iso­la­ti­on, das ist die Inku­ba­ti­ons­zeit des Virus.” “Drei Tage? Das ist nicht dein Ernst?” “Lei­der doch.” (Zitat S.29) Kurz vor Ende der Qua­ran­tä­ne über­schla­gen sich plötz­lich die Ereig­nis­se: Oli­vers Vater wird tot auf­ge­fun­den. Und an sei­nen Schu­hen: rote Sand­spu­ren! Irgend­et­was scheint sein Vater gewusst zu haben. Wur­de er viel­leicht sogar umge­bracht? Mit Hil­fe sei­nes Daten­im­plan­tats ver­sucht Oli­ver her­aus­zu­fin­den, was pas­siert ist und erfährt Unvorstellbares…

KasimiraOb das Cover so gut gewählt ist, weiß ich nicht. Es wirkt doch recht düs­ter, dürf­te man­che Leser viel­leicht etwas abschre­cken. Eben­so der Klap­pen­text ist nicht ganz so mit­rei­ßend im Aus­gang. Dabei ist RC 2722: Gefähr­li­che Frei­heit” doch sehr unter­halt­sam erzählt. Auch wenn es für mich nicht ganz an das ers­te (völ­lig unab­hän­gig von­ein­an­der zu lesen­de) Buch “New Earth Pro­ject: Töd­li­che Hoff­nung” her­an­kommt. Die Geschich­te beginnt mit einer Traum­se­quenz, die Oli­ver immer wie­der träumt: “Der glei­che wie immer”, stöhnt Oli­ver, “Ich bin mit­ten in einer Men­schen­men­ge, ganz vor­ne, mit mei­nem Vater, und wir kom­men in eine Stra­ße vol­ler Lei­chen.” (Zitat S.9) Man ahnt bereits, dass sich da viel mehr ver­birgt, als zu Beginn preis­ge­ge­ben wird. Geschrie­ben ist der Roman durch­ge­hend aus der Sicht eines aukt­o­ria­len Erzäh­lers, der sich jedoch vor­nehm­lich KasimiraOli­vers Sicht bedient. Das Schrift­bild ist wie­der recht groß gehal­ten und die Spra­che eher ein­fach, daher ist das Buch auch gut für Leser geeig­net, die nicht unbe­dingt so viel lesen. Fas­zi­nie­rend sind vor allem die kur­siv gedruck­ten Ein­schü­be, wenn Oli­ver durch das Daten­im­plan­tat des Vaters des­sen Erin­ne­run­gen an ver­gan­ge­nen Zei­ten haut­nah nach­er­le­ben kann: Als die Regie­rung Frank­reichs ver­stan­den hat­te, dass die Erd­er­wär­mung außer Kon­trol­le gera­ten war, wur­de die Kon­struk­ti­on von ins­ge­samt ein­hun­dert unter­ir­di­schen Schutz­räu­men im gan­zen Land geplant und durch­ge­führt. Das Pro­jekt unter­lag der strengs­ten Geheim­hal­tung. […] Nur eini­ge weni­ge Pri­vi­le­gier­te waren über die Exis­tenz die­ser Schutz­räu­me infor­miert wor­den und hat­ten sich ret­ten kön­nen, als der Kipp­punkt erreicht war.” (Zitat S.20ff) Das The­ma Kli­ma­wan­del und die Fol­gen, die dies habKasimiraen kann, sind sehr anschau­lich und dra­ma­tisch dar­ge­stellt. Ein zen­tra­les The­ma des Autoren. “Es wird schlim­mer”, bestä­tigt Lucas, “Heu­te Mor­gen kam in den Nach­rich­ten, dass die Deut­schen den Rhein umlen­ken, um ihr Land zu ver­sor­gen. Nur ein win­zi­ger Teil davon wird noch zwi­schen den Lan­des­gren­zen flie­ßen. Der Ton zwi­schen dem Prä­si­den­ten und der Kanz­le­rin ver­schärft sich. Das ver­heißt nichts Gutes…” (Zitat S.62) Dazu die Gefahr einer Virus­er­kran­kung, die einen Groß­teil der Mensch­heit ster­ben lässt — höchst aktu­ell (Erst­ver­öf­fent­li­chung im Ori­gi­nal Sep­tem­ber 2020). Der Roman stimmt nach­denk­lich, ohne mit hoch erho­be­nem Zei­ge­fin­ger daher­zu­kom­men. Erzählt wird er in meh­re­ren  Tei­len, die sich immer auf die Ört­lich­kei­ten bezie­hen, in denen sich der Prot­ago­nis­tin befin­det, begin­nend mit “Der Bun­ker”: “Was ist bes­ser — inner­halb weni­ger Tage an einer schreck­li­chen Virus­er­kran­kung zu ster­ben oder lang­saKasimiram an die­sem trost­lo­sen Leben kaputt­zu­ge­hen, das man ihnen hier bie­tet? Ein Leben ohne Per­spek­ti­ve, ohne Geschmack, ohne Far­be?” (Zitat S.36)  und spä­ter “Drau­ßen”. David Moi­tet ver­wen­det ähn­li­che Moti­ve in sei­nen Büchern. Was, wenn alles gar nicht so ist, wie es scheint? “Was, wenn da drau­ßen gar nicht die Höl­le ist, die man uns seit Jah­ren beschreibt? Wenn es gar nicht so gefähr­lich ist?” (Zitat S.57) Was dann außer­halb des Bun­kers folgt, ist ein Kampf ums Über­le­ben, eine Suche nach der Wahr­heit und dem Zurecht­fin­den in einer neu­en Welt. Dem Wie­der­fin­den des eben­falls nach drau­ßen ver­bann­ten Bru­ders, aber auch der einer zar­ten Lie­bes­ge­schich­te, die mit dem Mäd­chen Tsché ein­her­geht. Am Ende gibt es höchst über­ra­schen­de Wen­dun­gen und Ent­wick­lun­gen. Der Abschluss ist ein biss­chen schön­ge­spült, aber jugendbuchgerecht.

