Das Thema Tod in der Jugendliteratur

Jenny Downham Bevor ich sterbe20.September 2012

Ster­ben müs­sen wir alle irgend­wann. Gedan­ken über den Tod machen sich meist älte­re Men­schen. Doch — wenn man sich die aktu­el­len Neu­erschei­nun­gen in der Jugend­li­te­ra­tur anschaut: scheint das The­ma Tod die­ses Jahr auch in der Jugend­li­te­ra­tur beson­ders ver­tre­ten zu sein.

Schon an den Best­sel­lern “Bevor ich ster­be” von Jen­ny Down­ham oder “Tote Mäd­chen lügen nicht” von Jay Asher, die — obwohl sie schon vor Jah­ren ver­öf­fent­licht wur­den — noch immer gefragt sind, ist erkenn­bar, dass auch Jugend­li­che sich mit erns­ten The­men aus­ein­an­der­set­zen möch­ten. Und das haben nun auch die Ver­la­ge erkannt:

Der Han­ser Ver­lag bie­tet mit John Greens neu­es­tem und bis­her stärks­ten Titel Das Schick­sal ist ein mie­ser Ver­rä­ter” eine Geschich­te über zwei krebs­kran­ke Jugend­li­che, die gleich­zei­tig zum Lachen und zum Wei­nen ver­lei­ten wird.

Inter­es­sant ist auch, dass die­ses Jahr in auf­fal­lend vie­len Roma­nen die Mut­ter an Donna Freitas Wie viel Leben passt in eine Tüte?Krebs erkrankt und stirbt, wie es der Fall ist bei Nichts als Lie­be” von Beth Kephart (dtv), “Anders als sie” von Lau­ren Stras­nick (Baum­haus) und bei K.L.Going “Evies Gar­ten” (auch Baum­haus) . Im August ist eben­falls ein sehr berüh­ren­des Buch von Don­na Frei­tas erschie­nen: “Wie viel Leben passt in eine Tüte” (Gabri­el). Bewäl­ti­gung des Todes, Wei­ter­le­ben-Müs­sen und die gro­ße Fra­ge nach dem “Wie?” wer­den in allen drei Roma­nen beson­ders behut­sam behan­delt. Meist ver­bun­den mit einer Lie­bes­ge­schich­te, deren Roman­tik das Gan­ze meist noch unter­halt­sa­mer macht, aber auch sym­bo­lisch für einen Neu­an­fang und ein Sich-Neu-Ein­las­sen auf etwas sein kann.

Unab­hän­gig von Krank­heit zei­gen man­che Bücher jedoch auch ganz ande­re Betrach­tungs­wei­sen des The­mas “Tod” auf. So beschäf­tigt sich Voll­endet” von Neal Shus­ter­man (Sauer­län­der) damit, was wäre, wenn man eine Abtrei­bung noch Jah­re nach der Geburt voll­zie­hen könn­te. Wenn man sein Kind in all sei­ne Kör­per­tei­le zer­le­gen und somit in ver­schie­de­nen ande­ren Men­schen wei­ter­le­ben las­sen könn­te? Ein maka­be­res Gedan­ken­ex­pe­ri­ment — und eine Aus­ein­an­der­set­zung mit der Fra­ge: ab wann lebt man und ab wann spricht man von Tod?

Bjarne Reuter Das dunkle Lied des TodesSter­ben kann aller­dings auch grau­sam und unheim­lich sein: Das zei­gen unter ande­rem Dark insi­de” von Jeyn Roberts (Loewe), in dem Men­schen zu wil­len­lo­sen, töten­den Bes­ti­en wer­den, “Das dunk­le Lied des Todes” von Bjar­ne Reu­ter (dtv), wel­ches das Ver­schwin­den einer gan­zen Schul­klas­se zum The­ma macht und Käl­te” von Micha­el Nor­throp (Loewe), in dem ein Jun­ge bewusst in den Tod geschickt wird. Eben­so der Roman “Klas­sen­ziel” von T.A. Weg­berg, der sich mit einem Amok­lauf beschäf­tigt, zeigt sinn­lo­ses Töten.

