Der deutsch-amerikanische Autor Dan Gemeinhart hat mit “Die wirkliche Wahrheit” einen Roman über einen krebskranken Jungen, einen letzten Wunsch, Freundschaft und den treusten Hund der Welt geschrieben. Ein Roadmovie. Eine Suche. Eine dramatische und zutiefst berührende Geschichte. Lesetipp! Für Jugendliche ab 12 Jahren und interessierte Erwachsene.
Wenatchee. Bundesstaat Washington. Der 12-jährige Mark ist von zu Hause abgehauen. “Der Berg rief nach mir. Ich musste einfach weglaufen. Ich konnte nicht anders.” (Zitat aus “Die wirkliche Wahrheit” S.9). Der Mount Rainier ist sein Ziel, 4392 Meter hoch. Auf ihn hinauf möchte er. Auch wenn dies beinahe unmöglich ist. Es sind 263 Meilen, die ihn von seinem Ziel trennen. Und eine Krankheit, die sich Krebs nennt. “Irgendwo da draußen in der Dunkelheit war Jessie, meine beste Freundin. Und meine Mutter und mein Vater. Ihre Gesichter tauchten verschwommen vor mir auf. Sie wussten nicht, dass ich fortging. Und sie wussten auch nicht, wo ich hinwollte. Sie würden mich nicht finden können. Sie würden mir nicht helfen können.” (Zitat S.13) Niemand kann Mark mehr helfen. Denn er wird sterben. Auf dem Weg zum Mount Rainier wird er mit einigen Problemen konfrontiert: Er muss die Polizei austricksen, die ihm
dicht auf den Fersen ist. Er wird überfallen und ausgeraubt. Und er stürzt in ein fließendes, eiskaltes Gewässer, in dem er beinahe ertrinkt. Und doch ist neben seinem Fotoapparat und seinem Notizbuch einer immer an seiner Seite: sein Hund Beau, der ihn zu beschützen versucht: “Beau schoss aus der Tasche hervor wie die glühende Gerechtigkeit. Wie sämtliche richtigen Arten von Wut. Wie alles, was die Welt je gebraucht hat. Schnell und laut schoss er in die Dunkelheit und das Blut dieser kalten Straßen hinaus, ein Bündel aus Zähnen, Gebell und Tapferkeit.” (Zitat S.55) Doch was wird am Ende sein? Am Ende seines Weges? Und wie wird sich seine beste Freundin Jessie entscheiden? Sie, die als Einzige ahnt, was Mark vorhat… Wird sie ihn aufhalten?
“Die wirkliche Wahrheit” fällt vor allem durch sein schlichtes, aber prägnantes und schön intensiv blaues Cover auf. Was ist die wirkliche Wahrheit? Gibt es noch ein Wirklicher als wahr? Gegen Ende des Romans kann der Leser auch diese Frage beantworten. Die Geschichte wird in der Ich-Perspektive und aus Marks Sicht erzählt. Mark, der geprägt ist von Selbsthass, Verzweiflung und Lebensüberdruss. “Ich weinte nicht. Aber ich hätte es ebenso gut tun können. Ich starrte mich im Spiegel an, wie ich da stand und nicht weinte, meine Mütze auf dem Boden. Ich sah klein aus. Und schwach. Und einsam. Ich hasste mich selbst.” (Zitat S.71) Es ist nicht nur die Krankheit, die allmählich ihren Tribut fordert, es ist vor allem die Hoffnungslosigkeit,
die Mark einholt. Die Aussichtslosigkeit. Nach Jahren der Krankheit, des Kämpfens und Gewinnens, des Gesundseins und des erneut Krankwerdens. Der Krebs ist schon in der Kindheit bei ihm ausgebrochen. “Das Leben ist echt scheiße. Wirklich wahr. Und das ist auch so was, das ich nicht verstehe: warum alle immer so tun als wär das nicht so.” (Zitat S.36) Dieses “Wirklich wahr”, diese trockene Formulierung durchzieht den Roman wie ein roter Faden. Ich habe mal mitgezählt: es sind 21 Mal.
