Daniel Höra — Was wir nicht wollten

Daniel Höra - Was wir nicht wollten5.August 2018 

Was wir nicht woll­ten” ist der neu­es­te Roman von dem deut­schen Auto­ren Dani­el Höra. Ein Roman über die Tat einer Grup­pe von Jugend­li­chen, die eigent­lich einer Nach­ba­rin nur einen Denk­zet­tel ver­pas­sen woll­ten und plötz­lich in eine Situa­ti­on gera­ten, die außer Kon­trol­le gerät. Eine Geschich­te über Grenz­über­schrei­tung, Ver­ant­wor­tung und Schuld. Nach­denk­lich machend und bewe­gend erzählt. Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwach­se­ne.

In einer Sied­lung nahe einer namen­lo­sen Stadt irgend­wo in Deutsch­land. Hier lebt der 13-jäh­ri­ge “Spar­gel” (der des­we­gen so genannt wird, weil er so groß und schlank ist) mit sei­nen Freun­den. Sei­ne Freun­de, das sind Koko, die Anfüh­re­rin ihrer klei­nen Cli­que — das Mäd­chen mit den coo­len Ide­en. Schol­le, der Metz­gers­sohn, der im Tor ger­ne kurz mal die Augen zusam­men­kneift, wenn ein Ball auf ihn zufliegt. Bet­ty, deren Fami­lie die Kri­mi­na­li­tät schein­bar im Blut liegt und die selbst auf Bewäh­rung ist. Und Tomis­lav, der von allen nur Tomi genannt wird und des­sen Eltern aus dem Bal­kan kom­men. Zusam­men gehen sie durch Dick und Dünn, auch wenn sie sich manch­mal schon ordent­lich angif­ten. Fie­se Sprü­che und Fro­ze­lei­en, zuwei­len auch ein paar spon­ta­ne Rapp­zei­len — da wird sich nichts geschenkt. Spar­gel ist da eher har­mo­nie­be­dürf­tig und spielt öfters mal den Ver­mitt­ler. Am liebs­ten möch­te er spä­ter mal Schrift­stel­ler wer­den. Doch nun haben gera­de die Feri­en begon­neDaniel Höra - Was wir nicht wolltenn und ihr übli­cher Treff­punkt am Bahn­damm wird bald nicht mehr ihrer sein: “Der Bahn­damm war unser zwei­tes Zuhau­se, dabei war er nur ein ver­wil­der­tes Stück Land neben den Glei­sen. Da hin­gen wir für gewöhn­lich nach der Schu­le rum und in den Feri­en sogar den gan­zen Tag. Das war unser Revier. Lei­der nicht mehr lan­ge, weil ein Bahn­hof ent­ste­hen soll­te.” (Zitat S.9) Jetzt müs­sen sie sich einen ande­ren Platz suchen. Die Bau­ar­bei­ten haben bereits begon­nen. Was sol­len sie jetzt machen? Wo sol­len sie hin und was sol­len sie über­haupt tun in die­sem Som­mer, der noch fast unan­ge­tas­tet vor ihnen liegt? “Koko sah von einem zum ande­ren. “Wie wäre es, wenn wir mal etwas Sinn­vol­les tun?” frag­te sie schließ­lich. “Machen wir doch immer”, kon­ter­te Tomi. “Nee, ich mei­ne was Rich­ti­ges fuhr Koko fort. “Was Ech­tes. Nicht nur rum­hän­gen, Kar­ten spie­len, schlech­te Wit­ze erzäh­len, Leu­te ärgern. Ist doch alles Kin­der­kram. Ich mei­ne was wirk­lich ECHTES.” (Zitat S.10) Bald dar­auf — ange­regt durch eine Sen­dung im Fern­se­hen — kom­men sie auf eine ganz außer­ge­wöhn­li­che Idee. Sie wol­len in ihrer Sied­lung auf einem unge­nutz­ten Stück Natur einen eige­nen klei­nen Gar­ten anle­gen! Wol­len Gemü­se anpflan­zen und viel­leicht auch ein paar Blu­men. Etwas Eige­nes schaf­fen, das nur ihnen gehört. “Ich fra­ge mich, wie Koko das wie­der hin­be­kom­men hat­te. Sie begeis­ter­te uns tat­säch­lich für die­se alber­ne Idee. Für michDaniel Höra - Was wir nicht wollten war sie eine Künst­le­rin, eine Art Male­rin, nur dass sie nicht mit Far­ben mal­te, son­dern mit Ide­en. Das war ihre Kunst.” (Zitat S.20) Bald dar­auf legen sie los. Sogar der behin­der­te Robert, der von allen nur noch Bob­bo genannt wird, will mit­hel­fen. Er ist zwar 15 Jah­re alt, aber nach einem Unfall geis­tig nur noch auf dem Stand eines fünf­jäh­ri­gen Kin­des. Dass er an dem Pro­jekt teil­nimmt, das gefällt Bob­bos Mut­ter hin­ge­gen gar nicht und so ver­petzt sie die Grup­pe eines Tages an die Haus­ver­wal­tung, die den ille­ga­len Gar­ten sofort mit einem Bag­ger platt machen lässt. Kei­ne Fra­ge, dass die Jugend­li­chen das nicht ein­fach so hin­neh­men kön­nen! Bob­bos Mut­ter muss ein ordent­li­cher Denk­zet­tel ver­passt wer­den. Und was eig­net sich bes­ser, als ihr mit dem Angst zu machen, was ihre größ­te Schwach­stel­le ist: ihr Sohn. Kur­zer­hand locken die Jugend­li­chen Bob­bo an die Bahn­glei­se und ver­frach­ten ihn in den Eisen­bahn­schacht. Dort soll er — selbst­ver­ständ­lich mit Scho­ko­la­de besto­chen — erst mal eine Wei­le aus­har­ren und dann eini­ge Zeit spä­ter, als nor­mal nach Hau­se kom­men. Doch auf ein­mal gerät die Situa­ti­on völ­lig außer Kon­trol­le…

