Danny Wattin — Davids Dilemma: Eine unglückliche Verkettung nicht ganz so weiser Entscheidungen

18.Februar 2024

Davids Dilem­ma: Eine unglück­li­che Ver­ket­tung nicht ganz so wei­ser Ent­schei­dun­gen” ist ein Romen des schwe­di­schen Autor Dan­ny Wat­tin. Er, der selbst Jude ist, stellt einen jüdi­schen Jun­gen in den Mit­tel­punkt, der in Schwe­den lebt und sei­ne Reli­gi­on bis­her immer geheim­ge­hal­ten hat, um nicht anzu­ecken, sich aber eines Tages ver­plap­pert und damit eine Ket­te an Ereig­nis­sen in Gang setzt, die er selbst bald nicht mehr kon­trol­lie­ren kann. Denn auf ein­mal ist er beliebt gewor­den und sogar die hüb­sche Maja scheint sich für ihn zu inter­es­sie­ren. Doch nicht alle sind ihm wohl­ge­son­nen und auch ein paar Neo­na­zis und mob­ben­de Mit­schü­ler haben ihn bald auf dem Kicker. Und weil David unbe­dingt dazu­ge­hö­ren möch­te und nie­man­den vor den Kopf sto­ßen möch­te, ver­strickt er sich bald in immer mehr Lügen und Halb­wahr­hei­ten… Ein skur­ri­ler, schwarz­hu­mo­ri­ger Roman, der sich mit erns­ten The­men wie Anti­se­mi­tis­mus, Rechts­extre­mis­mus, Mob­bing und der Suche nach der eige­nen Iden­ti­tät aus­ein­an­der­setzt, an man­chen Stel­len herr­lich komisch ist, aber auch viel Stoff zum Nach­den­ken und für Dis­kus­sio­nen bie­tet. Ide­al als Klas­sen­lek­tü­re oder für eine Buch­vor­stel­lung. Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwachsene.

Schwe­den. David ist ein Träu­mer. Er träumt von Mäd­chen, mit denen er zusam­men sein könn­te, hat aber lei­der kei­ne Freun­din. “Da mei­ner Ver­wandt­schaft die übli­chen Gren­zen der Scham unbe­kannt sind, wer­de ich zu Hau­se oft über mein Lie­bes­le­ben aus­ge­fragt. Und wenn sich her­aus­stellt, dass es nicht exis­tiert, dann sehen mich alle für gewöhn­lich mit­lei­dig an, als ob mit mir irgend­was ernst­haft nicht stimmt.” (Zitat aus “Davids Dilem­ma” S.12). Sei­ne Oma rät ihm, Arzt zu wer­den. Dann wür­den die Mäd­chen Schlan­ge bei ihm ste­hen. Aber dazu muss er erst ein­mal die Schu­le über­ste­hen. Dort ist er ein Außen­sei­ter. Hat nur einen ein­zi­gen Freund namens Micke, der eben­so am Ran­de der Gesell­schaft steht und zudem noch gemobbt wird. David ist Jude. Sei­ne Fami­lie stammt ursprüng­lich aus Deutsch­land, sei­ne Groß­el­tern bei­der­seits sind auch jüdisch und sind wäh­rend des Krie­ges nach Schwe­den geflüch­tet. Doch sei­ne Reli­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit kennt in der Schu­le nie­mand. Die hat er bewusst geheim gehal­ten. Bis er sich im Sport­un­ter­richt beim Schwän­zen ver­se­hent­lich ver­plap­pert und sei­ne Reli­gi­on als Aus­re­de benutzt. “Du siehst nicht krank aus”, stell­te er fest. “Los, ab mit dir.” Für gewöhn­lich dach­te ich mir nicht ein­fach was aus, aber an die­sem Tag ging es mit mir durch. “Ich kann nicht”, sag­te ich. “Es… es ist Schab­bat.” Fragt mich nicht, war­um ich das gesagt habe. Der Schab­bat begann erst bei Son­nen­un­ter­gang. Und außer­dem fei­er­ten wir ihn nicht. Wir waren schließ­lich die am wenigs­ten reli­giö­sen Juden im Groß­haum Stock­holm. “Du bist Jude?”, frag­te Sport-Mats erstaunt.” (Zitat S.14) David muss nicht am Sport­un­ter­richt teil­neh­men. Trotz­dem hofft er, dass sein “Geheim­nis” nicht die Run­de macht. In sei­ner Fami­lie haben eini­ge sehr schlech­te Erfah­run­gen damit gemacht, jüdisch zu sein. “Die Leu­te begrif­fen das ein­fach nicht. All die wohl­mei­nen­den Erwach­se­nen, die sag­ten, man sol­le stolz auf sei­ne Her­kunft sein. Sie kapier­ten nicht, wie die Kon­se­quen­zen aus­sa­hen. Des­halb schwieg ich, wenn die ande­ren Juden­wit­ze ris­sen und “Sieg Heil!” rie­fen. Weil ich bedeu­tend mehr Angst hat­te als Stolz.” (Zitat S.19) Doch schließ­lich wird er gera­de von sei­ner Reli­gi­ons­leh­re­rin “ent­tarnt”, die vom Sport­leh­rer anschei­nend infor­miert wur­de. Sie bit­tet ihn im Unter­richt wäh­rend einer The­men­wo­che von sei­ner Reli­gi­on mehr zu berich­ten. Vor der gan­zen Klas­se! Nun wis­sen alle Bescheid. Aber auf ein­mal beginnt sich das Blatt zu wen­den, er — der immer Außen­sei­ter war — wird nun plötz­lich beach­tet. “Des­halb war ich sehr über­rascht, als ich den Blick doch mal etwas län­ger erwi­der­te und ein auf­mun­tern­des Nicken von Erik aus mei­ner alten Bas­ket­ball­mann­schaft erhielt. Und danach ein Lächeln von einem sehr süßen Mäd­chen aus der Par­al­lel­klas­se, mit dem ich tat­säch­lich noch nie gespro­chen hat­te. […] Das­sel­be geschah, als ich zu mei­nem Spind kam. Leu­te, für die ich vor­her immer unsicht­bar gewe­sen war, grüß­ten und frag­ten, wie es mir denn gehen wür­de. (Zitat S.77) Sogar die hüb­sche Maja, die er mal auf einer Demons­tra­ti­on gegen Isra­el beglei­tet hat (wo er behaup­te­te Juden zu has­sen, um nicht auf­zu­fal­len), fin­det offen­bar auf ein­mal Gefal­len an ihm. Aber nicht alle sind ihm wohl­ge­son­nen. Ein paar Mit­schü­ler gehen ihn im Sport­un­ter­richt ziem­lich hart an, fou­len ihn absicht­lich. Einer hat einen Bru­der, der Neo­na­zi ist, den er dar­über infor­mie­ren will, dass David Jude ist. Bald tau­chen die Neo­na­zis an sei­ner Schu­le auf. Doch das sind noch nicht die Ein­zi­gen, die es auf David abge­se­hen haben…

