David Moitet — New Earth Project: Tödliche Hoffnung

Kasimira2.September 2020

Für sein dys­to­pi­sches Buch “New Earth Pro­ject: Töd­li­che Hoff­nung” wur­de der fran­zö­si­sche Schrift­stel­ler David Moi­tet mit sage und schrei­be 21 Lite­ra­tur­prei­sen aus­ge­zeich­net und auch für den Deutsch-fran­zö­si­schen Jugend­li­te­ra­tur­preis nomi­niert. Ein End­zeit­ro­man, der die Fol­gen des Kli­ma­wan­dels auf erschre­cken­de Art und Wei­se dar­stellt. Rei­che Men­schen, die unter schüt­zen­den Kup­peln leben. Arme, die sich außer­halb davon befin­den und den Natur­ge­wal­ten, dem Hun­ger und der Über­be­völ­ke­rung scho­nungs­los aus­ge­lie­fert sind. Mit­ten dar­in ein Jun­ge und ein Mäd­chen, die von zwei unter­schied­li­chen Sei­ten zuein­an­der fin­den und noch viel Erschre­cken­de­res ent­de­cken… Hoch­bri­sant und unglaub­lich fes­selnd geschrie­ben. Ein sehr wich­ti­ges und loh­nens­wer­tes Buch! Für Jugend­li­che ab 13 Jah­ren (auch für Lese­muf­fel bes­tens geeig­net!) und inter­es­sier­te Erwach­se­ne.

2125. Das Leben auf der Erde hat sich durch Natur­ka­ta­stro­phen, Kli­ma­er­wär­mung und Umwelt­ver­schmut­zung völ­lig ver­än­dert. Davon kann die jun­ge Isis, die in den über­flu­te­ten Slums von New York lebt, ein Lied sin­gen: “Aber jetzt sind es im Som­mer vier­zig Grad und mehr und im Win­ter nie weni­ger als fünf­und­zwan­zig. Es ist nicht aus­zu­hal­ten.” (Zitat aus “New Earth Pro­ject: Töd­li­che Hoff­nung” S.16) Auf beeng­tem Raum lebt sie mit ihrer Fami­lie. Muss oft unter Hun­ger lei­den. Träumt von einer bes­se­ren Zukunft, jen­seits der Armen­vier­tel. Der 15-jäh­ri­ge Ori­on hat die­se Pro­ble­me nicht. Er lebt unter einer schüt­zen­den KasimiraKup­pel, so wie alle Rei­chen. “Außer­halb der Sicher­heits­tü­ren der Kup­pel fand man sich im ewi­gen Grau des Smogs wie­der, der das Son­nen­licht ver­deck­te. Hier aber war alles schön, strah­lend, sau­ber. Fast ver­gaß man das Cha­os, das drau­ßen herrsch­te. Fast.” (Zitat S.22) Ori­on ist der Sohn von Arthur C. Par­ker, dem reichs­ten Mann der Welt und zudem dem Erfin­der des New Earth Pro­jects. Schon seit zehn Jah­ren brin­gen unzäh­li­ge Raum­schif­fe, die “Wel­ten­schif­fe” hei­ßen, jede Woche eine Mil­li­on Men­schen auf den Exo­pla­ne­ten Epsi­lon 145B, der auch New Earth genannt wird. Dort ist alles bes­ser und ein neu­es, sor­gen­frei­es Leben wie­der mög­lich. Eine Rei­se dort­hin dau­ert aller­dings gan­ze 6 Jah­re. Für Ori­on kommt so etwas nicht in Fra­ge“Ja, unter der Bedin­gung, die Erde zu ver­las­sen und sechs Lebens­jah­re mit der Rei­se zu ver­lie­ren. Ich weiß nicht, ob ich das könn­te” (Zitat S.26). Aber unter der Kup­pel ist ohne­hin alles in Ord­nung. Nur um zur SKasimirachu­le zu gehen, muss Ori­on die­se — per Limou­si­ne chauf­fiert — ver­las­sen. Denn auf­grund eines Sozia­li­sie­rungs­pro­jekts sol­len auch weni­ge Kin­der aus den armen Vier­teln eine Chan­ce haben die Schu­le zu besu­chen, so wie Isis, die gro­ßes Glück gehabt hat: “Alle drei Jah­re durch­lau­fen alle Kin­der von sechs bis neu­en Jah­ren eine Rei­he an Tests, und die bes­ten von ihnen bekom­men die Aus­nah­me­er­laub­nis, zur Schu­le zu gehen. In mei­nem Vier­tel war ich eine der zwei Aus­er­wähl­ten.” (Zitat S.17) Doch an der Schu­le gel­ten stren­ge Regeln. Die “Grau­en” (weil sie eine graue Uni­form tra­gen) müs­sen sich kom­plett des­in­fi­zie­ren, bevor sie die Schu­le betre­ten, um kei­ne Kei­me ein­zu­schleu­sen und dür­fen den “Unan­tast­ba­ren” aus den Kup­peln (die eine wei­ße Uni­form tra­gen) nicht näher kom­men. Bis Isis eines Tages ein schwer­wie­gen­der Feh­lerKasimira pas­siert. Sie, die ver­schla­fen hat und in ihre Unter­richts­stun­de hetzt, stößt auf dem Flur aus­ge­rech­net mit Ori­on zusam­men. “Ich atme sto­ckend ein. Im Bruch­teil einer Sekun­de lösen sich mei­ne Träu­me in Luft auf. Leb wohl, Traum von einer Woh­nung auf fes­tem Boden, von einem guten Job, von genug zu essen… Statt­des­sen wer­de ich von der Schu­le flie­gen, weil ich Ori­on Par­ker berührt habe.” (Zitat S.31) Doch selt­sa­mer­wei­se ver­tei­digt Ori­on sie, will nicht, dass der Vor­fall dem Direk­tor gemel­det wird. Bald kom­men die bei­den sich durch ein Schul­pro­jekt uner­war­tet näher. Doch dann fin­det Ori­on etwas Schreck­li­ches her­aus…

