Dashka Slater — Bus 57

Kasimira11.März 2019

Die viel­fach aus­ge­zeich­ne­te ame­ri­ka­ni­sche Autorin und Jour­na­lis­tin Dash­ka Sla­ter hat mit “Bus 57” einen Roman geschrie­ben, der zugleich eine Doku­men­ta­ti­on einer sich tat­säch­lich ereig­ne­ten Straf­tat ist. Ein afro­ame­ri­ka­ni­scher Jun­ge zün­det wäh­rend einer Bus­fahrt den Rock einer gleich­alt­ri­gen Per­son, die sich als gen­der­queer bezeich­net, an. Die Autorin geht den Hin­ter­grün­den die­ser wah­ren Bege­ben­heit auf die Spur, beleuch­tet die Geschich­te aus unter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven und lie­fert einen kri­mi­na­lis­ti­schen, teils fast sach­buch­haf­ten Roman. Ein bewe­gen­des, hef­ti­ges Buch, das zum Nach­den­ken anregt. Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwach­se­ne.

Oak­land, Kali­for­ni­en. Es ist Mon­tag, der 4. Novem­ber 2013. Ein Tag, der das Leben zwei­er Jugend­li­chen für immer, unwi­der­ruf­lich, ver­än­dern wird.
Da ist zum einen Sasha — 16 Jah­re alt — ursprüng­lich auf den Namen Luke getauft, umbe­nannt vor eini­ger Zeit im Rah­men eines Outings: Sasha geht in die zwölf­te Klas­se einer klei­nen, pri­va­ten High­school und iden­ti­fi­ziert sich als agen­der — weder männ­lich noch weib­lich.” (Zitat aus “Bus 57” S.8) Sasha liebt alle Arten von Spie­le: Kar­ten­spie­le, Rol­len­spiel, Brett­spie­le und Video­spie­le. Ist Teil einer Cli­que, die mit Sashas Gen­der­queer­heit kei­ner­lei Pro­blem hat. Eben­so die Eltern sind dem auf­ge­schlos­sen gegen­über und die Schu­le
Kasimira, auf die Sasha geht, fällt gera­de dadurch auf, dass unkon­ven­tio­nel­les Ver­hal­ten posi­tiv ange­se­hen wird. Seit eini­ger Zeit trägt Sasha Röcke. Auch auf der Bus­fahrt nach Hau­se.
Zum ande­ren ist da Richard. Er ist Afro­ame­ri­ka­ner, wohnt in einem sozi­al schwa­chen Vier­tel. “Er ist sech­zehn Jah­re alt, geht in die elf­te Klas­se der Oak­land High School und hat hasel­nuss­brau­ne Augen und ein läs­si­ges, net­tes Grin­sen im Gesicht.” (Zitat S.8) In der neun­ten Klas­se hat wur­den er und sei­ne Cli­que nach einer Prü­ge­lei ver­haf­tet und sogar des Raubs bezeich­net. Richard befand sich einen gan­zen Monat lang in einer Jugend­straf­an­stalt, bis das Urteil end­lich gefällt wur­de. Er wur­de mit elek­tro­ni­scher Fuß­fes­sel ent­las­sen und ver­brach­te mehr als ein Jahr in einer betreu­ten Wohn­grup­pe, weit von Zuhau­se ent­fernt, ehe er nach Oak­land zurück­keh­ren durf­te. Sei­ne Noten waren nicht gut, aber er fand eine Ver­trau­ens­leh­re­rin, die ihn unter­stütz­te und an ihn glaub­te. Sie war davon über­zeugt, dass aus ihm etwas Kasimirawer­den kön­ne und er eines Tages einen guten Abschluss machen wür­de. Eigent­lich hat Richard ein son­ni­ges Gemüt: “Er woll­te, dass Leu­te glück­lich waren, das war etwas, das allen an ihm auf­fiel. Er mach­te stän­dig Wit­ze, alber­te her­um. […] Er spiel­te Leu­ten Strei­che, wie ihnen Ket­schup aufs Gesicht zu schmieren, wäh­rend sie schlie­fen, oder ihnen mit Was­ser­bal­lons auf­zu­lau­ern, wenn sie gera­de erst auf­ge­wacht waren. Für einen guten Lacher tat er alles” (Zitat S.107) Mit sei­nem Cou­sin und einem Freund fährt er am Mon­tag, den 4. Novem­ber 2013 mit dem Bus nach Hau­se.
“Die Bus­li­nie 57 führt sowohl durch wohl­ha­ben­de als auch sozi­al schwa­che Vier­tel, durch­quert die Stadt von einem Ende zum ande­ren auf einer knapp acht­zehn Kilo­me­ter lan­gen Stre­cke.” (Zitat S.13) Wäh­rend die­ser Bus­fahrt zün­det Richard Sashas Rock an. Lässt sein Feu­er­zeug dar­an zün­geln. Steigt aus. Und wird durch den Schrei sei­nes Cou­sins alar­miert. Der Rock hat Feu­er gefan­gen. Sasha brennt. Erlei­det schwers­te Ver­bren­nun­gen an den Bei­nen. Brand­ver­let­zun­gen des zwei­ten und drit­ten Grads Kasimiraund muss mehr­mals ope­riert wer­den. Wäh­rend Richard sich der Situa­ti­on zunächst ent­zieht und abhaut, wird er jedoch am nächs­ten Tag in der Schu­le fest­ge­nom­men. Auf Kame­ras im Bus ist alles genau zu sehen. Doch was genau ist pas­siert? Wie konn­te es zu die­ser Tat kom­men? Und wird Richard tat­säch­lich nach Erwach­se­nen­straf­recht und zu einer lebens­läng­li­chen Haft­stra­fe ver­ur­teilt wer­den?