Dir gefällt der Erzähl­stil von David LesealternativenMoi­tet? Dann lies unbe­dingt noch sein ers­tes, ins Deut­sche über­setz­te Buch, das völ­lig unab­hän­gig von RC2722: Gefähr­li­che Frei­heit” zu lesen ist: “New Earth Pro­ject: Töd­li­che Hoff­nung”. Alter­na­tiv könn­te ich mir auch sehr gut “Panic Hotel: Letz­te Zuflucht” von Ste­phan Knö­sel vor­stel­len, in dem die Über­le­ben­den eben­falls in einem Bun­ker woh­nen. Eine Welt in der Zukunft, in der die Kin­der hin­ter ver­bor­ge­ne Geheim­nis­se ihrer Eltern kom­men? Das erlebst du zudem in der zwei­tei­li­gen Rei­he “Data leaks” von Mir­jam Mous. Dys­to­pi­sche Span­nungs­ro­ma­ne, in denen die Erde zer­stört wur­de? Das fin­dest du zum Bei­spiel in “Cryp­tos” von Ursu­la Pozan­ski oder in der “Brea­the”-Rei­he von Sarah Crossan (hier leben die Men­schen unter einer Glas­kup­pel). Toll ist auch die schon etwas älte­re “God­speed”-Rei­he von Beth Revis.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Edel Kids Books
ISBN: 978-3-96129-212-7
Erscheinungsdatum: 2.Juli 2021
Einbandart: Hardcover
Preis: 14,99€
Seitenzahl: 400
Übersetzer: Maren Illinger
Originaltitel: "RC2722"
Originalverlag: Didier Jeunesse

Französisches Originalcover:
Kasimira











Der Autor beantwortet ein paar Fragen zu seinem Buch (auf Französisch):

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Kasimiras Bewertung:

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(4 von 5 mög­li­chen Punkten)

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Französisches Cover: Homepage von Didier Jeunesse

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