Das Cover wirkt recht düs­ter, aber der Titel ist recht kunst­voll arran­giert. Der Roman beginnt mit einem Vor­wort des Autoren Dan­ny Wat­tin. Denn die Geschich­te, die er erzählt, beruht tat­säch­lich auf wah­ren Bege­ben­hei­ten. Denn der Autoren hat die Geschich­te von David von einem Bekann­ten auf­ge­schnappt. “Im Grun­de wuss­te ich, wer David war: ein schweig­sa­mer, zurück­hal­ten­der Typ, eini­ge Jah­re jün­ger als ich. Aber mir war nicht klar, dass er auch Jude war. Ich hat­te immer ange­nom­men, der ein­zi­ge in der gan­zen Gegend zu sein. Genau wie ich muss­te er sei­ne reli­giö­se Iden­ti­tät lan­ge geheim gehal­ten haben, und als sich die Ereig­nis­se abspiel­ten, von denen mein Jugend­freund erzähl­te, waren mei­ne Fami­lie und ich bereits aus dem Vor­ort in die Stadt gezo­gen.” (Zitat S.8) Auch sei­ne eige­nen Bezü­ge zum Roman sind dar­aus ersicht­lich. Dan­ny Wat­tin, der eigent­lich gera­de dabei war, ein ande­res Buch zu schrei­ben, begann mehr dar­über zu recher­chie­ren, konn­te aber David nicht aus­fin­dig machen. Erst nach einer Wei­le kam der Kon­takt schließ­lich zustan­de. David schick­te ihm sei­ne geschrie­be­ne Geschich­te. Dan­ny Wat­tin kön­ne damit machen, was er wol­le. “Und wie ihr seht, habe ich mich dafür ent­schie­den, es zu ver­öf­fent­li­chen. Denn selbst wenn wir eine in vie­ler Hin­sicht ähn­li­che Jugend hat­ten, muss­te ich den Text doch nur rasch über­flie­gen, um zu begrei­fen, dass sei­ne Geschich­te so viel inter­es­san­ter war als mei­ne. Alles, wovor ich immer Angst hat­te, ist David näm­lich wirk­lich pas­siert.” (Zitat S.10) Der Roman, der durch­gän­gig aus Davids Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve geschrie­ben ist, ist in Kapi­tel unter­teilt, die mit kur­zen stich­punkt­ar­ti­gen Zusam­men­fas­sun­gen ver­se­hen sind und den dar­auf­hin fol­gen­den Inhalt des Kapi­tels wie­der­ge­ben. Unge­wöhn­lich, aber neu­gie­rig machend. Am Anfang brauch­te ich etwas um in das Buch hin­ein­zu­kom­men, um mich mit den Cha­rak­te­ren anzu­freun­den, die schon recht außer­ge­wöhn­lich sind. Teils sehr schrä­ge Figu­ren, wie sich Kasimirahas­sen­de Mut­ter und Schwie­ger­mut­ter, den schwarz­ma­len­den Opa, die dicke Cis­si, mit der David “ver­se­hent­lich” schläft oder Micke, der die blü­hens­ten, ero­ti­schen Fan­ta­sien mit Frau­en hat, die nur in sei­nen Träu­men exis­tie­ren. Die Spra­che ist recht derb zu Beginn, wovor jedoch in einer Anmer­kung des Ver­lags bereits “gewarnt” wird: “Die Hand­lung spielt in den spä­ten 80er-Jah­ren. So las­sen sich bestimm­te Aus­drucks­wei­sen und eine z.T. dras­ti­sche Spra­che erklä­ren, die wir heu­te so nicht mehr benut­zen wür­den.” (Zitat S.5). Dies sind aber tat­säch­lich nur sehr weni­ge Stel­len. Irgend­wann ist man dann drin in der Geschich­te, die mit eini­gen höchst komi­schen Situa­ti­on mit viel schwar­zem Humor bril­liert, den­noch aber jede Men­ge Ernst­haf­tig­keit zeigt. Der Nah­ost­kon­flikt wird the­ma­ti­siert, Mob­bing, Anti­se­mi­tis­mus und auch Rechts­extre­mis­mus und Akti­vis­mus sind gro­ße Schwer­punk­te des Romans und ver­lan­gen eine inten­si­ve Aus­ein­an­der­set­zung. Der Prot­ago­nis­tin ver­strickt sich immer mehr in Lügen und will eigent­lich nur eines: dazu­ge­hö­ren und ange­nom­men wer­den. “Es war, als wäre ich unsicht­bar. So fühl­te ich mich oft, als wäre ich ein pas­si­ver Beob­ach­ter, der dastand und zuschau­te, wäh­rend um mich her­um das Leben statt­fand. Als gäbe es eine Glas­wand zwi­schen mir und dem Rest der Welt, wäh­rend ich, mit der Nase an die Schei­be gedrückt, ver­zwei­felt ver­such­te hin­durch­zu­kom­men.” (Zitat S.42) Doch als sei­ne Reli­gi­on — die er bald offen zur Schau stellt, obwohl er eigent­lich gar nicht so gläu­big ist — ihm ein Tür­öff­ner in man­chen Situa­tio­nen wird, ver­hält er sich bald wie ein Fähn­chen im Wind. Geht auf Demos mit und behaup­tet für Paläs­ti­na zu sein, um Maja zu beein­dru­cken, obwohl er dies nicht ist. Trägt eine Kip­pa, weil Maja meint, dies sei sexy. Weil David mit der dicken Cis­si zwar “ver­se­hent­lich” geschla­fen hat, aber mit ihr nicht zusam­men­sein will, behaup­tet er kur­zer­hand, nur mit jüdi­schen Frau­enKasimira aus­ge­hen zu dür­fen. Auch stellt er man­che Din­ge, die über ihn gesagt wer­den, nicht rich­tig, was eini­ge unge­ahn­te Aus­wir­kun­gen hat. Und rutscht immer tie­fer in den Schla­mas­sel hin­ein. Dies zu ver­fol­gen liest sich einer­seits höchst komisch, aber auch sehr span­nend und unter­halt­sam und man ahnt instink­tiv: Irgend­wann wird David Stel­lung bezie­hen müs­sen. Zu sich selbst ste­hen müs­sen. Ein Pro­zess, der nicht immer ein­fach ist. Vor allem, wenn Neo­na­zis und Akti­vis­ten hier­bei noch mit­mi­schen. Das Ende ist dra­ma­tisch und auch wenn es nicht in allem gut aus­geht, wahr­schein­lich doch sehr realistisch.