Ursprüng­lich hat Dash­ka Sla­ter nur einen län­ge­ren Arti­kel in der New York Times geschrie­ben, der im Febru­ar 2015 erschien. Doch dann ließ die Jour­na­lis­tin und Autorin — die vor allem für ihre sorg­fäl­tig recher­chier­ten Hin­ter­grund­ge­schich­ten mehr­fach aus­ge­zeich­net wur­de — das The­ma ein­fach nicht mehr los und sie beschloss ein gan­zes Buch dar­über zu schrei­ben. Dafür hat sie sehr gut recher­chiert und das merkt man. Mona­te­lang hat sie den Gerichts­pro­zess gegen Richard ver­folgt, mit Zeu­gen gespro­chen und aus ver­schie­dens­ten Quel­len, wie sie im Vor­wort angibt, ihre Infor­ma­tio­nen zusam­men­ge­tra­gen: “…unter ande­rem aus Inter­views, Doku­men­ten, Brie­fen, Vide­os, Tage­bü­chern, Bei­trä­gen in sozia­len Medi­en und öffent­lich zugäng­li­chen Behör­den­un­ter­la­gen. Zita­te aus die­sen Quel­len sind wort­wört­lich wie­der­ge­ge­ben” (Zitat S.5) Zu Beginn deu­tet die Autorin in einem Kapi­tel bereits an, was pas­sie­ren wird, und erzählt in einem wei­te­ren noch Wis­sens­wer­tes über die Stadt Oak­land, um Kasimiraden Roman dann in meh­re­re Tei­le geteilt, begin­nen zu las­sen. In den ers­ten zwei Tei­len wer­den die Prot­ago­nis­ten genau­er vor­ge­stellt. Teil eins wid­met sich kom­plett Sasha und Teil zwei stellt Richard und sei­ne Lebens­ge­schich­te in den Vor­der­grund. Dann folgt Teil drei: “Das Feu­er”, wel­ches besag­ten 4. Novem­ber 2013 genau­er beleuch­tet und schließ­lich in Teil vier die Fol­gen, die sich dar­aus erge­ben, in “Jus­tiz”. Der Erzähl­stil des Buches ist zum Teil sehr doku­men­ta­risch, es sind sehr vie­le Sach­in­for­ma­tio­nen ein­ge­ar­bei­tet. Das lässt nicht immer ein flüs­si­ges Lesen zu, ist aber den­noch sehr inter­es­sant auf­be­rei­tet. Auch muss man sich zu Beginn erst ein wenig an die unge­wohn­te Ver­wen­dung der Pro­no­men gewöh­nen, die im Deut­schen mit bei­spiels­wei­se mit “sier” oder “siem” über­setzt wer­den — als neu­tra­le Pro­no­men. Dies geschieht — laut Anmer­kung der Autorin — nach Abspra­che mit Sasha. “Ich möch­te nicht, dass Leu­te von mir als er den­ken […] Es berührt mich nicht wirk­lich direkt — zumin­dest es zu hören, — ich den­ke mir nur: Hm, das stimmt ein­fach nicht. Und wenn die Leu­te die Kasimirarich­ti­gen Pro­no­men benut­zen, wenn sie sier oder ein ande­res, geschlechts­neu­tra­les Pro­no­men benut­zen, füh­le ich mich ernst genom­men.” (S.52) Teil­wei­se wer­den auch Aus­zü­ge aus trumblr- oder Face­book-Sei­ten mit abge­bil­det, oder Text­nach­rich­ten, die sich die Jugend­li­chen geschickt haben. Dies lässt ein sehr viel­sei­ti­ges, tief­schich­ti­ges Bild zu. Dash­ka Sla­ter lässt in ihrem Buch kei­nen Aspekt unbe­rührt, sie klärt ihre Leser auf, erläu­tert Begriff­lich­kei­ten wie — was bedeu­tet über­haupt gen­der­queer? — lie­fert exak­te Defi­ni­tio­nen und benennt eben­so Fak­ten mit genau­en Zah­len: Zu Gewalt­ta­ten gegen Trans*Menschen kommt es erschre­ckend häu­fig. Eine von vier Trans*Personen ist schon Opfer eines vor­ur­teils­ge­lei­te­ten Angriffs gewe­sen […] Von acht­hun­dert­sech­zig nicht binä­ren Per­so­nen, die 2008 an der lan­des­wei­ten Umfra­ge zur Trans­gen­der­dis­kri­mi­na­ti­on teil­nah­men, waren zwei­und­drei­ßig Pro­zent bereits ein­mal kör­per­lich ange­grif­fen wor­den.” (Zitat S.59) Durch die Schil­de­rung bei­der Lebens­läu­fe in unab­hän­gi­gen Tei­len geht die Autorin auf bei­de KasimiraSchick­sa­le auf berüh­ren­de Art und Wei­se ein und schafft dies auch nahe­zu wer­tungs­frei. Ein wich­ti­ger Punkt in “Bus 57” ist das ame­ri­ka­ni­sche Rechts­sys­tem und die deut­li­che Her­vor­he­bung der Tat­sa­che, dass vor Gericht anders­far­bi­ge Men­schen — im Gegen­satz zu Wei­ßen — immer noch teil­wei­se nach­tei­lig behan­delt wer­den. Hier­von kann man vor allem im letz­ten Teil des Buches lesen, wäh­rend man dem Urteil und wei­te­ren Aus­gang der Geschich­te immer näher kommt. Der Roman ist teils in recht kur­zen Kapi­teln geschrie­ben und vor allem im hin­te­ren Teil sehr mit­rei­ßend. Das Ende berührt und macht nach­denk­lich.