Was bei “Was wir nicht woll­ten” neben dem gelun­ge­nen und aus­sa­ge­kräf­ti­gen Titel beson­ders her­vor­sticht, ist das Cover. Ein wirk­li­cher Hin­gu­cker und rich­tig rich­tig gut gemacht! Schon allein das Betrach­ten die­ses sorgt für mul­mi­ge Gefüh­le und die lei­se Ahnung, dass in die­sem Roman Unheil­vol­les passDaniel Höra - Was wir nicht wolltenieren wird. Davon zeu­gen auch die ers­ten Sät­ze des Buches bereits: “Schon mal eine Lei­che gese­hen? Ist ziem­lich fies. Vor allem wenn sie nicht mehr voll­stän­dig ist.” (Zitat S.5) Sogleich denkt man, dass dies das ist, was aus dem ent­führ­ten Jun­gen am Ende gewor­den ist. Aber er es ist “nur” ein Unbe­kann­ter, der sein Leben been­det hat, in dem er sich auf die Glei­se und vor einen Zug geschmis­sen hat. Erzählt wird der Roman in eher locke­rer Spra­che und aus der Ich-Per­spek­ti­ve des 13-jäh­ri­gen Spar­gel, des­sen wirk­li­chen Namen man tat­säch­lich nicht erfährt. Die Grund­idee der Geschich­te mit dem Gar­ten hat mir sehr gut gefal­len. Man spürt förm­lich die Begeis­te­rung, mit der die Jugend­li­chen an ihre Arbeit gehen: “Am Abend hat­ten wir Schwie­len an den Hän­den, die Arme taten uns weh, Bei­ne und Rücken eben­falls. Wir waren dreck­ver­schmiert und glück­lich. Ich hät­te nie gedacht, dass es so einen Spaß machen wür­de, in der Erde zu wüh­len.” (Zitat S.4) Umso trau­ri­ger, als ihr gut gemein­tes Pro­jekt von der Stumpf­sin­nig­keit einer Nach­ba­rin zunich­te gemacht wird. Wäh­rend der Roman am Anfang noch gemüt­lich erzählt wird, kommt es nun rasch zu einer Kehrt­wen­de. Eine bedroh­li­che Span­nung legt sich über die Geschich­te. Jetzt wird alles anders. Und es wird nie­mals mehr so sein wie zuvor. “Was wir nicht woll­ten” ist nicht nur die Geschich­te einer Schre­ckens­tat und einer Daniel Höra - Was wir nicht wolltenSchuld und die einer aus­weg­lo­sen Situa­ti­on, son­dern vor allem auch die einer Freund­schaft, die zu zer­bre­chen droht. Denn gera­de unter Druck kom­men manch­mal auch völ­lig unge­ahn­te Sei­ten eines Men­schen zum Vor­schein und der kri­ti­sche und gewis­sen­be­haf­te­te Blick geht im Eifer des Gefechts rasch ver­lo­ren. Auch wenn der Span­nungs­bo­gen an man­chen Stel­len noch etwas stei­ler hät­te sein kön­nen, ist die größ­te Stär­ke des Buches auf jeden Fall die Authen­ti­zi­tät, mit der die Geschich­te erzählt wird. Die Glaub­haf­tig­keit der Figu­ren und ihre Ent­schei­dun­gen (abge­se­hen von der des einen Poli­zis­ten;-)). Denn sie las­sen genü­gend Raum für den Leser, sich selbst zu fra­gen: was hät­test du getan, wenn du in der glei­chen Lage gewe­sen wärst? Wie weit wärst du gegan­gen? Das Ende passt und rückt alles wie­der zurecht.

Fazit: Ein ergrei­fen­des und rea­lis­tisch geschil­der­tes Buch.

Eine sehr gute Alter­na­ti­ve zu “Was wir nicht woll­ten” ist “Dreck­stück” von Clé­men­ti­ne Beau­vais. Hier ent­füh­ren ein paar Jugend­li­che ein jungLesealternativenes Mäd­chen zwar aus rei­ner Lan­ge­wei­le, aber die Situa­ti­on gerät auch ziem­lich außer Kon­trol­le und die Fra­ge der Schuld drängt sich in den Vor­der­grund. Eine eben­so grau­sa­me Tat bege­hen ein paar Teen­ager in “War­um wir Gün­ter umbrin­gen woll­ten” von Her­mann Schulz. Klas­se fand ich eben­so den ame­ri­ka­ni­schen Klas­si­ker “Das haben wir nicht gewollt” (fast ähn­li­cher Titel) von Paul Zin­del. Oder lies “Like me: Jeder Klick zählt” von Tho­mas Fei­bel, der Grenz­über­schrei­tung in einer Freund­schaft eben­so inten­siv beschreibt wie zum Bei­spiel das schon etwas älte­re “Got­cha!” von Shel­ley Hrd­litsch­ka. Eine beson­de­re Art einer Ent­füh­rung, die eska­liert, das fin­dest du zudem in “Die Kom­pli­zin” von Eireann Corri­gan (schon etwas älter) und in “Dop­pel­tot” von Gideon Sam­son (sehr gelun­gen!).

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Ueberreuter
ISBN: 978-3-7641-7086-8
Erscheinungsdatum: 13.Juli 2018
Einbandart: Hardcover
Preis: 16,95€ 
Seitenzahl: 256 
Übersetzer: -
Originaltitel: - 
Originalverlag: -
Originalcover: -

Kasimiras Bewertung:

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