Ein Buch, das 21 Lite­ra­tur­prei­se erhal­ten hat, ich muss zuge­ben — das macht neu­gie­rig! Hält es wirk­lich, was es ver­spricht? Auch wenn die Idee, die dem Roman zugrun­de liegt, nicht vKasimiraöllig neu ist (für mich eine Mischung aus “Die Ver­ra­te­nen” und “God­sped”), muss ich zuge­ben, dass die Geschich­te wirk­lich rich­tig gut erzählt wird. Das Schrift­bild ist unge­wohnt groß, die Spra­che ein­fach und sehr flüs­sig. Man fliegt förm­lich über die Sei­ten, ist fas­zi­niert von der Welt, die David Moi­tet dar­in beschreibt. Ein Pro­log setzt 2115 ein und schil­dert den Beginn des New Earth Pro­jects und der Beschrei­bung des ers­ten Wel­ten­schiffs, das der Vater des damals noch 5‑jährige Ori­on der Öffent­lich­keit prä­sen­tiert und Grund­stein sei­ner Berühmt­heit wer­den wird: “Das New Earth Pro­ject wird unse­ren schö­nen Pla­ne­ten ret­ten. Ihr Name wird in die Geschich­te ein­ge­hen.” (Zitat S.8) Es ist ein all­wis­sen­der Erzäh­ler, der sich schließ­lich im Haupt­teil — 10 Jah­re spä­ter — sehr dezent im Hin­ter­grund hält, der die Geschich­te beglei­tet und mal ein Kapi­tel aus Ori­ons Sicht und mal eines aus Isis Sicht (ihres zudem in dKasimiraer Ich-Per­spek­ti­ve) beschreibt, aber auch ande­re Neben­cha­rak­te­re zu Wort kom­men lässt. Das The­ma Kli­ma­wan­del ist ein immer wich­ti­ger gewor­de­nes The­ma im Jugend­buch die­ses Jahr, das merkt man: “Die Erde hat ihre Gren­zen erreicht. Kli­ma­er­wär­mung, Umwelt­ver­schmut­zung und vor allem die Über­be­völ­ke­rung bedro­hen das emp­find­li­che Gleich­ge­wicht” (Zitat 9ff) David Moi­tet gelingt es mit Bra­vour dem Leser die­se Tat­sa­che auf unauf­dring­li­che Wei­se nahe zu brin­gen. Auch wenn das gro­ße Geheim­nis für mich vor­her­seh­bar war, so wird es man­che Leser regel­recht scho­ckie­ren, da bin ich mir sicher. Den­noch fand ich es unglaub­lich span­nend mehr über die Hin­ter­grün­de zu erfah­ren. “New Earth Pro­jekt: Töd­li­che Hoff­nung” ist ein Page­tur­ner der beson­de­ren Art, der mit Gesell­schafts­kri­tik und Dra­ma­tik zu über­zeu­gen und sehr gut zu unter­hal­ten weiß! Eine Lie­bes­ge­schich­te inklu­si­ve, aber eher hin­ter­grün­dig und nicht sehr in die Tie­fe gehend. Das Ende ist lei­der etwas zu pathe­tisch und zu schnell vor­bei. Den­noch ist die Geschich­te in sich abge­schlos­sen.

Eine der bes­ten inhalt­li­chen Lese­al­ter­na­ti­ven ist neben der “Die Ver­ra­te­nen”-Rei­he von Ursu­la Pozn­an­ski Lesealternativenund der her­vor­ra­gen­den “God­sped”-Rei­he von Beth Revis vor allem “Zwi­schen uns die Flut” von Eva Mor­aal. Eine Welt in der Zukunft, die über­flu­tet wur­de, eine Zwei-Klas­sen­ge­sell­schaft hat ent­ste­hen las­sen (“Die Nas­sen” und “Die Tro­cke­nen”) und zwei Jugend­li­che beschreibt, die sich ein­an­der annä­hern (wenn auch mit mehr Roman­tik). Sehr gut könn­te ich mir auch die “Brea­the”-Rei­he von Sarah Crossan vor­stel­len, in wel­cher die Men­schen wegen schlech­ter Luft eben­falls unter Kup­peln leben. Die Sche­re zwi­schen Arm und Reich fin­dest du auch sehr deut­lich aus­ein­an­der­klaf­fen in der Zukunfts­welt von “Cain­storm Island: Der Gejag­te” von Marie Goli­en (unglaub­lich fes­selnd!). Eine gelun­ge­ne, aktu­el­le Neu­erschei­nung zum The­ma Kli­ma­wan­del ist außer­dem “Cryp­tos” von Ursu­la Pozn­an­ski.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Edel Kids Books
ISBN: 978-3-96129-170-0
Erscheinungsdatum: 6.August 2020
Einbandart: Hardcover
Preis: 14,99€
Seitenzahl: 304
Übersetzer: Maren Illinger
Originaltitel: "New Earth Project"
Originalverlag: Didier Jeunesse

Französisches Originalcover:
Kasimira










Trailer zum Buch (auf Französisch):
 

Kasimiras Bewertung:

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(4,5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

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Französisches Cover: Homepage von Didier Jeunesse

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