Du magst schick­sals­haf­te Roma­ne, die auf wah­ren Bege­ben­hei­ten beru­hen? Dann wäre viel­leicht die “Mein Leben”-Rei­he beim Are­na Ver­lag etwas für dich. Hier erzäh­len Jugend­li­che wah­re Geschich­ten über hef­ti­ge The­men. Lies zum Bei­spiel “Die Schü­ler von Win­nen­den” von Dani­el O.BachmaLesealternativennn (The­ma: Amok­lauf), “Euer Hass hat kein Gesicht” von Jes­si­ca Geh­res (Cyber­mob­bing), “Der Tod kriegt mich nicht” von Lisa-Marie Huber (Leuk­ämie), “Plötz­lich war ich im Schat­ten” von Ela Aslan (Ille­gal in Deutsch­land), “So lan­ge bin ich vogel­frei” von Sabri­na Topho­fen (Stra­ßen­kind), “Mein Lol­li­mäd­chen-Ich” von Chris­ti­na Hel­mis (Mager­sucht) und “Dann bin ich see­len­ru­hig” von Ange­la S. (Rit­zen). Bewe­gen­de Bücher zum The­ma “Schuld” sind zum Bei­spiel das fes­seln­de “Du” von San­dra Glover (schon etwas älter), “Wer ist Jen­ni­fer Jones?” von Anne Cas­sidy (eben­falls etwas älter), das hef­ti­ge “Du woll­test es doch” von Loui­se O’Neill, das nach­denk­lich machen­de “Zebra­land” von Mar­le­ne Röder und das bewe­gen­de “Der Jun­ge auf dem Berg” von John Boy­ne. In eine ähn­li­che Rich­tung gehen auch “Das wirst du nie mehr los” von Gail Giles und der ame­ri­ka­ni­sche Klas­si­ker “Das haben wir nicht gewollt” von Paul Zin­del. Etwas Schlim­mes getan haben auch die Prot­ago­nis­ten in “Was wir nicht woll­ten” von Paul Höra und in “Dreck­stück” von Clé­men­ti­ne Beau­vais. Hin­sicht­lich der Dis­kri­mi­nie­rung von Schwar­zen muss­te ich eben­so ein wenig an “Dear Mar­tin” von Nic Stone den­ken.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Loewe
ISBN: 978-3-7432-0363-1
Erscheinungsdatum: 11.März 2019
Einbandart: Hardcover
Preis: 18,95€ 
Seitenzahl: 400 
Übersetzer: Ann Lecker
Originaltitel: "The bus 57"
Originalverlag:  Farrar, Straus and Giroux

Amerikanisches Originalcover: 
Kasimira

Kasimiras Bewertung:

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(4 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

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Amerikanisches Cover: Homepage von Farrar, Straus and Giroux

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