Und doch ist da immer wie­der auch die Angst vor dem Tod. Was kann man tun, wenn wirk­lich ein naher Ange­hö­ri­ger, ein Fami­li­en­mit­glied stirbt? San­gu Man­dan­na hat mit ihrem Roman Lost Girl. Im Schat­ten der Ande­ren” (Ravens­bur­gerdar­auf eine Ant­wort gefun­den! In ihrem Buch ist es näm­lich für Eltern mög­lich von ihren Kin­dern einen Dop­pel­gän­ger machen zu las­sen, der im Ernst­fall dann ein­springt. Ob das wirk­lich so gut ist, vor allem für die Per­son, die die­ser Dop­pel­gän­ger ist, kann man in dem in sich abge­schlos­se­nen Roman nach­le­sen!

Cat Patrick Die 5 Leben der Daisy WestIn “Die fünf Leben der Dai­sy West” von Cat Patrick (Boje) wur­de ein­fach mal ein Mit­tel erfun­den, namens “Revi­ve”, mit dem man einen soeben ver­stor­be­nen Men­schen ins Leben zurück­zu­ho­len kann. Selbst­ver­ständ­lich befin­det sich das Medi­ka­ment noch in einer Test­pha­se und das gan­ze Pro­jekt ist streng geheim. Doch Dai­sy, eine der Test­per­so­nen, gelingt es hin­ter die Fas­sa­de des Sys­tems zu schau­en und da lau­ert etwas völ­lig Uner­war­te­tes auf sie…span­nend bis zum Ende!

Auf ganz unge­wöhn­li­che Wei­se beschäf­ti­gen sich in The lovely way — Nur wenn du auf­gibst, wird der Tod lebens­ge­fähr­lich” (Oetin­ger Ver­lag) von San­ne Näs­ling zwei jun­ge Mäd­chen mit dem Tod: Sie erträu­men sich ein ande­res Leben und wol­len lie­ber ster­ben, als ein ereig­nis­lo­ses, lang­wei­li­ges Dasein zu fris­ten. Der Tod ist das Sym­bol ihres Seh­nens nach etwas Ande­rem, dem meta­pho­risch Uner­reich­ba­rem. Ein Roman — der das Zeug zum Kult­buch hat, denn das Beson­de­re an ihm ist die außer­ge­wöhn­li­che, tra­shi­ge Spra­che. Lesens­wert!

Rat­ge­ber zum The­ma Tod gibt es im Jugend­buch lei­der kaum. Da müs­sen die Jugend­li­chen schon zu den Erwach­se­nen-Rat­ge­bern grei­fen. Eine Mög­lich­keit um im Jugend­buch­seg­ment zu blei­ben, ist zum Bei­spiel “Abschied für immer” von Miri­am Özalp und Hans-Jörg Kar­ren­brock, erschie­nen im Ueber­reu­ter-Ver­lag.

Nina Lacour Ich werde immer da sein, wo du auch bistDas The­ma “Sui­zid” ist nach letz­tem Jahr mit Jana Frey “Schwar­ze Zeit” oder Ich wer­de immer da sein, wo du auch bist” von Nina Lacour (bei­des Fischer Ver­lag) oder Tobi­as Elsäs­ser beein­dru­cken­des Für nie­mand”(Sauer­län­der), aber vor allem seit dem Erfolg von Tote Mäd­chen lügen nicht” von Jay Asher (cbt), auch die­ses Jahr wie­der bei eini­gen Ver­la­gen ver­tre­ten. Im Janu­ar erschien bei Kos­mos By the time you read this I’ll be dead” von Julie A. Peters. Im Febru­ar folg­te “Allein unter Schild­krö­ten” von Marit Kald­hol (mixtvi­si­on). Und im März wur­de “Ver­giss­dein­nicht” von Cat Clar­ke (Lüb­be) ver­öf­fent­licht, das sowohl für Jugend­li­che, als auch Erwach­se­ne geeig­net ist. Auch der soeben erschie­ne­ne Are­na-Thril­ler Fros­ten­gel” von Tami­na Ber­ger beschäf­tigt sich mit einem mög­li­chen Sui­zid. In Mond­glas” von Jes­si Kir­by ist es sogar die Mut­ter, die ein­fach ins Meer mar­schiert und Sui­zid begeht.

Jede Men­ge Lese­stoff erwar­tet also all jene Leser die­ses Jahr, die bereit sind sich gegen­über erns­te­ren The­men zu öff­nen. Da ist viel Span­nen­des, viel Berüh­ren­des, viel Trau­ri­ges, aber auch viel Hoff­nung dabei. Denn wie heißt so schön das Sprich­wort: Die Hoff­nung stirbt bekannt­lich zuletzt… Viel Spaß beim Lesen!

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