Die Kapitelüberschriften werden von der Meilenzahl bis zum Mount Rainier begleitet und regelmäßig durch “halbe” Kapitel unterbrochen (Kapitel 1½, Kapitel 2½, Kapitel 3½), in denen Marks beste Freundin Jessie ihr Erleben und die Verzweiflung seiner Eltern schildert. Schön sind auch die schwarzen Striche auf den Buchseiten, die neben der Erhebung des Berges den langsamen Aufstieg dieses andeuten. Insgesamt muss ich sagen, dass es zwar zuweilen ernüchternd und traurig, aber zugleich auch wahnsinnig ergreifend und emotional ist Marks Geschichte zu verfolgen. Vor allem seine Freundschaft zu Beau, der alles für ihn tun würde, bewegt. Die Dramatik in den Bergen am Ende des Buches hat mich echt umgehauen! Zudem hält das Ende eine schöne Botschaft für seine Leser bereit: ««««««ACHTUNG SPOILER:»»»»»» “Ich hatte geglaubt, ich könnte es allein schaffen. Aber das konnte ich nicht. […] Ich dachte an meine Krankheit, meine Wut, meine Angst. An all das, was nur Dunkelheit war, und Sturm. Ich hatte mich darin verirrt. Aber es gibt immer auch ein Ende des Sturms. Und Menschen, die einen durch jeden Sturm begleiten.” (Zitat S.237/238) ««««««ENDE SPOILER»»»»»»
Außerdem ruft Dan Gemeinhart seine Leser dazu auf sich mit einem besonderen Thema auseinanderzusetzen: dem Recht nach Selbstbestimmung. “Bitte”, sagte ich. “Ich hatte nie eine Wahl. Mein ganzes Leben hatte ich nie eine Wahl. Lassen Sie mich wenigstens das hier selbst entscheiden. Nur diese eine Sache, bevor mir wieder jede Wahl genommen wird.” “Du könntest doch mit einem Führer raufgehen, Junge, oder mit mir zusammen, oder…” “Nein. Ich will das schaffen. Und ich will das alleine schaffen. Wenigstens dieses eine Mal.” (Zitat S.183) Wie weit darf man gehen? Darf man seinen Tod selbst bestimmen? Und was, wenn man genau weiß, dass jemand durch seine eigene Entscheidung sterben könnte, darf man ihn dann gehen lassen?
Ein besonders schönes Zitat in diesem rundherum gelungenen Buch möchte ich am Ende noch nennen, es ist auch im Einband auf der Innenseite eingedruckt: “Ja”, antwortete meine Mutter schließlich. “Hunde müssen auch sterben. Aber vorher leben sie. Und zwar genau bis zu dem Moment, wo sie dann sterben. Sie leben ein schönes, tapferes Leben. Sie beschützen ihre Familien. Sie lieben uns. Sie sorgen dafür, dass unser Leben ein bisschen heller und fröhlicher wird. Und sie haben keine Angst vor dem Morgen. Damit vergeuden sie nicht ihre Zeit. Sie ihn dir an, mein Schatz. […] Er hat keine Angst. […] Er macht sich keine Sorgen. Er lebt sein Leben, wie es gerade kommt. Und ist einfach nur froh, hier bei dir zu sein.” (Zitat S.114)
Es lohnt sich übrigens die Homepage von Dan Gemeinhart zu besuchen. Hier kann man sich unter anderem fünf kurze Videos zu den tatsächlich existierenden Handlungsorten ansehen, die der Autor (auf Englisch) kommentiert. Sehr interessant! Das Originalcover ist zudem auch sehr gelungen (siehe unten).
Sehr gute Alternativen zu “Die wirkliche Wahrheit” sind natürlich “Das Schicksal ist ein mieser Verräter” von John Green und “Bevor ich sterbe” von Jenny Downham, was das Thema Tod und Krebs betrifft. Sehr gut kann ich mir auch “Wie man unsterblich wird” von Sally Nicholls vorstellen, in dem die Hauptfigur ebenfalls männlich und krebskrank ist. Wenn dir die Verbindung mit dem Hund gut gefallen hat, wären ebenso “Ein Hund fürs Leben” von L.S. Matthews (ebenfalls Thema Krankheit) und “Hundewinter” von K.A. Nuzum (Nominierung zum Deutschen Jugendliteraturpreis 2011) etwas für dich. Schön und zugleich traurig ist “Mein Hund Marley und ich” von John Grogan, das vor allem die intensive Verbindung zwischen Mensch und Hund schildert. Eine besondere Freundschaft zu einem Hund (und zwei Pferden) beschreibt “Winterpferde” von Philip Kerr, das ich sehr empfehlen kann.
Bibliografische Angaben:Verlag: Königskinder ISBN: 978-3-551-56015-5 Erscheinungsdatum: 2.Oktober 2015 Einbandart: Hardcover Preis: 16,99€ Seitenzahl: 256 Übersetzer: Annette von der Weppen Originaltitel: "The honest truth" Originalverlag: Scholastic Press Amerikanisches Originalcover:
Amerikanischer Trailer 1 (der ruhigere Trailer):
Amerikanischer Trailer 2 (der dramatischere Trailer):
Deutsche Hörprobe:
Kasimiras Bewertung:
(5 von 5 möglichen Punkten)
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Verlag: Königskinder
ISBN: 978-3-551-56015-5
Erscheinungsdatum: 2.Oktober 2015
Einbandart: Hardcover
Preis: 16,99€
Seitenzahl: 256
Übersetzer: Annette von der Weppen
Originaltitel: "The honest truth"
Originalverlag: Scholastic Press
Amerikanisches Originalcover:
Amerikanischer Trailer 1 (der ruhigere Trailer):