LesealternativenVon Dan­ny Wat­tin wur­de noch ein wei­te­res (auto­bio­gra­fi­sches) Buch ins Deut­sche über­setzt (aller­dings für Erwach­se­ne): “Der Schatz des Herrn Isa­ko­witz”. Dich inter­es­siert das The­ma Anti­se­me­tis­mus? Hier­zu könn­test du zu “Ich bin Jude: Euer Anti­se­me­tis­mus ist mein All­tag” von Rei­ner Engel­mann oder zu “Ruhm und Ver­bre­chen des Hoo­die Rosen” von Isaac Blum grei­fen. Eine Neu­erschei­nung wäre außer­dem “Gol­de­ne Stei­ne” von Cor­ne­lia Franz. All­tags­ras­sis­mus begeg­nest du zudem in dem Roman “Wei­ße Trä­nen” von Kath­rin Schro­cke. Du magst etwas Humor­vol­le­res lesen, in dem der Held der Geschich­te von einem Schla­mas­sel in den nächs­ten gerät? Dann wäre das schon etwas älte­re “Ben Flet­chers total genia­le Maschen” von T.S.Easton ide­al für dich!

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Loewe
ISBN: 978-3-7432-1655-6
Erscheinungsdatum: 14.Februar 2024
Einbandart: Broschur
Preis: 14,95€
Seitenzahl: 288
Übersetzer*in: Susanne Dahmann
Originaltitel: "David den mindre vises protokoll"
Originalverlag: Bokförlaget Polaris

Schwedisches Originalcover:

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Kasimiras Bewertung:

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(4 von 5 mög­li­chen Punkten)

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Schwedisches Cover: Homepage von Bokförlaget Polaris

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